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Was ist Tiefenpsychologie und wozu ist sie nütze ? Jeder Mensch hat eine Vorstellung von sich selbst. Unter anderem das unterscheidet ihn vom Tier. Der Mensch beobachtet sich selbst (wie wenn er sich von außen betrachtet) und korrigiert anhand dieser Beobachtung sein Verhalten und seine Gedanken. Der Mensch beobachtet sich nicht nur, er denkt auch über sein Denken nach. Mit einem anderen Wort: Der Mensch ist ein selbstreflexives Wesen und insofern relativ gut über sich informiert. Aus diesem Grund wissen die meisten auch einiges über sich zu sagen, wenn sie Gelegenheit zum Sprechen bekommen. Neben der erstaunlichen Tatsache, dass der Mensch über sich selbst Auskunft geben kann, fällt auf, dass er es oft im Modus der Gewissheit tun, im Brustton der Überzeugung. Seltener schon findet man die Grübler und die Unsicheren, die Nachdenklichen und die Zweifler. Der Mensch scheint also recht gut über sich Bescheid zu wissen. Jeder ist sein eigener Experte der Psyche, und er lässt sich da ungern hineinreden. Dem stehen gegenüber die Erschütterungen, die in der jüngeren Vergangenheit die Wissenschaft einigen scheinbaren Gewissheiten zugefügt haben. Zunächst hatten Kopernikus und Giordano Bruno die Erde aus dem Mittelpunkt des Weltalls verstoßen. Dann bewies Charles Darwin die Abstammung des Menschen aus dem Tierreich. Darauf aufbauend erkannten Wissenschaftler, dass der Mensch nicht die Krönung der Evolution ist, sondern nur ein unbedeutender und zufällig entstandener Seitenzweig am Baum der Evolution, der im Übrigen von Bakterien, Würmern und Käfern beherrscht wird. Sigmund Freud (1856-1939) schließlich verdanken wir die Einsicht, dass der Mensch nicht "Herr im eigenen Hause" ist (Freud 1916-17a, 294). Aus der gesellschaftlichen und politischen Sphäre ist bekannt, dass der Mensch täuscht und seine wahren Absichten allzu oft verschleiert, doch nun kam hinzu, dass der Mensch sich selbst täuscht. Das Bewusstsein täuscht sich zwangsläufig aufgrund von Verdrängungen einerseits und nicht erkannten Wissenslücken andererseits, unabhängig von seinen Absichten. Was sich bewusstseinsmässig durchsetzt, ist zu einem wesentlichen Teil Ergebnis unbewusster Wünsche und Motive. Das Bewusstsein ist ein (partiell) sich selbst verkennendes, illusorisches Bewusstsein. Es war die Tiefenpsychologie, die von der Illusion einer allumfassenden Rationalität befreite. Sie stellt Beobachtungen und Begriffe zur Verfügung, die über unser Alltagswissen hinausgehen. Oder anders gesagt: sie lässt uns hinter die Kulissen schauen. Durch die Erforschung des Unbewussten ergab sich ein neues Verständnis des Bewusstseins, das im Weiteren auch dem Verständnis von Literatur, Kunst, Religion und Kultur zugute kam (Ellenberger 1985, 675). Der Terminus "Tiefenpsychologie" wurde zuerst von Eugen Bleuler (1857-1939) im Jahre 1910 als Synonym für die Freudsche Psychoanalyse gebraucht. "Tiefe" meint dabei zweierlei: Zum einen den Rückbezug von der Gegenwartsproblematik der Patienten in die Tiefen der Kindheitsschicksale, zum anderen das Vordringen der Analyse in den Bereich des Unbewussten. Tiefe hat zum Inhalt eine zeitliche Dimension, nämlich die Vergangenheit, zum anderen eine örtliche Dimension, das Unbewusste. Tiefenpsychologie nimmt an, dass das den Menschen Ausmachende, sein Eigentliches, in einer tieferen Schicht als der zunächst und im Alltag erkennbaren zu finden ist. Tief sind in dem neuen Modell, das kaum 100 Jahre alt ist, die unbewussten, das heißt bewusstseinsfernen Prozesse. Sie stellt zudem die These auf, dass das "Tiefe" das Primäre ist, sowohl in zeitlicher Bedeutung, als auch im Sinne des Entscheidenden und Wirksamen (Pongratz 1983, 4). Nicht unsere grandiosen Geistesleistungen sind nach Freud das Entscheidende für unser Leben, sondern die Verdrängungen und das Unbewusste (Pongratz 1983, 1-3). Die Vorstellung der Tiefe als Keller unserer Psyche hat sich seit Freud durchgesetzt, vermutlich, weil sie so schön griffig ist. Freuds Tiefenpsychologie war in der Tat grundstürzend, weil die damalige Psychologie Bewusstseinspsychologie war. Heiss (1984, 13f) warnt aber davor, die Bewusstseinspsychologie zu vernachlässigen. Die Bewusstseinspsychologie befasste sich vor allem mit den normalen seelischen Erscheinungen und sie nahm für sich naturwissenschaftliche Exaktheit in Anspruch. Beide Ansätze sind wichtig. Die Psychoanalyse hingegen hielt die Gleichung psychisch = bewusst für falsch. Damit wurde die Bewusstseinspsychologie nicht überflüssig, aber sie wurde ergänzt durch eine neue Dimension der Tiefe, die heute nicht mehr ignoriert werden kann und darf. (Tatsächlich standen sich beide Richtungen jahrzehntelang unverständig und unversöhnlich gegenüber.) Neben Freud gelten Alfred Adler und Carl Gustav Jung als die "Klassiker" dieser Richtung. Schon vor ihnen war Philosophen wie Friedrich Nietzsche oder Carl Gustav Carus ("Psyche", 1846) Wegbereiter dieser Strömung. Alle Psychologien, die die seelischen Phänomene in solche des sichtbaren Vordergrunds und des verborgenen Hintergrunds, in die des Auffälligen und des verwirrend Geheimnisvollen einteilen, dürfen sich tiefenpsychologisch nennen. Die Daseinsanalyse verwendet in diesem Zusammenhang eine weitere Metapher, wenn sie von hell und dunkel spricht (Boss 1975, 237 ff). Die Möglichkeiten des In-der-Welt-seins sind den Menschen teilweise oder ganz verschlossen und "dunkel". Vor allem die Grundstimmung lege fest, ob der Einzelne sich eher zur Helligkeit, zur Lichtung, zur Offenheit hingezogen fühlt, oder eher zur Dunkelheit, Verborgenheit, Verschlossenheit (Boss 1975, 291). Neurose ist in dieser Anschauung gegen das "Licht" des Seins, gegen die lichten und heiteren Seiten der Existenz gerichtet, während das Vergessen wie das Verdrängen seiner Natur nach dunkel ist (Condrau 1985, 259). Die Isoliertheit und Abgetrenntheit der neurotisch Erkrankten von den Mitmenschen ist evident, sie leben in psychischer Dunkelheit und haben Angst vor dem "Licht" der Erkenntnis. Was dunkel ist, muss erhellt werden, das Verborgene muss ans Licht kommen, das ist vielleicht die wichtigste Botschaft der Tiefenpsychologie. Das Unbewusste oder die "Selbstverborgenheit" des Menschen und die Bedeutung der frühen Kindheit für das ganze spätere Leben gehören mit zu den zeitüberdauernden Grundbestandteilen der Psychoanalyse, neben der Lehre von der Verdrängung und vom Widerstand (Pongratz 1983, 193). Tiefenpsychologien in Anschluss an und in Weiterentwicklung von Freud stellen heraus, dass die Persönlichkeit mitgeprägt wird durch das kollektive Unbewusste (Carl Gustav Jung), durch das elterliche und gesellschaftliche Überich (Freud, Erich Fromm) und durch soziale und milieuhafte Vorgaben (Adler), vor allem aber durch die erzieherischen Erfahrungen der ersten sechs Jahre. Für diese Tiefenpsychologen vollzieht sich seelisches Geschehen also nicht nur bewusst, vielmehr gibt es ausgedehnte Bereiche unverstandener, nicht ins Auge gefasster, nicht eigens thematisierter Tatsachen. Wer sich selbst besser kennen lernen will, wird nicht darum herumkommen, diese Bereiche des Seelischen ins Auge zu fassen. Wesentliche Erkenntnis (manche meinen gar, der einzige Schlüssel zum wahren Verständnis der Seele) liegt in dieser Tiefe, für den die Tiefenpsychologie den Begriff des Unbewussten geprägt hat. Der Begriff des Unbewussten leitet die Geschichte der Tiefenpsychologie ein. Sie weist Wege, wie man zu diesem Unbewussten kommen kann. Freud nannte den Traum den "Königsweg zum Unbewussten", andere Zugänge sind die frühen Kindheitserinnerungen, die Analyse aktueller Konflikte, die freie Assoziation und die Erhebung des Lebensstils. Zur Bewusstseinspsychologie, die oft experimentell ist, grenzt sich die Tiefenpsychologie (neben dem Postulat eines Unbewussten) von der Annahme des seelisches Geschehen als eine Dynamik ab. Die wie auch immer definierten Teile des Systems Mensch stehen in wechselvoller Beziehung zueinander und beeinflussen sich gegenseitig. Während einige Tiefenpsychologen meinen, es gebe gerade wegen dieser postulierten Dynamik keine definierbaren statischen Kerne der Person und kein "wahres Selbst", allenfalls Gesetzmäßigkeiten mit hoher Variabilität in einem lebendigen Entwicklungsprozess, gehen andere von einem unteilbaren Ganzen und einem lebenslang wirkenden Kern der Person aus. Für beide Ansichten gibt es Gründe, und manche Autoren schwanken zwischen diesen beiden Anschauungen, weil man sich nicht wirklich zwischen ihnen entscheiden kann. Dem Beschreiten des Weges zum Unbewussten und zurück in die Kindheit (den beiden Orten der Tiefe) stellen sich erhebliche Schwierigkeiten entgegen. Die grundsätzliche Crux an der Tiefenpsychologie liegt darin, die Regungen des Unbewussten in der Sprache des Bewusstseins darzustellen; die Tiefenpsychologie hegt selbst manchmal Zweifel, ob Bewusstmachung des Unbewussten überhaupt möglich ist (Sperber 1970, 215). Das Unbewusste markiert die Grenze der menschlichen Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung. Das Hauptproblem dabei ist der Widerstand. Die stete Berücksichtigung des Umstandes, dass es Widerstand gegen die Beschäftigung mit dem Unbewussten gibt, gehört mit zu den Charakteristika der Tiefenpsychologie. Der Widerstand ist leicht erklärlich. Unbewusstes enthüllt sich nicht selten als "Geschichte der Versagungen und Hemmungen, der Fehlschläge und verpassten Chancen, der Leiden und Demütigungen. Sie zeigt aber auch, das sollte nicht vergessen werden, die verkannten Quellen der Kraft, die heruntergespielten Siege trotz aller Niederlagen, die missachtete Liebe oft gerade der Personen, die am schwersten beschuldigt werden. In der Tiefe des Unbewussten liegen Heil und Unheil nahe beieinander." (Pongratz 1983, 4) Die Beschäftigung mit der Psychologie war schon immer etwas Besonderes, weil sie einem kaum eine andere Wahl lässt, als sich um sich selbst zu kümmern. Alles Psychologische und erst recht alles Tiefenpsychologische handelt immer auch von einem selbst. Das schreckt viele ab. In den Naturwissenschaften ist es unüblich, als Bedingung des Studiums sich mit seinem Charakter auseinander zusetzen. Anders die Psychologie: Das Verständnis für Psychologie ist durchgehend gekoppelt an das Selbstverständnis. Das Studium der Psychologie stellt andere Anforderungen an den Adepten als das der Naturwissenschaften, aber sie sind gewiss nicht leichter. Ich möchte sogar meinen, es erfordert mehr Mut, sich mich sich selbst zu konfrontieren, als mit unpersönlichen Fakten umzugehen. Die Tiefenpsychologie ist eine universale Wissenschaft vom Menschen; es gibt nichts am Menschen, zu dem sie nicht originelle und aufklärende Beiträge geleistet hat. Tiefenpsychologisches Wissen hat psychohygienische Kraft und Wirksamkeit. Sie ist ein groß angelegter Angriff auf die Lügen, mit denen die Menschen leben und durch die sie krank werden. Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit verlangen einen entschiedenen Kampf gegen Verstellung und Täuschung. Die tiefenpsychologische Praxis geht daher darauf aus, den Kreis des Bewusstseins und des Wissens vom Menschen zu erweitern. Der Mensch, der sein eigenes Tun zu verstehen beginnt, gewinnt ihm gegenüber kritischen Abstand. Mit größerer Selbstkritik wird sich die starre Ichhaftigkeit abbauen, auch wird die Berücksichtigung der Realität größer. Ich habe mit wenigen Worten versucht, die tiefenpsychologischen Schulen in ihrer ungefähren Gemeinsamkeit zu skizzieren. In ihren Weiterentwicklungen ergaben sich oft gravierend andere Vorstellungen und Schwerpunktsetzungen, unter anderem weil sich gezeigt hatte, dass der Versuch, Neurose aus einem Punkt für die gesamte Menschheit zu erklären, nicht tragfähig ist. Es ist irreführend, zeitgebundene Erfahrungen als überhistorisch und weltweit gültig darzustellen, sagt Bruder-Bezzel (1983, S.114). Mit diesem Vorbehalt müssen wir heute an das alte Material herangehen. Andererseits wäre es übertrieben, die Vorstellung von einer Tiefe oder vom Unbewussten als (anti-materialistische) "Ideologie" abzutun, wie es Axel Krefting in Grubitzsch/Rexilius (1987, 1121-1124) tut. Es ist richtig, dass es sich um "Fiktionen" (im Sinne von Gedankengebäuden) handelt, aber sie erleichtern uns die Vorstellung von der Psyche erheblich. |