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Heiterkeit

Wir scheinen in einer Zeit zu leben, in der die Heiterkeit nicht sonderlich am Platz ist. Zu viele schlimme Nachrichten stürmen auf uns ein, und es gibt vielleicht Grund, der Verzweiflung näher zu sein als der Heiterkeit. Warum ist dennoch die Rede davon? Weil wir sie gerade heute gut brauchen könnten.

Nur leider gehört die Heiterkeit, wie auch die Lebenskunst, die Selbstsorge, die Gelassenheit et cetera, zur Familie jener Begriffe, die in der Moderne und mit ihr in der modernen Philosophie weitgehend vergessen worden sind. Wesentliche Inhalte des Begriffs sind daher nur durch einen Rückgriff auf dessen Geschichte zu erschließen. Dann erst, wenn der Begriff vergegenwärtigt worden ist, können die Gründe für sein Verschwinden und die Möglichkeiten seiner Erneuerung erörtert werden.

In der Antike ist die Heiterkeit eine gewählte und asketisch hergestellte Haltung, verbunden mit einer bestimmten Sicht der Dinge; sie ist eine vom Selbst bewusst vorgenommene, maßvolle Disposition des Gemüts. Das geht bereits aus dem Urtext der philosophisch inspirierten Heiterkeit hervor, nämlich Demokrits Abhandlung Über die Heiterkeit aus dem 5./4. Jahrhundert vor Christus. Die erhalten gebliebenen Fragmente sprechen von einer euthymía, zusammengesetzt aus der Vorsilbe eu- (gut, Wohl-) und dem Wort thymós, das für die seelisch-geistige Kraft im Menschen steht, wörtlich also eine Wohlgesinntheit, Wohlgestimmtheit des Gemüts, die jedoch mehr ist als nur ein Gemütszustand, der zufälligerweise so oder anders ausfallen kann. Den Menschen, sagt Demokrit, entstehe Heiterkeit aus dem maßvollen Umgang mit Lüsten und aus einem "Leben im Gleichmass" - einer Wohlprobportioniertheit zwischen dem Zuviel und Zuwenig in allen Dingen, nicht zu verwechseln mit einer arithmetischen Mitte.

Dieses "symmetrische Leben", wie Demokrit es nennt, vermeidet Übelgesinntheit und Missmut (kakothymía oder auch dysthymía). Übelgesinntheit tritt nicht ein, wenn man grundsätzlich annimmt, dass ohnehin nichts reibungslos vonstatten geht. Werkzeuge sind grundsätzlich krumm und schief, und es kommt darauf an, sie so zu gebrauchen, wie sie nun einmal beschaffen sind. Dies gilt erst recht für den Umgang mit Menschen: Sie sind, wie sie sind. Wer sich mithilfe asketischer Einübung daran gewöhnt, Eigenarten und Merkwürdigkeiten Anderer als gegeben hinzunehmen, der erreicht anstelle von Missmut Wohlgestimmtheit.

Ferner ist die Fähigkeit verlangt, sich über erfreuliche Dinge auch wirklich zu freuen. Das bedeutet keineswegs, nur Erfreuliches zu affirmieren und Unerfreuliches zu negieren. Es handelt sich nicht um das moderne positive thinking, denn im Unterschied dazu präpariert sich das heitere Selbst durchaus für das Negative und rechnet nicht mit dem Positiven - gerade aus diesem Grund wird es resistent gegen Enttäuschungen und aufnahmefähig für Erfreuliches. In jeder Lebenslage ist ein heiteres Ertragen der Widrigkeiten und sogar ein lustvolles Leben möglich, wenn die Misslichkeiten für leicht und unbedeutend gehalten werden, notfalls contrafaktisch: Es hängt von der Verteilung der Gewichte im Denken ab, ob auf der Waage des Lebens Symmetrie hergestellt werden kann.

Heiterkeit ist die Haltung der Gelassenheit, im Sprachgebrauch gelegentlich zusammengezogen zum Ausdruck "gelassene Heiterkeit", was aber, folgt man dem Stoiker Seneca, zweimal dasselbe sagt. Seneca gibt dem Begriff der Heiterkeit im ersten Jahrhundert nach Christus eine stoische Prägung. Die griechische euthymía übersetzt er mit tranquillitas und widmet ihr seine Schrift "Über die Seelenruhe" (De tranquillitate animi), die von der Ungetrübtheit und Ausgeglichenheit der Seele handelt, nicht zu verwechseln mit der Untätigkeit und dem Quietismus. Grundlage der Heiterkeit ist das Festgefügtsein der Seele, die "mitten im Sturm" die Balance zu halten vermag und frei ist von ängstlicher Sorge, frei sogar noch von Angst vor der Angst.

Die Selbstmächtigkeit, die sich vor allem in der Fähigkeit zum Lassen angesichts all dessen, was "nicht in meiner Macht ist", beweist, macht das Selbst stark genug, auch schwach sein zu können. Mit kluger Sorge bemüht sie sich um größtmögliche Offenheit gegenüber Anderen und Anderem. Dies aber kann nur erreicht werden, wenn man sich zunächst über sich selbst klarer wird, sich Rechenschaft ablegt über die Eigenheiten, die man mitbringt und füglich zu beachten hat, um nicht Unangemessenes von sich selbst zu erwarten. Um das Verhältnis zu sich selbst zu stärken, bedarf das Selbst, wie Seneca schreibt, zudem der Freunde, "deren Heiterkeit Schwermut zerstreut und deren Anblick allein schon erfreut", ein Anblick, der nicht nur auf äußerlicher Schönheit beruht.

Wichtig ist des Weiteren, nicht an irgendwelchen Besitz sein Herz zu hängen, denn um Besitz muss der Mensch sich kümmern, um ihn muss er fürchten, unentwegt ist er mit ihm beschäftigt und auf diese Weise von ihm besessen, während es doch darauf ankommt, sich selbst zu besitzen.

Die ganze Lebensweise sollte maßvoll eingerichtet sein, denn solches Leben bietet weniger Angriffsflächen für Attacken des Schicksals; Seneca: "viele Stürme fallen nur über diejenigen her, die ihre Segel zu weit ausspannen". Das selbstmächtige Selbst ist auf alles vorbereitet und hegt keine Illusionen über ein "Leben in zarter Unberührtheit". Keine Angst vor dem Tod sollte es haben; dazu dient, sich zu sagen, dass der Tod bereits mit der Zeugung beschlossene Sache war, eine Bedingung des Lebens.

Indes, Heiterkeit ist nicht Fröhlichkeit, auch wenn diese zuweilen ihre Ausdrucksform ist. Penetrante Fröhlichkeit verfehlt die Heiterkeit sogar: Sie ist töricht, insofern sie ohne zureichenden Grund ist. Fröhlichkeit (griech. hilarótes, lat. hilaritas) ist nur ein Affekt, in welchem sich die Heiterkeit gelegentlich äußert, ein kleiner Exzess, ein Übermut, ein Jauchzen und Frohlocken, über die Gelassenheit hinaus eine Ausgelassenheit. Dann und wann mag es willkommen sein, in solcher Exaltation den Kopf zu verlieren, aber nur vor dem Hintergrund der Erfahrung des Abgründigen der Existenz, das es auszubalancieren gilt, um Symmetrie im Leben zu erreichen.

Auch auf diese Weise wird das symmetrische Leben hergestellt: indem die Polarität des Lebens bekräftigt wird. Die Fröhlichkeit ist also nicht etwa verwerflich, sie kann vielmehr als Bestandteil des symmetrischen Lebens betrachtet werden.

Dies gilt auch für jenen Aspekt der Heiterkeit, der als Angeheitertsein Eingang in die Sprache gefunden hat und dem sogar Philosophen Tribut zollen, wenn sie die Techniken zur Erlangung der Heiterkeit beschreiben: "Man muss dem Geist Erholung einräumen und ihm immer wieder Muße gönnen, die ihm zur Nahrung und Kräftigung dient. Auch soll man sich auf ungedeckten Promenaden ergehen, damit der Geist unter freiem Firmament und an frischer Luft sich belebe und erhebe. Gelegentlich werden ein Ausritt, eine Reise und ein Aufenthalt in einer anderen Gegend neue Kraft geben, geselliges Zusammensein und ein recht ungezwungener Umtrunk. Manchmal soll man's auch fast bis zu einem Rausch kommen lassen, aber nicht so, dass er uns ertränke, sondern nur eintauche." Seneca wahrt hier nur die stoische Tradition: Schon der stoische Ahnherr Chrysippos soll sich jeden Tag einen Schwips gegönnt haben.

Lächeln ist mehr als Lachen. Hinter ihm beginnt das Abgründige

Heiterkeit kann mit Humor und Lachen einhergehen, das muss sie aber nicht. Etwas kann, wie man so sagt, für Erheiterung sorgen, indem es gewollt oder ungewollt komisch ist. Der Heiterkeit entspricht eher das Lächeln, nicht so sehr das Lachen. Das Lächeln ist vielleicht kaum wahrnehmbar, wahrnehmbar ist lediglich das nicht umwölkte Gesicht, das seit jeher als Ausdruck der Heiterkeit gilt. Mit seinem Lächeln stellt das Subjekt eine Souveränität unter Beweis, die es beim Lachen oder Weinen kaum aufrechtzuerhalten vermag.

Charakteristisch für die Heiterkeit ist das Bewusstsein des Abgründigen. Das lächelnde Antlitz vermag sich auch angesichts eines Abgrunds an Traurigkeit zu zeigen. Traurigkeit ist der Kontrastbegriff zur Fröhlichkeit, nicht jedoch zur Heiterkeit, denn deren Subjekt weiß, dass die Abgründigkeit des Lebens nicht einzuebnen ist. Konsequenterweise steht die Heiterkeit der Melancholie nicht fern, jedenfalls steht sie ihr nicht entgegen, da sie deren Erfahrung nicht bezweifelt, nur andere Konsequenzen daraus zieht: Anders als das melancholische Selbst vertraut das heitere Subjekt auf die Erfahrung der Geborgenheit angesichts des Abgrunds. Im äußersten Fall ist die Heiterkeit geradezu der Genuss der Abgründigkeit der Existenz; das Subjekt bewahrt dann die Kräfte, die Andere beim Versuch vergeuden, die Abgründe zu leugnen oder einzuebnen.

Sollte die Heiterkeit letztlich nichts anderes als eine Form von Glückseligkeit sein, so ist diese nicht mit dem modernen Begriff des "Glücks" zu verwechseln. Der Heitere übt sich in der Befreiung von der Erdenschwere, um aufs Neue und auf leichte Weise die Schwere zu tragen, deren Präsenz ja nicht zu ignorieren ist. Die Erfahrung der Fülle des Lebens vermittelt ihm Trost, Getröstetsein aber ist das grundlegende Charakteristikum der Heiterkeit.

Der Frohsinn unserer Zeit will das Negative endgültig abschaffen

Damit ist kein "gelingendes Leben" gemeint - es kann sich ebenso um ein Scheitern handeln, das zur Abgründigkeit des Lebens gehört. Dass der heitere Mensch kein Gelingen im Leben anstreben sollte, um nicht getroffen zu werden vom "Schmerz über eine nicht gestillte Sehnsucht", lässt sich von Plutarch lernen, der im 1./2. Jahrhundert nach Christus von seinen etwa 80 Abhandlungen ("Moralia") eine der Heiterkeit widmete. Heiterkeit heißt für ihn, ein Leben ohne Reue zu führen, denn die Reue wäre schlimmer als aller Kummer über das Schicksal, das nicht in unserer Macht steht. Es ist die Reue, die mit ihren Stichen gleichsam der Seele Blut abzapft.

Heiterkeit indes erwächst mit der Realisierung des Schönen, das keine Reue nach sich zieht, womit, wenn man es zu übersetzen versucht, nichts anderes als das uneingeschränkt Bejahenswerte gemeint ist. So erst wird das ganze Leben zum Fest.

Der Begriff der Heiterkeit erlebte in der abendländischen Geschichte eine schicksalhafte Wendung: eine Verschiebung zur Fröhlichkeit. Dies geschah im Verlauf seiner Neuinterpretation durch die christlichen Kirchenväter. Worte und Gedankengänge aus Plutarchs Schrift Über die Heiterkeit finden sich im 4. Jahrhundert nach Christus beispielsweise in der Predigt Über die Danksagung des Basilius wieder, aber mit veränderter Ausrichtung: Der Glaube an die Überwindung des Todes, für den Christus steht, das Verschmelzen der Seele mit Gott sorgt für die Heiterkeit der Herzen, die der überschwänglichen Freude näher steht als dem philosophischen Begriff. Parallel dazu entwickelt sich die christliche Gegnerschaft, ja Todfeindschaft gegen die Melancholie, die deutlich macht, dass für die fröhliche Heiterkeit der Christen nicht etwa eine Anerkennung des Abgründigen typisch ist; alles Negative soll vielmehr aus der Welt geschafft werden.

Diese Grundhaltung wird mit der Moderne im 18./19. Jahrhundert zu einem weltlichen Projekt, die säkularisierte christliche Fröhlichkeit wird zum weltlichen Evangelium und gewinnt die Gestalt des optimistischen Fortschrittsglaubens. Aus dieser Quelle speist sich der Optimismus, der die Moderne charakterisiert und aus dem heraus sie zu leben vermag. Die optimistische Moderne bedarf der abgründigen Heiterkeit nicht, da sie auf die aufklärerischen Kräfte des Positiven und die treibenden Kräfte des gesetzmäßigen Fortschritts mithilfe von Wissenschaft und Technik vertraut.

Sowohl die klassische wie auch die romantische Heiterkeit stellen sich, nach anfänglichem Zögern, diesem oberflächlichen Optimismus entgegen. Frühromantiker wie Novalis versuchen, ganz im Sinne des symmetrischen Lebens, die heiteren wie die dunklen Seiten des Lebens zu einem neuen, romanhaften Leben als Kunstwerk zusammenzuspannen. Vergebens.

Auch die beiden Denker des 19. Jahrhunderts, die im Optimismus ein Verhängnis sehen, kommen gegen dessen Eigendynamik nicht an: Arthur Schopenhauer entwirft in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit eine Heiterkeit, die sich im Sein des Menschen, der sich nicht über sein Haben definiert, verwirklicht. Friedrich Nietzsche, dessen "Geburt der Tragödie" von 1872 auf die antike Form der Heiterkeit verweist (die Schrift sollte ursprünglich "Griechische Heiterkeit" heißen), will die Heiterkeit davor retten, nur noch als apollinische, ihrer Abgründigkeit entkleidete Scheinwelt begriffen zu werden. Er stellt ihr eine dionysische, Tragik, Schmerz und Leid nicht leugnende Heiterkeit gegenüber, deren Erneuerung er in der Folgezeit für unabdingbar hält, denn "nur durch Heiterkeit geht der Weg zur Erlösung".

Zwei überaus modernekritische Denker des 20. Jahrhunderts wiederum folgen, ohne es zu ahnen, der christlichen und modernen Uminterpretation der Heiterkeit zur Fröhlichkeit - ein perfekter Ausdruck des Zeitgeistes, dem gerade diese beiden Denker doch so fern zu stehen meinten: Für Martin Heidegger ist Heiterkeit nur eine "Stimmung", ein Affekt wie auch Hoffnung, Freude, Begeisterung; Theodor W. Adorno will die Heiterkeit nach dem Geschehen des Holocaust ästhetisch nicht mehr dulden und lässt damit außer Acht, welche Bedeutung die abgründige Heiterkeit selbst für die Insassen von Konzentrationslagern noch haben konnte, denen, nach einem Bericht von Viktor Frankl, alles genommen werden konnte, nur nicht "die letzte menschliche Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen". Frankl spricht ausdrücklich, unter der Rubrik "Lagerhumor", von der "Möglichkeit einer Einstellung im Sinne von Lebenskunst, auch mitten im Lagerleben", in dieser absoluten Zwangslage angesichts des Abgrunds.

Es ist aber eine phänomenale Erfahrung, dass sich die Heiterkeit gerade in der Konfrontation mit der Abgründigkeit der Existenz einstellt. Gerade dann, wenn das Leben schwer wird, ist die Heiterkeit als Erleichterung zu entdecken, die sich dadurch auszeichnet, die zugrunde liegende Tragik nicht zu leugnen. Gerade dort, wo es ein Bewusstsein für die Unaufhebbarkeit der Abgründigkeit gibt und nicht der Glaube an den Fortschritt bis hin zu dereinst herrschenden paradiesischen Zuständen vorherrscht, kann die Heiterkeit sich entfalten. Als Ausdruck von Selbstmächtigkeit repräsentiert sie eine Form von autonomer Macht, die das gerade Gegenteil zu jener heteronomen Macht darstellt, die es sich angelegen sein lässt, die allgemeine Fröhlichkeit zu simulieren.

Wenn Heiterkeit keine Angelegenheit der Moderne ist, so fügt ihre Wiederkehr sich daher in die Konstellation einer anderen Moderne, die wesentliche Errungenschaften der Moderne bewahrt, vor allem das Bemühen um Veränderung mit dem Ziel, die Menschenwürde zu realisieren, ohne jedoch Illusionen damit zu verbinden. Man kann die erneuerte Heiterkeit als heitere Skepsis des Selbst beschreiben, das sich darum bemüht, Distanz zu den Dingen und zu sich selbst zu bewahren, skeptisch gegen die Gewissheit, ohne unter der Ungewissheit übermäßig zu leiden.

Sie wäre Ausdruck einer aufgeklärten Aufklärung, zweifelnd an der Abschließbarkeit des Wissens, ohne auf die Arbeit des Wissens zu verzichten, die schon seit Demokrit zu den Quellen der Heiterkeit gehört. Dieses Wissen akzeptiert vor allem die grundlegende Widerspruchsstruktur, die verhindert, dass Dinge nur gut, nur böse, nur schön, nur hässlich sind. Verschwistert ist die Heiterkeit mit der Ironie, nicht jedoch mit dem Spott; sie ist verhalten, eine zurückhaltende Haltung, kein Gelächter, sondern ein ernsthaftes Projekt, ein philosophisches Konzept.

Die zugehörige existenzielle Praxis aber, daran kommen wir bei aller Arbeit am Begriff nicht vorbei, bleibt dem jeweiligen Subjekt selbst überlassen.