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Was ist (seelische) Gesundheit ?

Was ist das eigentlich: Gesundheit? Mit Krankheit beschäftigt sich ein ganzer Industriezweig, aber die Frage der Gesunderhaltung wird von ihm nur selten gestellt. Das kann man dem Medizinbetrieb kaum zum Vorwurf machen. Wer krank ist, möchte geheilt und nicht mit philosophischen Überlegungen über das Wesen von Gesundheit hingehalten werden. Es bietet sich daher an, über Gesundheit nachzudenken, wenn man gesund ist. Dazu fehlt aber den meisten von uns die Übung. Wir sind durchaus gewohnt, über den "Sinn von Krankheit" nachzudenken - die Sinnfrage kommt einem vornehmlich dann in den Sinn, wenn es einem schlecht geht. Über Sinn und Wesen von Gesundheit wird schon wesentlich weniger nachgedacht. Warum eigentlich sollten wir gesund bleiben und alt werden? Was macht Gesundheit aus und wie erhalten wir sie uns?

Antonovskys "Salutogenese"

Die an Krankheiten orientierte, pathogenetische Medizin bietet für eine Antwort wenig; sie versucht zu erklären, warum Menschen krank werden. Dazu wurden eine ganze Reihe von Ursachen ermittelt: die genetische Disposition, Krankheitserreger wie Bakterien, Viren und Pilze, ungesunde Lebensweise wie Rauchen, Alkohol und Bewegungsmangel, schliesslich berufliche Belastungen durch Chemikalien in hohen Konzentrationen. Der amerikanisch-israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky drehte die medizinische Grundfrage nach der Entstehung von Krankheit herum und fragt: Unter welchen Bedingungen bleiben Menschen gesund? Antonovsky kommt unter anderem von der Stressforschung her. Bekanntlich wird Stress von Individuum zu Individuum unterschiedlich verarbeitet, was darauf hindeutet, dass gegen Stress Widerstandsressourcen mobilisiert werden können. Es gibt ein Potential, das die Chance erhöht, gesund zu bleiben. Seine "Salutogenese" ("Gesundheitsentstehung") sucht nach Bedingungen der Gesundheitserhaltung. Er glaubte in den 60er und 70er Jahren, damit eine ganz neue Sichtweise in die Medizin eingeführt zu haben - einen Paradigmenwechsel von der Krankheits- zur Gesundheitsbetrachtung.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definierte in ihrem Gründungsjahr 1948 Gesundheit folgendermassen: "Gesundheit ist ein Zustand des völligen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen." Die Menschheit selbst in den reichen Staaten scheint davon noch weit entfernt; vielleicht ist das Ziel auch zu utopisch. Antonovskys Salutogenese versteht im Gegensatz dazu Gesundheit als lebenslangen Prozess der Auseinandersetzung zwischen salutogenen und pathogenen Kräften. Selbst bei Anwesenheit von Krankheit haben viele Menschen Handlungsspielräume, um sich mit ihnen und ihren Folgen erfolgreich zu arrangieren. Antonovsky und Mitarbeiter wurden im Zuge von soziologischen Untersuchungen auf die Bedeutung eine sozial stabilen und emotional befriedigenden Umfeldes aufmerksam. Die Unterstützung und Begleitung durch andere ist genauso wichtig wie die eigene Kraft, wie körperlichen Beschwerden fertig zu werden. Ohne ein hilfreiches Milieu ist auch eine kräftige Natur nur bedingt in der Lage, Gesundheit aufrecht zu erhalten.

Antonovsky und Mitarbeiter versuchten anhand von Befragungen das Gemeinsame von psychisch Gesunden zu ermitteln und formulierten schliesslich die These vom "Kohärenzgefühl". Kohärenz bedeutet wörtlich "Zusammenhang"; psychologisch meint der Begriff die Vereinigung von Einzelempfindungen zu einer Gesamtgestalt. Das Kohärenzgefühl wurde definiert als "eine allgemeine Einstellung, die das Ausmass eines umfassenden, dauerhaften, zugleich aber dynamischen Vertrauens beschreibt, dass die innere und äussere Umwelt vorhersagbar und überschaubar ist und dass sich die Dinge so gut entwickeln werden, wie vernünftigerweise erwartet werden kann." (Antonovsky 1987, zit. in Schüffel, 326) Das Kohärenzgefühl wurde Antonovskys Antwort auf die Frage nach der Gesundheitsentstehung und -erhaltung.

Das Gefühl oder das Empfinden von Kohärenz bezeichnet eine Grundeinstellung von Optimismus gegenüber unvorhergesehenen und belastenden Ereignissen, eine Zuversicht darin, dass es Möglichkeiten der Bewältigung gibt. Es beinhaltet die optimistische Erwartung, dass Entwicklungen geordnet, überschaubar, vorhersagbar und verstehbar sind, zweitens das Vertrauen, aus eigener Kraft oder mit fremder Unterstützung künftige Lebensaufgaben meistern zu können, drittens die individuelle Überzeugung, dass künftige Ereignisse sinnvolle Aufgaben sind, die einem gestellt werden und für die es sich lohnt, sich tatkräftig und emotional zu engagieren, und viertens eine hohe Anpassungsfähigkeit an eine Welt, die reich an unausweichlichen Stressoren ist. Menschen mit einem starken Kohärenzempfinden wählen geeignete Strategien aus, um bestimmte Stressoren zu bewältigen. Aufgaben empfinden sie eher als stimulierend denn als überfordernd.

Dem Glauben an die Sinnhaftigkeit der Welt misst Antonovsky den grössten Einfluss für die Gesunderhaltung zu. Eine alles einordnende, gefühlstabilisierende Weltanschauung habe mehr Gewicht als die eher kognitiven Fähigkeiten, Ereignisse zu überschauen, einzuordnen und zu bewältigen. Er lässt bewusst offen, ob mit Sinnhaftigkeit ein religiöser Glaube, eine Gruppenzugehörigkeit oder eine andere, private Sinnorientierung gemeint ist. Ein hohes Kohärenzgefühl hängt mit einem (subjektiv empfundenen) guten körperlichen und seelischen Gesundheitszustand, relativ hoher Lebensqualität und Lebenszufriedenheit, verhältnismässig guter sozialer Unterstützung und einem eher vorsichtigen, risikomeidenden Verhalten zusammen. Umgekehrt ist ein niedriger Kohärenzwert ein Alarmzeichen für Suizidalität.

Antonovskys Konzept der Salutogenese suggeriert, Krankheit und Gesundheit seien komplementär, d.h. sich gegenseitig ergänzend. Aber sind sie tatsächlich zwei Seiten der selben Medaille, die das jeweils gleiche Gewicht auf eine Waage bringen? Das scheint eine trügerische Vorstellung zu sein und mit dazu beigetragen haben, dass sich die Salutogenese im Medizinbetrieb nicht durchsetzen konnte, während hingegen in der Psychotherapie die "Ressourcenmobilisierung" beim Patienten zu einem wichtigen Bestandteil der Behandlung wurde. Körper- und Psychotherapie müssen einander ergänzen, das eine kann nicht das andere vollständig ersetzen. Genauso kann die Salutogenese nicht an die Stelle der Pathogenese treten, sondern fügt unseren Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit einen weiteren wichtigen Baustein hinzu. Krankheit ist eben nicht einfach das Gegenteil von Gesundheit. Und zwar aus verschiedenen Gründen.

Gadamers "Verborgenheit der Gesundheit"

Gesundheit und Krankheit können schon deswegen nicht gleichwertig sein, weil es gilt, Gesundheit anzustreben und Krankheit zu vermeiden. Es besteht eine natürliche Gegnerschaft zwischen beiden. Auch kann man nicht einfach einen "Auslöser" von Gesundheit angeben, so wie Bakterien eine Lungentuberkulose in Gang setzen. Auch sind Krankheitssymptome viel charakteristischer zu beschreiben denn Zeichen von Gesundheit. Der Philosoph Hans-Georg Gadamer spricht mit gutem Recht von einer "Verborgenheit der Gesundheit" (1993). Wenn sich Krankheit und Gesundheit wie auf einer Waage tarieren, müssten wir gleichzeitig halb gesund und halb krank sein, das bedeutet, halb leistungsfähig, halb zurückgezogen. Wer will das schon? Wenn unbedingt das Bild von der Waage benutzt werden muss, dann doch nur für die Gesundheit. Gesundheit ist ein balancierter Zustand, eine Homöostase, die stets gefährdet ist und die aus einem natürlichen Antrieb heraus immer wieder angestrebt wird. Doch wo keine Krankheit, dort auch keine Sorge um Gesundheit (es sei denn, man ist hypochondrisch).

Gesundheit scheint eine Abwesenheit, ein Nichtvorhandensein zu sein, etwas, was erst in Erscheinung und ins Bewusstsein tritt, wenn es fehlt. Gesundheit wird gewöhnlich nicht als besonderer Zustand empfunden und geht, wie Gadamer feststellt, mit einer besonderen Art von Selbstvergessenheit einher. Der Gleichgewichtszustand der Gesundheit ist wie Gewichtslosigkeit, man spürt sie nicht. Gesundheit ist gewichtslos (sieht man vom Gewicht des Körpers ab), schwer definierbar und damit im Grunde nicht messbar, "weil sie ein Zustand der inneren Angemessenheit und der Übereinstimmung mit sich selbst ist, die man nicht durch eine andere Kontrolle überbieten kann", wie Gadamer betont. Das ist ein wichtiger Gedanke - Gesundheit kann nicht durch eine höhere Instanz "kontrolliert" werden, ebensowenig wie Glück. Krankheit immerhin kann meist durch Medizin kontrolliert und an einem Gesundheitsideal gemessen werden. Gesundheit bzw. ihre Abwesenheit ist die übergeordnete Norm für die Definition von Krankheit, aber es gibt keine Norm, die oberhalb von Gesundheit thront und ihrerseits Gesundheit konstruiert. Auch ist Gesundheit quasi ungegenständlich, schreibt Gadamer, während sich Krankheit als gegenständlich aufdrängt. Ein Gegenstand stört und leistet Widerstand. Gerade deshalb lässt sich Krankheit umschreiben und objektivieren. Krankheit ist viel leichter dingfest zu machen als Gesundheit.

Die Selbstvergessenheit des Gesunden geht unter dem Einfluss krankmachender Faktoren - dazu gehört auch das schiere Altern - langsam oder plötzlich in das bewusste Gefühl von Kranksein über, wobei selbst Schwerkranke noch gesunde Züge aufweisen, die es zu stärken gilt, damit sie ihre Beschwerden einigermassen bewältigen. Man sollte sich auch darauf besinnen, dass Gesundheit kein beliebig produzierbarer Artikel ist, wo hingegen viele Krankheiten oft durch nur ein einziges Medikament zum Verschwinden gebracht werden können. Anhaltende Gesundheit jedoch entzieht sich dem direkten Zugriff und kann allenfalls durch einfühlsame und gesprächsbereite Psychologen und Ärzte gefördert werden. Wer gesund lebte, kann trotzdem krank werden. Wer krank wird, kann heutzutage zumindest von den leichteren Krankheiten rasch geheilt werden. Viele Krankheiten kommen plötzlich (sieht man von den chronischen Gebrechen ab), während Wohlbefinden fortwährend und aktiv erworben werden muss.

Körperliche Gesundheit ist ein schwereloser Zustand, einer, der einem in den Grenzen der Körperlichkeit und der Physik weitgehende Freiheit der Bewegung, Handlung und Denkens garantiert. Gesundheit bietet Freiheit, die einem die Krankheit in mehr oder minder grossem Umfange nimmt. Wenn Gesundheit auch die höhere, nicht zu überbietende Instanz ist, ist sie doch in ihrer Definition immer auf Krankheit bezogen.

Die Frage ist, ob diese Denkweise vom Organischen auf das Psychische übertragen werden kann: Was ist psychische Gesundheit? Es soll im folgenden untersucht werden, was die Pioniere der Tiefenpsychologie dazu sagten, denn sie haben sich tiefgründig mit dem Seelischen befasst und uns wertvolle Einsichten beschert.

Das Konzept der Psychoanalyse

Freud pflegte die Frage nach der Norm seelischer Gesundheit eines Menschen mit dem Hinweis zu beantworten: "Er soll arbeiten und lieben können." Der gesunde Mensch ist der, dessen Ich "seine volle Organisation und Leistungsfähigkeit besitzt, zu allen Teilen des Es Zugang hat und seinen Einfluss auf sie üben kann. Es besteht ja keine natürliche Gegnerschaft zwischen Ich und Es, sie gehören zusammen und sind im Falle der Gesundheit praktisch nicht voneinander zu scheiden." (1926e, 228) Das Ich sind in dieser Terminologie die mehr oder mindern bewussten und rationalen Anteile der Person, während im Es die unbewussten Motive und Triebe versammelt sind, die in der Neurose abgespalten, in der seelischen Gesundheit hingegen wohlwollend integriert sind. Das Freudsche Instanzenmodell umfasst noch das "Überich", das im Wesentlichen mit Gewissen gleichzusetzen ist. Hier forderte Freud, dass die moralischen Maximen des Individuums human und leibfreundlich sein sollten, während die Neurose oft durch rigide und überfordernde Moralvorstellungen angestachelt wird.

Es zeigt sich, dass die Psychoanalyse nicht wertneutral ist; sie fasst bestimmte Werte ins Auge, die ihres Erachtens zur psychischen Vollwertigkeit gehören und angestrebt werden sollten. Bekannt ist, dass Freud (wie Alfred Adler) an den nervös Gestörten mangelnde Leistungsfähigkeit beobachtete; sie sind so sehr mit Verdrängungen, Projektionen und Vorurteilen beschäftigt, dass für ein produktives Leben kaum noch Raum bleibt. Neurose in diesem Sinne ist ein Mittelding zwischen Normalität und Krankheit, eine partielle Einschränkung einzelner Lebensvollzüge, die nicht sein müsste. Ein neurotischer Lebensstil ist nicht wirklich pathologisch, aber in seiner Verzerrung bzw. quantitativen Verstärkung eines seiner Teile auch nicht das, was als gesund angesehen werden kann.

Über das ausgedehnte Studium der Neurose erhoffte sich die Psychoanalyse Aufschluss über "Normalität", aber tatsächlich blieb sie weitgehend der Pathologie verhaftet. Über die Ausgestaltung von Arbeit und Liebe schwieg sich Freud aus. Mit dem seelisch normalen oder gesunden Menschen befasste er sich, der ansonsten ein enormes Werk hinterliess, nicht eigens. Es gibt aber Hinweise. Was die Sexualität angeht, so ging es Freud darum, sie ohne Scham- und Schuldgefühle geniessen zu können. Freud hätte die Sozialisation eines Kindes dann als gelungen angesehen, wenn es leistungsfähig im bürgerlichen Sinne ist, Sexualität geniessen kann und die Prinzipien der Vernunft, der Wissenschaft und des Religionsskeptizismus internalisiert hat. Die berühmte Formel "Wo Es war, soll Ich werden" (1933a, 86) weist in diese Richtung. Der Kulturmensch müsse sich seiner aggressiven und sexuellen Triebe deutlich bewusst werden, damit diese ihren trieb- oder zwanghaften Charakter verlieren. Das Ausmass der psychischen Gesundheit ist nicht durch die Abwesenheit von Konflikten gegeben, weshalb es nichts nützt, Kinder antiautoritär gewähren zu lassen in der Hoffnung auf eine neurosefreie Entwicklung. Vielmehr zeigt sich Gesundheit an der individuellen Potenz zur Lösung und Bewältigung von Konflikten, ganz im Sinne von Antonovsky. Das Ziel der Entwicklung ist in psychoanalytischer Diktion das Dominieren der genitalen Strebungen, nicht das Verdrängen der prägenitalen Triebe (das sind sexuelle, aggressive und todessüchtige Instinkte). Freud drückte dies auch mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit aus, das "Realitätsprinzip" anzuerkennen. Unter Realität verstand er offenbar auch die "Realität der Triebe".

Freuds Vorstellung von Realität bleibt weitgehend unbestimmt, doch lässt sich mit einiger Sicherheit behaupten, dass die Überwindung des Kinderglaubens an einen personifizierten und gütigen Gott unbedingt zu einer Anerkennung der Realität gehört. Der religiöser Glaube sei Bestandteil einer Phase kindlicher Unvernunft. Religion lehrt den Menschen, an eine Illusion zu glauben, und hemmt damit das kritische Denken überhaupt. Wer seinem Geist einmal die Schwachheit einer Illusion erlaubt hat, wird vor weiteren nicht gefeit sein. Erwachsen werden hiesse demnach auch, sich rational und vernünftig den Schicksalsnotwendigkeiten zu stellen, das Unabänderliche mit Ergebenheit zu tragen und das Veränderbare mit Hilfe der Wissenschaft zu verbessern. Der reife Mensch konzentriert seine Erwartungen und Hoffnungen nicht auf ein Jenseits, sondern widmet sich dem irdischen Leben, um es für alle erträglicher zu machen. (vgl. Kolbe 1986)

Betrachten wir die Psychoanalyse nicht als Weltanschauung, sondern als Therapie, so lässt sich ihr Ziel folgendermassen bestimmen: Sexualtriebe sollen aufgeschoben und ihre (angeblich) begrenzte Menge auf kulturell wertvolle Ziele gelenkt werden; der Destruktionstrieb sollte zumindest nicht am Menschen ausgetobt werden. Es gehört zur seelischen Gesundheit, ausreichend zur Sublimierung, Sozialisierung und Anerkennung der inneren und äusseren Realität fähig zu sein. Das umfasst soziale Einordnung, Triebkontrolle und -veredelung, kulturelle Beitragsleistung und Anerkennung der Gesetze der Aussenwelt. Im Status der "Genitalität" treffen diese Eigenschaften zusammen. Der "genitale Charakter" geht über das Arbeiten- und Liebenkönnen hinaus und schliesst ein die Bewältigung des Ödipuskomplexes, das ist die gelungene Lösung von den Eltern, Bindungsfähigkeit an einen gegengeschlechtlichen Partner und das Primat von Logos und Eros. Ein Mensch ist dann über die prägenitalen Charakterorientierungen hinaus gekommen, wenn er das Niveau des Kulturmenschen und Weltbürgers annähernd erreicht hat.

Die neuere Psychoanalyse hat die Therapieziele stark über das hinaus ausgeweitet, was Freud noch im Auge hatte. So hat jüngst Mertens (1991, Bd.1) einen langen Katalog aufgestellt, der sämtliche Verhaltens-, Denk- und Gefühlsweisen, wie man sie landläufig einem gesunden Menschen für angemessen hält, als Therapieziel ins Auge fasst. Das beinhaltet Wiedergewinnung eines Urvertrauens, realitätsgerechte Abkopplungen, Überwindung von Irrationalitäten, Abbau von destruktiven Elementen, befriedigender Sexualität, Stärkung der Selbstverantwortung und des Selbstwertgefühls, Klärung der Beziehung zu den Eltern, verbesserte Beziehungen zu den Mitmenschen, Förderung von Empathie, Akzeptierung unvermeidlicher Realität, Abbau von Grössenwahn, Triebkontrolle, Erlebnisfülle, Gefühlserweiterung, flexiblere Abwehrmechanismen, soziokulturelle Adaptation, selbstanalytischen Fähigkeiten etc. (ebd., 131-136). Diese und viele andere Tugenden stellen einen Querschnitt durch die Sittenkataloge der bürgerlichen Ethik dar.

Das Konzept der Individualpsychologie

Deutlich anders als für die orthodoxe Psychoanalyse stellt sich die Frage der psychischen Gesundheit für die Lehre Alfred Adlers. Adler fasste Neurose als "falsche Lebensform" und "soziale Abwegigkeit" auf. Dieses Argument hat nach Pongratz den Vorteil, dass der Neurotiker sich nicht hinter einer Krankheit verschanzen könne, ausgehend von der Beobachtung, dass der Satz "Ich bin krank" bei den Mitmenschen auf weitgehendes Verständnis stösst (Pongratz in Brunner et al. 1985, 314). Ausgehend von der Feststellung, dass die Mitmenschlichkeit die nicht aufhebbare Grundstruktur des menschlichen Wesens ist, wurde für die Individualpsychologie der Begriff des "Gemeinschaftsgefühls" zur Norm, zum Unterscheidungskriterium von Neurose und Normalität beziehungsweise Gesundheit (Adler 1974a, 19).

Gesund ist demzufolge ein Verhalten, das der Gesellschaft über kurz oder lang zugute kommt (Adler 1978b, 56). Die Handlungen des Individuums betrachtete und mass Adler im Lichte der fernen Zukunft einer zukünftigen idealen Menschengemeinschaft (Brunner et al. 1985, 102). Doch wenn sich der Mensch schon jetzt seinen Mitmenschen auf gleichberechtigter und kooperativer Basis zuwendet, kann er nach Ansicht der Individualpsychologie als so gut wie geheilt betrachtet werden (Antoch 1981, 187).

Die drei Lebensbereiche, in denen sich der Bürger zuförderst zu bewähren habe und in denen sich der Grad seiner seelischen Gesundheit ausdrückt, sind Liebe/Partnerschaft, Arbeit/Beruf und Gemeinschaft/Freundschaft. In den beiden ersten Bereichen scheint die Forderung Freuds auf, der gesunde Mensch solle arbeiten und lieben können; die Leistungsfähigkeit spielt wie schon erwähnt in beiden Schulen eine Rolle (Adler 1972a, 50). Der dritte Bereich erinnert an das Postulat, der Mensch möge in erster Linie Mitmensch sein. In den Antworten auf die drei genannten Bereiche konkretisiert sich das Gemeinschaftsgefühl.

Die Realisierung der drei Lebensaufgaben umfasst mehr als das berufliche Geldverdienen, das Heiraten und die Mitgliedschaft in einem Verein. Nach Adler ist der Mensch nur dann gesund, wenn sein Streben im Einklang mit dem Wohlergehen der Gesamtheit steht und er sich ethisch auf eine humanisiertere Welt ausrichtet. Für die Erziehung formulierte Adler ein Ziel, das auch für die individualpsychologische Therapie gilt: "Wir wollen gleichberechtigte, unabhängige und verantwortungsbewusste Mitarbeiter an der Kultur." (Adler 1979b, 128) Darin liegt ein Bekenntnis zur gegenseitigen Hilfe, Solidarität, Gleichberechtigung, Liebe, Gerechtigkeit, Verlässlichkeit, Treue, Offenheit, Wahrheitsliebe, Selbständigkeit und allen übrigen Werten, auf denen ein humanes Bürgertum und ein liberaler Sozialismus beruhen (Adler z.B. in 1966d, 41). Psychotherapie, wie Adler sie verstand, ist damit angewandte Ethik, die jedoch in der Therapie nicht direkt angesprochen wird, sondern sich eher über ihre Verkörperung in der Person des Therapeuten vermittelt.

Eine Ausarbeitung des Bildes vom gesunden Menschen hat Adler (wie Freud) nie vorgenommen. Seine Bücher kreisen fast ausnahmslos um "den Neurotiker" in seinen vielfältigen Spielarten - und so gut wie jeder scheint Neurotiker zu sein, gemessen an dem hohen Adlerschen Ideal. Die Ausrichtung auf das Gemeinschaftsgefühl als Lackmustest für Neurose kommt dem Leser manchmal etwas vereinheitlichend und undifferenziert vor. Die Möglichkeit des Zielkonflikts zwischen ethisch hochstehenden Endzwecken hatte Adler nie ins Kalkül gezogen. Folglich gab er auch keine Hinweise, wie in moralischen oder gesellschaftlichen Konflikten zu verfahren sei. Mit der Betonung dessen, was psychologisch falsch gemacht werden kann, hat Adler aber indirekt ein ganzes Bündel an Faktoren seelischer Gesundheit benannt, die von der Zugewandheit bis zum Optimismus und Humor reichen. Er sprach von der Einheit der Person und meinte die gesamte Persönlichkeit, deren Teile ohne Ausnahme zu entwickeln und zu verbessern seien.

Zur Veranschaulichung lässt sich auf die Unterscheidung zwischen "kleinem" und "grossem Gemeinschaftsgefühl" verweisen. Gemeinschaftsgefühl im Kleinen ist es, sich mit seinen Eltern auszusöhnen, den Partner anzunehmen und zu bestätigen, mit den Arbeitskollegen gut zurechtzukommen und Freundschaften pflegen zu können. Das grosse Gemeinschaftsgefühl ist, sich in die grösseren kulturellen und historischen Zusammenhänge einzuordnen, sich für die Entwicklung der Gesellschaft mitverantwortlich fühlen, sich von der Kulturentwicklung der vergangenen Jahrtausende zumindest in groben Zügen Rechenschaft abzulegen und auf dieser wissenden und verstehenden Basis an einer humanen Zukunft mitzubauen. Eine Persönlichkeit ist um so grösser, je mehr Vergangenheit sie assimilieren und je mehr Zukunft sie planen kann. So heisst vielleicht der reinste und umfassendste Begriff von Gemeinschaftsgefühl, die Zukunft einer Menschheit zu wollen, wo kein Mensch den anderen unterdrückt, misshandelt und ausbeutet. Gemeinschaftsgefühl ist eine solidarische Gesinnung und eine freiheitliche Weltanschauung.

Ausdifferenzierung der Person und Gemeinschaftshandeln stehen in der individualpsychologischen Anschauung nicht im Gegensatz. Selbstverwirklichung, Weiterbildung, beruflicher Aufstieg und die Ausweitung persönlicher Freiheitsspielräume nehmen bei Adler und seinen Mitstreitern den gleichen prominenten Rang ein wie Solidarität, Hilfsbereitschaft und Gemeinwohlorientierung; die Personwerdung verbindet sich mit dem sozialen Engagement für andere. Ohne Ich kein Wir. Im konkreten Leben allerdings werden Spannungen zwischen Individuum und Gemeinschaft nie zu vermeiden seien. Adler thematisierte diese Möglichkeit nicht; man gewinnt den Eindruck, dass für ihn die nicht weiter hinterfragten Belange der Gemeinschaft letztlich Vorrang haben vor denen des Individuums, wobei zugleich die ideale Gemeinschaft im undeutlichen Nebel einer glücklichen Zukunft angesiedelt wird. Auch hatte Adler keinen Begriff von Gesellschaft. Das Politische mit seinen aggressiven Machtkämpfen, in denen auch ein utilitaristisches Individuum irgendwie seinen Weg finden und sich entscheiden muss, blendete er aus.

Wenn heute von solidarischem Individualismus die Rede ist, dann kommen wir nicht umhin, die vielfältigen, widerspruchsvollen weltweiten wirtschaftlichen und kulturellen Abhängigkeiten mit zu denken, in die der Mensch eingespannt ist. Die Individualpsychologie strebt an, den Mut und das Vertrauen des Einzelnen zu stärken, in dieser Unübersichtlichkeit zu bestehen. Die Sorge für andere setzt die Bejahung des eigenen Lebens voraus. Das Ringen um das eigene Leben kann egoistisch sein, muss aber nicht. Werte wie die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens, universelle Menschenrechte, die Schonung der Natur und die Sorge für lebende und künftige Generationen enthalten eine Ethik auch individueller Verantwortung.

Das Konzept der Daseinsanalyse

Freud schätzte sich schon glücklich, wenn der Analysand tüchtig arbeiten lernte und zu einem freien Vollzug der Sexualität befähigt wurde. Adler erweiterte die Vorstellung von Gesundheit um die soziale Ausrichtung auf eine kulturell höhere Gemeinschaft. Die an Martin Heidegger geschulte Daseinsanalyse nun definierte Gesundheit als die Eroberung sämtlicher leiblicher, psychischer und geistiger Potenzen. Analog der psychoanalytischen Aufgabe, Verdrängtes bewusst zu machen und abgespaltene Teile des Ich zu integrieren, will die Daseinsanalyse den Klienten für die noch nicht entwickelten Teile der Person interessieren. Psychotherapie im daseinsanalytischen Kontext will die Motive für eine starre und eingegrenzte Selbst- und Weltsicht zum Schmelzen bringen.

Im Gegensatz zu Psychoanalyse und Individualpsychologie geht die Daseinsanalyse vom gesunden Menschen aus und bezeichnet Krankheit als "defiziente Form der Gesundheit". Sie vermeidet es mehr als die beiden anderen Schulen, von den Neurosen und Defekten des Menschen zu sprechen und betont, dass selbst in der Neurose noch ein gradueller Freiheitsspielraum zu erkennen ist, den es zu erweitern gilt. Sexuelle Perversion beispielsweise ist für Medard Boss, den wichtigsten Vertreter der psychologischen Daseinsanalyse, ein verkrüppelter, kaum noch sichtbarer Wunsch nach Liebe und Nähe. Der Patient fühlt sich wahrscheinlich in der Tat besser verstanden, führt man ihn auf der Basis der Reste gesunder psychischer Anteile zur Selbst- und Weltbejahung, statt in seinem Innern nach perversen Trieben, nicht zu korrigierenden Traumata oder Minderwertigkeitskomplexen zu fahnden. Die Daseinsanalyse nimmt wie die Individualpsychologie und stärker als die Psychoanalyse das konkrete Dasein des Analysanden in den Blick. Die Strukturelemente der Gesundheit wurden allerdings weder von Heidegger, der nie daran dachte, der Psychologie nützlich zu sein, noch von der Daseinsanalyse ausgeführt, abgesehen von den knappen Hinweisen zu den acht "tragenden Wesenszügen des Menschseins" (Boss 1975, 237ff), die im folgenden vorgestellt werden sollen.

a) Zunächst einmal hat der Mensch als einziges Lebewesen eine Vorstellung von seiner Anwesenheit im Raum. Ein "aufgeräumter Mensch" hat ein freies, heiteres, offenes Gemüt. Das Helle und Heitere drückt Boss auch mit dem Begriff des "Lichtens" aus, wie eine Lichtung im Walde, die Raum für Helligkeit bereitstellt (die Daseinsanalytiker lieben solche Sprachspiele). Der Mensch "ek-sistiert" im Wortsinne, er ist immer schon draussen in der Welt, die als Einheit gedacht wird. Das Insein (in der Welt) ist Mitsein mit den anderen. Die Weites des Raums wandelt sich oftmals von Tag zu Tag und scheint abhängig von Ausmass des Mutes. Der gesunde Mensch schwimmt in seinem Raum "wie der Fisch im Wasser" und ist bereit, sich neue und weitere Räume zu erobern.

b) Analog zum Raum lebt jeder in der Zeit. Der gesunde Mensch erstreckt sich in alle Zeitdimensionen gleichzeitig. Das konkrete Leben drückt sich vorzugsweise in der Gegenwart aus, nicht in träumerischer Vergangenheit oder aufgeschobener Zukunft. Die Vergangenheit ist dem gesunden Menschen aber lieb und teuer als Erinnerung und als Erfahrung. Für Heidegger ist die Zukunft die dominante Zeitdimension. Vom Ende her bestimmt sich das Leben der Menschen; alle gegenwärtige Tätigkeit geschieht im Lichte der Vergangenheit auf eine imaginierte Zukunft hin. Die Zukunft ist der Gestaltungsraum, dessen Grösse mit der erreichten Grossherzigkeit und dem errungenen Grossmut wächst. Das vor uns Liegende ist der Zeitabschnitt, der uns Entwicklung, Verbesserung, Metamorphose und Glück verheisst.

c) Leiblich-Sein ist mehr als Körperhaftigkeit, es gibt faktisch keine einzige Erscheinung des menschlichen Existierens, die unleiblich wäre, in welcher der Leib nicht auch eine Rolle spielen würde. In Wörtern wie Ruhe, Gelassenheit, Behaglichkeit und Hektik sind neben der momentanen psychischen Gesamthaltung eines Menschen zu seiner Welt auch Körpermanifestationen beschrieben. "Die Grenzen meines Leibes decken sich, mit anderen Worten, mit denen meiner Weltoffenheit", meint Boss. Die Grenzen des Körpers ändern sich nicht, wohl aber die Weite oder Enge eines Weltverhältnisses.

d) Die Tatsache, dass wir nicht allein auf der Erde leben, verpflichtet uns, uns um andere in Form der Fürsorge zu kümmern. Der Mensch ist von Grund auf den Mitmenschen zugeneigt (Miteinandersein), was an Adlers Sozialimperativ erinnert. Das Gemeinsame der Menschenwelt ist ihre potentielle Weltoffenheit und Ansprechbarkeit sowie das Antwort geben können auf alle "gelichteten", also ins Bewusstsein genommenen Dinge. Boss nahm hier das erste "Existenzial" Heideggers auf, der postulierte, Menschsein heisst in der Welt sein.

e) Der Mensch trägt auch immer schon alle nur denkbaren Stimmungen in sich, aber ihre Ausprägung erhalten sie durch das aktuelle Weltverhältnis. Die Gestimmtheit konstituiert die Art der Weltoffenheit. Gute Stimmungen wirken weit in die körperlichen Sphären hinein und müssen als salutogenetische Faktoren ersten Ranges verstanden werden. In der Therapie kommt es deshalb darauf an, verschlossene Gestimmtheiten wie Angst, Langeweile oder Gleichgültigkeit "umzustimmen" in Richtung auf eine offene, freie, helle, "gelichtete" Stimmung (Boss 1975, 291). Affekte verschliessen den Betroffenen von der Möglichkeit, Mitwelt zu vernehmen. In Begriffen wie "blinder Hass" oder "blinde Liebe" wird ausgedrückt, dass die Möglichkeiten des in der Welt Seins teilweise oder ganz verschlossen und "dunkel" sind. Eine wünschenswerte Gestimmtheit wäre "gelassene Heiterkeit", wobei heiter schon auf "hell" und damit auf "Gelichtetheit" und "Offenheit" hinweist. "Gelassen" wiederum heisst so viel wie, die Welt so zu erkennen, so zu "lassen", wie sie wirklich ist. Das gelte insbesondere für die Gewissheit des Todes (ebd., 295).

f) Im Gedächtnis und in der Geschichtlichkeit des Menschen geht es um das Behalten von Gewesenem. Boss behauptet, das früher Wahrgenommene bleibt anwesend in seiner Bedeutung, die es einmal hatte und immer noch hat. Dass der Mensch etwas vergisst, hält Boss mit Nietzsche für nicht erwiesen. Erinnern ist laut Boss das Wiederwachrufen früherer Weltbezüge, die zwischenzeitlich nur "distanziert anwesend" waren. Vergessen ist das Entschwinden einer Sache aus der unmittelbaren Anwesenheit. Vergangenes wirkt dergestalt ständig fort.

g) Boss konstatierte ein Fliehen vor dem Tode, was sich in zahllosen Versuchen zeige, sich über diese Gewissheit hinwegzutäuschen. Er pries stattdessen das "nicht flüchtige, nicht verdeckende, das wahrhaft menschenwürdige Verhalten zum Tode", das in einem unablässigen Aushalten des Wissens um das unvermeidliche Ende besteht.

h) Schließlich sind die genannten Wesenszüge gleichursprünglich, keiner ist dem anderen übergeordnet. Sämtliche menschliche Phänomene versammeln alle genannten Wesenszüge in sich, wenngleich in unterschiedlicher Intensität.

Auf der Grundlage der acht Wesenszüge des Menschseins konnte Boss neuartige Definitionen von Krankheit und Gesundheit vornehmen, wobei es die Offenheit ist, die alle genannten Seinsweisen ermöglicht (Boss 1975, 314).

Gesundheit wäre demnach ein uneingeschränktes Vollziehenkönnen der acht Wesenszüge des Menschseins, während Krankheit ein schwaches Selbstsein wäre, "eine Beeinträchtigung der Spannweite und Gelichtetheit des Weltbereichs, den das Existieren eines Kranken noch offenzuhalten vermag" (Boss 1975, 454), eine "Beeinträchtigung der Bewegungsfreiheit eines Menschen im umfassendsten Sinne dieses Wortes" (ebd., 524). Immer geht es darum, dass der kranke Mensch mehr oder minder "schrumpft" (ebd., 526). In der umständlichen, an Heidegger angelehnten Sprache heisst es bei Boss: "Vom Da-sein des Menschen als In-der-Welt-sein wurde immer wieder betont, dass er das Ausstehen und Aushalten eines freien, weltweiten Offenständig-seins von Vernehmen-können sei. In dessen Bereich hinein vermöge Begegnendes als das, was es ist, anzuwesen, das heisst: zu sein, und darin die ihm eigenen Bedeutungs- und Verweisungszusammenhänge 'aufgehen' und vernehmen zu lassen." (ebd., 487) Der Mensch im gesunden Zustand ist mit anderen Worten in der Lage, sich frei und offen allen interessierenden Menschen und Gegenständen zuzuwenden und dabei doch die Eigenständigkeit seiner selbst zu bewahren. Zu einer gesunden Offenheit gehört also auch, dem Begegnenden standhalten beziehungsweise es begründet und damit bewusst zurückweisen zu können. Das Überschwemmtwerden von den Gegebenheiten des Lebens wäre eine Kümmerform des Standhaltenkönnens. Der Mensch muss sich vor einem Hineinfallenlassen in eine problematische Kollektivexistenz bewahren (Boss 1982, 118), er muss in gewissen Grenzen auch widerstehen können.

Krankheit wie Gesundheit sind mit abhängig von den kurzfristigen Affekten und Gefühlen und den langfristigen Leidenschaften und Stimmungen. Ein Übermass von heftigen und unkontrollierten Affekten ebenso wie zerstörerische Leidenschaften sind ein Hinweis auf mögliche Krankheiten des Seelenlebens. Sie sind einerseits Kraftquellen, können sich aber auf Dauer im Körper festsetzen und zu somatischen Krankheiten fortschreiten.

In Heideggers Daseinsanalyse und später bei Medard Boss wird die Stimmung unter dem Begriff "Befindlichkeit" abgehandelt. Sie gibt Auskunft darüber, wie wir im Prinzip zur Welt stehen. Der gut gestimmte Mensch erfreut sich an der Lust seines in der Welt Seins und den daran geknüpften Freuden. Die guten Gefühle erwachsen aus dem Boden einer langfristig angelegten Grundhaltung der Freundlichkeit und der Zuversicht.

Schopenhauer pries in seinen "Aphorismen zur Lebensweisheit" die Heiterkeit  als einen der höchsten Lebenswerte, als ein Symbol der Gesundheit. Die Heiterkeit des Sinnes ist unmittelbarer Gewinn und belohnt sich selbst. Natürlich erfreut sie auch die Mitmenschen. Wir sollten der Heiterkeit, wann immer sie sich einstellt, Tür und Tor öffnen, denn sie kommt nie zur unrechten Zeit. Heiterkeit und Zufriedenheit ist die blanke Münze des Glücks, weil sie in der unmittelbaren Gegenwart wirkt. Neben der Heiterkeit sind Freude, Güte, Zuversicht, Dankbarkeit, Tatkraft, Wohlwollen, Lebendigkeit, Souveränität und Wachheit weitere Stimmungen, von denen wir mit Sicherheit annehmen können, dass sie seelisch-körperliche Gesundheit fördern.

Im Leibe wohnen

Eine psychische Gesundheit beginnt eigentlich im Leibe, kann sich aber von ihm im gewissen Masse unabhängig entwickeln. Das gilt vor allem für das Alter, wenn die körperlichen Leistungen nachlassen, jedoch eine geistige Weiterentwicklung oder zumindest Stabilität wünschenswert wäre. Der Körper bleibt aber das Fundament unseres Dasein, womit noch einmal auf das Leiblich-Sein der Daseinsanalyse zurückzukommen wäre. Soll das Dasein gelingen, muss der Körper möglichst vollumfänglich gepflegt und gehegt werden. Nietzsche sprach von "den nächsten Dingen", auf die der Mensch seine Aufmerksamkeit vorzugsweise richten soll, und er meinte damit Schlaf, Bewegung, Ernährung und Körperpflege. Von dieser sicheren Basis aus mag der Mensch dann in die höchsten Höhen des Geistes und der Ethik vorstossen.

Nicht nur der Kranke hat zu überlegen, was ihn möglicherweise körperlich krank gemacht hat. Die Sorge um eine gute körperliche Befindlichkeit sollte schon den Gesunden beschäftigen. Die gewissenhafte Frage nach der Erhaltung körperlicher wie geistiger Gesundheit ist bereits an sich ein Gesundheitsfaktor. Die erstreckt sich auf Ruhe und Bewegung, Speisen und Getränke, Schlaf und Aktivität, Anspannung und Erholung, Verdauung und Ausscheidung, frische Luft und Kleidung, bequemes Schuhwerk und Bett, Sexualität und Zweisamkeit, Sport und Musse. Nicht gemeint sind athletische Exzesse, Hypochondrie und nackter Gehorsam gegenüber Diätregeln und Konventionen. Diätetik (Lehre von der richtigen Ernährung) und Makrobiotik (Lehre vom langen Leben) meint vielmehr eine reflektierte Praxis; sie fallen damit unter die Kategorie der Klugheit und der Lebenskunst.

Da man etwa ein Drittel seines Lebens im Bett verbringt, kann hier die Aufmerksamkeit beginnen. Ein Grossteil der Bevölkerung leidet an den verschiedensten Schlafstörungen, die wiederum die vielfältigsten Ursachen haben können. Der Beginn des Tages stellt uns vor weitere Fragen: Wird geduscht, sich gekämmt, Zähne geputzt, frische Kleidung angezogen? Der griechische Terminus der Hygiene kann im Sinne von sauber, darüber hinaus aber auch im Sinne von verständig, redlich und treu gebraucht werden. Wird in Ruhe gefrühstückt? Überhaupt ist das Essen ein zentraler Aspekt der Lebenskunst. Auf kaum einem Gebiet werden mehr Tips und vermeintliche Wahrheiten angeboten und auf kaum einem Gebiet des täglichen Lebens gibt es so viele unhaltbare Vorstellungen. Viele überfordern ihren Körper auf Dauer, indem sie mehr Kalorien zu sich nehmen, als sie verbrennen, oder indem sie ihren Körper tagsüber während der Berufstätigkeit hungern lassen, nur um am Abend auf einen Schlag um so mehr zu sich zu nehmen.

Wohlbefinden hängt ferner davon ab, welche Tageszeitung wir zu welcher Tageszeit lesen, welche Bilder in unserer Wohnung hängen, welche Tapeten uns beruhigen oder bedrängen, welche Musik wir zu welchen Tätigkeiten hören. Eine Hygiene der Sinnesorgane wäre zu entwickeln; nur wenig von dem, was angeboten wird, ist es wert, konsumiert zu werden. Die überlegte Auswahl ist Voraussetzung ebenso wie Ziel einer angewandten Ethik. Viele meinen, Ethik sei eine hochgeistige Übung in Philosophie. Tatsächlich beginnt sie aber in den kleinen und naheliegenden Dingen wie der Auswahl der Lektüre oder jener Menschen, mit denen wir näheren Umgang haben wollen, mit den regelmässigen sportlichen Aktivitäten und anderen Übungen der Gesunderhaltung.

Es ist kein Zufall, dass Philosophen die Kunst des rechten Lebens als kostbare Errungenschaft gepriesen haben. Ihre Leistungen, die wir heute noch bewundern und die für die Entwicklung der Menschheit unentbehrlich sind, waren durch geschickte Selbstbewahrung vor dem Sog gesellschaftlicher Vorurteile und Konventionen möglich geworden. Die Pflege des Körpers und seiner Bedürfnisse ist somit eine zutiefst soziale und ethische Aufgabe, die noch vor der seelisch-geistigen Bildung kommt. Mit der Achtung unserer körperlichen Existenz und dem Wissen um seine Verletzlichkeit befinden wir uns bereits auf dem Weg der Selbstachtung und der Achtung aller anderen Menschen und ihres Lebensrechts.

Es muss eingeräumt werden, dass die moderne Gesellschaft wenig Raum für solche Überlegungen und Aktivitäten bietet. Die Vergötterung der Fitness scheint eine unbewusste Flucht vor der Tatsache des unvermeidlichen körperlichen Abbaus mit dem Älterwerden zu sein. Der Wettbewerb zwingt viele dazu, ihren Körper als niemals ermüdende Waffe einzusetzen, Gesundheit wird eingeengt auf Leistungsfähigkeit. Angestiegen ist eine egozentrische Ellenbogenmentalität bei gleichzeitigem Rückgang von bewussten Schuldgefühlen und sozialer Anteilnahme. Vielleicht gerade wegen dieser Anspannung im Daseinskampf greift eine bemerkenswert ungenierte Rücksichtslosigkeit um sich, die von den Erfordernissen des Zusammenlebens erleichtert suspendiert.

Noch fehlt es vielen an Mut und Zeit, dem Leitbild einer sensibleren, besinnlicheren und dem körperlichen Leben gegenüber achtungsvolleren Haltung zu folgen. Aus der Sorge um den eigenen Körper kann die Kraft für verantwortliches Handeln erwachsen. Die Chancen dazu sind ungleich verteilt. Wer eine günstige Konstitution ererbt hat, die auftretende Krankheiten erträgt und überwindet, hat irgendwann einmal ein leidlich funktionstüchtiges biologisches und seelisch-geistiges Abwehrsystem, das weder zu träge noch überschiessend reagiert und somit zum Schutz des Individuums effizient beitragen kann.

Rattners Personalismus

Ausgehend von der leiblichen Grundlage unserer Existenz widmet sich der Berliner Psychotherapeut Josef Rattner der Frage, bis in welche Sphären hinauf das Individuum sein Dasein entwickeln kann. Sein Konzept kreist um die Frage nach der "Ganzwerdung der Person als Gesundheitsideal" (Rattner 1980, 44). Ausgehend von existenzphilosophischen Überlegungen, wie sie Nietzsche, Heidegger, Jaspers und Sartre formulierten, und unter Hinweis auf Goethe ist für ihn das höchste Gut die Selbstwerdung der Person bzw. die Selbstauszeugung der Persönlichkeit. Die philosophische Medizin, der er sich zugehörig fühlt, kumuliert letztlich in der Suche nach "Persönlichkeit" und "Personalität" als höchsten Ausdruck menschlicher Möglichkeit. Der seelisch-geistigen Gesundheit räumt Rattner dabei ein Übergewicht über die somatische Gesundheit ein, entsprechend einer Traditionslinie, die Seele und Geist als Führungsinstanzen gegenüber dem leiblichen Organismus ansieht. Behauptet wird, dass bei geistiger Gesundheit der Körper kaum je erkranken wird (Rattner 1993, 49/50).

Rattner nähert sich dem Gegenstand in Form "strukturellen Denkens". Indem Daten über die jeweiligen Teile des Ganzen, also der leiblich-seelisch-geistige Einheit (Rattner/Danzer 1997, 184), zusammengetragen und aufgelistet werden, soll eine Gesamtschau entstehen, ähnlich wie die Bestandteile eines Mosaiks schliesslich ein Gesamtbild ergeben. Zur Struktur einer "Persönlichkeit" gehören demnach unter anderem relative Angstfreiheit und fast vollständige Aggressionsfreiheit, wie überhaupt die verbindenden Gefühle die trennenden Affekte überwiegend sollten. Gesundheitserhaltende Faktoren wären ferner Freude, Glücklichsein, Heiterkeit und Eros, letzterer in allen seinen Spielarten - von der Leidenschaft für Wertvolles bis hin zu einer befriedigenden Sexualität (ich beziehe mich hier und im Folgenden auf Rattner 1993).

Um sich der Persönlichkeit weiter anzunähern, wäre anschliessend ihre Vernunft anzuschauen. Vernunft ist eine sowohl wertendes als auch vorschreibendes "Geistesvermögen", wie Kant schreibt. Die Vernunft kennt die moralischen Gesetze und erkennt ihre Gültigkeit an. Gleichzeitig sagt die Vernunft, wie wir uns entsprechend diesen Gesetzen verhalten sollen. Eine Definition von Neurose wäre: Erkrankung der Vernunft, denn es wird gegen das moralische Gesetz verstossen. Anders gesagt, nur wer das Gute und Humane tut und will, kann als vernünftig gelten.

In diesem Rahmen gibt es einen freien Bewertungsspielraum. Rattner ist sich bewusst, dass das, was als vernünftig angesehen wird, stark von den jeweiligen Zeitströmungen abhängig ist und sich als wandelbar herausgestellt hat, so dass er mit Adler formuliert: Angestrebt werden soll der Höchststand der Vernunft in der jeweiligen Epoche. Damit ist ausgesagt, dass der Verstand die Existenz unbedingter Vernunft- und Wertideen voraussetzt. Nach Kant entspringt diese nicht mehr hinterfragbare Annahme einer objektiven Denknotwendigkeit und nicht einem willkürlichen Gefühl. Das Geistige hat, wie das materielle, seine eigenen Gesetze, und die Vernunft- und Wertideen ist eines davon.

Vernunft ist also eine normativ-menschliche Geistesart. Es ist der Verstand, der das Vernünftige erkennen kann und ein Bedürfnis danach hat, weil es dem Menschen eventuell sagen kann, wie er denken und sich verhalten soll. Das inhaltliche Problem der Bestimmung dessen, was vernünftig ist, wird damit nicht gelöst und muss auch hier offen bleiben. Eine Hilfskonstruktion ist es, eine negative Abgrenzung vorzunehmen. Nicht vernünftig sind Konformismus, Radikalität, Vorurteile, Aberglaube, Dummheit, Konservatismus und Pessimismus (Rattner 1993, 72ff). Doch damit wird die Aufgabe der Vernunftdefinition lediglich auf andere Abstrakta verlagert. Im Einzelfall wird man darüber diskutieren müssen, was vernunftgemäss ist und was nicht.

Es dürfte ohnedies deutlich geworden sein, dass die Frage der Gesundheit wesentlich eine der Ethik ist und Tugenden verlangt, die auf Vernunft beruhen und liebende Zuwendung zur Welt zur Folge haben. Das Geistige und Sittliche ist nichts Angeborenes, der Mensch wächst vielmehr in diese Sphären hinein, wenn Erziehung es vorbereitet und die Umstände es erlauben. Es hängt von der Umwelt und vom Zufall ab, ob ein Kind sich als wertvoll erleben darf und optimistische Beziehungen nicht nur zu den Mitmenschen, sondern auch zu den ethischen Gesetzen aufnehmen kann. Im Laufe der Zeit soll er in Moral, Kunst, Wissenschaft und Weltgeschehen hinein wachsen. (Von Religion hält Rattner gar nichts.)

Ein Mensch mag biologisch gesund sein und doch geistige Gesundheit verfehlen, betont Rattner. Der Satz gilt auch umgekehrt: Eine nicht zu heftige Krankheit ist kein Ausschliessungsgrund für Verstand und Vernunft. Nach Rattner führt ein Verstandes- und Vernunftdefizit über kurz oder lang zu einer körperlichen Erkrankung. Kranksein ist seines Erachtens kein grund- und ursachenloser Kontakt mit Krankheitserregern, sondern Resultat der Vernachlässigung der Person, letztlich eines ethischen Versagens. Im (körperlichen) Kranksein "meldet sich das verstümmelte und ungeborene Selbst zu Wort. Darum kann man unter Umständen den Sinn des Krankseins verfehlen, wenn man dieses nur organisch auffasst und behandelt. Besser wäre es, auf den personalen Hintergrund der Krankheit zu achten und als Arzt sich auch für die Aufgabe des Geburtshelfers bereitzuhalten; denn die geburt der Person herbeizuführen, ist vielleicht der vornehmste Aspekt einer Behandlungskunst, die nicht in den somatischen Vorurteilen versackt." (Rattner 1993, 78)

Diese wohlwollende Warnung richtet sich gleichermassen an Arzt und Patient. Körperliche Krankheiten hätten den Sinngehalt einer Mahnung, wieder mehr auf die Entwicklung der Person oder Persönlichkeit hinzuarbeiten. Krankheit sollte also gar nicht möglichst rasch beseitigt werden, denn zuvor soll ihre Botschaft vernommen und verstanden werden. Aus dem Leiden könne Selbstfindung und Selbstbegegnung erwachsen (ebd.). Fast möchte man meinen, Rattner halte philosophische Gespräche auf Dauer für wirksamer als Schmerzmittel. Freilich steht seinem idealistischen Arbeitsauftrag die Zeit- und Budgetnot des Arztes und (nach Kant) die "Sinnlichkeit" des Patienten entgegen. Vernunft, Verstand und Moral sind ja nicht allein auf der Welt, ihnen stehen Natur (Triebe, Antriebe), Bedürfnis (nach Heilung) und Erfahrung an der Seite und oftmals auch im Wege.

Die Person ist ein "moralisch erheblicher Mensch", sagt Kant. Wir nennen einen Menschen eine Person oder Persönlichkeit, wenn sie ein in sich geschlossenes Charakter- und Handlungsbild, das unter moralischen Gesetzen steht, abgibt. Person (Persönlichkeit) wollen wir also das vernünftige und zurechnungsfähige Wesen nennen, das freiwillig unter moralischen Gesetzen steht. Ihre Auszeugung muss wie gesagt durch das Milieu ermöglicht werden, ist aber in ebenso grossem Umfang Eigenleistung des Subjekts. Das bedeutet, sich ein Gefühl und ein Wissen um das moralisch Vernünftige anzueignen. Sinn, Ziel und Wert sind dem Menschen nicht einfach gegeben, er muss sie entwerfen und sich erwerben. Durchdachte Auffassungen von Werten nennt Kant Tugenden. Tugendhaftigkeit lässt sich mit "vernunftmässiges Leben" umschreiben. Tugenden sind nach Auffassung der alten griechischen Philosophen Vollkommenheiten der Seele. Die Philosophie behauptet, erst wenn befriedigende Antworten auf diese grossen Fragen gefunden wurden, wird der Einzelne ein Gefühl der Abrundung, der Kohärenz und der Ganzheit erzielen können. Eine moralisch bedeutungsvolle Person wird in der Sinn-, Ziel- und Werthaftigkeit leben wie der Fisch im Wasser. Die Persönlichkeit hat den Schwerpunkt in sich selbst gefunden. Sie steht dem wechselnden Schicksal mit Gefasstheit gegenüber, baut aber selbst tatkräftig mit am eigenen Geschick.

Körperliche Gesundheit ist Voraussetzung für die freie Entfaltung der Tätigkeiten und Handlungsfreiheiten, die uns Seele und Geist bieten. Seelische Gesundheit schützt nicht vor Krankheit, es sei denn in dem Sinne, dass über das Wissen um die Zusammenhänge von Lebensführung und Gesundheit und über den "Witz" und das Können, dieses Wissen anzuwenden, ein langfristiger Gesundheitsnutzen entsteht. Körperliche Krankheit bedeutet nicht, dass dem unbedingt eine seelische Erkrankung zu Grunde liegt, doch umgekehrt ist die Psyche von Krankheit immer tangiert und beunruhigt. Der kranke Körper wirkt sofort auf die Seele ein, während seelische Störungen sich in der Regel nur langsam in den Körper "einschreiben". Nicht nur Gesundheit und Krankheit unterscheiden sich grundlegend und sind doch untrennbar aufeinander bezogen (siehe Gadamer), gleiches gilt für das Verhältnis von Materie und Geist, von Körper und Seele.