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Marathon in der Tiefenpsychologie: Passionsweg als psychische Wiedergeburt Warum unterziehen sich immer mehr Menschen der Quälerei eines Marathonlaufes? Die Projektleiter Heinz Grüne und Dr. Andreas Marlovits vom Kölner Institut "rheingold" legten jetzt eine erste tiefenpsychologische Studie zur Faszination dieses Massenphänomens vor. Hobby-Marathonläufer erleben die 42,195 Kilometer seelisch als einen freiwilligen Passionsweg, der sie in vier Stufen durch das psychische Erleben der völligen Selbstaufgabe zu einer "Wiedergeburt" führt, die sie als einen selig machenden und stärkenden Glückszustand erfahren. Naturwissenschaftliche Erklärungen, die den Reiz des Marathon-Laufens ausschließlich auf die Wirkung der körpereigenen Hormone zurückführen, missachten wesentliche psychische Erfahrungen, die für das Erleben und somit für die Faszination eines vierstündigen Marathonlaufes prägend sind. Marathon-Läufe verzeichnen weltweit sprunghaft wachsende Teilnehmerzahlen. Was veranlasst Amateure aller Altersgruppen, sich monatelang durch rigide Trainingsprogramme zu quälen, um letztendlich inmitten von Tausenden anderer Sportler durch die eigene Stadt zu laufen? Um die Faszination zu erforschen, hat rheingold in Köln 30 Amateurläufer beiderlei Geschlechts tiefenpsychologisch analysiert. Die von naturwissenschaftlicher Seite oft ins Feld geführte Erklärung, dass körpereigene "Glückshormone" die Ursache des Booms seien, greift zu kurz: Marathon-Läufer durchlaufen auf ihrem mühsamen Weg zum Ziel einen vielschichtigen Prozess, einen Passionsweg, der aus vier Erlebnis-Etappen besteht 1. Etappe: Von der Euphorie getragen Der Start eines Marathonlaufes ist für den Amateursportler eine erste große Genugtuung, denn er ist am Ziel seiner Träume angekommen und die quälende Trainingsdisziplin der vergangenen Monate hat ein Ende. Er ist in euphorischer Stimmung - Zweifeln und Unsicherheiten angesichts der Herausforderung begegnet er selbstbewusst: "Jetzt hast du so lang trainiert, jetzt läufst du dein eigenes Rennen!" Von der Stimmung und dem Applaus der Zuschauer getragen, absolviert er die ersten 20 Kilometer kraftvoll und locker. Die außergewöhnliche Situation, bekannte Ecken seiner Stadt aus ungewohnten Blickwinkeln erkunden zu können, lenkt ihn beinahe vom Laufen ab. 2. Etappe: Der Mann mit dem Hammer Um die Mitte der Marathon-Distanz beginnt der Läufer seine Muskeln zu spüren. Er wird müde und der Lauf verkrampft. Mit jedem Schritt nimmt das körperliche Leiden zu und breitet sich auf das seelische Erleben aus. Das Selbstbewusstsein schwindet schnell, der Wille beginnt zu brechen und der Läufer zweifelt an sich selbst: "Warum tust du dir das alles eigentlich an?" Machtvoll übernimmt in der Phase der "innere Schweinehund" des Nicht-Wollens, der Selbstaufgabe und des Selbstzweifels das Regiment über das Seelenleben: Mit jedem weiteren Schritt zerstört der Läufer in seinem freiwilligen Martyrium absichtlich das anfänglich starke Ego zu einem willenlosen und schmerzvollen Häufchen Elend: "Da kommt der Mann mit dem Hammer!" 3. Etappe: Durch das Tor der Leiden An dem absoluten Tiefpunkt des Leidens, an dem es scheinbar kein Weiterkommen gibt, verändert sich das psychische Erleben plötzlich dramatisch und leitet die Wende ein: Die Läufer geben sich scheinbar selbst auf und überlassen sich der Situation, einer geheimnisvollen Macht, die sie trägt und zu neuen, außergewöhnlichen Erlebnissen führt. Diese Macht kommt von außen: Aufmunternde Blicke von Verwandten und Freunden, die mit traumwandlerischer Sicherheit an dieser besonderen Stelle des Laufs platziert wurden, den Beifall der Zuschauer, Samba-Rhythmen, gereichte Bananen, Schoko-Riegel oder Wasser. Das Ereignis "Marathon" mit all seinen Begleitumständen flösst dem noch vor wenigen Minuten einsam leidenden Läufer neues Leben ein. Eine Läuferin: "Es hat mich besonders ergriffen, als ich nicht mehr weiter konnte und so dahin kroch und dann meinen Mann am Rande stehen sah, der mir zu verstehen gab: Ich bin da, wenn es dir schlecht geht, Du schaffst es!" 4. Etappe: Die triumphale Wiedergeburt Aus der totalen Zermürbung der Seele und der belebenden Erfahrung eines größeren Zusammenhangs kehrt sich in der vierten Etappe das Leiden in einen selig machenden Glückszustand um: Die Seele wird im Triumph wiedergeboren. Für die Bereitschaft, sich bedingungslos auf einen Leidensweg eingelassen zu haben, wird der Läufer jetzt durch ein "unbeschreibliches" Glücksgefühl belohnt. Er fühlt sich stark und mächtig: Die letzten Kilometer absolviert er wie von Flügeln getragen bis zur Erlösung im Ziel: Der Läufer hat während des Laufs an sich gelitten und sich selbst wieder von diesem Leiden befreit - er ist Opfer und Erlöser zugleich. |