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Verdrängung Wer die Lehre von der Verdrängung versteht, hat - nach Sigmund Freud - bereits die halbe Psychoanalyse begriffen. Tatsächlich ist in diesem Theorem ein Grossteil der psychoanalytischen Konzepte enthalten. Verdrängung ist ein Thema, das unmittelbar ins Innerste der Tiefenpsychologie führt. Wie alle großen Erkenntnisse in Welt und Wissenschaft ist auch die Einsicht in die Verdrängung und das Unbewusste nicht durch einen einmaligen Erkenntnisakt ins Leben getreten. Die "Weisheit des Volkes" wusste seit jeher um die Tendenz im Menschen, Unangenehmes oder Überforderndes auszublenden. Dichter beschrieben in ihren Werken Beispiele von Verdrängungen. Philosophen wie Schopenhauer und Nietzsche beschäftigten sich in Aphorismen mit der Verdrängungsbereitschaft des Bewusstseins. Wissenschaftler wie Feuerbach und Marx stellten in Rechnung, dass untergründige Absichten und Einflüsse stärker sein können als der bewusste Wille. Erstmals einer breiten Analyse unterzogen wurde dieser Befund aber in der Psychoanalyse. Freud beobachtete die Verdrängungsarbeit des Ich in den Fehlleistungen, den Träumen, im Witz, in den Neurosen, den Perversionen, in der Dichtung und in anderen Künsten. Es gibt kaum einen seelischen und gesellschaftlichen Bereich, in dem Verdrängung nicht eine Rolle spielt. Mit Freuds ausgedehnten Untersuchungen wurde ein Anthropinon ins Licht gerückt, ein Wesensmerkmal des Menschen. Verdrängung ist dem Menschen eigentümlich und offenbar nie ganz aufhebbar. Daher ist man wohl berechtigt, die Verdrängungslehre mit einer philosophischen Menschenkunde in Beziehung zu setzen. Verdrängung ist nicht das einzige Verfahren des Ich, um Unerfreuliches in Schach zu halten, aber "sie ist etwas ganz Besonderes" (Freud 1937c, 81), nämlich ein Schutz, eine Auslassung, eine Lücke, ein Denkverbot mit weitreichenden Konsequenzen für das Individuum wie für die Kultur. Freuds früheste Beobachtungen. - Freuds Beobachtungsfeld um 1890 war die Hysterie, eine damals noch weitgehend ungeklärte Erkrankung vor allem von Frauen. Er bemühte sich, die innere Lebensgeschichte seiner Patientinnen zu verstehen. Dabei fiel ihm auf, welch große Erinnerungslücken bei ihnen bestanden und wie sehr sich die Patientinnen oftmals sträubten, über Ereignisse der jüngeren oder ferneren Vergangenheit zu sprechen. Er maß diesem Unvermögen eine Bedeutung für die Krankheitsentstehung zu. Aus der Beobachtung des Widerstandes in der Therapie ergab sich das theoretische Konzept der Verdrängung. Für ihn bestand kein Zweifel, dass Verdrängung ein pathogener, das heißt krankmachender Vorgang ist (Freud 1895d, 292). Was die Patientinnen nicht erinnern konnten, schienen sie in ihren Anfällen und Leidenszuständen zu durchleben. Ein Lehrsatz der frühen Psychoanalyse war: "Der Hysterische leidet größtenteils an Reminiszenzen." (Freud 1893a, 85), also an verborgenen Erinnerungen. Sie agiert Erfahrungen ihres Werdeganges, die sie eigentlich nur erinnern sollte. Freud arbeitete darauf hin, dass solche Erinnerung zustande kam. Dabei stieß er auf erheblichen Widerstand, sich früherer Eindrücke und Erlebnisse zu erinnern und diese auszusprechen. Das war offenbar kein Zufall, sondern eine Gesetzmäßigkeit in der Behandlung. Als Konsequenz aus dem, was ihm von seinen Patienten zugeflossen war, formulierte Freud die "goldene Regel" der psychoanalytischen Therapie: Die Patienten sollten wahrhaftig sein und dem Analytiker unzensiert alles erzählen, was ihnen in den Sinn kam. Im Grunde genommen ist die Regel der freien Assoziation die Aufforderung zu einer "Erziehung zur Wahrheit gegen sich selbst" (1916-1917a, 451). Daran schlossen sich eine Reihe von Frage an: Wer ist der Urheber oder das Subjekt der Verdrängung? Was wird verdrängt? Was ist der Unterschied von Verdrängen und Vergessen? Wie ist der Mechanismus des Verdrängens? Freud verbrachte mehrere Jahrzehnte damit, die Bedingungen des Verdrängens zu erhellen; immerhin handelte es sich, wie er selbst bekannte, um den Grundpfeiler seines Lehrgebäudes (1914d, 54). Freuds Theorie. - In Freuds Theorie ist in der Regel Verdrängung der Sonderfall eines allgemeineren Mechanismus namens Abwehr. Abwehr sind nach der Definition Freuds alle Techniken, deren sich das Ich bedient, um Konflikten mit dem Es, dem Über-Ich und der Welt auszuweichen (1926d; 117, 196); vor allem dienen Verdrängungen der Abwehr der "Triebansprüche" des Es. Vereinfacht kann man sagen, dass das Ich der Urheber der Verdrängung ist. Manchmal, jedoch nicht immer, fiel Freud auf, dass eine Verdrängung nur dann einsetzt, wenn sexuelle oder aggressive Triebe von Erziehungspersonen oder den gesellschaftlichen Normen bedroht oder missbilligt werden. Mit anderen Worten, auch das Überich in seiner Funktion als Gewissen unterstützt das Ich im Vorgang des Verdrängens. Nun ist aber das Überich nur eine "Stufe in der Person". Es bleibt für Freud dabei, dass das Zentrum des Verdrängungsvorgangs im Ich beziehungsweise im Individuum zu suchen ist. Das Wesen der Verdrängung bestand für Freud in der Abweisung und Fernhaltung entwerteter und peinlicher Vorstellungen vom Bewusstsein und in der Unterdrückung von Affekten. Genaugenommen werden also nicht Triebe und seelische Verletzungen verdrängt, sondern die damit verknüpften Vorstellungen, Gefühle und Bilder. Das Ich will von den peinlichen und schmerzlichen Erlebnissen nichts wissen und verbannt sie ins Unbewusste, wo sie zeitlos lagern. Das Unbewusste setzte Freud im Wesentlichen gleich mit der inneren Instanz des Es; hier brodeln die von den Eltern und der Gesellschaft missbilligten Triebe. Später erkannte er, dass das Unbewusste quer durch alle innerseelischen Instanzen geht; auch weite Bereiche von Ich und Überich können unbewusst sein. Ein "Zensor" verhindert, dass die schmerzlichen Erinnerungen zu sehr bewusst werden; stattdessen drängt nur ein Symptom oder ein Affekt an die Oberfläche, die unverstanden und rätselhaft bleiben, weil sie ja von dem zugrundeliegenden Geschehen abgekoppelt wurden. Verdrängung schafft demnach eine innere Zerrissenheit im Menschen, ein "inneres Ausland". Er ist, um ein berühmtes Wort von Freud aufzugreifen, "nicht mehr Herr im eigenen Haus". Die tieferen Antriebe und Motive bleiben einem oft unbekannt; viele Wünsche und Bedürfnisse können sich nur in entstellter Form dem Bewusstsein zeigen. Man flüchtet vor inneren Strebungen, man ist unehrlich gegen sich selbst und vertuscht Probleme, die man angehen und bewältigen müsste. Die Wirkung ist eine mehr oder minder starke Werdens- und Entwicklungshemmung (Freud 1898a, 515). Freud konzentrierte sich in seiner Arbeit über weite Strecken auf die innerpsychischen Mechanismen der Verdrängung; die Außeneinflüsse in Form von Erziehung und gesellschaftlichen Normen traten bei ihm zeitweise stark zurück. Das muss im folgenden berücksichtigt werden, wenn Freud auf der Suche nach den biologischen Wurzeln der Verdrängung auf die frühkindliche Amnesie (Gedächtnisverlust) stößt; die "Unbewusstheit" der ersten Lebensjahre und die vom Kind aus Angst verdrängten Gefühlsstürme und Erregungsmengen verstärken sich zu einem doppelten "Abhalten von Bewusstsein" (1905d, 76; 1915d; 1926d, 118), so dass man sagen kann, jeder Mensch wächst unvermeidlich mit Verdrängungen heran und unvermeidlicherweise weiß er davon nichts. Mit seinen Verdrängungen möchte das Kind "Ordnung in das Chaos bringen" (1937c, 72), das die Welt für es anfänglich bedeutet. Verdrängung ist also doch nicht nur pathologisch, vielmehr ist Verdrängung zunächst ein wichtiger Schutz- und Stabilitätsmechanismus (1910a, 21). Doch frühkindliche Verdrängung und Amnesie bereiten den Boden für alle späteren Bewusstseinsabspaltungen. Ein zweites Argument, warum nach Ansicht von Freund die Verdrängung eine ererbte Disposition sein muss, legte er mit der Theorie des Sexualtriebs vor, den er in orale, anale und phallische Partialtriebe aufteilte. Bei den Partialtrieben handelt es sich um Intentionen des Habenwollens, des Behaltenwollens, der Eigenständigkeit und Hingabe, der Aggression, der Zärtlichkeit und des Sexus. Je nachdem, welches Schicksal die Partialtriebe in der jeweiligen Entwicklungsphase erleiden, werden sie mehr oder weniger verdrängt. Eine gesunde Entwicklung stellte sich Freud so vor, dass die vorhergehende Entwicklungsstufen durch die nächstfolgende überlagert und in die weitere Entwicklung integriert wird. Die Libido kann beim Heranwachsen integriert oder brüchig, vereinheitlicht oder gespalten sein. Es ist wünschenswert, dass die Verdrängung nicht allzu viel Vital-Seelisches in die Verbannung weist. Ist es dem Ich nicht vergönnt, einen breiten und tiefen Kontakt mit seinen vital-leiblichen Bedürfnissen auszubilden, dann hängt es gleichsam in der Luft. Es wird asthenisch und kann nur überleben, wenn es Zonen der Triebhaftigkeit und andere wichtige Themen ängstlich ausklammert. Verdrängung ist neben diesem eher entwicklungsbiologischen Aspekt genauso gut und vielleicht sogar in stärkerem Masse Ergebnis einer repressiven, angstmachenden Erziehung, ohne dass Freud dies immer im Auge behalten hätte. Man muss hervorheben: Nicht jede Triebregung unterliegt einer Verdrängung, sondern jene, die mit einer Strafandrohung verknüpft sind. Verdrängung wird die gesamte Kindheit über trainiert, indem das Kind von den Eltern täglich geformt, seine Vitalität, seine Gefühle und sein Denken in Zucht genommen und an die Vorstellungen und Erfordernisse der engeren und weiteren Umgebung angepasst wird. Eine erdrückende Moral tue alles, schreibt Freud, um eine lebenslange "Nervosität" einzupflanzen und angepasste, genussunfähige, im Extremfall existenzunfähige Lebensängstliche zu produzieren. Wird bei der anpassenden Erziehung zu stark über die Bedürfnisse des jungen Menschen hinweggegangen, ist der daraus entstehende Status prekär. Denn sowohl das verleugnete Vitale wie auch das vernachlässigte "Weltliche" drängen darauf, anerkannt und gelebt werden. Darum lebt der zur Verdrängung Erzogene stets auf dem Qui-vive; das Verdrängte muss durch dauernde gedankliche Gegenbesetzung in Schach gehalten werden. Schon Schopenhauer hat beobachtet: Wer sich irgendeine Idee aus dem Kopf schlagen will, muss sich eine andere Idee fest einbilden, die die ursprüngliche "verdrängt". Und doch kommt das Verdrängte in Träumen, Fehlleistungen, Symptomen und Auffälligkeiten des Verhaltens in schwer durchschaubarer oder kurioser Gestalt ans Licht. Kann man es in die Normalsprache übersetzen, dann untersteht es nicht selten der freien Verfügungsgewalt der Person. Die Korrektur der Verdrängung besteht in Offenheit, Wahrhaftigkeit und in einer möglichst vernünftigen Verurteilung (Zurückweisung) oder aber Anerkennung des Verdrängten - und das Ziehen der Konsequenzen daraus. Allenfalls auf diese Art kann die Angst vermindert werden, die der Verdrängung sowohl vorausgeht, als auch ihr Ergebnis ist. (Freud 1916-1917c, 212) Freud sah also Verdrängung in erster Linie als angeboren und unvermeidlich an. Erst in zweiter Linie ist sie bei ihm Ergebnis falscher Erziehung und unsinniger gesellschaftlicher Werte. Des Weiteren ist hervorzuheben der Doppelcharakter der Verdrängung: Sie ist zunächst seelischer Schutz und erst später pathologisch. Ferner sah er es als unmöglich an, frei von Verdrängung zu sein, vielmehr soll Verdrängtes wieder in die freie Verfügungsgewalt der Person gestellt werden. Freud wurde aber zunehmend skeptischer, ob die Psychoanalyse in dieser Hinsicht viel leisten könne - die Widerstände gegen Veränderung und Gesundung seien einfach zu groß (1937c, 68 ff). Freuds Ausarbeitung zur Verdrängung ist unübertroffen, und doch sind einige Schwächen und Unklarheiten nicht zu übersehen. Die hauptsächlichen Begrenzungen der Freudschen Ansichten zu Widerstand und Verdrängung resultieren aus einer fehlenden Unterscheidung von Verdrängung im Kindes- und im Erwachsenenalter, aus einer mangelnden Unterscheidung zwischen gesunder und pathologischer Abwehr und aus einer fehlenden Unterscheidung zwischen neurotischer Verdrängung und bewusster Verdrängung als Heilerfolg. Nicht nur deswegen ist seit längerem eine Revision der Psychoanalyse im Gange, die Freuds Genialität anerkennt, einige seiner Befunde aber bezweifelt oder in neue Bezugsrahmen einordnet. Diese Arbeit begann mit Alfred Adler und der Individualpsychologie. Adlers Theorie. - Adlers Verdrängungslehre ist bei weitem nicht so ausgefeilt wie die Freuds und weicht auch von ihr ab, enthält aber doch gewisse Analogien. Beide Konzepte sind ja in unmittelbarer Nachbarschaft entstanden, als Adler zwischen 1902 und 1911 (neben Carl Jung) Freuds wichtigster Diskussionspartner und Mitstreiter war. Der Ausgangspunkt aller seelischen Bewegung ist für Adler das Minderwertigkeitsgefühl, von dem jeder mehr oder weniger etwas mit sich herumträgt. Ein Minderwertigkeitsgefühl ist steter Antrieb, mehr zu werden, als man ist. In einigen Fällen wird dieser Antrieb aber sozial fehlgeleitet oder versteigt sich zu einem ungesunden Geltungsstreben, das über andere triumphieren will (Adler 1966d (1927a), 71f). Das ist in wenigen Worten der genuine Beitrag Adlers zur Tiefenpsychologie. Auch Adler stellte sich das anfängliche Seelenleben des Kindes als eine Art Chaos vor. Vielerlei wogt durcheinander; aber schließlich entsteht ein herrschendes Vorstellungssystem, das sich um ein Ich-Ideal gruppiert. In diesem Ich-Ideal kristallisieren sich Ziele, Werte, Strebungen, Selbsteinschätzungen und Weltentwürfe. Dieses Ich- oder Persönlichkeitsideal braucht der Mensch als Orientierungsschema. Es wird ein Ziel für die Zukunft anvisiert, in welchem Gedanken der Größe, Macht, Sicherheit und Angstfreiheit vereinigt sind. Aus der Enge der Kindheitsverhältnisse strebt der Mensch hinaus zu einem Überlegenheitsziel, das mitunter in eine "Gottähnlichkeitsidee" einmündet (Adler 1972a, 70). Das Persönlichkeitsideal ist also die regulative Idee, mit der das Individuum mehr oder weniger bewusst alle Fakten und Begebenheiten des Daseins misst. Was zu diesem Ideal nicht passt, wird vergessen, verdrängt und ausgeblendet. Stolz und Eitelkeit sichern nach Adler die Unantastbarkeit der unrealistischen Größenfiktion. Sie hindern "den Nervösen" daran, ein "normaler Mensch" zu werden, der sich gleichberechtigt in den größeren Organismus der Gemeinschaft einfügt, deren Teil er ist. In der Weigerung, seelisch und körperlich gesund werden zu wollen, demonstriert der Neurotiker seine Überlegenheit über die Welt genauso wie über den Therapeuten. Um der Macht und der Bequemlichkeit willen ist fast jedermann geneigt, die eigenen Realitäten und die Realität als ganzes zu retuschieren, damit die persönliche Unantastbarkeit erhalten bleibt. Entscheidend kommt es darauf an, wie ruhig oder unruhig die Kindheitsentwicklung verläuft und wie das Kind von seinen Anlagen her darauf reagiert. Wer früh mit Ängsten und schweren Verunsicherungen zu kämpfen hatte, verkapselt sich eher und baut sich ein Sicherungssystem auf, das ihn abschirmen und stabilisieren soll. Aber man muss hierbei viele Brücken zur Welt und zu den Mitmenschen kappen. Wer zu stark auf Selbstschutz und Selbsterhöhung bedacht ist, kann nur noch eine Schmalspur-Existenz führen. Man verdrängt laut Adler nicht so sehr Innerseelisches und Sexuelles, sondern eher ganze Lebensbereiche und Weltbezirke. Wenn gesagt wird, dass alles verdrängt wird, was nicht in das Persönlichkeitsideal, die Lebenslinie und das fiktive Ziel passt, so kann darunter auch das gesellschaftlich "Positive" fallen, beispielsweise Eigenschaften wie Toleranz, Heiterkeit und Mitgefühl. Verdrängung ist nach Adler nur einer von vielen Kniffen des Ich, sein ausgeprägtes Überlegenheitsstreben durchzusetzen und seinen unbewussten neurotischen Lebensplan aufrechtzuerhalten. Sie zeigen sich äußerlich in allen Verhaltensweisen, die das Bürgertum als "unangebracht" oder als "Laster" bezeichnet: Verschlossenheit, Egoismus, Eitelkeit, Affektivität, Rache, Delinquenz, Prostitution, Gewalt usw. Adler versteht Neurose als einen sozial und kulturell verfehlten Versuch, sich aus einem Gefühl der Verkürztheit, der Minderwertigkeit zu befreien und einen Status der möglichst unantastbaren Überlegenheit zu gewinnen. Für Adler sind demnach Angst, Stolz, Rechthaberei und gelockerte soziale Verbundenheit die Motoren der Verdrängung. Mit der Ichhaftigkeit wächst der Pegel der Verdrängungsnotwendigkeit. Das Individuum "macht" dann immer wieder nur seine personcharakteristischen Erfahrungen und bleibt gegenüber konkurrierenden Lebens- und Gefühlserfahrungen verschlossen. Soll nun der Mensch über seine Verdrängungs-Dynamismen hinauswachsen, dann kann er dies nach Adler nur durch Abbau von Eitelkeit, Angst und "Lebenslügen"; das erfolgt in der Regel durch vermehrte Zuwendung zu den Mitmenschen, zu den sozialen Aufgaben und zur Realität überhaupt. Es gilt, Wahrhaftigkeit, Offenheit, Sozialität, Vernunft, Logik, Klugheit und viele andere sozial erwünschte Eigenheiten auszubilden etc. Der Mitmensch im eigentlichen Sinne des Wortes verzichtet auf "Plusmacherei" und Retuschierung des Selbstbildnisses; auf der Basis einer realistischen Selbsteinschätzung hat er kein starres und von Abwehr erfülltes Ich nötig. Auch bei Adler bleiben einige Fragen übrig. Es entsteht bei ihm der Eindruck, als hätten die Menschen informiert zu sein über die Aufgaben des Lebens und über die Anforderung der Sozilabilität. Ihre Verweigerung diesen Anforderungen gegenüber ist in Adlers Worten manchmal bloß Feigheit, Faulheit und Eitelkeit, dann wieder echtes Unvermögen. Man stößt hier auf eine zentrale Frage von Verdrängung: Kann ich etwas verdrängen, von dem ich nichts weiß? Kann ich in den sozialen Anforderungen versagen, wenn mir diese noch nie bewusst geworden sind, beispielsweise wegen einer unzureichenden Erziehung? Verdrängung kann offenbar auch aus mangelnder Bildung hervorwachsen, nicht nur aus mangelndem Gemeinschaftsgefühl. Das hat Adler zu wenig bedacht. Schultz-Henckes Theorie. - Freud wie Adler betonen, dass es die Eltern sind, die ihr eigenes, schon vorher von der Gesellschaft mitgeformtes Ich-Ideal an die Kinder weitergeben. Es ist also die Rolle der Eltern und die der Erziehung näher ins Auge zu fassen. Ein Autor, der sich genau auf der Schnittstelle zwischen Erziehung und Verdrängung bewegt, ist Harald Schultz-Hencke mit seinem 1940 erschienen Hauptwerk "Der gehemmte Mensch". Der Berliner Schultz-Hencke baute die gesamte Psychopathologie auf einer Theorie der menschlichen Antriebe (nicht "Triebe") und ihrer erziehungs- und kulturbedingten Hemmungen auf. In erster Linie werden expansive Strebungen und Impulse gehemmt, ferner die dazugehörigen Vorstellungen. Es liegt nahe, Verdrängung und Hemmung in enger Nachbarschaft zu sehen. Bei ihm ist der "gehemmte Mensch" weitgehend identisch mit dem verdrängenden Menschen, wobei ihm das Wort "gehemmt" im Bezug auf Impulse eindeutiger erschien als das "verdrängen" (1965; 59, 60). Schultz-Hencke beschrieb den Grundmechanismus der Verdrängung in der Kindheit mit folgenden Worten: "Ein ganz kleines Kind erlebt expansives Streben. Dieses gerät mit der Welt in Konflikt. Es verdrängt solch Streben und wird gehemmt." (1965, 91) Das bedeutet, dass man bei Hemmung beziehungsweise Verdrängung weder von Krankheit (Freud) noch von einem Irrtum (Adler) sprechen kann. Anders als bei Freud und Adler ist bei Schultz-Hencke die Hemmung ein Vorgang, der außerhalb jeder Absicht erfolgt. Es zeigt sich darin weder ein "Wille" des Kindes, wie Adler annahm, noch handelt es sich um einen quasi biologischen Vorgang, wie Freud meinte. Das kindliche Leben setzt sich laut Schultz-Hencke aus der Mischung verschiedenartiger Antriebe zusammen, die zur Bewältigung des Lebens ausgebildet werden müssen (naturbedingtes Haben und Behaltenwollen, ein Geltenwollen (aggressive Tendenz) sowie ein Drang nach Sexualität und Zärtlichkeit). Es ist die Aufgabe der Erziehung, diese Antriebe zu kultivieren. Alle genannten Antriebe können durch Angsteinwirkung frühzeitig blockiert oder gehemmt werden. (Das hatte auch Freud schon so gesehen in "Hemmung, Symptom und Angst" 1926). Stärkste Hemmungsfaktoren sind erzieherische Härte, Lieblosigkeit, mangelnde Resonanz und Verwöhnung, die das Kind einschüchtern, verunsichern, ihm seine Selbständigkeit nehmen oder aber seinen Trotz hervorrufen. Die Gehemmtheit kann durch viele kleine Bedrohungen durch die Erwachsenen oder auch durch einmalige, dramatische Traumen aufgebaut werden. Das Christentum mit seiner asketischen Moral hat an der Hemmung entscheidenden Anteil. Geringe Lebensfreude, mangelhafte Lebenstüchtigkeit, Kommunikationsarmut usw. werden an die Kinder weitergegeben. Aus diesem mangelhaften Lebensvollzug ergeben sich weitreichende Konsequenzen. Die Folgen der Verängstigung können sich ebenso in Passivität und Resignation, wie in aktiver Überdrehtheit des Kindes zeigen. Der außenstehende Beobachter wird dessen gewahr, indem er in der Lebensgeschichte und im Verhalten des Menschen merkliche Lücken entdeckt; dort, wo eine gesunde psychische Aktivität vorhanden sein sollte, ist eine Leere und ein Ausweichen oder eine Überaktivität. Der gehemmte Mensch ist nicht unbedingt ein stiller Mensch. Auf dem Boden der Gehemmtheit wachsen noch weitere Eigenschaften, und zwar mangelndes Können und Wissen, mangelhafte Arbeitstechnik, fehlende Mußefähigkeit, verringerte Selbst- und Menschenkenntnis, ungeschickter Umgang mit den Mitmenschen und vieles mehr. Schultz-Hencke erläutert alle traditionellen Laster von Habgier über Neid bis Jähzorn als überkompensierte Hemmungsphänomene (1965, 148 ff). Nur der verdrängte oder verstümmelte Antrieb neigt zu Hemmungslosigkeit und Exzessen. Das, was nach der Hemmung noch übrigbleibt, sind Bruchstücke von Antrieben, die vage im Bewusstsein schwimmen und die die Haltung eines Menschen "tönen". In besonderen Lebenssituationen wie Versuchungen oder Versagungen wird das Verdrängte evoziert und seine affektiven Bestandteile können durchbrechen. Gering ausgeprägte Expansivität ist noch keine Gehemmtheit für Schultz-Hencke. Ab welchem Intensitätsgrad der Umschlag in die Neurosen und in andere psychische Erkrankungen stattfindet, lässt sich nur anhand der Lebensgeschichte eruieren. Sie finden sich im Leben weniger gut zu Recht als jene, die ihre wesentlichen Antriebe mehr oder minder unverstellt und frei zum Vorschein bringen können. Weitere Hinweise sind Empfindsamkeit, Empfindlichkeit und Übersensibilität, die stärker ausgeprägt sind als bei den übrigen Menschen. Zum Thema Verdrängung haben sich noch viele weitere Autoren mit wertvollen Beiträgen zu Wort gemeldet, unter anderem Harry S. Sullivan und Medard Boss. Im Wesentlichen sind es Akzentuierungen bereits gehörter Punkte, deshalb sollen ein paar Sätze genügen. Sullivan leitet sein Verdrängungskonzept aus seiner "interpersonellen Psychiatrie" ab. Demnach ist der Mensch ganz und gar ein "zwischenmenschliches Wesen", dessen Dasein sich in Interaktion und Kommunikation abspielt. Das Kind soll sozialisiert werden, dazu braucht es die Annahme durch die Erzieher. Das Selbst ist sozusagen die Summe aller verinnerlichten Zustimmungen, die wir durch unsere Umwelt erhielten. Anderseits wird alles vom Selbst ausgeschlossen, was von maßgeblichen Personen missbilligt wird. Das Ich teilt sich in ein gutes Ich, das angenommen wird, und ein böses Ich, mit dem das Kind liebäugelt. Daneben aber gibt es noch Zonen des Nicht-Ich, das vom neurotisierten Individuum als wesensfremd zurückgewiesen wird. Je größer die Bereiche des Nicht-Ich sind, desto schwankender ist das Selbstgefühl des Menschen, der immer in der Nähe von Angst und Panik wohnt. Gewalthaft und zwanghaft wird versucht, das "gute Ich" aufrecht zu erhalten. Hier liegt die Basis für viele psychische und psychosomatische Erkrankungen. Der Schweizer Psychiater Medard Boss kam nach dem Krieg mit dem Existenzphilosophen Martin Heidegger in Kontakt, der ihn anregte, eine Psychologie auf der Basis der Daseinsanalyse zu formulieren. In diesem Rahmen wurde auch der Begriff der Verdrängung neu bestimmt (Boss 1975). Nach Heidegger ist das menschliche Dasein ein "In-der-Welt-Sein". Der Mensch ist immer schon "draußen in der Welt" und mit ihr ursprünglich verbunden. Dabei muss er sich mit dem, was ist, und mit sich selbst auseinandersetzen. Am sinnvollsten wäre es, wenn er infolge seiner ihm gegebenen Weltoffenheit sich frei und unbefangen jeglichem Thema zuwenden, dessen Sinn und Bedeutung wahrnehmen und dieses in seine Welt integrieren würde. Doch durch Erziehung und gesellschaftlichen Konformitätsdruck wird jeder dazu gedrängt, weite Bereiche der Wirklichkeit auszusparen. Verdrängung ist nun im Sinne der Daseinsanalytiker ein Nicht-Zulassen von dem, was den Menschen angeht und ihn bedrängt. Die Thesen von einem innerseelischen Unbewussten, von bösen Trieben und den seelischen Schichten innerhalb des Individuums sind für die Daseinsanalyse völlig überflüssig. Verdrängung ist hier ein Wegsehen und Fliehen vor bestimmten Sphären der Welt und der menschlichen Beziehungen, aber auch vor dem eigenen Leib und seinen Bedürfnissen. So lebt der Mensch mit einer Art "Verstümmelung", die ihm den freien und umfassenden Gebrauch seiner Kräfte und Fähigkeiten nicht erlaubt. Demnach ist das Verdrängen nicht eine innerpsychische Angelegenheit zwischen Trieb und Moral. Sie ist eine Verminderung der möglichen Weltoffenheit durch Scheuklappen, die uns schon in der Kindheit aufgesetzt werden. Des Weiteren sagt uns Boss, dass das Bewusstmachen von Verdrängtem nicht ein "Heraufholen aus der Tiefe" ist. Die Menschen wissen im Grunde, was sie nicht wahrhaben und nicht anerkennen wollen. Man muss sie nur darüber aufklären, welchen Sinn und welche Bedeutung diese verleugneten Wirklichkeitsanteile haben. Dann erst sind sie bereit, das, was sie bereits kennen, auch anzuerkennen. Bisher wurde Verdrängung aus der Sicht einiger ausgewählter Therapieschulen betrachtet. Zum Abschluss soll versucht werden, die Anthropologie der Verdrängung genauer ins Auge zu fassen und ihr Wesen zu benennen. Anthropologie der Verdrängung. - Freud beschrieb mit dem "Verdrängen" einen Modus von Bewusstseinsprozess, der zwischen erinnern und vergessen (im Sinne von absterben, verblassen) liegt. Er stellte damit eine neue Art des Vergessens vor, eine, deren Inhalte nicht eliminiert und dem Bewusstsein nur unter Mühen und mit bestimmten Verfahren zugänglich sind. Das Abspalten von Erinnerungen in Form des Verdrängens wird nur verständlich, wenn ein Unbewusstes angenommen wird. Das trifft auf das Vergessen offenbar nicht zu. Erstaunlicherweise beschäftigt sich kaum ein Autor mit den Unterschieden von vergessen und verdrängen. Mit Robert Heiss haben wir einen der wenigen Tiefenpsychologen, die sich des Themas annehmen. Die folgenden Gedanken sind von ihm mitgeprägt. So vergessen wir normalerweise nach längerer Zeit Dinge und Vorgänge, die 'erledigt' sind. Wir vergessen, was wir vor einem Monat an einem bestimmten Tage mittags 12 Uhr getan haben. Solches Vergessen ist offenbar ein notwendiges Vergessen, es ist im Prozess des weitergehenden Lebens jedenfalls unvermeidlich. Die Gründe dafür sind verschiedenartig. Sie liegen einmal in der Tatsache, dass das Bewusstsein als aktuelles sich verändert, entwickelt und in der Zeit wechselt. Sie liegen zum anderen aber darin, dass der aktuelle Bewusstseinszusammenhang gewisse psychische Tatbestände ausschließen muss, weil er auf andere konzentriert ist.Vergessen ist menschengemäß und -notwendig, indem nicht alle Dinge der Vergangenheit erinnert und nicht alle Dinge der Gegenwart aufgenommen werden können. Vergessen sondert lebensdienliche von den alltäglich-trivialen Erinnerungen (aber manchmal vergessen wir auch etwas für uns wichtiges). Ohne Vergessen wäre Gedächtnis ein statischer Speicher, ein "Papagei" und dummer Wiederholer. Offenbar ist das Gehirn nicht in der Lage, sämtliche Eindrücke zu verarbeiten und sämtliche Erinnerungen zu behalten; der Mensch muss in gewissem Umfange vergessen. Die Filter sind auch biologischer Art, beispielsweise werden Herzschlag, Atmung oder Temperaturregelung des Körpers in der Regel nicht an das Gehirn zur Kontrolle übermittelt. Diese Funktionen laufen unterbewusst ab, eben vielleicht aus dem Grund, die Sphäre des Bewusstseins nicht zu überlasten. Aus diesen Überlegungen heraus lässt sich das Spezifische des Bewusstseinszustandes des Vergessens im Verhältnis zum unbewussten Verdrängen folgendermaßen definieren: Erstens sind vergessene Dinge erledigt und abgetan; aus diesem Grunde fehlen zweitens dem Vergessen die Affekte des Peinlichen und Schmerzlichen; drittens hat Vergessen keine Abwehrfunktion; viertens sind die Folgen des Vergessens im Gegensatz zum Verdrängen relativ harmlos. Man wird eine gute Unterscheidung zwischen Vergessen und Verdrängen treffen können, indem man sagt: Etwas wird vergessen, weil es erledigt und unwichtig ist; verdrängt wird, weil etwas zu wichtig und unerledigt ist. Nachdem Vergessen von Verdrängen abgerenzt wurde, kehren wir noch einmal zum Vorgang des Verdrängens zurück: Erziehung kann traumatisch sein, wenn sie seelisch kränkt und verletzt, wenn die Eltern unempathisch, überfordert, ablehnend, verbietend, hemmend oder überbehütend sind. Persönliche Bedürfnisse und gesellschaftliche Anforderungen und Normen, die von den Eltern an das Kind herangetragen werden, können dann in einen kaum lösbaren Konflikt geraten. Erziehung wirkt bereits in einer Zeit, in der das Kind noch wenig versteht und behält und sich kaum wehren kann. Freud machte darauf aufmerksam, dass fast jede frühe Verdrängung auf einer Strafandrohung basiert. Sie kann aber auch auf Uninteressiertheit und Zurückweisung seitens der Eltern beruhen. Die Peinlichkeit oder Unerträglichkeit des Konflikts oder Traumas und der Wunsch, sich vor einer Verletzung der Ich-Integrität zu schützen, ist das unbewusste Motiv für den schwerwiegenden Akt der Verdrängung. Das Kind wächst nun heran, und damit ändert sich die Dynamik der Verdrängung. Vielleicht wurde es erzieherisch gezwungen, sich mehr, als guttut, zurückzunehmen, aber davon weiß es kaum etwas. Stattdessen hat es sich einen Schutzwall, einen ersten Panzer zugelegt. Aus Furcht vor einer "Minussituation" (wie es Adler nennt) treten kompensatorisch Geltungsdrang oder schüchterner Rückzug in den Vordergrund und ein unrealistisches Ich-Ideal wird verfolgt. Das Kind vermeidet die ihm schon bekannten Situationen des Tadels und des Schmerzes und legt sich ein eingeengtes Schema der Weltaneignung und Weltinterpretation zu. Nach Ansicht des amerikanischen Autors Ernest G. Schachtel werden dem kindlichen Ich ziemlich bald konventionelle und sozial akzeptierte Denk- und Erfahrungsmuster übergestülpt. Was das Kind selbst erlebt, ist für es weniger gültig als das, was die Umgebung ihm an Erlebnismodalitäten nahe legt. Es wird so eine rasche Anpassung an das gesellschaftliche Kollektiv erzwungen. Schon nach wenigen Jahren hat das Individuum fast alles Individuelle abgestreift und weiß von sich und seinen Erfahrungen nur das, was in die allgemeinen akzeptierten Klischees passt. Es werden jene Partien der Realität ausgeschaltet, die an die Welt der eigenen Bedürfnisse und der Gebundenheit an die Mitmenschen erinnern. Es bildet sich ein "verdrängender Lebensstil" heraus, dem alle seelischen Äußerungen und Handlungen unterliegen. Angenommen, dieser Prozess setzt sich über Jahre fort. Die erzieherisch eingeleitete Hemmung trifft jetzt auf eine neurotische, weil patriarchalische und machtbesessene Kultur (Adler) bzw. auf die "Verdrängungsmacht Kultur" (Freud). Innerlich auf Rückzug und Hemmung oder aber auf kompensatorischen Angriff eingestellt, kommen Verdrängungsanschübe von außen hinzu. Das Individuum kann dem Konformitätsdruck nicht mehr standhalten und kapselt sich ein. Es glaubt, sich mit Unehrlichkeit, Hochstapelei, Stolz, Eitelkeit und "Wille zum Schein" an die ebenfalls von tausend Unredlichkeiten durchsetzte Gesellschaft anpassen zu müssen. Innere und äußere Verdrängungsanforderungen verschmelzen und Ursache und Wirkung lassen sich kaum noch voneinander unterscheiden. Auch die Grenzen der Verdrängung aus Schutzbedürfnis und die neurotische Verdrängung verschwimmen. Musste anfangs seelischer Schmerz vermieden werden, so verfestigt sich Verdrängung im Laufe der Zeit zu einem Habitus, der praktisch alle Bereiche, die den Menschen angeht, von einer wohlwollenden Anteilnahme ausschließen kann. Schließlich verschwinden die Ursachen hinter den Ergebnissen. Die Folgen der Verdrängung sind vielfältig. Die Autoren nennen eine ganze Reihe von seelischen Bewegungen, vor allem Angst und Ängstlichkeit, Selbsttäuschung und Selbstentfremdung, Verschlossenheit, Starrheit und Stagnation, Affektivität (im Gegensatz zur Gefühlsentwicklung) sowie ein "Gottähnlichkeitsstreben", d.h eine Haltung der Unantastbarkeit und Unansprechbarkeit. Freud wollte uns mit seiner Erzählung vom homo erectus wohl mitteilen, dass ein Wesen, das aufrecht unter seinen Mitgeschöpfen einherwandelt, leicht zu Größenwahn verlockt wird. Der Leib und seine Kreatürlichkeit verfallen der Verachtung, denn sie erinnern an seine Endlichkeit und Erdgebundenheit. Warum das so ist, hat Friedrich Nietzsche lapidar in "Jenseits von Gut und Böse" zum Ausdruck gebracht: "Der Unterleib ist der Grund dafür, dass sich der Mensch nicht so leicht für einen Gott hält." Die Wirkung der Verdrängung ist aber noch umfassender. Sie schränkt das Bewusstsein und die Weltoffenheit ein, und damit die ursprünglich angelegte Tendenz im Menschen, zu wachsen und zu reifen. Freud konstatierte letztlich eine "Einbusse an aller freien Entfaltung der Seelenkräfte" (Freud 1898a, 515). Es entsteht "Furcht vor der Freiheit" (Fromm 1941) und Furcht vor Verantwortung (Künkel in Wexberg 1966, 460 ff). Die Unterdrückung, Heuchelei, Unwissenheit und Selbstentfremdung bringe kaum "energische, selbständige Männer der Tat oder originelle Denker, kühne Befreier und Reformer" hervor, "weit häufiger brave Schwächlinge, welche später in die große Masse eintauchen" (Freud 1908d, 160). Das Wesen der Verdrängung scheint letztlich eine Verfehlung des Selbst zu sein, die von außen angebahnt und später internalisiert wird. Der Schutz, den Verdrängung bietet, wird erkauft mit Selbstentfremdung. Jede Verminderung der Beziehungsfülle führt zu eine Verarmung des Selbstseins (Rattner 1993, 163). Die Autoren sind sich bewusst, dass sie damit nicht nur ein Phänomen beschrieben, das für den Einzelmenschen Gewicht hat. Auch die Menschheit als Ganzes bestreitet ihren Geisteshaushalt mit andauernden Verdrängungen. Die Idee der Verdrängung hat anthropologische Tragweite. Es ist etwas grundsätzlich Ängstliches in den Menschen, das sich gegen die Ausweitung und Änderung ihres Bewusstseinsfeldes wehrt, vor allem dann, wenn das bereits bestehende Denken Sicherheit und Angepasstheit zu gewährleisten scheint. Die Psychotherapie strebt eine aufgeklärte Menschheit an, die es wagt, den eigenen Seelenhaushalt ohne Illusion und Lebenslüge verstandesmäßig zu durchdringen. Sie will Scham, Ekel, Angst und die anderen Abwehrmechanismen abbauen; anstatt ängstlicher oder aggressiver Verdrängungsreaktionen soll die redliche Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der Welt treten. Man kann diese Forderung durchaus mit der berühmten Freudschen Formulierung umschreiben: "Wo Es war, soll Ich werden!" Somit zeigt sich, dass die Tiefenpsychologie nicht nur in den Bereich der medizinisch-psychologischen Heilkunde gehört, sondern auch zu einer emanzipatorischen Philosophie. |