Affekte und Gefühle 

1. Im Gegensatz zu den eher sanften und langwelligen Stimmungen, die einen langfristigen und oft verborgenen Sinn für das Individuum haben, werden Affekte als starke und kurzfristige Gemütsbewegung bezeichnet, die das Erreichen eines kurzfristigen Zweckes intendieren. In der älteren Literatur werden Affekte auch als "Leidenschaften", manchmal sogar als "Laster" abgehandelt. Philosophische Autoren stimmten oft darin überein, im Affekt ein Übel zu sehen. Man sprach von der Notwendigkeit, Kontrolle über Affekte und Leidenschaften zu erringen, was ungefähr mit der Herrschaft der Vernunft identisch war. Vor allem die stoische Philosophie betonte das Pathologische an diesen Gemütszuständen; als wünschbar galt die sogenannte Ataraxie, d.h. die Meeresstille der Seele. Nur die affektfreie Psyche ist im Sinne der antiken Stoa edel und weise. Ihr höchstes Ideal war die Besonnenheit. Aristoteles und Thomas von Aquin wie auch die Psychoanalyse hingegen forderten nur das Gewahrwerden und die Mäßigung der Affekte. Die Renaissance wiederum entdeckte an den Affekten positive Seiten, nämlich eine Ausdruckskraft des Individuums. Noch heute wird überwiegend die Meinung vertreten, dass schöpferische Leistungen ohne starke Affekte nicht vollbracht werden können. Schriftsteller und andere Künstler sind jedoch in der Lage, ihre Affekte zu sublimieren. Wären sie nur in der eruptiven, hassenden und distanzschaffenden Affekthaltung verharrt, wären sie nicht in der Lage gewesen, ihren Gedanken kreativ Ausdruck zu verleihen.

Das Wort Affekt stammt aus dem Lateinischen und bedeutet etwa: Angetansein, Gereiztsein durch irgendeine Form der Beeinträchtigung. In den Affekten reagiert das Subjekt mehr oder minder stürmisch, kämpferisch, gekränkt oder leidenschaftlich auf die Umwelt. Affekte unterscheiden sich von den Leidenschaften (heißt es in Schischkoff 1991, 8) durch kürzere Dauer und geringere seelische Tiefe. Affekte werden als zum normalen Leben gehörend betrachtet in dem Sinne, dass Affektlosigkeit auf eine seelische Störung hindeutet. In gewissen Situationen werden bestimmte Affekte erwartet, genauso wie unangemessene Affekte abgelehnt werden. Affekte gänzlich zu unterdrücken, zu verdrängen oder zu negieren wird von der Tiefenpsychologie als auf Dauer krankmachend angesehen, ebenso wie dauernde und unangemessene Affekte auf tieferliegende seelische und soziale Probleme hinweisen.

2. Der mit am deutlichsten sichtbare und weit verbreitete Affekt ist vermutlich die Aggression. Als weitere Beispiele für Affekte werden genannt: Angst, Ehrgeiz, Eitelkeit, Neid, Eifersucht, Geiz, Ärger, Hass, Wut, Zorn, Melancholie, Scham und Ekel. Seltener schon werden auch Trauer, Überempfindlichkeit, Überforderung, Langeweile und Euphorie dazugerechnet. Es könnten auch noch Ungeduld, herabsetzende Ironie, Hohn und Polemik genannt werden.

Das allgemeinste Merkmal des Affekts ist es vielleicht, Mitmenschen zurückzustoßen und Situation vom Leib zu halten und abzuwehren, die irgendwie bedrängend, überfordernd und bedrohlich sind oder die den selbstgeschaffenen und nötigen Abstand zur Welt verschieben oder zu verschieben drohen. Affekte sollten deshalb ganz allgemein als "distanzschaffendes Manöver" bezeichnet werden.

3. Betrachten wir die Affekte zunächst phänomenologisch. Was fällt an ihnen auf? Affekte sind sowohl eine Verteidigungs- als auch eine Angriffshaltung. Sie können berechtigt und sie können unberechtigt sein. Manche Affekte sind aktiv, indes andere weitgehend passiv sind. Aber die Abwehr- und Kampfposition zur Beziehungswelt ist nach Meinung mancher Autoren (Fuchs/Greulich, Rattner, Danzer) gleichwohl stets vorhanden. Affekte gründen meistens in der Angst (Fuchs/Greulich 1991, 328), aber es lassen sich auch andere Motive wie Überforderung oder der Wunsch zu überwältigen namhaft machen. Sie werden bei ausreichender Anwendung aber auch von der blossen Gewohnheit aufrechterhalten. Manche Autorenglauben an konstitutionelle Unterschiede im Affekt- und Aktivitätshaushalt der Menschen (A.Adler). Andere wieder verweisen auf die jeweiligen Sozialisationserfahrungen, die die unterschiedlichen Reaktionsbereitschaften produzieren. Auf jeden Fall ist der Mensch im Affektzustand einer, der sich - zu Recht oder Unrecht - angegriffen, verletzt und beeinträchtigt fühlt und der seine subjektiv vertretenen oder objektive Werte sowie seine Interessen verletzt glaubt (sieht man von den Leidenschaften ab, die zu großen Taten befähigen). Darauf reagiert er gleichsam "überschiessend" mit Affekt-Produktion, die seinen Beziehungspersonen allemal zu schaffen macht. Affekte sind unangenehm und befremdlich für den, den es trifft. Die Umstehenden werden im Aggressionsaffekt eingeschüchtert und empfinden Furcht oder Mitleid. Man fühlt sich unwohl in der Nähe eines affektiven Menschen, aber es gibt auch Zeitgenossen, die Affekte mit Stärke und Vitalität verwechseln und die versuchen, mit im Glanz dieser vermeintlichen Stärke zu stehen. In der Regel ist es nicht möglich, in einer Affektsituation zu dem Affektierten vorzudringen und vernünftig mit ihm zu sprechen. Der affektgeladene Mensch jedoch erlebt zumindest eine innere Aufwertung, weil er sich verteidigt und mächtig auf andere einwirkt und sie in Schach halten kann.

Der Boden des Affekts ist neben der Angst die echte oder vermeindliche Ohnmacht, so dass im Affekt der Versuch durchbricht, Erlebnissen der Verkürztheit oder Unterlegenheit gewaltsam zu entfliehen oder sie in Überlegenheiten umzumünzen. Die Überempfindlichkeit kann als ein Zeichen für ein überspitztes Macht- und Unberührbarkeitsbedürfnis gewertet werden. Affektbereitschaften sind eine Vorwegnahme vermeintlicher und realer Kränkungen und sozialer Verkürzungen. Der Nutzen des Affekts liegt in einer momentanen Befreiung vom Druck der Welt, meist erkauft mit neuen und gesteigerten Schwierigkeiten.

Affekte können aber auch einen nützlichen und sogar gesundmachenden Effekt haben, wenn sie eingesetzt werden, um Kränkungen und Angriffe innerlich oder öffentlich zurückzuweisen oder zu verarbeiten oder wenn sie zur Klärung einer unguten Situation beitragen. Besonders wenn höhere Werte verletzt werden, kann ein reinigendes Donnerwetter klärend wirken, sofern der Kontrahent nicht "vernichtet" wird. Es kommt immer auf die Umstände an.

Affekte werden oftmals als "fremd" erlebt, seltener schon als dem Ich zugehörig und gewollt. Der Betreffende wird sich selten vollumfänglich für seinen Affekt verantwortlich fühlen. Er wird darauf verweisen, dass sich da irgendetwas in den Tiefen seines Leibes oder in der Weite der Welt zusammengebraut hat, wofür er nichts kann, worauf er aber reagieren muss. Andere wieder sprechen von der Eigenart ihres Temperaments, der angeborenen Leidenschaftlichkeit ihres Gemüts. Wieder andere verweisen auf ihre Dünnhäutigkeit und die böse Welt, die sie immer reizt und zur Raserei bringt. Jedenfalls möchte das Subjekt für seine affektiven Ausbrüche selten zuständig sein. Aber die genauere Untersuchung lehrt, dass die Affektivität nicht einfach aus dem Unbewussten kommt und den Menschen überfällt wie eine Naturgewalt, obwohl er es manchmal so empfindet. Irgendwo geniesst es das Individuum sogar, dass es sich unter Ausserachtlassung sozialer und sittlicher Schranken wild und willkürlich benehmen kann. Es gibt aber auch Menschen, die sich hinterher ihrer Affekte schämen.

Affektmenschen reagieren häufig unintelligent. Das liegt daran, dass ihr Verhalten in keiner Weise problemlösend ist. Es liegt ja oft (aber nicht immer) ein echtes Problem vor, wenn der Mensch in einen Affektzustand gerät. Anstatt diese Problematik jedoch produktiv zu überwachsen, regt sich der Affektträger auf. Es bedarf einiger Reife und Vernunft, um in Notlagen vom Suchen nach Sündenböcken abzusehen und sachliche Lösungen anzustreben. Dieses Verhalten wird insgesamt zu wenig geübt und praktiziert. Darum ist emotionale Intelligenz so selten, und die Affekte überwuchern das private und öffentliche Leben.

4. Manche Autoren haben hervorgehoben, dass im Affektzustand das Blickfeld des Menschen sich röhrenförmig verengt. Der Betroffene sieht nicht mehr die Gesamtsituation, sondern allein den Auslöser seines Affektes, auf den er geradezu zwanghaft reagiert. Er kann in diesem Moment von ihm nicht lassen. Sodann regrediert das Denken auf banale Schematismen und Gegensatzpaare. Für den seinen Affekten ausgelieferten Menschen gibt es nur schwarz und weiss, böse und gut, edel und gemein, hässlich und schön usw. Das aber ist die Optik der sozialen Vorurteile. Affektträger eignen sich vorzüglich zu Propagandisten und Repräsentanten der Vorurteilslogik. Sie haben auch die Disposition zur Paranoia, die auf dem Grunde der Vorurteilsmechanik liegt. Die Welt teilt sich auf in eine scharf abgegrenzte Ich-Welt und eine Andere-Welt. Die erste ist potentiell der Himmel, die zweite ganz reell die Hölle. Darum muss die verteufelte Gegenwelt mit allen Kräften bekämpft werden. Solange die Menschen zum Überwiegen der Affektregungen in ihrer Psyche erzogen werden, wird auch das Vorurteil, das zu den schlimmsten Gefahren des politischen und sozialen Lebens gehört, nicht eliminiert werden können.

Angst, Aggression und Hass ebenso wie Vorurteile scheinen in den Neurosen, den sexuellen Perversionen sowie in Sucht und Kriminalität eine wichtige Rolle zu spielen. Die phänomenologische Psychologie betont nachdrücklich, dass der sexuell gestörte Mensch letztlich eine "Zerstückelung der Liebeswirklichkeit" anstrebt. Es ist ihm nahezu unmöglich, sein "Liebesobjekt" als eine leib-seelische Ganzheit mit eigenen Rechten zu sehen. Die Daseinsanalyse (M.Boss, Gion Condrau) hingegen betont, dass auch Perverse und Kriminelle noch einen letzten Rest an authentischer Liebessehnsucht haben, an den es (in der Therapie) anzuknüpfen und den es auszubauen gilt. In Sucht und Kriminalität, die auf dem Boden eines pathologisch gesteigerten Affektlebens gedeihen, liegt jedenfalls ein destruktives Element; bei der Sucht dominiert die Selbstzerstörung, bei der Kriminalität ist die Schädigung anderer vordergründig. Diese Krankheitsphänomene verschwistern sich oft. Der Süchtige wird leicht kriminell, und der Kriminelle tendiert zur Suchtmittelabhängigkeit. Beide Krankheitsbilder enthüllen die Verzweiflung eines Subjekts, das mit der Wirklichkeit nicht zurandekommt und aufbricht, um ausserhalb der oder gegen die Realität des Sozialen zu leben.

5. Alfred Adler (1850-1937) hat die These vertreten, dass jede Affektregung von einer gefühlten Minderwertigkeit ausgeht und auf ein Machtziel hinstrebt. Nach Adler sind Affekte falsche Kompensationen von Minderwertigkeitsgefühlen (Adler 1966d, 41-42). Das ist für uns bei vielen der erwähnten Affektregungen durchaus einfühlbar. Der Ehrgeizige will andere übertrumpfen und ausstechen; der Eitle will ruhmbegierig im Mittelpunkt stehen; der Eifersüchtige bangt um das Geliebtwerden und will sich beim Partner in eine Ausschliesslichkeitsposition bringen; der Geizige sammelt Geld und empfindet dabei einen Abglanz von Allmacht; der Neidische sieht sich benachteiligt (oder den Beneideten im ungerechten Vorteil) und will den anderen möglichst viel wegnehmen; der Ängstliche sieht sich überall bedroht und entwickelt ein Panoptikum von Hilflosigkeitsgebärden und Notzuständen, die seine Angehörigen zu Rücksichtnahmen verpflichten; der Melancholische geht wie eine wandernde Anklage durch die Welt und verlangt nach Tröstung, die ihm niemand geben kann; der Scham- und Ekelpatient demonstriert unbewusst, dass er zu zart, zu gut und zu reinlich für diese grobe, böse und schmutzige Welt ist; und wer einen Wutanfall hat, verängstigt die Opfer seiner dramatischen Ausdrucksbewegungen, bis sie ihm das gewähren, was er durchsetzen will.

6. Bei Sigmund Freud existierte explizit keine Gefühls- bzw. Affekttheorie. Die Rolle der Affekte war ihm aber nicht entgangen. Schon 1889, bei der Behandlung von "Emmy von N.", fiel Freud auf, mit welch heftigen Affekten die Patienten ihre Erinnerungen würzte (Greenson 1981, 22). In der "Vorläufigen Mitteilung" (1893) berichteten Freud und Breuer, "dass die einzelnen hysterischen Symptome sogleich und ohne Wiederkehr verschwanden, wenn es gelungen war, die Erinnerung an den veranlassenden Vorgang zu voller Helligkeit zu erwecken, damit auch den begleitenden Affekt wachzurufen, und wenn dann der Kranke den Vorgang in möglichst ausführlicher Weise schilderte und dem Affekt Worte gab" (1893a, 85).

Die bedeutendste Kraft im Seelenleben sind bei Freud die Triebimpulse. Gefühle sind bei ihm lediglich aufgeschobene Triebe oder aggressionsgehemmte Triebreaktionen (Freud 1921c, 154f). Dieser Standpunkt ist oft bekämpft und widerlegt worden. Individualpsychologen, die Neo-Psychoanalyse, die Babyforschung, die Philosophie und sogar die Neurowissenschaften postulieren die Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit zumindest einiger Gefühle und Affekte (Fuchs/Greulich 1991, 357). Indem Freud die Notwendigkeit der Sublimierung betonte, deutete er an, dass er Triebimpulse und damit Affekte kritisch sieht. Wenn er von Triebaufschub und -verschiebung oder Sublimierung spricht, meinte er im Grunde Gefühlsentwicklung (Fuchs/Greulich 1991, 358; siehe auch Brunner u.a. 1995, 15f und 177ff; Rattner 1994, 109f).

In Freuds "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" werden Scham und Ekel als Schranken gegen ein ungezügeltes Triebleben und damit in einem weiteren Sinne als kulturfördernde Affekte benannt (1924d, 399). Dieses Diktum Freuds bestätigt die These vom Affekt als "distanzschaffendes Manöver". Scham und Ekel haben eine Bedeutung im gesunden Gefühlslebens ines Menschen, wenn sie nicht lediglich dazu benutzt werden, Sexualität bis zur Askese zu hemmen, sondern das sittlich-ethische Empfinden eines Menschen mitzuformen. "So ist z.B. Ekel vor Unredlichkeit und Korruption im gesellschaftlich-politischen Leben oder Scham über den Umstand, dass ein Teil der Menschen den anderen hungern lässt, wünschbares emotionales Reagieren. In diese Betrachtung gehören auch die Schriftsteller unseres Jahrhunderts, die unter dem Nationalsozialismus Angst, Trauer, Ekel, Scham und Empörung fühlten, aber nicht aus ichhaften und selbstischen Gründen, sondern aus politischer Hellsichtigkeit und einem tiefen Verantwortungsgefühl für die Mitmenschen. Ihre affektive Erregung wurde zur unerhörten Schubkraft für ihr dichterisches Werk. Wir müssen uns allerdings fragen, ob wir in diesem Zusammenhang nicht ebensogut von leidenschaftlichen Gefühlen sprechen können." (Fuchs/Greulich 1991, 333)

7. Eine der stärksten und problematischsten Affekte ist sicherlich die Aggression. Dieses Thema ist so umfassend, dass es hier nur mit ein paar Worten gestreift werden kann. Harald Schultz-Hencke ("Der gehemmte Mensch", 1940) geht von einem ganzen Spektrum von Antrieben aus, die er kaptativ (ergreifend), retentiv (behaltend), zärtlich, sexuell und eben auch aggressiv nennt. Es ist die vornehme Aufgabe der Erziehung, diese Antriebe zu kultivieren. Das "Aggressive" ist bei Schultz-Hencke ein antriebsfreundliches Herangehen an die Welt und ihre Aufgaben, was zu vielfältiger sprachlicher Verwirrung beigetragen hat. Denn es scheint sinnvoller zu sein, die Aggression ausschliesslich mit Destruktivität zu übersetzen, das entspricht unserem heutigen Sprachverständnis. Nach Jean-Paul Sartre findet in jedem Affektausbruch eine symbolische und manchmal tatsächliche "Weltzerstörung" statt ("Entwurf zur Theorie der Emotionen", 1937). Von der Destruktion zu unterscheiden wäre die "berechtigte Aggression", die nun aber wiederum besser mit "Zorn" bezeichnet wäre. Ferner wäre die nach aussen (fremdbestrafende Aggressivität) und nach innen gewendete Aggression (selbstbestrafende Destruktivität bis hin zur Selbstvernichtung) voneinander abzuheben, ebenso die kurzfristigen Affekte von einem habituellen Affektgebrauch. Mangelnde Hemmung von destruktiven Anteilen in Sexualität und Aggression sind nun freilich neurotisch und schädigend für Mensch und Mitmensch. Gefunden werden müsste ein Mittelweg zwischen Hemmungslosigkeit und Askese. Bei Sigmund Freud läuft dies auf eine Art bewusste Verdrängung unsozialer Triebe hinaus. Die Dämme gegen Triebe und Aggression sollten seiner Meinung nach durchaus anerkannt und aufrechterhalten werden, nur eben bewusster, zuverlässiger, flexibler und situationsangemessener.

8. Bei bestimmten Affekten gibt es gewisse Differenzen zwischen den Autoren. Während einige sie als durchgängig zerstörerisch ansehen (Spinoza), gewinnen andere den Affekten in gewissen Situationen etwas Positives ab (Agnes Heller). So darf ein Kind nicht alles essen, was es findet (Ekel), und es darf sich nicht in Lebensgefahr begeben (Angst). Ähnliches gilt für den Zorn. Es bleibt der Standpunkt bedenkenswert, dass der Mensch vielleicht doch auch einmal zornig werden und hassen muss, wenn hohe Werte und Menschenrechte verletzt werden. Andererseits lässt sich aus der Erfahrung sagen, dass das hohe Gefühl der Liebe nicht immer mit der Vernunft konform geht. In der "blinden Liebe" ist das Individuum nicht ganz zurechnungsfähig. "Das Gemüt kann nie zum Urteil taugen", heisst es in Shakespeares "Sommernachtstraum". Es gibt die selbstlose Liebe und die selbstsüchtige Eigenliebe, die Nächsten- und die Fernstenliebe, Liebe zu Menschen und Liebe zu moralischen Idealen. Viele Emotionen wie Unentschlossenheit, Verwirrung, Hilflosigkeit oder Ungeduld werden in der Literatur nur selten oder gar nicht berührt, wenn das Thema Affekt abgehandelt wird. Es gibt für Gefühle und Affekte keine allgemeinverbindlichen Definitionen (Grubitzsch/Rexilius 1987, 372). Die Vorstellung, alles müsse ohne Rest aufgehen, scheint angesichts der Widersprüchlichkeit und der Vielfalt des Menschen ohnehin eine Illusion.

9. Martin Dornes, der die psychoanalytische Theorie der frühkindlichen Entwicklung überprüft und anhand neuerer Ergebnisse der Säuglingsforschung teils verwirft, teils weitreichend revidiert ("Der kompetente Säugling", Frankfurt am Main 1993), führt aus, dass schon das Kleinstkind mit einigen Basisaffekten auf seine Umgebung reagiert: Freude, Interesse/Neugier, Überraschung, Ekel, Ärger, Traurigkeit, Furcht, Scham, Schuld (113). Der Begriff Basisaffekt scheint aus dem englischen "basic emotions" abgeleitet worden zu sein. Im übrigen wird von Dornes kein Unterschied zwischen Affekt und Gefühl gemacht. So heisst es beispielsweise, es ergebe sich aus der Säuglingsbeobachtung das Bild eines von Lebensbeginn an reichhaltig differenzierten "Gefühlslebens", andererseits sei nicht zu übersehen, dass der Säugling sozusagen mit seinem ganzen Körper und Verhalten spricht. Er reagiert sensomotorisch und nicht kognitiv, weshalb diese "hervorbrechenden" Emotionen eher als affektiv-eruptiv zu bezeichnen wären. Der Affektausdruck ist noch nicht sozialisiert, heisst es, doch schon im nächsten Satz wird fortgefahren: "Gefühle können noch nicht verborgen oder verdrängt werden." Auch benutzt Dornes die Vokabel "positive Affekte", wenn er Lächeln und freudiges Vokalisieren meint.

Insgesamt jedoch werden von Dornes Affekte keineswegs als unerwünscht angesehen, vielmehr als "paradigmatische Formen der Objektbeziehungsregulierung mit hohem Überlebenswert" bezeichnet (112). Die Ichentwicklung wird nicht mehr mit der Trieb-, sondern in erster Linie mit der Affektentwicklung in Zusammenhang gebracht, die Differenziertheit des Affektlebens ist von Geburt an gegeben. Mit Sicherheit werde die zukünftige psychoanalytische Affekttheorie von der Triebtheorie unabhängiger werden müssen als bisher (150). Andererseits werde weitergelten, dass dominante Gefühle und Affekte wie Liebe oder Hass, Toleranz oder Aggression direkt von der Zuneigung oder Abneigung abhängen, die dem Kleinkind entgegengebracht wurden. Das Gefühls- und Affektrepertoire im Pubertäts- und Erwachsenenalter wird dauerhaft geprägt vom Gefühlsklima im Elternhaus, in das selbst wiederum allgemeine gesellschaftliche Haltungen zu Gefühl und Affekt mit hineinspielen.

10. Wie schon weiter oben angedeutet, stehen Affekt und Vernunft in einem Gegensatz; Affekt ist der Gefühlszustand, der den Menschen überwältigt; er lässt keine Vernunftüberlegung aufkommen (Kant zit. bei Heiss 1984, 268). Das lässt sich von Gefühl und Vernunft nicht sagen. Wenn der Affekt eine exquisite Manifestation des unsozialen Macht- und Geltungsstrebens ist, muss er abgegrenzt werden vom Gefühl. Dieses ist grundsätzlich etwas anderes, meinen einige Autoren. Eine Unterscheidung wurde von Wundt, Jaspers, Kretschmer und anderen vorgenommen, wenn auch jeweils verschieden definiert. Affekt erscheint bei ihnen im Ganzen als eher kurzzeitige Aufwallung mit starker Motivationskraft und deutlichen körperlichen Begleiterscheinungen (roter Kopf, erhöhter Blutdruck etc.), während Gefühle beziehungsweise Stimmungen eine sanfte Grundlage des fliessenden Lebensvollzugs abgeben. Die meisten Affekte wurzeln in aktuellen oder permanenten Verstimmungen.

Ich folge der Unterscheidung von Fuchs/Greulich, wonach Gefühle positiv zu bewertende Seelenzustände sind, während Affekte "negative Gefühle" beziehungsweise "Abwesenheit von Gefühl" sind (Fuchs/Greulich 1991, 324 ff). Philosophen und Tiefenpsychologen sind übereinstimmend der Meinung, dass Neurosen mit "negativen Gefühlen" beziehungsweise Affekten verknüpft sind, während Gesundheit auf einer grundlegenden Liebesfähigkeit basiert und mit positiven Gefühlen einhergeht wie: Freundschaft, Solidarität, Freude, Heiterkeit, Zuneigung, Dankbarkeit, Mut, Treue, Grossherzigkeit, Barmherzigkeit, Mitleid und Toleranz. Die guten Gefühle reichen dabei je nach Standpunkt in den Bereich der Tugenden wie Sanftmut, Vitalität, Aktivität, Souveränität, Tüchtigkeit, Klugkeit, Selbstbestimmung, Einfachheit, Aufrichtigkeit, Mässigung, Gerechtigkeit und Wertbewusstsein hinein. Gute Gefühle und Tugenden sind nicht denkbar bei gleichzeitiger Feindseligkeit. Das Gute entfaltet sich erst in der Abwesenheit des Bösen. So dachte schon Adler, der Machtstreben komplementär zum Gemeinschaftsgefühl annahm.

Fuchs/Greulich schreiben nach der Auswertung der Gefühlstheorien von Spinoza, Max Scheler und Agnes Heller den Gefühlen eine grössere gestaltende Kraft als den Affekten zu. Gefühle verbinden den Menschen mit der Welt. In den Gefühlen fühlt sich der Mensch frei, die Welt scheint ihm offen, zugetan und voller Möglichkeiten. Ihnen haftet etwas Grosszügiges, Weltumspannendes an. Im Gefühl geht es um Beziehung, Solidarität und Kooperation. Gefühle sind sanftwellig und stetig. Mittelpunkt oder Ausgangspunkt des Gefühls ist die Liebe, verstanden als grundsätzliche wohlwollend-offene Zuwendungshaltung und Beeindruckbarkeit (Fuchs/Greulich 1991, 333). Umgekehrt ist bei Affekten der Freiheitsspielraum eingeengt; in ihnen droht der Kontakt zur Welt unterzugehen, gleichzeitig gehen sie aus einer Weltarmut hervor. Die Welt des Affektgeladenen ist klein, er primitivisiert die meist komplexen Verhältnisse. Im Affekt geht die Seele im Es-Impuls, d.h. im Körperlichen unter, Verstand und Vernunft treten zurück. Folgt man dieser Einteilung, müsste Adlers "Minderwertigkeitsgefühl" eigentlich "Minderwertigkeitsaffekt" heissen.

11. In den wechselnden historischen Zeitläufen standen jeweils andere Aspekte des Menschseins im Vordergrund: einmal die Vernunft, dann das Bewusstsein, dann wieder die Triebe und das Unbewusste, dann das Gefühl. C.P. Kuiper meint, dass derzeit das Gefühl keine Konjunktur hat (Grubitzsch/Rexilius 1987, 370ff). Ähnlich drückt sich Horst-Eberhard Richter in seinem Buch "Der Gotteskomplex" (1979) aus, wenn er speziell für Deutschland unter dem Eindruck der Nazi-Herrschaft von einer "Abspaltung des Gefühls" spricht. In einer noch weiteren Perspektive hat der Siegeszug der Naturwissenschaften und möglicherweise das aufklärerische Denken an sich jene Kräfte zum Durchbruch verholfen, die Emotionalität mit Hilfe der Intellektualität kontrollieren wollen. Wie anderes kommt uns hingegen die Romantik vor, wo der Mensch fast nur noch aus Gefühl zu bestehen schien, was nicht selten in Irrationalität umschlug. Die Künste freilich profitierten enorm von der Entdeckung der Empfindung und der Empfindsamkeit. Doch im Grossen und Ganzen dominiert seit 300 Jahren die technische Intelligenz, die Gefühl vor allem als Störfaktor empfindet. Die "Moderne" ist im Wesentlichen die Herrschaft von Rationalität und einer "kalten Vernunft". Dieser Epoche wird die Vernachlässigung des Gefühls vorgeworfen. Auf der anderen Seite finden wir am Ende des 20. Jahrhunderts als Reaktion darauf einen starken Trend zur "Spiritualität", der aber privat zu bleiben scheint (Grubitzsch/Rexilius 1987, 375).

12. Die Psychoanalyse hat es sich u.a. zum Ziel gesetzt, die Sexualität des Menschen sachlich zu erörtern und den Kampf gegen ihre Verdrängung und Verleugnung aufzunehmen. Sigmund Freud war der Meinung, dass die Kulturmenschheit unter ihrer Unehrlichkeit in sexuellen Dingen sehr zu leiden habe; das sei eine der wichtigsten Ursachen für seelische Störungen aller Art und für das weitverbreitete "Unbehagen in der Kultur". In der Rückschau auf hundert Jahre psychoanalytischer Theorie und Praxis wird man einräumen müssen, dass es Freud und seinen Schülern gelungen ist, viele Sexualtabus zu zerstören und eine gewisse Offenheit und Unbefangenheit in diesem Bereich zu etablieren. Aber merkwürdigerweise hat sich davon nur relativ wenig Nutzen für die seelische und sexuelle Gesundheit der Menschen gezeigt. Anstelle der gehemmten Puritaner des Viktorianischen Zeitalters sind die ungehemmten Genussmenschen der Konsumgesellschaft getreten, die zur Sexualität ein ähnlich gestörtes Verhältnis aufweisen wie ihre Grossväter und Grossmütter. Irgend etwas am psychoanalytischen Konzept scheint lückenhaft gewesen zu sein.

Nach unserer Ansicht hätte die Befreiung der Sexualität kombiniert sein müssen mit einer Erziehung der Gefühle. Nicht nur der Sexus ist beim Kulturmenschen unterentwickelt und verklemmt; noch mehr ist es das Gefühlsleben, und dieses entscheidet darüber, wie ein Mensch seine sexuelle Befriedigung sucht und gestaltet. Das war die Lehre von Alfred Adler, des ersten prominenten Freud-Kritikers, der in seiner Individualpsychologie eine wichtige Antithese und Alternative zur Psychoanalyse schuf.

13. Denn Adler war der strikten Meinung, dass die Gefühle zeitlich früher im Seelenleben konstituiert werden als die sexuelle Triebhaftigkeit. Im "Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes", so der Titel eines Aufsatzes von 1908 (in: 1973c, 63-66), sah er eine autonome seelische Regung, die bald nach der Geburt einsetzt und den Kontakt mit der Mutter herstellt. Im Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes manifestiere sich ein "Teil des angeborenen Gemeinschaftstrebens" (Adler 1972a, 66). Die Säuglingsforschung beschreibt, wie dieses Bedürfnis in Interaktionsformen Gestalt annimmt. Das Baby nimmt aktiv Beziehung auf, handelt den Interaktionsverlauf mit der Bezugsperson aus, bemüht sich um Wirkung und freut sich über den dabei auftretenden Erfolg. Es bleibt auch im späteren Leben so, dass das Bedürfnis nach annehmender und wohlwollender Interaktion in der Regel stärker und fundamentaler ist als der Wunsch nach triebhafter Abreaktion. In seiner Charakterlehre deklariert Adler, dass schon die Kinder jene Form von Triebverhalten "wählen", die ihrer allgemeinen Charakterbeschaffenheit entspricht. Nicht der Trieb fundiert den Charakter, sondern die Charakterstruktur bestimmt die vorherrschenden Triebmodalitäten. So liegt etwa der Schlüssel zu den sexuellen Anomalien des Erwachsenen nicht in speziellen Sexualtraumen der Kindheit, sondern in Defiziten und Defekten der frühen Charakterentwicklung.

Was ist nun im individualpsychologischen Sinne das Gefühl? Nach Adler ist es der "Dampf in der Maschine"; durch die Emotion wird der Mensch mit der Welt verflochten und engagiert sich in ihr. Hätten wir keine Gefühle und wären wir nur Ratio, dann würden wir relativ unbeteiligt die Welt betrachten und beurteilen. Handeln könnten wir in ihr nur in beschränkter Weise. Da wir aber Gefühle haben, werden wir dazu gedrängt, die Welt in uns hineinzunehmen und uns ihr hinzugeben. Jedes Gefühl ist daher ein Mittelding zwischen Freiheit und Unfreiheit. Das Gefühl lässt uns Ziele, Zwecke und Werte erkennen, und zwar in solcher Attraktivität, dass wir dazu animiert sind, diese zu realisieren. Gefühle sind die eigentlichen Motoren des Seelenlebens.

14. Auch die Phänomenologen haben sich gründlich mit der Gefühlswelt des Menschen auseinandergesetzt. Pionier in diesem Bereich war Max Scheler (1874-1928), der 1921 mit seinem Buch "Wesen und Formen der Sympathie" philosophische Grundlagenforschung bei diesem Thema betrieb. Die Phänomenologie fragt zunächst danach, worauf das Gefühl wesensmässig gerichtet ist (Intentionalität). Die Antwort lautet: Gefühle beziehen sich immer auf Werte. Das leitet über zur Frage, was denn ein Wert sei. In diesem Zusammenhang muss die sogenannte Wertphilosophie konsultiert werden.

Die Philosophen unterscheiden zwischen einer Welt der Tatsachen und einer Welt der Werte. Physische Naturerscheinungen weisen ein reales An-sich-Sein auf. Sie können wahrgenommen und beobachtet werden, wozu man Erkenntnis und Verstand braucht. Den geistigen Werten hingegen wird ein ideales An-sich-Sein zugeschrieben. Wertideen sind Produkte der Vernunft und des Sollens. Sie sind keine Naturerscheinungen, sie existieren geistig und können "nur" gedacht werden. Tatsachen nimmt man mit den Sinnesorganen wahr, Werte hingegen erkennt man nur mit dem Gefühl; indem sie wahrgenommen werden, erhalten sie erst eine komplette Existenz. Je gefühlsreicher ein Mensch ist, um so mehr ist er im Wertekosmos beheimatet. Und er wird dabei entdecken, dass es eine Hierarchie der Werte gibt, mit niederen, hohen und höchsten Werten. Nicolai Hartmann (1882-1950) ist der Meinung, dass die Menschheit seit ihren Anfängen Entdeckungen im Wertekosmos macht. Hartmann verlangte und entwickelte eine materiale Wertethik, die den Sinn und Inhalt des "Guten" zu ermitteln und im Leben zur Erscheinung zu bringen sucht. Wenn gesagt wird, dass es die Liebe ist, die den Menschen wertsichtig macht, dann ist die selbstlose "Anderenliebe" und die leidenschaftliche und opferbereite Liebe zu moralischen Idealen gemeint. Das muss klar sein, wenn es heisst, "Liebe und Wert sind immer einander zugeordnet", denn es gibt auch verquere Vorstellungen von Liebe und niedere Werte (wie beispielswesie die "Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft auf dem Weltmarkt").

Scheler war einer der wichtigsten Vertreter der Wertethik, d.h. er billigte den Werten eine Art von selbständigem Sein zu und behauptete, dass sie mit hoher Gewissheit erfasst werden können. Werte betrachtete er nicht als Gegenstände vernünftiger Einsicht, sondern als Inhalte des Fühlens. Dem Gefühl schrieb er folglich Erkenntnisbedeutung zu: Im Fühlen werden Werte erfasst. Das Gefühl erschliesse nicht nur einzelne Werte, sondern auch die Wertordnung, deren objektiver Charakter eine zuverlässige Orientierung in moralischen Entscheidungen ermöglicht. Fühlen war ihm eine a priori gegebene Fähigkeit; die Werterfahrung war ihm noch ursprünglicher als die Dingerfahrung. Scheler hat sogar gesagt, dass es möglich ist, durch wachsende Werterkenntnis "sich selbst hinaufzulieben". Er ging nämlich von einer Hierarchie der Werte aus, deren Basis die Werte des sinnlich Angenehmen sind; der nächsthöheren Stufe gehören die vitalen Werte an, denen wiederum die geistigen und religiösen Werte übergeordnet sind. Der erfühlte höhere Wertbereich hebt auf ein höheres Niveau. Nimmt man die These von der erkennenden Liebe an, dann wird durch die Liebe die Welt reicher, bunter, schöner und verlockender. Der Liebende schlägt die Brücke nicht nur zu den höheren Werten, sondern auch zum Du und damit zur gesamten Wirklichkeit. Gefühle verflechten uns mit der Wirklichkeit.

Ähnlich steht es mit der Freude. Auch sie ist keine reduktive Haltung, sondern durchwegs produktiv. Sartre selbst sagt, dass Freude "die Erkenntnis der Freiheit durch sich selbst" sei. Während uns der Affekt unfrei macht, erweitern die Gefühle den Freiheitsspielraum der menschlichen Persönlichkeit. Das hat übrigens schon Spinoza (1632-1677) im 17. Jahrhundert ganz deutlich gesehen, wie man in seiner "Ethik" (1677) nachlesen kann. Dort gibt es die wichtige Formulierung, dass der Philosoph die Freude (und damit meint er auch die Liebe) als ein Zeichen dafür ansieht, dass der Mensch innerlich "vollkommener" wird. Gefühl gibt eine Art Auftrieb für die Persönlichkeit. Das Gefühl erhebt uns über die Niederungen des Alltäglichen und führt uns in neue Dimensionen der Freiheit. Fühlend arbeiten wir an unserer Selbstvervollkommnung wie auch an der Perfektion der Welt. Kein Zweifel: Die Bestimmung des Menschen besteht darin, sich als ein Gefühlswesen zu verwirklichen. Alles, was gross ist im Menschen, ist im Gefühlsreichtum verankert. Während die wohlverstandene Liebe die Werthaltigkeit der Welt vermehrt, hat der Hass die Tendenz, Werte zu vernichten. Der Hass macht den Menschen blind für das Wertvolle.

15. Will der Mensch glücklich sein, so muss er vernünftig denken und handeln; er muss entscheiden lernen und Zusammenhänge erkennen. In diesem Sinne wird Gefühl erweitert um zwei andere Seelenvermögen, dem Wollen und Wissen. Gefühl ist in dieser Theorie weit mehr als nur das physische Spüren, vielmehr wird eine Gefühlsethik anvisiert, welche das Moralische in den Gefühlen erblickt (auch das Kleinkind fühlt, ohne aber moralisch verantwortlich zu sein). Zwar betonte Goethe, "Gefühl ist alles", doch scheint das ein Gelegenheitsspruch zu sein, denn er bemerkte auch: "Gefühl habt ihr alle, aber keinen Geist". Man sollte sich mehr auf vernünftige Überlegungen als auf irrationale Gefühle verlassen. Die Vernunft soll zur zweiten Natur werden, die Gefühle zur Vernünftigkeit erzogen werden, damit man im Sinne Kants moralisch handle.

16. Es liegt eine Tragik darin, dass viele menschliche Verhältnisse mit Gefühl beginnen und in Affekt ausarten. Das ist bei Partnerschaften in Liebe und Ehe nicht selten der Fall. Die beiden Beteiligten gehen eine Bindung ein, wobei sie sich davon Selbstbestätigung und emotionale Heimat erhoffen. Da aber beide Teile meistens aus der Kindheit her in der Gefühlsbasis der Persönlichkeit geschädigt sind, treffen zwei unbeholfene Neurosen aufeinander, die sich wechselseitig anstacheln und stimulieren. Unbewusst und unwillkürlich geschehen Kränkungen, die nicht vergessen und vergeben werden. Das häuft sich mit den Jahren an, und schliesslich entdecken die Liebenden, dass sie entweder in einer Gemeinschaft der Gleichgültigkeit oder des Hasses leben. Sobald die Affekte die Herrschaft übernommen haben, gibt es kaum noch etwas am Partner, das als liebenswert empfunden wird. Es entsteht eine "Paranoia zu zweit", wobei alles, was der andere tut oder sagt, negativ ausgelegt wird. Ebenso tragisch ist es, dass auch zwischen Eltern und Kindern oft Affektstürme entfesselt werden und das Miss- und Nichtverstehen dominant wird. Affekte schaukeln sich beiderseits hoch und verderben die Kind-Eltern-Beziehung. Es kann soweit kommen, dass Kinder in ihren Eltern die schlimmsten Feinde und Widersacher sehen. Und für die Eltern wird das Kind zur grossen Enttäuschung.

17. Alle diese Überlegungen sind wichtig für die Psychotherapie. Man hat viele Definitionen für die Zielsetzung seelenärztlichen Handelns propagiert. Eine davon stammt von Franz Alexander, der mit Recht gesagt hat, dass das Wesen psychotherapeutischer Behandlung in der "emotional-korrigierenden Erfahrung" liegt. Gewiss gibt es auch andere treffende Beschreibungen für das, was Therapie intendiert. Unter anderem wird auf Erinnerungsarbeit, biographisches Denken, Selbsterkenntnis und Menschenkenntnis, Übertragungsbeziehung, Abbau von rigidem Über-Ich, Veränderungen in der Weltanschauung und Gesinnung usw. hingearbeitet. Alle diese Aspekte sind bedeutsam, aber in unserem Zusammenhang legen wir den Akzent auf den Affekt- und Gefühlsbereich und seine Umstrukturierung.

Der Patient kommt mit einem verstörten und verkümmerten Gefühlsleben in die Sprechstunde des Therapeuten. Er soll neue Gefühle erlernen, die ihn zu einer neuartigen Lebensführung und -gestaltung animieren. In der Psychotherapie findet eine wechselseitige Gefühlsansteckung zwischen Analytiker und Analysand statt. Dabei versucht der Analysand nicht selten, den Therapeuten von seiner pessimistischen und resignierten Weltsicht zu überzeugen. Hält der Therapeut den Stürmen der Übertragung stand, und gelingt es ihm, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen und zu halten, dann bewirkt er bei diesem ein Anwachsen von Gefühl, Ichstärke und personaler Lebendigkeit. Durch Erweckung und Belebung der Gefühlssphäre kommt etwas zustande, was die Daseinsanalytiker die "Überwindung der existentiellen Verschlossenheit" des Menschen nennen. Nach der Lehre dieser Autoren ist das Dasein primär Weltoffenheit. Das Verkapseltsein ist deshalb geradezu eine "menschliche Ursünde" (sagt Sartre). Verschlossenheit und Verstimmtsein sind zwei Seiten derselben Medaille.

Will die Therapie grundlegend kurieren, dann sollte sie versuchen, im Rahmen der Zusammenarbeit Verstimmung und Verschlossenheit verringern, damit das verschüttete Gefühlsleben des Patienten zum Tragen kommt. Das Gespräch der beiden Protagonisten sollte sich zur Welt hin öffnen, denn die Menschenwelt und ihre mannigfaltigen Aufgaben sind die Sphären, in der sich Gefühle entfalten und betätigen können. "Vielleicht ist dies auch eine der besten Definitionen für die Psychotherapie: Im Verlauf einer gelingenden Behandlung wird der Patient affektfreier und entdeckt den beglückenden Raum der Gefühle." (Rattner 1994, 110)

Doch geht es keineswegs um Affekteliminierung. Der Therapeut wird vielmehr auf Affektbeherrschung und Affektminimierung hinarbeiten. Je mehr gute Gefühle geübt werden, um so stärker treten Affekte in den Hintergrund, was es zunehmend leichter macht, sich wohlwollend und zugleich selbstbewahrend den Mitmenschen und der Welt zuzuwenden.

18. Das Hinauswachsen über die dumpferen Formen des Selbstseins ist schon eine philosophische Aufgabenstellung. Aus unseren Ausführungen sollte klar geworden sein, dass Affekte nicht abgestreift werden können wie kleine und nur oberflächlich verankerte Verhaltensanomalien. Vielmehr sind allerlei Erkenntnisvorgänge unentbehrlich. Manche Menschen berichten davon, dass sie durch die Erfahrung der Endlichkeit ihres Daseins und des Gewahrwerdens von Vergänglichkeit und Tod von eingeschliffenen Affektgewohnheiten Abstand bekamen. Auch gibt es Grenzsituationen, in denen durch Konfrontation mit Krankheit, Schuld und Scheitern eine tiefere Solidarität mit den Mitmenschen erworben werden kann. Philosophieren scheint also notwendig, um reifer, wissender und weiser zu werden. Affektüberwindung heisst daher auch, sich auf sich selbst zu besinnen und sich zu fragen, welchen Sinn man diesem endlichen und vergänglichen Leben geben will. Soll man das bisschen Lebenszeit im Kampf gegen sich selbst und die anderen verbringen? Soll man sich dauernd mit Kleinigkeiten und Bagatellen abgeben, die den Ausblick auf das verstellen, was allein und einzig nottut: Nämlich ein produktives, solidarisches und weises Leben zu gestalten? Ein solches kann immer nur aus dem Bekenntnis zum Eros heraus geführt werden. Die Affekte jedoch sind - und daran haben wir keinen Zweifel gelassen - Manifestationen des Thanatos, des grossen Gegenspielers von Liebe, Sympathie und Vernunft.

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