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Zur Anthropologie des Widerstandes

 

1. Das frühe psychoanalytische Konzept - Die Begriffe Verdrängung und Widerstand hängen in der Tiefenpsychologie unmittelbar, ja fast unentwirrbar miteinander zusammen, und ein weiterer Begriff, der der Abwehr, scheint beide zu umfassen, doch ganz sicher ist das nicht. Wir müssen wieder hundert Jahre zurückgehen und Sigmund Freud in Wien besuchen, wo er gerade dabei ist, anhand der Behandlung sogenannter Hysterikerinnen - machtlosen Frauen mit auffälligen körperlichen Symptomen in einer patriarchalischen Gesellschaft - sein System der Psychoanalyse zu entwickeln. Vom historischen Ablauf her gesehen ist der Begriff des Widerstands im Verhältnis zur Verdrängung sogar der etwas ältere. Ihre Relation zueinander ist recht einfach zu beschreiben: Die Hysterikerinnen hatten Mühe (oder Unlust), sich wichtiger Begebenheiten ihres Lebens zu erinnern. Dieser Widerstand gegen das Erinnern und Aussprechen behinderte den Fortgang der Therapie und der seelischen Gesundung. Widerstand ist eine interpersonelle Aktion zum Schutz der innerpsychischen Verdrängung. Aus der Beobachtung des Widerstands entwickelte Freud die Theorie der Verdrängung.

Es zeigte sich schon bei diesen frühen psychoanalytischen Behandlungen, dass der Analysand kaum je dem Heilungswillen des Analytikers schlicht und geradlinig ein Geheiltwerdenwollen zur Seite stellt. Die Patientinnen hatten Angst davor, sich mit ihren Verdrängungen bzw. mit ihrem Unbewussten zu konfrontieren. Daher wählen sie viele Um- und Abwege, die den Fortgang der analytischen Kur sabotieren. Der Widerstand gegen die Genesung kann tausend Formen und Gestalten annehmen. Der Therapeut erlebt das üblicherweise als ein kontinuierliches Ringen mit seinem Gegenüber, das bis zum Ende der Therapie anhält. Freud schreibt: "Der Widerstand begleitet die Behandlung auf jedem Schritt; jeder einzelne Einfall, jeder Akt des Behandelten muss dem Widerstand Rechnung tragen, stellt sich also als ein Kompromiss aus den zur Genesung zielenden Kräften und den angeführten, ihr widerstrebenden, dar." (Zur Dynamik der Übertragung, Bd. VIII, S. 368)

Die Patienten holen aus dem Arsenal ihrer Vergangenheit alle Waffen hervor, mit denen sie die Psychotherapie und den Therapeuten hemmen können. Vor allem in der Phase der sog. "negativen Übertragung" schießen überall Widerstände ins Kraut. Widerstände zeigen sich zunächst und am deutlichsten gegenüber der Person des Therapeuten und seiner Therapie. Der Analytiker wird dann von seinem Klienten kritisiert und verkleinert. Mögliche Formen des Widerstands sind z.B. Versäumen von Therapiesitzungen, Zuspätkommen, Schweigen in der Sitzung, belangloses Herumreden, latentes oder manifestes Kampfverhalten usw. Die psychoanalytisch orientierte Therapieform konzentriert sich auf die Analyse dieser Widerstände und strebt ein schrittweises Bewusstwerden der verschiedenen Widerstandsmanifestationen und ein graduelles Aufgeben derselben an. Geschicklichkeit im Umgang mit Widerständen hielt Freud für die wichtigste Qualifikation eines Psychotherapeuten. Denn am schlecht behandelten Widerstand kann die psychoanalytische Behandlung scheitern.

Widerstände des Patienten müssen stets im Zusammenhang mit Verdrängungen gesehen werden. Will man hemmende Verdrängungen aufheben, dann kommt es zu einem Widerstand, das war Freuds frühe Erfahrung. Seiner Auffassung nach richtet sich Widerstand gegen das Bewusstwerden traumatischer Erlebnisse ebenso wie gegen unerwünschte Triebregungen und Konflikte. Der Patient wehrt sich gegen Deutungen und Hinweise, verschlechtert seine Beziehung zum Analytiker, wird widerspenstig und unhöflich und sabotiert unter Umständen die analytische Kur. "Wir heißen alle die Kräfte, die sich der Genesungsarbeit widersetzen, die 'Widerstände' des Kranken", definierte Freud (1926e, 254). Später sah Freud Widerstand nicht nur von innerpsychischen Quellen gespeist, sondern auch durch äußere Umstände hervorgerufen und verstärkt, beispielsweise durch die öffentliche Ablehnung der Psychoanalyse. Die psychoanalytische Schule fügte dann weitere Quellen von Widerstand hinzu (siehe Sandler/Dare/Holder 1979, 74 ff), darunter die Angst vor eigener Veränderung, die Angst vor Konflikten mit (Ehe-)Partnern, Familienmitgliedern und Freunden wegen der von der Psychoanalyse induzierten Veränderungen, Angst vor Verlust des zugewandten Analytikers, die Scham vor bestimmten Wünschen und Phantasien sowie die Faulheit, bequeme Neurotizismen aufzugeben.

In dieser Phase konnte sich Freud den Widerstand nur als neurotisch vorstellen: Warum nur sperrt sich der Patient gegen seine seelische Gesundung? Dafür gibt es viele Gründe, angefangen beim ungewohnten Setting, aber in letzter Konsequenz nahm Freud an, dass ein "Todestrieb" waltet; der Patient will nicht wirklich gesund werden. Bei Frauen käme noch der "Penisneid" hinzu, der es den Frauen verunmögliche, eine ernsthafte, selbständige Person zu werden; stattdessen würden sie sich immerzu in den Therapeuten verlieben. Und die Männer hätten eine unüberwindliche Abneigung dagegen, eine gleichberechtigte Beziehung zu einem anderen Mann (den Therapeuten) einzugehen. Sie könnten sich selbst von einem starken Gegenüber nie und nimmer etwas sagen lassen, was einen Heilungsfortschritt verunmögliche. So erklärte sich Freud die enormen Widerstände in seiner Therapie, was ihn zum Ende seines Lebens hin pessimistisch den Therapierfolgen der Psychoanalyse gegenüber werden ließ. Er und die frühe Psychoanalyse konnten sich gar nicht vorstellen, dass es auch sinnvollen Widerstand gibt, beispielsweise gegen uneinfühlsame, schweigsame oder überfordernde Therapeuten. Freud kam offenbar nicht wirklich auf die Idee, speziell die sexuellen Deutungen seiner Analyse könnten den Patienten unangemessen sein.

2. Das frühe individualpsychologische Konzept. - Eine Klärung der Vieldeutigkeit des Widerstands kann unseres Erachtens von Freuds Theorien allein kaum befriedigend geleistet werden. Wir müssen weitere Theorien heranziehen, um den Widerstand umfassender zu sehen. Alfred Adler beispielsweise sprach nicht ausdrücklich vom "Widerstand des Patienten", ließ aber keinen Zweifel daran, dass dessen Charakter der grundlegende Störfaktor des Therapiegeschehens sei. Die Individualpsychologie beschreibt mit der "tendenziösen Apperzeption" und der "Entwertungstendenz" zwei seelische Phänomene, die an Widerstand und Verdrängung erinnern.

Die tendenziöse Apperzeption, also das Betrachten der Welt und ihrer Menschen durch eine individuell gefärbte Brille, war für Adler eine Haupthindernis, sich vollumfänglich dem Leben hinzugeben. Der "Nervöse" nehme nur das an und hin, was in seine eingeschränkte Sichtweise passt. Der Rest wird verdrängt, ignoriert oder bekämpft. Dann dominieren Minderwertigkeitsaffekte und fehlkompensatorisches Geltungsstreben über das Sozialinteresse und den Realitätssinn.

Kein Wunder, dass auch der Therapeut hiermit zu tun bekommt. Widerstand werde nicht durch die Analyse geschaffen, meinte Adler, die Analyse sei die Arena, wo sich Widerstände offenbaren. Sie seien Wiederholungen alter Abwehrmaßnahmen, die der Patient bisher schon in seinem Leben praktizierte. Im Adlerschen Sinne äußert sich Widerstand als Feindseligkeit und Entwertung dem Arzt gegenüber, um das eigene prekäre Selbstwertgefühl zu erhöhen und den allgemeingültigen Lebensaufgaben auszuweichen. Auch die Individualpsychologie fahndete nach dem Kern des Widerstands und fand ihn im Sperren gegen die Einsicht, kein besserer (und schlechterer) Mensch zu sein als alle anderen auch. Aber Adler verweigerte den Nervösen die Sonderrolle, die sie gerne hätten, und verlangte von ihnen, weitgehend ungeachtet aller früheren Erlebnisse und Zurückweisungen den Weg der freundlichen und tatkräftigen Kooperation einzuschlagen.

Im Laufe der Zeit konnten Psychoanalyse und Individualpsychologie nicht daran vorbeisehen, dass Widerstand (wie schon Verdrängung) möglicherweise eine positive oder nützliche Seite haben möge. Die Psychoanalyse hob in ihrer Weiterentwicklung hervor, Widerstand, Abwehr und Verdrängung seien "unentbehrliche, allzu menschliche und allzu fehlbare Methoden der Bewältigung" von Lebensaufgaben in der frühen Kindheit (Gay 1989, 547). Abwehr sei ein sinnvoller Verteidigungsmechanismus des Kleinkindes gegen angstmachende Einflüsse und Teil eines Versuchs, das innere Gleichgewicht zu bewahren. Widerstand gewähre demnach Schutz und Krankheitsgewinn (aber eine wahrhaftige Lebensführung sei in jedem Falle vorzuziehen, da war sich Freud sicher).

Bei Adler erwachsen tendenziösen Apperzeption und Entwertungstendenz, also Verdrängung und Widerstand, aus einer neutralen anthropologischen Grundlage, indem sie eingeordnet wurden in ein Konzept, das Charakter und Psyche als notwendiges "Schutzorgan" gegen das Chaos des Lebens ansieht. Angriffs- und Sicherungsvorkehrungen gewährleisten den Bestand des menschlichen Organismus und seine Entwicklung. Fiktionen von sich und der Welt reichen immer gefährlich nahe an "tendenziöse Apperzeptionen" heran, erleichtern aber - flexibel angewandt - das Leben. Verdrängung und Widerstand sind in der frühen Individualpsychologie notwendige Folge des Minderwertigkeitsgefühls und des kompensierenden Persönlichkeitsideals. Sie haben wie in der Psychoanalyse eine stabilisierende Funktion, sie dienen der Aufrechterhaltung des seelischen Gleichgewichts. Im Grossen und Ganzen aber fand Adler den Widerstand der Analysanden schrecklich, und er warf ihnen vor, vor der "Front des Lebens" zurückzuweichen. Auch er konnte sich nicht vorstellen, dass seine oftmals schematischen Deutungen und sein etwas eindimensionales Bild vom Menschen Widerspruch hervorruft.

3. Daseinsanalyse und Anthropologie des Widerstands. - Deutet sich in Psychoanalyse und Individualpsychologie bereits ein differenziertes Herangehen an das Phänomen Widerstand an, ohne dass die gesunden Anteile wirklich in den Blick genommen werden, so bekommen wir mit der Daseinsanalyse eine Theorie an die Hand, die mitten in die Seinsverfassung des Menschen vorstößt. Namentlich Peter Seidmann hat sich des Phänomens aus ontologisch-anthropologischer Sicht angenommen und Widerstand als Grundkategorie menschlichen Seins beschrieben. Wenn die Frage nach der Anthropologie von Widerstand gestellt wird, ist man vor allem auf diesen Autor angewiesen.

Widerstand ist nach Seidmann Bestandteil des Denkens, des Handelns und der sozialen Interaktion. Er sieht Widerstand nicht als mit Neurose, sondern mit dem Leben an sich. Sinngemäß schreibt er: Ontologisch definiere sich jedes Dasein in Abgrenzung gegen das andere Dasein. Nur indem ich mich als jemand anderes ansehe, begreife ich mich als ein eigenes und eigenständiges Dasein. Indem ich mich als etwas Eigenes denke, bin ich jemand und bin ich nicht Nichts. Durch mein Sein weise ich das Nicht-Sein zurück. Indem ich bin, bin ich mit Lebenskräften ausgestattet, das heißt mit Widerstandskraft gegen das übermächtige Eindringen des anderen und gegen Beschädigung durch andere. Widerstand ist in diesem Zusammenhang nicht Auflehnung, Trotz und Revolte, sondern ein Strukturelement des Daseins. (Seidmann 1974, 200)

Widerstand ist ein Akt der Abgrenzung, der Negation, ein gewolltes Nein. Dieses grenzsetzende Nein steht ein Ja zum gewollten Ziel entgegen. Das Nein gegen das Nichts ist Seinsbejahung (Seidmann 1974, 253). Es droht Verlust der Integrität, wenn in den entscheidenden Momenten des Lebens nicht "Nein" gesagt werden darf: Nein zu Überforderungen, unangemessenen Ansprüchen anderer, Übergriffen der Eltern. Wer sich nicht abgrenzen darf und die Kunst der Abgrenzung verlernt, verliert seine Grenzen (Miller 1983, 106). Gesunder Widerstand ist notwendiger Widerstand gegen Barbarei, Diktatur, Tyrannei und Maßlosigkeit, sowohl innerpsychisch, als auch öffentlich. Das Gewissen ist für Seidmann Widerstand gegen Unrecht, Unmenschlichkeit und Asozialität. Zusammenfassend:

"Widerstand ist als ontologischer und anthropologischer Elementar-Aspekt ... zunächst weder gut noch böse, weder recht noch unrecht, sondern ein fundamentales Struktur- und Aktphänomen, das in der einen oder anderen Richtung gebraucht werden oder sich auswirken kann. ... Im Menschsein selbst liegt ein vor-ethisches, wenngleich ethisch eminent bedeutsames und zu ethisch relevanten Entscheidungen zwingendes resistentielles Potential. ... Der Mensch könnte sich nicht durch das Leben bewegen, ohne in adäquater Weise resistent zu sein." (Seidmann 1974, 252)

Seidmann stößt damit auf den Doppelcharakter der von Freud benannten innerpsychischen Zensur. Eine adäquate Zensur ist nötig für eine anthropologisch natürliche Ordnung, für ein gesundes inneres Gleichgewicht (Homöostase). Freud wollte die Zensur - man könnte auch sagen: Gewissen - ja nicht abschaffen, sondern mäßigen und anpassen. Mit anderen Worten: Das Ich soll vernünftig und besonnen werden. Heilung der Person hieße demnach "Wiederherstellung gesunder, adäquat funktionierender Widerstände in einer lebendig reagierenden und alle Konflikte flexibel verarbeitenden Person-Struktur, die von der Ausrichtung auf Vernunft, Besonnenheit und Entscheidungsfreiheit bestimmt ist." (Seidmann 1974, 130, 138/139)

Die widerständige Ablehnung von unerträglichen oder abträglichen Vorstellungen und Gegebenheiten gehört zu einem erheblichen Teil zur normalen Aufgabe eines starken Ich. Der gesunde Mensch soll ja auch Widerstand leisten gegen inadäquate Ansprüche des Es und des Überich sowie der Außenwelt. Das Ich bedarf also eines positiven, konstruktiven Widerstands, der die Stabilität des Ich mit gewährleistet.

Überlegungen zu einer Anthropologie des Widerstandes bringen das Problem mit sich, dass auch bewusstes Entscheiden und ruhiges Urteilen zur Bewältigung von Lebensproblemen in die tiefenpsychologische Kategorie "Widerstand" eingeordnet werden. Dieser Widerstand hat aber wenig mit dem in der Tiefenpsychologie benutzten Widerstand zu tun, der hier als Stockung und Störung des Heilungs- und Wachstumsprozesses in der Psychotherapie verstanden wird. Widerstand gegen Ungerechtigkeit, Zumutung, Zurücksetzung, Dummheit ist nicht Widerstand, was von Freud, Adler und anderen nicht immer gesehen und anerkannt wurde.

Schon allein der unterschiedliche Grad von Bewusstheit des Widerstands, von Charakter- und Symptomausformung beim selbstbewahrenden Widerständigen und beim Patienten weckt Zweifel, ob es berechtigt ist, beides unter demselben Begriff zu bringen. Widerstand ist offensichtlich relativ und bedarf der Adjektive, um adäquat bezeichnet zu werden. Der konstruktive (anthropologische) Widerstand muss vom politischen Widerstand und vom destruktiven (pathogenen) Widerstand in Alltag und in der besonderen Situation der Therapie unterschieden werden.

4. Wann kippt anthropologischer in pathologischen Widerstand um? Kein Mensch ist dagegen gefeit, sich am Widerstand der Realität gegen sein Dasein, aber auch am Widerstand seines Daseins gegen die Realität und an ihrem Zusammenprall irgendwann seelisch zu verletzen. Die sich daraus ergebenden Verletzungen drängen mehr oder weniger heftig nach ihrer Überwindung, Verarbeitung oder ihrem Ungeschehenmachen der damit verbundenen Schmerzen (Seidmann 1974, 278). Das Erleben von Schmerzen, Schwäche, Minderwertigkeit und Mangel gerade auch in der frühen Kindheit ist eine erschreckende und erschütternde Erfahrung. Das traumatisch erschütterte Selbstwertgefühl antwortet in der Fehlkompensation überschiessend, eigenmächtig und egozentrisch. Die Schrecken und Dunkelheiten dieser Verzweiflung verlangen nicht selten nach "Säuberung vom Bösen" und können zu kriminellen Handlungen, zur Neurose oder zu Wahnbildungen führen, wenn nicht genügend moralisch-seelische Widerstandskraft und Verarbeitung zusammen mit günstigen Umständen einen adäquaten Damm dagegen aufrichten (Seidmann 1974, 281). Schneider schreibt dazu:

"Was in der gesunden Person die Widerstandsfähigkeit in ihrer lebenserhaltenden Funktion ausmacht, gerät für den Symptomträger zum schützenden, aber auch verarmenden Wall gegen sich selbst und gegen sein Umfeld. ... Der Unterschied ist nur, dass im Gesunden die Ich-Grenzen pulsierend, flexibel und durchlässig sind, während diejenigen des Symptomträgers alle möglichen Verformungen aufweisen. Der Widerstand tritt, gemessen am Anlass, unverhältnismäßig früh, hektisch, übertrieben auf." (Schneider in: Petzold 1981; 241 und 246)

Die gesunden Widerstände, "die dem Menschen innere Sicherheit, Stabilität und eine freie Ordnung sichern", werden im erkrankten Menschen zu unvernünftigen, wahnhaften, konfusen, fanatischen Widerständen (Seidmann 1974, 138). "Die konstruktiven, lebensnotwendigen und hilfreichen Widerstände erweisen sich im neurotisch Kranken als infantil wirkende Trotzeinstellungen, als starre Fixierungen, als sture Verneinungen." (ebd., 131) Sie engen den Raum der Wahlfreiheit ein. Das Ich als Garant der seelischen Gesundheit und Ordnung wird überrannt, es kann die Anforderungen des Es und des Überich und den Druck der Realität nicht bewältigen.

Richtiger und falscher Widerstand findet sich in wechselnder Zusammensetzung in jedem Individuum.

5. Widerstand in der Psychotherapie und die Rolle des Klienten. - Die Möglichkeit eines "gesunden Widerstands" wird selten wirklich beachtet, meist kreisen die Gedanken um den quälenden pathogenen Widerstand in der psychotherapeutischen Praxis. Widerstand spielt in jedem Therapieverlauf eine herausragende Rolle. Die stete Berücksichtigung des Umstandes, dass es Widerstand gibt, gehört mit zu den Charakteristika der Tiefenpsychologie. Die Tiefenpsychologie hat ganz besonders mit Widerstand zu tun, weil es sich um ein tendenziell konfliktaufdeckendes, im Gegensatz zu eher stützende oder behaviorisch-konditionierende Verfahren, handelt. Das Gemeinsame der tiefenpsychologischen Schulen in der Therapie ist es unter anderem, den Patienten mit sich selbst zu konfrontieren, mit seinen Schwächen, Abwehrmechanismen, Verdrängungen, seiner Fassade, seiner "Persona" (Maske), mit seiner Trieb- und Ideenwelt, mit seiner Vergangenheit und seinen zukünftigen Möglichkeiten. Das langdauernde Gespräch mit dem empathischen Therapeuten - ob eher monologisch wie in der Psychoanalyse oder eher dialogisch wie in der Individualpsychologie - den Kern der psychotherapeutischen Leistung darstellt.

Widerstand wird insgesamt als hemmend und unerfreulich angesehen, obwohl der manifeste Widerstand (in welcher Form auch immer) einen goldenen Haken bereithält, an den der geschickte Therapeut anknüpfen kann. Neben der ontologisch-anthropologischen Sichtweise erhalten wir noch einen anderen interessanten Zugang, wenn wir den Standort wechseln: von dem des Therapeuten zu dem des Klienten. Versetzt man sich in die Position des Klienten, ist Widerstand nicht mehr nur eine ärgerliche Störung des Therapieverlaufs, sondern notwendige und sinnvolle Antwort auf die durch psychoanalytische Behandlung ausgelösten Gefühle und Erinnerungen. Mertens beschreibt anschaulich, welche Befriedigung der neurotische Mensch aus Widerstand, Vorurteil und Neurose ziehen kann. In einem fiktiven Selbstgespräch lässt er ihn sagen:

"'Warum sollte ich', so könnte sich z.B. ein Patient fragen, wenn er diese zumeist unbewussten Themen bewusst verbalisieren könnte, 'meine kindliche Grandezza, mein moralisches Überlegenheitsgefühl gegenüber meinen Eltern und meinem Therapeuten aufgeben, auch wenn mir dies häufig von meiner Umwelt als Arroganz oder als Rechthaberei angekreidet wird? Meinem Selbstwertgefühl tut es gut, wenn ich mich gegenüber meinen Mitmenschen überlegen fühlen kann. Warum sollte ich realisieren, dass andere Menschen auch moralisch handeln und mir darin ebenbürtig sind? Warum sollte ich auf die Lust verzichten, die es mir bereitet, wenn ich selbstgerecht auf die Schwächen anderer mit dem Finger zeigen kann? Was macht es schon, wenn wegen meines rigiden Kontrollbedürfnisses manche freundschaftliche Beziehung zerbrochen ist?' ... Aus dieser Patienten-Perspektive haben Widerstände eine nützliche Funktion." (Mertens 1991, Bd.3, 74/75)

Widerstand ist die dem Patienten aktuell bestmögliche Art, um ein subjektiv oder objektiv gegebenes Problem zu lösen - indem ihm ausgewichen wird (Schneider in Petzold 1981). Widerstände schützen das schwache und hinfällige Ich (aus der Sicht der Psychoanalyse, der Mertens angehört) gegen das möglicherweise als überwältigend erlebte Eindringen von unbewussten Phantasien und verdrängten Traumen, aus der Sicht der Individualpsychologie und der Daseinsanalyse gegen die Anforderungen des sozialen Lebens und dem leisen aber hartnäckigen Ruf, sich mehr den Mitmenschen und der Welt zu öffnen. Widerstände können somit auch vom erwachsenen und rationalen Ich des Patienten ausgehen. Er hat einen vordergründigen Stabilitätsgewinn davon, die bisherige Kohärenz seiner Persönlichkeit aufrechtzuerhalten.

Elisabeth Lukas meint deshalb sagen zu können, der Widerstand des Patienten müsse nicht unbedingt "gebrochen" werden, handelt es sich doch um eine "positive Kraft, die in richtiger Handhabung sogar zu dessen Heilung eingesetzt werden kann" (Lukas in Petzold 1981; 198, 191).

6. Widerstand in der Psychotherapie und die Rolle des Therapeuten. - Eine Auseinandersetzung mit einem weiteren wichtigen Aspekt, den Therapeutenfehlern, findet nur zögernd, doch zunehmend statt. Dabei müsste es den Therapeuten immer schon zu denken geben, wenn eine Therapie nicht vorankommt. In allen Schwierigkeiten der analytischen Kur muss der Therapeut fragen, ob er sie nicht zur Hauptsache verschuldet hat.

Freud war noch der Meinung, dass die unguten Gefühle des Analysanden gegenüber dem Analytiker ausschließlich auf dessen traurige Elternbeziehung zurückzuführen seien. Allerdings machte er am Rande auch schon darauf aufmerksam, dass Übertragungsprobleme dem Fehlverhalten des Therapeuten entspringen können. "Sie müssen den richtigen Moment abwarten, um dem Patienten Ihre Deutung mit Aussicht auf Erfolg mitzuteilen... Das ist die Sache eines Takts, der durch Erfahrung sehr verfeinert werden kann. Sie begehen einen schweren Fehler, wenn Sie etwa im Bestreben, die Analyse zu verkürzen, dem Patienten ihre Deutungen an den Kopf werfen, sobald Sie sie gefunden haben. Sie erzielen damit bei ihm Äußerungen von Widerstand, Ablehnung, Entrüstung, erreichen es aber nicht, dass sein Ich sich des Verdrängten bemächtigt." (Freud 1926e, Bd.14, 250)

Wenn Deutungen ungeschickt vorgebracht werden, wenn die Behandlung langweilig wird und stagniert, wenn der Analytiker in seinem Wesen karg und unfreundlich ist, dann sind Behandlungswiderstände verständlich, ja berechtigt. Wenn der Analytiker unkonzentriert ist, während der Analysestunde raucht, Patienten benutzt, um seine verdrängten Wünsche abzuladen, Regeln und Vorschriften nicht erklärt, Zweifel an seiner Verschwiegenheit aufkommen lässt, durchgängig kalt und streng ist, sich hinter dem undurchdringlichen Mantel des analytischen Schweigens verschanzt, grob, plump, feindselig oder misstrauisch ist oder andere tadelnswerte Züge an den Tag legt (Heisterkamp in Petzold 1981, 136), dann kann das beim Patienten realistische Enttäuschung, Verwirrung, Misstrauen oder Ablehnung hervorrufen (Mertens 1991, Bd.2, 221; mit weiteren Therapeutenfehlern). Interpretationen von Träumen und Symptomen können so skurril sein, dass sich der gesunde Menschenverstand dagegen sträubt (Lukas in Petzold 1981, 191).

Ein schwerwiegender Fehler ist eine nicht erkannte Gegenübertragung, wenn der Analytiker auf seinen Patienten so reagiert, als sei der Patient eine bedeutsame Person in der frühen Lebensgeschichte des Analytikers. Vom Therapeuten erwartet man theoretisches Wissen, Lebenserfahrung und Anleitung, aber er sollte nicht vergessen, dass er selber mit seinen ihm eigenen lebensstiltypischen Mustern und seinem Unbewussten eingebunden ist in das Interaktionsgeschehen. Auch der Therapeut hat eine tendenziöse Apperzeption. Dieses Schema ist wirksam im Therapeuten als Menschen; er behandelt den Patienten und also auch dessen Erlebnisinhalte gemäss seiner Lebenserfahrung (Sperber 1970, 217).

Der Therapeut läuft immer Gefahr, Widerstände als neurotisch zu diagnostizieren, um sich als unfehlbar darzustellen. Wolfgang Schmidbauer (1977) zeigt an vielen Beispielen, wie Therapeuten ihre eigenen Neurosen und Einseitigkeiten meist unbeabsichtigt in den Heilungsprozess einfließen lassen. Die Umgestaltung der Persönlichkeit des Analysanden kann dann leicht zu einer "Pseudopsychotherapie" ausarten (Heisterkamp in Petzold 1981, 137), zu einem Zermürbungskrieg zwischen zwei starrköpfigen, wütenden Menschen, die versuchen, einander eine Niederlage zu bereiten (vgl. z.B. Greenson 1981; 232, 282, 355ff). Fritz Riemann hat in seinem Buch "Grundformen helfender Partnerschaft" (München 1977 [1975]) Störungen der Therapeutenpersönlichkeit namhaft gemacht. So beschreibt er die typischen Probleme, die aus hysterischen, zwanghaften, depressiven oder schizoiden Strukturanteilen im Therapeutencharakter erwachsen. Nach Rattner sollte diese Typologie erweitert werden um den ängstlichen, den sexualgehemmten und den ungebildeten Therapeuten (Rattner 1988, 78f). Vielen Analytikern scheint es zu widerstreben, den Umstand zu akzeptieren, sie könnten nicht fähig seien, jeden beliebigen Patienten erfolgreich zu therapieren.

Ein weiterer Fehler ist es, den Widerstand des Analysanden nicht ernst zu nehmen. Es gehört zum Wesen der Übertragungsanalysen innerhalb der Psychoanalyse und der Individualpsychologie, das Verhalten des Patienten als Abwehr, als Liebeswerben oder als Machtmanipulation zu interpretieren, mit dem er frühkindliche Reaktionsformen wiederholt und auf den Analytiker anwendet. "In dieser Auffassung wird das Verhalten des Patienten im Sinne der Begegnung nicht ernst genommen, sondern als neurotisch oder infantil abgewertet." (Wyss 1977, 406f).

Roy Schafer (1982) kritisiert die "kämpferische Haltung" der Analytiker, die - angefangen bei Freud - den Widerstand als "Feind" betrachten und widerstehendes Verhalten mit "Davonlaufen", "Vermeiden" oder "Verstecken" (Adler, Greenson) umschreiben. Das Widerstandskonzept der Psychoanalyse und der Individualpsychologie verschaffe nur zu leicht eine bequeme Ausrede, wonach jedes Stocken oder Stillstehen dem Analysanden zur Last gelegt werden kann (Petzold 1981, 28f). Die Haltung von Individualpsychologie und Psychoanalyse, die dem Patienten die "Schuld" am Widerstand geben, reicht heute nicht mehr aus, sie muss vielmehr erweitert werden um die immer im Auge zu behaltende Möglichkeit, dass der Analytiker Fehler machen und berechtigten Widerstand hervorrufen kann.

Aber dieser moderne, skeptische Standpunkt wird sicher nicht das letzte Wort dazu sein. Widerstand richtet sich nicht nur gegen Zumutungen der Therapie und des Therapeuten, sondern gegen Veränderung und Heilung allgemein (vgl. z.B. Petzold 1981, 35), gegen Einsicht, Vernunft, Wahrhaftigkeit und Offenheit. Man hält dafür, dass Widerstände aufkommen, wenn der Analysand eine "Bewusstseinserweiterung" zulassen soll und dabei auf die Alarmsignale seiner Lebensangst und Charakterrigidität stößt. Die Therapie kann in Zonen der Patientenpersönlichkeit vorstoßen, wo schmerzliche Selbsterkenntnis und innere Wandlung unumgänglich werden. Die Kritik des Analysanden am Therapeuten oder der Therapie ist für sich genommen noch nicht die Wahrheit über einen therapeutischen Prozess. Insbesondere narzisstische Patienten suchen nach Möglichkeiten, den Therapeuten in die Rolle des Behandelten zu drängen und, wenn das nicht gelingt, nach irgendwelchen Gründen zu suchen, um die Therapie zu beenden - sei es, dass der Analytiker zu große Ohren hat oder die Möbel im Therapiezimmer nicht zusagen (Beispiele bei Ammon in Petzold 1981, 62f).

7. Außerpsychische Quellen des Widerstands. - Die Widerstandsthematik wäre unzureichend dargestellt, würden nicht auch die außerhalb der Therapie liegenden Momente berücksichtigt, die seit Freud zu den Erschwernissen der therapeutischen Arbeit zählen. Oft wird eine Ehe dadurch stark belastet: Wenn ein Patient sich verändert und der Partner starr an seinen Positionen festhält, zerbricht häufig das dynamische Gleichgewicht einer Ehe. Dann muss der Patient entweder auf persönliches Wachstum verzichten, oder er verzichtet nicht darauf und bringt seine Ehe in Gefahr. Von den Angehörigen des Patienten, die keine Änderung wünschten oder unliebsame Wahrheiten fürchten, können ebenfalls Widerstand gegen die Behandlung ausgehen.

Überhaupt ist die Psychoanalyse nach Freud eigener Meinung etwas so Seltsames und Ungewohntes, dass mit dem Widerstand einer spießbürgerlichen Gesellschaft zu rechnen ist. "Wie wir den einzelnen durch die Aufdeckung des in ihm Verdrängten zu unserem Feinde machen, so kann auch die Gesellschaft die rücksichtslose Bloßlegung ihrer Schäden und Unzulänglichkeiten nicht mit sympathischem Entgegenkommen beantworten; weil wir Illusionen zerstören, wirft man uns vor, dass wir die Ideale in Gefahr bringen." (1910d, 111) Mal abgesehen von der fragwürdigen Haltung, Analysanden als Gegner zu behandeln, was nicht gerade zum Abbau von Widerstand beiträgt, so hat bis heute allenfalls nur eine gebildete Mittelschicht ihre Bedenken gegen Psychotherapie aufgegeben.

Freud zählte in einer kurzen Arbeit aus dem Jahre 1925 noch weitere Gründe auf, warum die Gesellschaft im allgemeinen und Mediziner im Besonderen Vorbehalte gegen die Psychoanalyse haben: Die Fremdheit des Psychischen für den somatisch geschulten Arzt, der schwierige Begriff des "Unbewussten", die Betonung des Sexualtriebes, der in der abendländischen Kultur aus religiösen Gründen unterdrückt wurde, die Theorie der infantilen Sexualität und überhaupt die Kränkung durch eine Psychoanalyse, dei postuliert, dass der Mensch wegen seiner unbewussten Triebe "nicht Herr im eigenen Haus" ist. Einige Widerstände wirken noch heute, andere wurden aufgelöst, unter anderem, weil sich auch die Psychoanalyse wandelte und nicht mehr auf einigen ihrer abstrusen Theoreme beharrt.

8. Phänomenologie des Widerstands. - Schon mit Adler und erst recht in der neueren Literatur bahnt sich ein immer umfassenderes Verständnis von Widerstand an, der sich nun gegen alles in und um die Therapie richten kann: gegen Veränderung, gegen die Mittel und Ziele der Therapie, gegen Beeinflussung durch den Therapeuten, gegen den Therapeuten selbst, gegen Heilung und gegen Therapie schlechthin. Er kann bewusst, vorbewusst oder unbewusst sein (Mertens 1991, Bd.3, 75; ebenso Schafer 1982, 192). Er kann unbedeutend, marginal oder riesig sei (Greenson 1981; 49, 88, 90). Widerstand kann aktiv und passiv sein; besonders die aktiven Formen mit ihren Dramen, Leiden und Affekten können ein Leben ausfüllen. Die Scheinlebendigkeit stellt weiteren Krankheitsgewinn dar. Ohne dies wirkt ein Leben plötzlich leer und langweilig. Das "gleitende Spektrum" des Widerstandes (Ammon in Petzold 1981, 71) reicht vom konstruktiven Widerstand im oben beschriebenen Sinne bis hin zu Selbstmord. Der Mensch kann primitiv projizieren und kompliziert rationalisieren, er kann agieren und intellektualisieren, er kann schmerzhaft und lustvoll reagieren, er kann sich scheinbar ganz normal ebenso wie deutlich pathologisch gerieren, um eine Angst oder einen Schmerz abzuwehren.

Widerstand ist manchmal leicht, manchmal schwer zu erkennen. Es lassen sich gleichwohl einige auffällige Manifestationen benennen, die auf Widerstand hindeuten. Greenson schrieb vom Schweigen des Patienten, von der Unangemessenheit bestimmter Affekte in der jeweiligen Situation, dem Kleben an bestimmten Zeiträumen (beispielsweise der Kindheit), das Plaudern über triviale Erlebnisse, das Vermeiden bestimmter Themen, das Zuspätkommen, das Ausbleiben von Träumen, die Körperhaltung usw. (Greenson 1981, 72 ff) Form und Typus des Widerstandes können sich bei ein und demselben Patienten im Lauf der Analyse verändern. Die Vielheit der Möglichkeiten beinhaltet, dass jener, der Widerstand an anderen diagnostiziert, selbst im Widerstand befangen ist.

Mehrfach wurde versucht, Widerstände zu kategorisieren, mit mäßigem Erfolg. Wollte man alle Formen des Widerstandes in der Therapie aufzählen, entstünde eine Reihe ohne Ende. Das Fazit aller Schulen lautet heute: Jegliches Verhalten, Fühlen oder Denken kann im Laufe der Therapie Widerstandscharakter haben (Mertens 1991, Bd.3, 73f; Greenson 1981, 72). Es gibt "keine Aktivität, die sich nicht zum Zwecke des Widerstands missbrauchen ließe". Er ist allgegenwärtig. Es sollte keine vorschnelle Entscheidung darüber gefällt werden, was ein Widerstand, ein analytischer Fortschritt oder ein therapeutisches Bündnis ist.

9. Das Wesen des Widerstands. - Welches übergreifende Konzept von Widerstand ließe sich benennen? Eines der allgemeinsten Charakteristiken von Kranksein ist der Verlust von Weltbeziehungen. Was für somatische Erkrankungen gilt, findet sich analog in den seelischen Krankheiten: Der Mensch wird auf sich selbst zurückgeworfen, beschäftigt sich viel mit sich selbst, sein Aktionsradius ist ängstlich eingeengt und er sucht verstärkt Ruhe und Abgeschiedenheit. Bei allen Erkrankungen stellt der Rückzug ein notwendiges Durchgangsstadium zur Genesung dar; in der Psychosomatik und Neurose mit ihren langdauernden Erscheinungsbildern aber kann das Symptom zum Weltersatz werden; man gibt ihm jene Aufmerksamkeit und Zuwendung, die eigentlich der charakterlichen Erweiterung und den mitmenschlichen Beziehungen gelten sollten.

Ist dies richtig gesehen, handelt es sich beim Widerstand offenbar um einen "Mangel an Mut" (Adler), anders gesagt: um ein Resignationsphänomen. Der Patient hat sich mit seiner Neurose abgefunden und sich mit ihr leidlich im Leben eingerichtet (pathogene Homöostase). Soll er nun eine breitere Lebensperspektive zulassen, dann muss er sich mit vielen Aufgaben und Schwierigkeiten auseinandersetzen, vor denen er sich instinktiv und intensiv ängstigt. Er glaubt nicht recht daran, dass er ein rundes und volles Leben ertragen könnte. Hat er doch genug Versuche gemacht, Lebensschwierigkeiten zu lösen und verdrängte Lebensbereiche zu assimilieren; meistens mit mehr Misserfolg als Erfolg. Nur wenn ihm sein Therapeut Mut und Zuversicht einflössen kann, ist die Verdrängungsangst behebbar. Man muss hierbei gleichsam einem Angsthasen Tapferkeit beibringen; ein Nichtschwimmer soll ins tiefe Wasser gehen, ein Flüchtling zur Umkehr bewogen werden. Jeder Schritt der Widerstandsanalyse bekämpft zur Routine gewordene Resignation.

In allen drei Schulen schwingt das Thema der Erweiterung, der Totalisation mit. Es geht darum, im Annehmen der dunklen Seiten seiner Person, im Anpacken der konkreten Lebensaufgaben, in der Erweiterung seines Gefühls- und Handlungsrepertoires und dem gelassenen Umgang mit der Unendlichkeit der Welt eine Vollumfänglichkeit und Vervollkommnung anzustreben. Der Widerstand dagegen ist gewissermaßen Werdensangst und Werdensblockade. Der Widerstand des Patienten richtet sich selten gegen verdrängte sexuelle Triebe, sondern beruht auf allgemeiner Angst vor der Erweiterung des Weltentwurfs, vor prinzipiell möglicher Weltoffenheit und Wahrhaftigkeit. Sexualität kann ein solch ausgespartes Lebensfeld sein. Indem der Therapeut mit seinen Aufklärungen den neurotischen Lebensstil aufzudecken versucht, stellt er sich den Sicherungstendenzen und dem Überlegenheitsstreben entgegen und ruft damit Widerstand hervor.

Widerstand ist ein Sichwehren gegen jede Änderung in der Erscheinungswelt, die man sich konstruiert hat, insbesondere gegen jede Änderung, die den Umfang und der Vielseitigkeit dieser Welt und der eigenen Handlungen in ihr erweitert (Schafer 1982, 211). Widerstand ist Widerstand gegenüber neuen Reifungsschritten; schon bei Kindern zeigen sie sich, zuerst im "Fremdeln" (Réné Spitz). Diese Angst entsteht immer wieder im Laufe von Lernprozessen, wenn wir vor entscheidenden Schritten stehen: Berufswahl, Eheschließung, Kinderwunsch, Alternsprozess, Teamarbeit.

10. Auflösung des Widerstands. - Die Art der Therapie ergibt sich aus den theoretischen Vorannahmen und unterscheidet sich zwischen Psychoanalyse und Daseinsanalyse einerseits und Individualpsychologie andererseits. Die erstgenannten sind stärker zuhörende Therapierichtungen, während die Individualpsychologie eingreifender und dialogischer ist. Die Variationsbreite reicht vom streng passiven und schweigenden Zuhören des Analytikers (Greenson 1981; 112ff, 117) über aktive Interventionen und die an Verhaltenstherapie erinnernde Lebensbewältigung (Schmidt 1989, z.B. 227) bis hin zur ethischen Schulung des neurotisch Erkrankten durch den Therapeuten (Rattner 1988, 48ff). Auch innerhalb der Schulen sind die Differenzen beträchtlich (Wyss 1977, 170ff).

Aber alle Psychologieschulen gehen davon aus, dass die Behandlung nur auf der Basis einer guten Beziehung Therapeut-Analysand gelingt. Vertrauen ist die wichtigste Ingredienz. Dieses Verhältnis ist vielfältig gefährdet, zum Beispiel durch das Phänomen, dass Veränderung als Bedrohung erlebt wird. Die analytische Situation ruft Widerstand hervor, aber sie weckt im Patienten auch Neugier und den Wunsch zu lernen und den relativ wissenden und ungestörten Analytiker nachzuahmen. Der Patient solle lernen, seine neurotischen Operationen selbst zu erkennen und zu demaskieren. Die Wesensänderung kann immer nur Werk des Betroffenen selbst sein (Adler 1973a, 174). Die Hintergründe, die Richtung und das Ziel des Widerstandes sollen erforscht werden. Über die Verhaltensweisen und Gedanken des Patienten darf nicht gerichtet werden (Antoch 1981, 134f), was eine starke Selbstbeherrschung des Therapeuten voraussetzt. Adler betonte, sich als Therapeut nicht auf einen Kampf über die "richtigen" Wahrnehmungen, Gefühle und Handlungen einzulassen (Adler 1972a, 196). Doch soll der Therapeut durchaus auf die Irrtümer und die sich aus seinem Handeln und Denken ergebenden Folgen und Wirkungen aufmerksam machen.

Das Analysieren hat nach Greenson vier Schritte: erstens das Konfrontieren. Der Therapeut veranlasst den Patienten, sich der Tatsache zu stellen, dass er ein Thema vermeidet, dass er widerständig ist. Erst an der Reaktion - der fehlenden Expansion - des Patienten zeigt sich, ob Widerstand vorliegt oder nicht. Ist er interessiert? Kann er den Kopf wenden hin zu den Themen, die ihm der Therapeut zeigt? Oder hat er eine "Halsstarre" (wie Medard Boss es nennt)? Der zweite Schritt ist die Klärung, das scharfe Herausstellen des zu analysierenden psychischen Problems: Was genau wird vermieden? Der dritte Schritt ist die Deutung, die Verbalisierung eines unbewussten Phänomens. Wenn Einsicht wächst, folgt das Durcharbeiten, das ist die ausführliche Beschäftigung mit den Widerständen, aber jetzt in Zusammenarbeit mit einem nicht mehr ganz so widerständigen Patienten (Greenson 1981, 50-58). Treten bisher gemiedene Lebenssphären in den Blick, sollte das zurückblickende "Warum?" durch ein entwicklungsfreundliches "Warum nicht?" (Daseinsanalyse) und durch die Ermutigung zur Selbstentfaltung (Individualpsychologie) ergänzt werden.

Die Widerstandsanalyse ist, obwohl sie seit nunmehr 100 Jahren in unterschiedlicher Form praktiziert wird, mit großen Unsicherheiten behaftet, wie überhaupt kaum ein Punkt der Therapie heute unumstritten ist. Um den richtigen Weg in der Therapie und um ein adäquates Verstehen des Menschen muss weiter gerungen werden.