Stimmungen und Emotionen

 

1. Als eine der wichtigsten und weitreichendsten Funktionen des menschlichen Lebens gelten seit jeher die Stimmungen respektive die Verstimmungen. So hat beispielsweise schon Francois La Rochefoucauld (1613-1680) in seinen Maximen (1665) mehrmals betont, wie sehr all unsere täglichen Meinungen, Urteile und Handlungen von unseren Stimmungen und gleichzeitig unsere Stimmungen von den "kleinen Dingen des Alltags" abhängen und dominiert werden. Ähnlich nahm auch ein weiterer französischer Moralist, nämlich Vauvenargues (1715-1747) Stellung, der darauf hinwies, wie unsere Stimmungen unsere Wahrnehmungen (und damit unser gesamtes übriges Leben) tönen und auch verzerren können.

Doch was verstehen wir genau unter einer Stimmung oder einer Verstimmung? In den Wörterbüchern der Psychologie (sofern dort überhaupt darauf eingegangen wird) wird eine Stimmung als Gefühlslage und Gemütszustand eines Menschen beschrieben, die sein Erleben und Streben färbt und die je nach körperlicher und seelischer Verfassung wechseln kann. Eine disharmonische Stimmung wird als "Verstimmung" empfunden. Otto-Friedrich Bollnow (*1903) unterschied zwischen gehobenen und gedrückten beziehungsweise fröhlichen und traurigen Stimmungen. Das "Gestimmtsein" ist von größtem Einfluss auf das Verhalten, die Tätigkeit und den Gesamtausdruck des Menschen (Schischkoff 1991, 698).

2. Ein Begriff, der in die Nähe der Stimmungen zu passen scheint, ist der der Emotion. In Meyers Kleinem Lexikon Psychologie von 1986 wird Emotion definiert als subjektives Erleben von inneren wie äußeren Reizen zwischen den Polen angenehm und unangenehm sowie erregend und entspannend. Emotionen beeinflussen über das vegetative Nervensystem und die Hormondrüsen bestimmte Organfunktionen wie Herzschlag, Atmung und Durchblutung. Dieses äußerst knappen Hinweise treffen aber bei genauerer Überlegung genauso gut auf Gefühle und Affekte zu, so dass die psychologischen Wörterbücher unter dem Stichwort "Emotion" sehr rasch auf das Stichwort "Gefühl" verweisen, wo jedoch kaum etwas anderes steht, als was schon unter dem Stichwort Emotion abgehandelt wurde.

Im Alltagsverständnis ist Emotion nur ein Synonym für Gefühl. Das Sachbuch "Emotionale Intelligenz" des Amerikaners Daniel Goleman (München 1995) wirbt mit dem Slogan "Wer klug mit seinen Gefühlen umgeht, bringt es im Leben weiter." Der Begriff "Emotionale Intelligenz", den Goleman bei dem Psychologen Peter Salowey von der Yale-Universität entlehnt hat, steht für das, was man auch "Charakter" nennen könnte. Nur wer lerne, seine Gefühle wie Zorn, Trauer, Furcht oder Freude wahrzunehmen, sie als solche zu identifizieren und sie mit dem Verstand zu kontrollieren, ist ein emotional intelligenter Mensch - selbstbewusst, selbstbeherrscht, kompromissfähig und in der Lage, seine intellektuellen Fähigkeiten optimal zu nutzen. Die Beherrschung der Gefühle, die hier mit den Affekten gleichgesetzt werden, soll dem "emotional Intelligenten" einen Vorteil im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben sichern. Golemans Erkenntnis: "Etwas traditionell für irrational Gehaltenes wie Emotion hat einen elementaren Einfluss auf etwas so Pragmatisches wie Erfolg." Immerhin: Hätte die "Intelligenz der Gefühle" einen höheren Stellenwert, würden westliche Gesellschaften anders funktionieren: weniger borniert, weniger aggressiv, dafür toleranter und gesünder für die Menschen, die in ihnen leben.

Eric Hahn (Berlin) schlug vor, Emotionen als sichtbare Gefühlsbewegung am Menschen aufzufassen, im Gegensatz zu den innerpsychischen Gefühlen. Er ordnet die hier zur Debatte stehenden Begriffe folgendermaßen: Von außen kommen Reize und Einwirkungen aller Art, die durch die langwelligen Stimmungen gefiltert werden (Stimmungen und Verstimmungen als perzeptiver Filter), ehe sie innerpsychisch gewertet und "gefühlt" werden. Dringt das Ergebnis dieses Prozesses für andere sichtbar nach außen, handelt es sich um eine Emotion. Ist diese Emotion stark und zeitweilig dominierend, wird von Affekt gesprochen. Emotion tritt auf, wenn das Gefühl eine Disharmonie spürt oder sich in einem gestörten Gleichgewicht befindet; es drängt dann danach, handelnd die Homöostase wieder herzustellen. (Das kann aber auch rein durch Gedankenleistung erfolgen). Dieses Modell ist ein horizontales Flussdiagramm, im Gegensatz zu vertikalen Schichtenmodellen, das von anderen Autoren wie beispielsweise Bollnow bevorzugt wird, wo kurzfristige Gefühle auf einer Schicht der langanhaltenden Stimmungen aufliegen und Affekte die Spitze der Pyramide bilden.

Emotion und Stimmung, Gefühl und Affekt werden also oft gleichsinnig benutzt und eine Unterscheidung ist nicht leicht zu machen. Am wenigsten Fürsprecher zumindest im deutschen Sprachraum hat die "Emotion", auf die ich deshalb im Folgenden nicht mehr zurückkommen werde. Vielmehr gehe ich zunächst auf die Stimmungen ein, vor allem, weil sie das breitere und grundlegendere Phänomen zu sein scheint. In einer weiteren Vorlesung kommen die Gefühle und Affekte an die Reihe. Doch zunächst zu den Stimmungen.

3. Ein Philosoph, der sich umfassend und tiefschürfend mit dem Thema der Stimmungen aus der Sicht der phänomenologischen Anthropologie auseinandergesetzt hat, war der schon erwähnte Otto Friedrich Bollnow. In seinem Buch "Das Wesen der Stimmungen" (1956) bezeichnete er die Stimmung als "die unterste Schicht des seelischen Lebens", als "tragenden Grund der Seele". Die Welt, die uns begegnet, wird in der jeweiligen Stimmung "ausgelegt". Die Stimmungen grenzt er gegen die Gefühle ab, indem er sagt, dass Gefühle immer auf einen bestimmten Gegenstand intentional bezogen sind. Gefühle sind sozusagen gegenständlich: Jede Freude ist Freude über etwas, jede Hoffnung ist Hoffnung auf etwas und jede Liebe ist Liebe zu etwas. Die Stimmungen hingegen haben im System von Bollnow keinen bestimmten Gegenstand. Sie sind ein Zustand und bewirken eine Färbung des gesamten Daseins eines Individuums.

Furcht wäre demnach ein Gefühl, da man sich vor etwas fürchtet, während Bollnow die Angst zu den Stimmungen zählt, weil Ängstliche keinen bestimmten Gegenstand angeben können, der sie ängstigt. Es ist (wie bei Kierkegaard, Jaspers, Heidegger) die Unheimlichkeit des Daseins schlechthin, die in der Angst aufbricht. Oder ein anderes Beispiel: Freude über etwas unterscheidet sich von der Stimmung der Fröhlichkeit als einheitlicher Gesamtzustand, der "über den Menschen kommt". Gefühle sind also gerichtet, während Stimmungen ungerichtet sind. (Bollnow unterscheidet nicht Gefühl und Affekt.) Gefühle sind höhere Leistungen, die auf dem Lebensuntergrund der Stimmungen aufbauen. Die Stimmung ist sozusagen die Bass-Gruppe in einem Orchester, die Tempo und Rhythmus vorgeben, während die Gefühle die wechselnde Melodie machen. Aber Bollnow betont auch, dass trotz dieser grundsätzlichen Unterscheidung die Übergänge fließend sind und nicht immer angegeben werden kann, auf welcher Seite man sich gerade befindet. Dieser Einsicht werden wir wiederbegegnen, wenn festgestellt wird, dass auch Stimmungen intentional sein können.

Bollnow verwendet als Beispiele für Stimmungen und Verstimmungen Wörter, die wir heute nur noch selten heranziehen, was schade ist, da sie unser Gestimmtsein in vielen Nuancen wiedergeben können: Gram und Kummer, Glück und Zufriedenheit, Wehmut und Übermut, Schwermut, Gleichmut und Missmut sowie Trübsinn, Frohsinn oder Leichtsinn. Andere Stimmungen sind Unzufriedenheit, Ungeduld, Aufgeregtheit oder Freundlichkeit, sofern sie über lange Zeit das Lebensgefühl und das Erleben eines Menschen ausmachen. Viele dieser emotionalen Qualitäten wurden früher wie teilweise auch heute noch in ihrem Ursprung ins "Gemüt" eines Menschen verlegt, das für das "Gestimmtsein" oder die "Gestimmtheit" zuständig ist.

Bollnow ist im Besitz einer ganzen Reihe weiterer Begriffe, die auch mit unserem Stimmungs- und Gefühlsthema zu tun haben. Da gibt es die Laune, die einerseits die gute Laune bezeichnet, aber auch das wetterwendische Launische einer unbegründeten schlechten Laune. Die gehobene Stimmung kann sich steigern zu Seligkeit, Rausch und Ekstase, die gedrückte Stimmung in Verbitterung umschlagen. Die glücklichen Stimmungen schließen uns die Realität auf und sind eine Bedingung für das Schöpfertum, sagt Bollnow, während die Verstimmungen ein Zeichen dafür sind, dass der Zugang zu Glück, Liebe und Gemeinschaft verrammelt ist. Man sieht, wie haben es mit einem schillernden Gegenstand zu tun, dem die Vielfältigkeit des sprachlichen Ausdrucks durchaus entspricht.

4. In der Daseinsanalyse (M.Boss) und der Existenzphilosophie (M.Heidegger) wird die Stimmung Befindlichkeit genannt; als die bedeutendste und tiefste Grundgestimmtheit wird die Angst erkannt. Angst stellt sich ein, wenn die ungeheure Weite des Daseins, gegen das der einzelne Mensch ein Nichts ist, gespürt wird. Die Stimmungen repektive Befindlichkeiten gehören nach Ansicht der Daseinsanalyse zu den "tragenden Wesenszügen des Menschseins", das heißt, der Mensch trägt immer schon alle nur denkbaren Stimmungen in sich, aber ihre Ausprägung erhalten sie durch das aktuelle Weltverhältnis (Boss 1975, 237 ff). Unterschieden werden verschlossene Gestimmtheiten wie Angst, Langeweile oder Gleichgültigkeit, die abgegrenzt werden von der offenen, freien, hellen, "gelichteten" Stimmung (Boss 1975, 291). Affekte verschließen den Betroffenen von der Möglichkeit, Mitwelt zu vernehmen. In Begriffen wie "blinder Hass" oder "blinde Liebe" wird ausgedrückt, dass die Möglichkeiten des In-der-Welt-seins teilweise oder ganz verschlossen und "dunkel" sind. Eine wünschenswerte Gestimmtheit wäre "gelassene Heiterkeit", wobei heiter schon auf "hell" und damit auf "Gelichtetheit" und "Offenheit" hinweist. "Gelassen" wiederum heißt so viel wie, die Welt so zu erkennen, so zu "lassen", wie sie wirklich ist. Das gelte insbesondere für die Gewissheit des Todes (ebd., 295). In Heideggers Theorie ist die These enthalten, "dass alles Verstehen so oder anders gestimmt ist und dass wir stimmungsfrei gar nicht offen wären, überhaupt etwas zu vernehmen." (Boss 1982, 117) Die Stimmung trübt die Wahrnehmung und bestimmt Art und Grad der Offenheit gegenüber dem, was uns begegnet. Stimmungen sind quasi die Zensoren, die einen mehr oder weniger großen Teil der Weltmöglichkeiten Einlass in das Individuum gewährt.

Die meisten Affekte wurzeln in aktuellen oder permanenten Verstimmungen, die bis zur Zerrissenheit gehen können. Man versteht, dass eine Grundhaltung der heiteren Gelassenheit (Heidegger) angestrebt wird. Heiterkeit und Gelassenheit sind jedoch nur zwei aus einer größeren Anzahl von Stimmungen beziehungsweise Gefühlen. Wir nennen Fröhlichkeit, Wehmut, Niedergeschlagenheit, Zuversicht, Behagen oder Hoffnung. Mit einigen Ausnahmen (Sorge, Angst, Langeweile) werden sie in der Daseinsanalyse nicht systematisch auf ihre Bedeutung für Weltoffenheit und Wahrhaftigkeit hin untersucht, wie es überhaupt eine Gefühlstheorie in der Daseinsanalyse nicht zu geben scheint.

Es heißt in der Daseinsanalyse, dass wir ohne Stimmung gar nicht offen wären, überhaupt etwas zu vernehmen und zu bewerten. Es gibt aber die Stimmung der Ungestimmtheit beziehungsweise der Neutralität, auf die Heidegger und Bollnow hinweisen. In der Ungestimmtheit hat das Leben für uns Reiz und Interesse verloren, in der Neutralität verzichten wir darauf, eine Stellungnahme abzugeben. Ungestimmtheit kommt vielleicht besonders in der Depression vor, wenn die Welt von uns wie durch einen fahlen Nebel getrennt ist (die bedauernswerten Opfer der Depression sprechen vom "Gefühl der Gefühllosigkeit"), während Neutralität noch auf dem Boden einer grundsätzlichen Bereitschaft zum Sichwiedereinlassen steht. Auch die Langeweile drängt danach, das Interesse wieder an einen Gegenstand zu heften. Auch Ambivalenz könnte zu den Stimmungen gezählt werden; einige Autoren meinen, dass Ambivalenz die verbreitetste Haltung den Weltsachen gegenüber ist, weil alle Handlungen und Gedanken "multimotivational" und überdeterminiert sind - sie haben immer mehrere Ursprünge und Anlässe, die sich oft widersprechen.

Stimmungen (wie auch Verstimmungen), so können wir vorerst zusammenfassen, werden von vielen Psychologen und Philosophen als langfristige emotionale Tönungen aufgefasst, die entweder in uns oder zwischen uns und unserer Umwelt entstehen, von vielerlei (auch somatischen) Faktoren in ihrer Qualität beeinflusst werden, selbst relativ diffus sein, aber unser differenziertes Gefühlsleben bestimmen können und keine Intentionalität aufweisen.

5. Zu jenen seelischen Spezifitäten, die durch alle Lebensäußerungen hindurchgehen, können wir auch den bereits erwähnten Charakter zählen. Charakter - das Wort ist vom griechischen "das Geprägte" abgeleitet - ist auch gegen äußere Einflüsse relativ beharrlich und stetig. Charakter prägt Haltungen, Gesinnungen, Handlungen und macht den Kern der Persönlichkeit und ihrer Sittlichkeit aus. Philosophen wie Kant sehen in der "Einheit des Charakters" eine sittlich wünschenswerte Vollkommenheit. Es wird von einem Charakter auch dann gesprochen, wenn die in einem Individuum verwirklichten Werte gemeint sind. Wie die Stimmungen (und Verstimmungen) hat auch der Charakter etwas eigenes, doch während Stimmungen schon in frühen Jahren zu finden sind, wird Charakter erst im Ablauf des Lebens herausgebildet; je weiter das individuelle Leben voranschreitet, desto stärker. Charakter prägt Denken und Handeln, sind diese aber nicht selbst, weshalb Charakter nur ein Teil der Gesamtpersönlichkeit ist. Oder andersherum: Persönlichkeit ist mehr als der Charakter. Das Werden des Charakters wird von einigen Autoren eine mehr oder weniger bewusste Selbstformung zugeschrieben, während andere wie Sigmund Freud die Charakterentwicklung auf den Ablauf hereditärer Sexualtriebe und ihrer "Schicksale" zurückführen. Alfred Adler erkennt den Charakter als das Ergebnis des Ringens von (legitimem) Geltungs- und (verwerflichem) Machtstreben. Charakter ist in der Individualpsychologie ein sozialer Begriff; er ist die Summe der selbstgegebenen Antworten auf das Vorfindliche.

Die erste wissenschaftliche Systematik der Charakterkunde stammt von Ludwig Klages (1872-1956; "Die Grundlagen der Charakterkunde", 1926), wesentlich erweitert wurde sie von Philipp Lersch (1898-1972; "Der Aufbau des Charakters", 1938, veröffentlicht 1970 unter dem Titel "Der Aufbau der Person"). Lersch definiert - ganz analog der Daseinsanalyse - die Stimmungen als "Klangfarben speziell des Lebensgefühls", die dazu beitragen, dass wir Menschen unser Dasein überhaupt als solches erleben können, und die damit permanent - wenn auch in unterschiedlicher Tönung - vorhanden sein müssen, um unsere Wahrnehmung, unser Erleben, unser Denken und Fühlen möglich werden zu lassen. Anders aber als Heidegger, der das Gestimmt-Sein als einen Modus des In-der-Welt-Seins versteht, lässt Lersch die Stimmungen aus einem "endothymen Grund" und damit aus dem "Inneren" von uns Menschen entspringen. Mit dem endothymen Grund meint Lersch einen "Kern des Antriebs", der als Quelle von Trieben und Strebungen, von Drang oder Wille, Gestimmtheiten und Stimmungen, Gefühlen und Affekten gelten kann. Je mehr sich die "ausdehnungslose und ungegenständliche Mitte und Tiefe des endothymen Grundes" bemerkbar mache, desto weniger sei von einer Ausdifferenziertheit als Resultat des Weltkontakts eines Menschen auszugehen. Der endothyme Grund sei zwar nicht völlig unabhängig von den Ereignissen und Erlebnissen eines Menschen, befinde sich aber doch "innen" und generiere damit quasi ohne direkte Intentionalität die Farben und Töne, mit denen wir dann unsere Beziehungen zu den Mitmenschen und zur Welt modulieren.

Im Gegensatz zu den "psychosomatischen Gestimmtheiten" (wie Hunger, Durst, Sättigung, Müdigkeit, Behagen oder Unbehagen) schreibt Lersch den Stimmungen dabei ein Plus an "atmosphärischem Charakter" zu. Zwar schwingen etwa körperliche Frische in der Stimmung der Heiterkeit oder Mattigkeit in der Stimmung der Resignation mit und beeinflussen sie. Allein, die Stimmungen sind ihrem Wesen nach mehr einer seelischen denn einer leiblichen Schicht zugehörig.

6. Indem mittels des Charakters die "Welt der Werte" eingeführt wurde, bewegen wir uns auf die These zu, dass Stimmungen doch nicht ganz intentionslos sein können. Es ist Alfred Adler, der mit seiner Individualpsychologie diesen Gedanken nahe legt. Für Adler werden alle seelischen Äußerungen und Handlungen vom Band des sogenannten Lebensstils zusammengehalten; Lebensstil ist das Ganze, das die Teile bestimmt. Einzelne Handlungen mögen unvernünftig oder irrational erscheinen, über größere Lebenszeiträume oder in der jeweiligen Situation betrachtet ordnen sie sich in den geheimen Lebensplan des oder der Betreffenden ein. Adler definierte Lebensstil in der Regel negativ als ein eigensinnig und starr organisiertes Bezugssystem, das sich realitätsgemäßen Umbildungen widersetzt. Der Lebensstil ist nach seiner Erfahrung neurotisch und ein "kunstvoll arrangiertes Vermeidungssystem" (Heisterkamp in Petzold 1981, 123), das dem Patienten ermöglicht, den sozialen Forderungen an seine Kooperationsfähigkeit und sein Gemeinschaftsgefühl auszuweichen. In der "Wahl" eines Lebensstils fixieren wir uns. Der Mensch ist Gefangener seiner Vor- und Auswahl. Das ist ein wenig negativ gesehen und man fragt sich, ob es bei derart verbreitetem Neurotizismus überhaupt noch irgendwo Gemeinschaftsgefühl gibt. Adler übersah vielleicht, dass man auch mit Freundlichkeit und Zuwendung seinen "Lebensstil durchsetzen" kann. Man fragt sich jedenfalls, ob "Lebensstil" immer neurotisch sein muss.

Alfred Adler hatte mit Verve den Standpunkt vertreten, dass alles am menschlichen Seelenleben final und teleologisch, d.h. zielgerichtet sei, auch wenn diese Zielgerichtetheit häufig "unbewusst" und nicht so ohne weiteres in klare Gedanken zu fassen sei. Alles menschliche Streben und Trachten ist auf Ziele beispielsweise der Überlegenheit, des Machtzuwachses, der Sicherheit oder auch der Überwindung aller nur erdenklichen Minderwertigkeitsempfindungen hin angelegt. Egal, ob es sich um Denken, Fühlen, Urteilen, Wahrnehmen oder Handeln, um soziale oder kulturelle Leistungen, um Träume, Kindheitserinnerungen, Gestaltung der Sexualität, Affekte, Gefühle oder auch seelische und körperliche Symptome handelt - immer seien diese Äußerungen eines Menschen so zu verstehen, dass der einzelne damit die Position seiner Superiorität (im Vergleich zu anderen) sichern oder erreichen will.

Die Stimmungen nun werden von Adler als eine exquisite Methode betrachtet, sich selbst in eine emotionale Atmosphäre zu versetzen, die das Erreichen dieses Ziels auf eine ganz bestimmte Art und Weise (die sich dann im Lebensstil zeigt) möglich erscheinen lässt. Die Stimmungen versetzen das Individuum in einen Modus der Wahrnehmung, des Denkens und Fühlens, des Urteilens und davon ausgehend des Handelns, die allesamt letztlich seinen Lebensstil legitimieren und bestätigen, und die ihrerseits wieder von diesem Lebensstil mitunterhalten werden. Träume, Erinnerungen, gedankliche Assoziationen usw. sind für Adler damit Methoden, beim einzelnen jeweils unterschiedliche Stimmungsqualitäten entstehen zu lassen, die zusammen mit dem Lebensstil helfen sollen, die meist geheimen und unverstandenen Ziele und Horizonte des Individuums zu erreichen.

Dieser Gedanke lässt nun eine einfache Unterscheidung in Stimmungen und Verstimmungen plausibel erscheinen. Wenn Adlers Theorie richtig ist, dass alle emotionalen Phänomene der Perpetuierung unseres Lebensstils und somit auch unserer Pläne und Sehnsüchte nach Überlegenheit, Macht und Sicherheit dienen, dann können wir ein Individuum immer dann als "gut gestimmt" und "wohltemperiert" bezeichnen, wenn es mithilfe seiner emotionalen Tönung einen am Common sense, an Vernunft und Kultur und an der gesamten Menschheit orientierten Lebensstil bevorzugt und unterhält.

Auf der anderen Seite führen Verstimmungen häufig dazu, dass der einzelne zu Lebensbewegungen animiert und ermuntert wird, die als Abwendung von der Gemeinschaft und als Aktivitäten auf der "Unnützlichkeitsseite des Lebens" bezeichnet werden können. Vor allem der chronisch verstimmte Mensch verfolgt mit seiner emotionalen Tönung das meist unbewusste Ziel, seinen Rückzug von der "Front des Lebens" und seine Hinwendung zu privatistischen und narzisstischen Motiven vor sich und seiner Umwelt verständlich und "logisch" werden zu lassen.

Wenn wir uns fragen, wie denn ein gelangweilter oder hoffnungsloser Mensch seine Welt via emotionale "Magie" in seinem Erleben verändert hat, dann können wir wohl annehmen, dass mit Hilfe der Gefühlsansteckung die Dimensionen der Welt soweit verkleinert werden sollen, bis sie zur Verschlossenheit des verstimmten Menschen passend wirken. Je verschlossener ein Individuum ist, desto mehr wird es über seine Verstimmungen die Komplexität und den Aufforderungs-Charakter seiner Umwelt zu reduzieren, so dass der eigene Mangel an Offenheit und Weltzugewandtheit nicht mehr als Mangel, sondern vielmehr als einzig mögliche und adäquate Einstellung erlebt wird. Chronische Verstimmungen sind demnach immer Ausdruck einer grundlegenden Verschlossenheit eines Menschen, und gleichzeitig ermöglichen sie ihm, diese seine Einstellung zur Welt beizubehalten. Im Gegensatz dazu können lang anhaltende Stimmungen wie Heiterkeit, Gelassenheit, Zuversicht usw. immer als Anzeichen für die relative Weltoffenheit des betreffenden Individuums gewertet werden. Bei Tageslicht betrachtet wäre die Welt doch wertvoller und ein Engagement lohnender, als der Verstimmte dies in seiner Verschlossenheit wahrhaben möchte. Deshalb enthalten viele Verstimmungen die Qualitäten der Verdunkelung und Verdüsterung, der Trübung und der Diffusität, der Verfinsterung und der Schwarz-Grau-Malerei, der Einengung und der Kleinheit bis zur Kleinlichkeit. Konträr dazu können wir die Qualitäten von Stimmungen als Helligkeit und lichte Verhältnisse, Weite und Farbigkeit, relative Klarheit, Großzügigkeit und Weitläufigkeit beschreiben.

7. Wenn wir nun schon quasi untrennbar mit unseren Stimmungen verbunden bzw. selbst mehr oder minder unsere Stimmungen "sind", dann stellt sich die Frage, wie denn möglichst oft und langandauernd eine "gute Stimmung" erzeugt und erhalten werden kann. Bedenkt man nämlich alle die eben dargelegten möglichen Folgeerscheinungen von Stimmungen und Verstimmungen, muss das Problem, wie ein jeder seiner "eigenen Stimmung Schmied" werden kann, als zentral für die Gestaltung unseres Lebens, für Krankheit und Gesundheit oder für das Unglück oder Glück unserer Existenz bezeichnet werden.

Es besteht kein Zweifel, dass Stimmungen und Gefühle in Grenzen "manipulierbar", also gewollt veränderbar sind. Das muss nicht so hauruckmässig geschehen wie bei den Amerikanern, die sich mit dem Ruf "Think positive!" eine freundliche und zugewandte Haltung antrainieren, die uns manchmal etwas aufgesetzt erscheint und meist nur dazu dient, den Umsatz von Verkäufern und Verkäuferinnen anzukurbeln. Wir bevorzugen die etwas gemäßigtere Variante, in welcher man sich zum Beispiel ab und zu in Erinnerung ruft, was alles gut geht im Leben und was es Schönes und Erfreuliches gibt auf der Welt. Hilfreich ist dabei der Vergleich zu anderen Menschen, nicht nur mit denen in der Verwandtschaft, im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft, sondern auch in anderen Erdteilen; meist schneidet man nicht so schlecht ab und kann sich sagen, man habe ein Dach über den Kopf, zu essen und zu trinken, Freunde und ein einigermaßen gesichertes Einkommen. Gute Stimmung macht es auch, anderen (und gelegentlich auch sich) etwas Gutes zu tun, jemanden anrufen beispielsweise.

Wer seine Stimmung noch grundsätzlicher ändern und nicht nur kosmetisch behandeln möchte, dem sei empfohlen, seine Ausrichtungen, Ziele und Horizonte merklich zu ändern. Gefragt ist Metanoia, also eine möglichst tiefgreifende und ans Gemüt gehende Umwandlung von Einstellungen und Wertungen, von Idealen und Idolen, von Zielsetzungen und "höchsten Gütern". Gemeint ist, sich zu orientieren an und einzusetzen für Vernunft, Friedfertigkeit, sozialer und kultureller Beitragsleistung, Humanität und dialogischen Ausgleich, sich zu beteiligen an der Überwindung von Unterdrückung und patriarchalischer Gesinnung, von Hunger, Elend, Analphabetentum und Armut. Man wird nicht alles umsetzen können und sich etwas bescheiden müssen; es besteht ja die Gefahr, sich zu überfordern. Aber indem man von sich etwas mehr absieht und sich dem größeren Kreis der Kultur und ihren immer noch großen und ungelösten Problemen zuwendet, dokumentiert sich eine Offenheit, die wiederum Basis für eine gute Stimmung ist.

Bei diesem Prozess der Metanoia wird ein jeder, der sich auf ihn einlässt, die Erfahrung machen, dass einige Saiten seines Wesens nachgestimmt werden können, was insgesamt den Eindruck der Wohltemperiertheit entstehen lässt. In vielen Fällen ist ein derartiges Nachstimmen unserer Persönlichkeit nur zusammen mit einem Psychotherapeuten zu bewerkstelligen. Es soll jedoch nicht der Eindruck entstehen, eine unbedingt durchgängig gehobene und gute Stimmung sei erreichbar oder gar wünschenswert. Vielmehr wird uns die Erfahrung eines schlechten Gefühls, eines Problems, einer grüblerischen Stunde die gute Stimmung umso mehr genießen lassen. Dabei wird es aber darauf ankommen, klug mit schlechten Stimmungen umzugehen und sie nicht an Unbeteiligte "auszulassen". Sich ihnen rückhaltlos hinzugeben verschärft nur die Probleme, zu deren Lösung wir eigentlich aufgerufen sind. Aber der kluge Umgang mit schlechten Stimmungen, Erfahrungen und Affekten kann erlernt werden, möglicherweise wiederum zusammen mit einem Psychotherapeuten.

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