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Charakter und Lebensstil Vielleicht kennen Sie diese Situation: Sie sitzen in der U-Bahn oder im Café, oder gar in einer Hotelhalle, wie es einem Mann mit dem Namen Peter Panter ergangen ist. Ihr Begleiter ist Nervenarzt von Beruf und hat sich "ein bisschen mit Psychologie abgegeben". Und plötzlich fängt er an zu reden: "Sehen Sie", sagt er, "es ist nichts als Übung. Da kommen und gehen sie - Männer, Frauen, Deutsche und Ausländer, Gäste, Besucher ... und niemand kennt sie. Ich kenne sie. Ein Blick (...). Ich blättere in den Leuten wie in aufgeschlagenen Büchern." Er blickt umher. "Keine Rätsel hier - ich kenne sie alle. Fragen Sie mich bitte." Und Sie fragen. Der alte Herr dort mit dem Backenbart? "Das ist ein Aristokrat, unverkennbar. In dem Mann ist die ganze alte Kultur Österreichs; irgendein ganz hohes Tier." Und die Dame dahinten, die auf jemanden zu warten scheint? "Das ist eine der wenigen grossen Kokotten, eine Königin der käuflichen Lust. Mir macht man nichts vor!" Und der Dicke dort mit dem rötlichen Gesicht? "Der Mann ist Weinhändler." Und die kleine, etwas gewöhnlich aussehende Madame? "Das ist eine brave, ordentliche Bürgersfrau aus der Provinz." Und der da? "Das ist der typische Geldmann unserer Zeit! Ein Raffer. Ich könnte Ihnen seine Lebensgeschichte erzählen - so klar liegt die Seele dieses Menschen vor mir." Mit dieser kleinen Geschichte möchte ich auf ein Ur-Bedürfnis der Menschen aufmerksam machen. Wir möchten unsere Mitmenschen gerne kennen, ihre Lebensgeschichte, ihre Beziehungen, ihren Beruf, ihre Art der Lebensbewältigung. Die Fremdheit untereinander reizt uns, vom Äusseren auf das Innere eines anderen zu schliessen. Äusserlich unterscheiden wir uns aber nicht so sehr voneinander. Als Anhaltspunkte haben wir zunächst nur das, was aussen sichtbar wird: Gestik, Mimik, Kleidung, Körperhaltung. Anhand dieser Merkmale kommen wir einer Person wohl kaum auf die Spur. Oftmals erkennen wir sie erst, wenn sie offen von sich spricht, von ihren Gedanken, Phantasien, Plänen, Konflikten, ihren Ohnmachtsgefühlen und Wutregungen. Das Geheimnis eines Menschen liegt grösstenteils in seinem Innenleben verborgen. Dort ist etwas, das ihn lenkt, seine Handlungen bestimmt, seine Eigenart ausmacht. Dieses Innere möchten wir enträtseln. Was sich äusserlich zeigt, kann aber der Versuch sein, das Innere zu verbergen, Schwächen zu kompensieren, bestimmte Eigenschaften zur Schau zu stellen oder zu dramatisieren. Wir kommen einem Menschen erst dann näher, wenn wir bei ihm das begreifen, was man Charakter nennt. Was ist eigentlich ein Charakter? Man bezeichnet die Stetigkeit von bestimmten Verhaltensweisen, Vorlieben, Einstellungen, Emotionen, Denkweisen, sozialen Gepflogenheiten als Charakter. In der zwischenmenschlichen Begegnung nehmen wir ihn als ein festumrissenes Gefüge wahr, das uns nach Jahren noch den Eindruck vermittelt: Das ist typisch für X oder Y! Im menschlichen Miteinander finden demnach "Wiedererkennungs-Erlebnisse" aufgrund von Charaktermerkmalen statt. Ob es sich dabei um reale Eigenschaften des Gegenübers oder um ein Bedürfnis des Betrachters nach schematischer Wahrnehmung handelt, sei dahingestellt. (Beides ist möglich, denn an der Charakterdiagnose sind zwei Menschen beteiligt.) Wichtig ist zunächst, dass die ständig wiederkehrenden Erlebens- und Verhaltensweisen tief in einem Menschen verwurzelt sind und zur Eigenart seines Wesens gehören. Wenn jemand mit einem eigenen Trinkglas in ein Restaurant geht, weil er sich vor Ansteckung fürchtet, wenn er aus Angst vor Überfällen mit einer geladenen Pistole ins Bett geht und wenn er seine Buchführung in Latein und Griechisch erstellen lässt, weil er befürchtet, man könne seinen wahren Reichtum herausfinden, dann sagen wir: Das ist ein misstrauischer und misanthropischer Charakter (menschenfeindlich). Und in der Tat durchziehen diese beiden Merkmale das Leben von Arthur Schopenhauer, von dem eben die Rede war. Hüten wir uns aber davor, aufgrund von skurrilen Charaktereigenschaften ein bedeutendes Werk, zum Beispiel das eines Philosophen, zu schmälern. Nietzsche sagte: "Die Gipfel von Geist und Charakter sind mitunter nicht beieinander." Im folgenden möchte ich Ihnen von der Doppeldeutigkeit des Charakters berichten, über die viele Dichter und Philosophen nachgedacht haben. Man kann diese Doppeldeutigkeit auch so betiteln (nach Nietzsche): Vom Nutzen und Nachteil des Charakters für das Leben. Worin liegt der Nutzen eines Charakters? Er gibt uns eine Form und ist somit für uns selbst identitätsstiftend. Wir finden uns in ihm wieder, indem wir an uns selbst vertraute Gefühle, Einstellungen und Handlungen wahrnehmen. Ein ausgeprägter Charakter kann uns in Krisenzeiten Stabilität verleihen, er kann in den Wirren des Lebens Ängste mildern und Zweifel besänftigen. Auch im zwischenmenschlichen Miteinander hat ein Charakter eine wichtige Funktion. Er macht uns die Menschen transparent, genauso wie wir für andere Konturen bekommen, und er lädt zur Kommunikation ein. Viele Gespräche können als "Charakter-Kommunikation" bezeichnet werden: Unwillkürlich suchen wir mit interessanten Menschen das Gespräch. Für unser Selbstwertgefühl ist es besonders wichtig, wenn Freunde uns als einen "wertvollen Charakter" ansprechen. Stimmen die entsprechenden Eigenschaften mit den Werten der Gemeinschaft, der wir angehören, überein, dann bekommt das Selbstwertgefühl eine soziale Dimension im Sinne von: Ich bin wertvoll für meine Freunde oder für meine Gruppe. Nach dem möglichen Nutzen kommen wir nun zum Nachteil des Charakters. Lassen wir Goethe sprechen: "Der Charakter ist eine psychische Gewohnheit, eine Gewohnheit der Seele, und seinem Charakter gemäss handeln, heisst seinen psychischen und geistigen Gewohnheiten gemäss handeln, denn diese sind ihm allein bequem." Der Mensch bewegt sich mit seinem Charakter also in ewig vorgeformten Bahnen. Aus Gewohnheit und Bequemlichkeit antworten wir auf Anforderungen oder Konflikte stets mit ähnlichen Reaktionen, immer mit den gleichen Affekten oder demselben Verhalten. Viele Handlungen der Menschen sind somit voraussagbar. Vor allem in festgefahrenen Partnerschaften wirft man sich diese Eintönigkeit gegenseitig vor. Der Menschenkenner ist erschüttert über die Zähigkeit und Trägheit der Charakterstrukur. Dabei ist dieses Phänomen durchaus verstehbar: An den "Rändern" des Charakters, da, wo Neues lauert und möglich ist, sitzt die Angst. Davor scheuen wir zurück, so dass das vertraute Unglück sicherer erscheint als die unvertraute und angstbesetzte Entwicklung. Der Mensch ist an seinen Charakter gebunden. Dieser lässt ihn bestimmte Grenzen des Erlebens, Verhaltens, Fühlens, Denkens nicht überschreiten. Das empfinden viele als kränkend und nähren die Illusion, sie seien flexibel und hätten gar keinen Charakter. Mit diesem Selbstbetrug fühlen sie sich überlegen und nehmen sich die Chance, neue Eigenschaften und Haltungen auszubilden. Erkennen wir eigentlich ohne weiteres "starke Charaktere"? Allgemein werden Menschen bewundert, wenn sie über Durchsetzungsvermögen und Courage verfügen. Mit entsprechender Betonung sagt man: Das ist ein Charakter! Nietzsche traute der Allgemeinheit allerdings keine sachkundige Beurteilung zu. Er schrieb: "Man sagt: 'Das ist ein Charakter', wenn er grobe Konsequenzen zeigt." In der Tat sind die Fähigkeiten zur Diagnose von wahrer charakterlicher Stärke schwach entwickelt. Oftmals fällt der psychologische Laie auf die "Schaumschlägereien" von aggressiven oder überheblichen Menschen herein. Das "aufgeblasene Ich" will jedoch vor den Mitmenschen gross erscheinen und glaubt womöglich selbst an seine "Grösse". Es verursacht häufig sozialen Zwist und lebt in ständiger Beunruhigung. Nur ein einigermassen ausgeglichener Charakter ist zur Menschenkenntnis fähig und hat ein Gespür für feindselige und egozentrische Haltungen. Im Folgenden möchte ich Ihnen etwas zur Geschichte der Charakterkunde erzählen. Schon die Philosophen und Ärzte der Antike waren dem Geheimnis des Menschen auf der Spur. Die Beschaffenheit des Körpers wurde zum Ausgangspunkt für die Lehre der Temperamente. Der Arzt Hippokrates (460 - 377 v.d.Z.) erarbeitete eine Typenlehre, die später der römische Arzt Galen (129 - 199 n.d.Z.) differenzierter ausführte. Man ging davon aus, dass die Körpersäfte unterschiedliche Menschentypen hervorbringen. Vier Temperamente wurden entworfen: der Sanguiniker (Blutfülle), der Choleriker (gelbe Galle), der Melancholiker (schwarze Galle) und der Phlegmatiker (Schleim). Der österreichische Dichter Johann Nestroy hat diesen Temperamenten in einem Theaterstück ein Denkmal gesetzt: "Das Haus der Temperamente". Nestroy lässt alle vier Typen fortwährend ein und dieselbe Situation bewältigen. Zum Beispiel: Nach dreijähriger Abwesenheit erwartet der Vater die Ankunft seines Sohnes. Wie verhalten sich die verschiedenen Väter? 1. Herr Trüb tritt mit verschränkten Armen auf: "Heute also soll ich ihn wiedersehn, meinen Sohn, den Erstgebornen der so früh verblichenen Gattin!" (Stellt sich, tief seufzend, vor das auf der Staffelei befindliche Bild.) 2. Herr Froh kommt fast tanzend auf die Bühne: "Mein Bub kommt z'ruck, das ist a Passion. Ein Mordskerl muss er worden sein in die drei Jahr', wenn er seinem Vater nachg'rat't." (Stellt sich vor den Spiegel und richtet sich die Halsbinde wohlgefällig zurecht.) 3. Herr Fad tritt mit einer langen Pfeife auf: "Also heut' kommt er, der Edmund! Wenn er nicht kommt, is's mir auch recht. Wenn sich die Kinder nicht nach Haus sehnen, is es ein Zeichen, dass's ihnen gut geht." (Setzt sich in den Lehnstuhl und schmaucht.) 4. Herr Braus tritt mit Ungestüm auf: "Wo er nur so lange bleibt, der Teufelskerl! Um acht Uhr hätt' er schon hier sein können, das Donnerwetter soll so einem Sohn in die Rippen fahren, den das kindliche Herz nicht mit gebührender Eilfertigkeit in die väterlichen Arme treibt!" (Nimmt eine auf dem Tisch befindliche Zeitung und geht, selbe hastig durchblätternd, unruhig auf und ab.) Natürlich müssen wir Temperament (lat. mischen, in die richtige Ordnung bringen) und Charakter (das Gepräge) unterscheiden. Als Temperament bezeichnen wir eine seelische Grundstimmung, die dem Körperlichen mehr verhaftet ist als das, was wir Charakter nennen. Das Temperament wirkt von innen heraus und gibt dem Seelischen eine Grundprägung, während der Charakter eher in der sozialen Stellungnahme zum Ausdruck kommt. Aristoteles beschäftigte sich mit dem Verhältnis von Körper und Seele. Er wies darauf hin, dass jede Seele dem Körper entspricht, in dem sie wohnt. So wie die Musik die Instrumente nutzt, so bedient sich die Seele dem Körper. Für Aristoteles ist die Seele nicht mit dem Körper gleichzusetzen, sie ist aber etwas am Körper. Mit dieser Auffassung, die später Nietzsche aufgegriffen hat, ist Aristoteles ein Vorläufer der ganzheitlichen Psychosomatik. Im Jahre 372 v.d.Z. wurde ein Mann geboren, dessen Name auch heute noch Erwähnung findet, wenn vom Charakter die Rede ist. Er hiess Tyrtamos; sein Lehrer Aristoteles gab ihm wegen seines grossen Sprachvermögens den Namen Theophrastos (372-287 v.Chr.). Von diesem umfänglich gebildeten Gelehrten ist unter anderem die Schrift "[Ethische] Charaktere" erhalten geblieben. Darin sind dreissig Charakterskizzen zusammengestellt, die dem Leser menschliche, allzumenschliche Schwächen vor Augen führen und für die sicherlich die Athener Bürger Modell gestanden haben. Theophrast wusste, dass eine bestimmte Prägung der Persönlichkeit entsprechende Verhaltensweisen, Einstellungen und Ansichten hervorbringt. Eine Textprobe: "Der Schmeichler - Unter Schmeichelei versteht man wohl ein schändliches Benehmen, das dem Schmeichler nützt, der Schmeichler aber ist einer, der jemanden begleitet und sagt: 'Merkst du, wie die Leute auf dich schauen. Das passiert keinem in der Stadt ausser dir. Man lobte dich gestern in der Halle.'" Oder: "Der Redselige - Die Redseligkeit ist die Verbreitung langer unbedachter Reden, der Redselige aber ist einer, der sich an einen Unbekannten nahe heransetzt und zuerst ein Loblied auf seine eigene Frau singt. Dann erzählt er, was er nachts im Traum gesehen hat, dann schildert er im einzelnen, was es zu essen gab. Dann spricht er, langsam in Fahrt kommend, davon, wieviel schlechter die Menschen heute sind als früher." Weiter lesen wir vom Bäurischen, Gefallsüchtigen, Kleinlichen, Taktlosen, Prahler, Geizigen usw. Theophrast dachte, dass sich der Mensch durch Bildung vervollkommnen kann. Er wollte seinen Mitmenschen einen Spiegel vorhalten - und noch heute geht es uns bei der Lektüre dieses kleinen Büchleins so, dass wir uns ertappt und erkannt fühlen. Diese menschlichen Schwächen und Fehler haben doch eine merkwürdige Konstanz - vor 2300 Jahren hat Theophrast diese Gedanken aufgeschrieben. Unwillkürlich geraten wir in einen Zwiespalt: Haben sich unsere erzieherischen Bemühungen bis heute eigentlich gelohnt oder müssen wir diese gar noch steigern, um "bessere Menschen" heranzubilden? Oder kann uns die Erkenntnis von den ewig unvollkommenen Charakteren milde stimmen, weil diese Schwächen offenbar zum menschlichen Zusammenleben dazugehören? Bei genauerer Überlegung kommt man zu dem Schluss, dass sich beide Ansichten nicht ausschliessen müssen. Erst im 17. Jahrhundert erwachte in Europa ein lebhaftes Interesse am menschlichen Charakter und Theophrast wurde wiederentdeckt. Es entwickelte sich ein regelrechtes Gesellschaftsspiel, Charakterskizzen zu entwerfen. In England schufen die Character-writers eine eigene Literaturgattung (Joseph Hall, Thomas Overbury, John Earle), und das Buch des Franzosen Jean de La Bruyère (1645-1696) "Die Charaktere des Theophrast" (1688) sorgte für Aufsehen. In der Schweiz machte sich 100 Jahre später ein Mann mit dem Namen Johann Caspar Lavater (1741-1801) Gedanken über die Menschenerkenntnis. In seinen "Physiognomischen Fragmenten" (1755-78) versuchte er, "durch das Äusserliche eines Menschen sein Inneres zu erkennen". Anhand von Mund, Augen, Nase, Hände und Stirn traf er Aussagen über Charakter, Temperament und Lebensweg. Der Pfarrer Lavater glaubte, dass alles im Menschen von der Natur angelegt ist und im Gesicht abgebildet wird. Sein Grundsatz lautete: "Je moralisch besser, desto schöner; je moralisch schlimmer, desto hässlicher." Diese zweifelhafte These wurde vor allem von Georg Christoph Lichtenberg widerlegt, der die bemerkenswerten Sätze formulierte: "Nützlicher wäre ein anderer Weg, den Charakter der Menschen zu erforschen, und der sich vielleicht wissenschaftlich behandeln liesse: Nämlich aus bekannten Handlungen eines Menschen, und die zu verbergen er keine Ursache zu haben glaubt, andere, nicht eingestandene zu finden." Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein ist das medizinische Denken von der Vorstellung beherrscht, der Charakter könne unmittelbar aus der Körperbeschaffenheit abgelesen werden. Der Psychiater Ernst Kretschmer (1888-1964) veröffentlichte 1921 sein Buch "Körperbau und Charakter". Er unterschied darin drei Körperbautypen, denen er drei Temperamente und Erkrankungen zuordnete. Der Pykniker ist ein rundwüchsiger Mensch mit zarten Knochen, kurzen Gliedmassen und starker Entwicklung des Brust- und Bauchraumes. Er neigt zu einem zyklothymen Temperament, d.h. er hat Stimmungsschwankungen, ist allerdings insgesamt extravertiert und teilt sich gern mit. Kretschmer fand bei seinen manisch-depressiven Patienten überwiegend Pykniker. Der Leptosom ist ein dünnleibiger und schlankgliedriger Mensch und neigt zum schizothymen Temperament. Er ist innerlich zerrissen, introvertiert, hochsensibel und wenig ausdrucksfreudig. Dieser Typus erkrankt häufiger an Schizophrenie als andere. Der Athletiker schliesslich ist muskulös und mit einem starken Knochenbau ausgestattet. Er hat ein visköses (zähflüssiges) Temperament, was sich in einem langsamen und schwerfälligen Gefühls- und Affektleben äussert. Diese Typologie von Kretschmer, so differenziert sie auch sein mag, hinterlässt beim Leser den Eindruck des "Schubladen-Denkens". Heute weiss man, dass der Psychotherapeut seine Patienten mit solchen Etiketten stigmatisiert (festlegt), was den Heilungsprozess nur behindert. In den naturwissenschaftlichen Disziplinen versucht man bis heute, den Menschen auf das Körperliche zu reduzieren. Nur selten wird diese Tradition in Frage gestellt. Natürlich muss der Charakter mit dem Körper in Verbindung gebracht werden. Ursächliche Auswirkungen bei der Ausgestaltung der Persönlichkeit hat er aber nicht. Vielmehr muss das Körperliche in den Zusammenhang von Psychischem, Geistigem, Lebensgeschichtlichem und Sozialem gestellt werden. Erst dann eröffnen sich Möglichkeiten zum Verständnis des Charakters. Die ersten Anstösse dazu gingen von Sigmund Freud (1856-1939) aus. Zwar blieb auch er noch weitgehend im alten Denkmuster verhaftet, trotzdem revolutionierte er mit seiner Psychoanalyse das medizinische Denken seiner Zeit. Zu Beginn des Jahrhunderts betrieb Freud in Wien eine kleine neurologische bzw. psychotherapeutische Praxis. Er hatte einen Mann in Behandlung, bei dem ihm auffiel, dass er die Therapiestunden immer mit glatten Geldscheinen bezahlte. Als Freud eines Tages seine Verwunderung darüber zum Ausdruck brachte, erzählte der Patient, dass er aus Angst vor Bakterien alle Geldscheine bügeln müsse. Für den Laien ist eine solche Zwangshandlung unverständlich. Freud beschäftigte sich aber schon lange Zeit mit den Zwängen und veröffentlichte im Jahre 1908 einen kleinen Aufsatz mit dem Titel "Charakter und Analerotik". Das war die Geburtsstunde der psychoanalytischen Charakterologie. Freud berichtet, dass er irgendwann folgenden Zusammenhang bemerkt habe: Menschen, die unter Zwangshandlungen leiden, erzählen auffallend oft von Kindheitserlebnissen, die mit der Darmentleerung zu tun haben. In der analen Phase, wie Freud diesen Zeitabschnitt später nannte, müssen diese Kinder demnach Impulsen ausgesetzt gewesen sein, die sie nicht verarbeiten konnten und folglich verdrängen mussten. Als Kompromiss zwischen Impuls und Verdrängung kommt es dann im Erwachsenenalter zu Zwangssymptomen oder es bildet sich - als mildere Form - ein Zwangscharakter heraus mit den Eigenschaften der Ordnungsliebe, der Sparsamkeit und des Eigensinns. In der Folgezeit erarbeitete Freud drei Phasen der psychosexuellen Entwicklung, die jeweils für bestimmte Eigenschaften verantwortlich sein sollen. Sein Grundgedanke kann wie folgt formuliert werden, wobei ich das soziale Miteinander stärker betone, als Freud es getan hat. Der Körper des Kindes wird von einem Libido-Strom (quasisexuelle Energie) durchflossen, der sich an verschiedenen Körperzonen festsetzt: zu Beginn des Lebens am Mund, ab dem dritten Lebensjahr an der Analzone und ab dem fünften Lebensjahr am Geschlechtsorgan. Bei einer gesunden Entwicklung durchläuft das Kind diese orale, anale und phallische Phase problemlos und eignet sich in der Kommunikation mit den Bezugspersonen die entsprechenden Fähigkeiten an. Die Oralität steht für das Aufnehmen und Aneignen im weitesten Sinne. Das Kind kann nicht nur Nahrung zu sich nehmen, sondern auch Gefühle, gute Worte, Zuwendung, Lebensfreude. Die Analität steht für das Behalten und Hergeben. Es geht dabei nicht nur um die Sauberkeitserziehung, sondern ob das Kind zu gepflegten Sprach-, Gefühls- und Wertmitteilungen fähig ist. Das Phallische schliesslich steht für das Entdecken der weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane. Nicht nur die sexuelle Aufklärung ist in dieser Phase für das Kind vonnöten, sondern Informationen und Erklärungen über zwischenmenschliche Beziehungen, über die Menschheit und das Leben, über seine eigene Zukunft usw.; das Kind will in die Kultur hineinwachsen. Kommt es jedoch in einer dieser Phasen zu einem "Libido-Stau" oder werden die Eltern den Bedürfnissen des Kindes nicht gerecht, so bleiben die betreffenden Eigenschaften "im Körper stecken". Es entstehen psychische Erkrankungen zum Beispiel in Form eines ängstlichen, depressiven, zwanghaften oder hysterischen Charakters. Ende der 60er Jahre, mit dem Bekanntwerden der Familientherapie in Deutschland, erschien ein Buch von Horst-Eberhard Richter (*1923) mit dem Titel "Patient Familie". In Anlehnung an die Phasentheorie von Freud stellt der Autor darin drei Familientypen dar. Ich werde dieses Konzept etwas erweitern und von Familienatmosphäre sprechen. Das Atmosphärische in Familien ist von grosser Bedeutung für die Charakterentwicklung. Je nach Ausprägung blühen die Familienmitglieder darin auf oder sie erkranken daran. In der psychotherapeutischen Praxis zeigt sich, dass der Therapeut bei "schwierigen Charakteren" selten auf einzelne traumatische Situationen in der Kindheit stösst. Erforscht er dagegen das familiäre Klima, so wird eine Charakterhaltung oder psychische Erkrankung bald verstehbar. Immerhin ist das Kind diesen Einflüssen vierundzwanzig Stunden am Tag ausgesetzt und selbst daran beteiligt. Die erste Familienatmosphäre wird von Richter "Sanatorium" genannt. Wenn wir überlegen, wie es in einem Sanatorium zugeht ("Der Zauberberg" von Thomas Mann) und wenn wir diese Bedingungen auf eine Familie übertragen, dann können wir nachvollziehen, wie sich die Familienmitglieder darin fühlen. Die Menschen in einer Sanatoriumsfamilie sind rücksichtsvoll, fürsorglich, aufopfernd. Hier herrscht ein Schonklima. Sie wollen versorgt, gepflegt und verwöhnt werden und melden Ansprüche darauf an. In diesen Familien dominieren zwei Themen: Krankheit und Selbstmitleid. Oftmals findet man einen Symptomträger, der seine Krankheit ausagiert und dadurch die Atmosphäre wesentlich beeinflusst. Die anderen Familienmitglieder fassen ihn mit Samthandschuhen an und nehmen Rücksicht mit kaum verborgenem Vorwurf. Das heisst nicht, dass der Symptomträger der "Schuldige" ist. Alle haben vielmehr Angst vor Krankheiten, nur dass der eine sie aktiv auslebt und die anderen sie auf den ersten verlagern. Häufig ist ein Kind der Symptomträger z.B. durch Bettnässen, Sprachstörung oder Hyperaktivität. Selbstmitleid kommt auf, wenn das Leben ausserhalb der Familie ins Auge gefasst werden soll. Dieser Übergang wird als hart empfunden und beklagt. Sanatoriumsmitglieder sind psychische "Nesthocker", die Angst vor dem Leben haben. Auch die Ablösung der Jugendlichen von den Eltern und umgekehrt findet nur zögernd statt. Das zuversichtliche Expandieren in die Welt wird vermieden, ins schlechte Licht gerückt und heftig entwertet. Diese Abwehr bezieht sich auf das natürliche Selbstwertstreben, auf Vitalität, Sexualität und Lebensfreude. Das "kraftvolle Leben" macht Angst und löst Aggressionen aus. Psychologisch gesehen liegt hier ein verengter Lebensentwurf vor, der psychisch-geistiges Wachstum und soziale Interaktion weitgehend aussen vor lässt, ohne subjektiv einen Mangel zu verspüren. In der Kommunikation sind diese Menschen zart, einfühlend, aber auch nebulös und nicht eindeutig. Die Mitglieder von Sanatoriumsfamilien verdrängen Konflikte und wollen in einer "heilen Welt" leben. Da wesentliche Bereiche des Lebens ausgeklammert werden, spricht man untereinander eine "eigene Sprache", die ein Aussenstehender nur schwer versteht. Auch später suchen Menschen aus solchen Familien symbiotische Beziehungen, um den ehemaligen "paradiesischen Zustand" wieder herzustellen. Das kann jedoch nicht gelingen, und der Psychotherapeut hört in den Sitzungen endlose Klagelieder über den unzulänglichen Partner, die egoistischen Freunde und die ungerechte Welt. Viele "Beweise" werden dafür angeführt, und wenn der Therapeut nicht innerlich standfest ist, dann glaubt auch er, dass "die Welt voller Teufel wäre" (wie Luther sagt). Eine gute Psychotherapie sieht deshalb für den Betreffenden eine Gruppenbehandlung vor. Mit einer Korrektur und Erweiterung seiner "Sanatoriums-Optik" kann er sich mutig die Welt aneignen und eigenständiger werden. Die zweite Familienatmosphäre wird "Festung" genannt. Wie geht es in einer Festung zu? Die Menschen hier sind rational, hart, unnachgiebig, menschenscheu. Hier herrscht ein law-and-order-Klima (Gesetz-und-Ordnung) vor. Es gibt eine strenge Hierarchie, in der eine Person das Kommando hat (das muss nicht immer der Vater sein). Man strebt nach Macht und Überlegenheit, möchte unabhängig und autark sein. Oftmals vertritt man die starre Ideologie einer Religion, Partei oder Idee. Damit einher geht die Ausgrenzung der anderen Menschen, der Sünder, Atheisten, der "roten Socken", der Menschen, die eben "im Unrecht" sind. Hat der Sanatoriumstyp Angst vor der Welt, so bekämpft der Festungstyp die Welt. Er glaubt sich im Kampf erfolgreich und hält sich für etwas Besonderes. Das "Familienthema" lautet: Wir gegen die anderen, die Guten gegen die Schlechten (Anekdote: Der Vater sagt zum Sohn: "Es gibt gute Menschen und es gibt schlechte Menschen - und es gibt uns, die Müllers." Sartre, der das Spiessbürgerliche auf den Punkt bringt: "Die Hölle, das sind die anderen!"). Psychologisch gesprochen werden hier eigene unerwünschte Eigenschaften auf die Mitmenschen projiziert und bei ihnen bekämpft. Da diese Eigenschaften zur eigenen Person gehören und nur verdrängt sind, fühlt man sich von den andern regelrecht verfolgt. Diese kleine Paranoia (Verfolgungswahn) führt zu erheblichen Feindseligkeiten. Menschen aus Festungsfamilien haben kaum Freunde, weil sie entweder distanziert-misstrauisch sind oder stets die Führungsrolle anstreben. Hat der Vater in der Familie das Sagen, dann finden "Vater-Sohn-Dramen" statt. Auch wenn der Sohn seinen Vater ablehnt oder gar hasst, hat er sich doch mit ihm identifiziert. So stossen zwei Dickköpfe aufeinander, deren Rechthabereien die Familie zermürben können. Festungstypen sind Gefühlsverdränger, weil sie befürchten, von weichen Regungen schwach und verletzlich zu werden. Es findet aber nicht nur eine Verdrängung, sondern auch eine Entwertung von allem Gefühlshaften, von Menschenfreundlichkeit, offenen Gesprächen oder den Kenntnissen der Fachleute statt. Die Kommunikation mit ihnen ist sachlich, abgrenzend, oft ironisch, die Sprache wird zur Machtdemonstration eingesetzt. Später im Leben stellen diese Menschen ihre Familiensituation unbewusst wieder her, obwohl sie an ihr gelitten haben und in der Gegenwart erneut leiden. Sie halten Streit und Zank für Liebe, Machtgebaren für Beziehungsfähigkeit, und sehen im Geldverdienen ihr Lebensglück. Eine psychotherapeutische Behandlung nehmen sie nur bei starkem Leidensdruck auf. In den Sitzungen wollen sie dominieren, sind verschlossen und können sich nichts sagen lassen. Das Kämpferische kann sich schnell gegen den Therapeuten wenden. Eine wesentliche Korrektur besteht aus dem Sichanfreunden mit den Menschen. Erst durch die dabei entstehenden Gefühle können sie auf Machtgebaren verzichten. Die dritte Familienatmosphäre wird "Theater" genannt. Was ist im Theater bzw. in einer Theaterfamilie los? Diese Menschen sind ausgelassen, lebendig, aufgedreht: sie spielen ständig eine Rolle, sowohl voreinander als auch vor Aussenstehenden. Sie wollen im Mittelpunkt stehen, haben das Bedürfnis nach Geselligkeit, nach Trubel, nach Applaus. Es herrscht ein Klima der Aufgeregtheit vor. Ihre Emotionen sind sehr wechselhaft: Hochs und Tiefs werden ausgelebt. Da in der Familie niemand weiss, welche Bedeutung eine Aussage oder ein Erlebnis für den Betreffenden wirklich hat, gehen alle auf Distanz zueinander. Man begegnet sich unverbindlich und nimmt gekünstelt Beziehung auf. Jede Bagatelle erscheint unendlich wichtig und konnte nur demjenigen so passieren. Die eigene "Grösse" und "Herrlichkeit" wird unaufhörlich angesprochen und von allen Seiten beleuchtet. Man strebt nach Erfolg, nach Prestige, gibt sich extravagant und erzählt davon. Die Welt ist Publikum - ihr wird keine andere Wahl gelassen. Psychologisch liegt hier ein starker Lebenshunger vor. Die innere Leere wird von aussen aufgefüllt und als eigene Innerlichkeit dargeboten. Menschen aus Theaterfamilien versuchen sich und den Mitmenschen zu beweisen, dass das eigene Getue die eigentliche Welt ist und die Welt nur ein Theater. Damit wird alles Wertvolle im Leben diffamiert. Besonders verdrängt und abgewertet werden das Kontemplative (Besinnliche), die Ruhe, mitfühlendes Verständnis, Sachbezogenheit, die Tatsachen des Lebens wie z.B. das Älterwerden. Der Menschenkenner weiss, dass der Theatertyp im "stillen Kämmerlein" häufig unter Depressionen leidet, die durch öffentliche Szenerien nur mühsam abgewehrt werden. In der Kommunikation ist er überschwenglich, bedrängend, atemlos und anerkennungshungrig. Der Gesprächspartner wird zum Statisten degradiert. Später im Leben wird genauso wie in der Familie die Aktion gesucht - es soll nur keine Langeweile aufkommen. Es ist erstaunlich, welches Unglück und Leid manche Menschen auf sich nehmen, nur um an ihrer Charakterschablone festhalten zu können. Auch in die Psychotherapie bringen sie ihre Charakterstruktur mit. Wenn der Therapeut kein lebendiges und konsequentes Gegenüber ist, dann kann das Therapiezimmer zur Bühne werden. Ein Tiefenpsychologe hat allerdings ein wohlüberlegtes Konzept der psychischen Gesundheit. Daran hält er fest, ohne seine Patienten "über einen Kamm zu scheren". Menschen aus Theaterfamilien suchen krampfhaft nach Identität: Wer bin ich eigentlich? Auf der Grundlage von Wahrhaftigkeit arbeitet ein Psychotherapeut mit ihnen heraus, unter welchen Bedingungen sich ein Mensch entwickeln kann und wie sich Identität anfühlt. Auf "Theater" zu verzichten erfordert eine gehörige Portion Mut, Können und ruhige Selbstwahrnehmung. Der Psychoanalytiker Richter hat nur drei Familientypen formuliert. Josef Rattner (*1928) erweitert diese Trias und nennt noch andere Familienatmosphären: Kasernenhof (Befehle, ständige Ge- und Verbote, harte Strafen, Dressur, Moralpredigten sind an der Tagesordnung), Marionettentheater (die Eltern haben die Fäden in der Hand und lenken ihre Kinder), Kloster (Ablehnung des Sexuellen als Schund und Schmutz, dauerndes Moralisieren), Gerichtshof (es wird angeklagt, verurteilt, bestraft, beschimpft, vorgeschrieben und das "Familiengesetz" befolgt), Bahnhof (ein Kommen und Gehen ohne echte Bindung), Dschungel (alles schreit durcheinander, es herrscht ein Dickicht von Affekten, Stimmungen, Meinungen vor), Matriarchat (ein Frauenhaushalt mit rivalisierender Mutter, Oma und Tante; jede will etwas "zu sagen haben"). Letztlich ist es möglich, für jede Familie einen eigenen Typus zu finden. Ferner bekommt man bei dieser Theorie den Eindruck, dass die Charakterstruktur eines Menschen kausal (ursächlich) aus den Familiengegebenheiten abgeleitet werden kann. In der Praxis mit Patienten erfährt der Psychotherapeut aber bald, dass die Sache komplizierter ist. Das möchte ich Ihnen am Charakterkonzept von Alfred Adler (1850-1937) verdeutlichen. Der Begründer der Individualpsychologie hat Ideen und Gedanken geäussert, die noch viel zu wenig bekannt sind. Mit seiner Schrift "Über den nervösen Charakter" aus dem Jahr 1912 hat Adler die moderne Charakterkunde aus der Taufe gehoben. Er leitete mit seiner Individualpsychologie einen Paradigmenwechsel in Psychologie und Psychotherapie ein. Durch die Umorientierung von der natur- zur geistes- bzw. kulturwissenschaftlichen Vorgehensweise gelang es bedeutend besser, das menschliche Subjekt in seiner Ganzheit und Individualität zu erkennen. Während Sigmund Freud noch die menschlichen Eigenarten auf spekulative Triebvorgänge zurückführte, näherte sich Adler dem Menschen von der charakterlichen Seite an. Indem sich zwei Charaktere - Patient und Psychotherapeut - begegnen, nehmen sie Beziehung zueinander auf, treten in den Dialog, erörtern Lebensprobleme und besprechen psychologische Themen. Die verbindenden Charaktereigenschaften des Patienten werden dabei gestärkt wie z.B. Wohlwollen, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Humor, Geduld, Mut, Einsicht, Liberalität. Die trennenden und zugespitzten Charaktereigenschaften erfährt der Therapeut an der eigenen Person und kann sie behandeln. Adler erkannte nämlich, dass alle Menschen mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen in einem Kampfverhältnis zu den Mitmenschen stehen. Da es in diesem Kampf um die überlegene Stellung geht, hat der Patient über Jahre bzw. Jahrzehnte aggressive Charakterzüge trainiert: Misstrauen, Ehrgeiz, Eitelkeit, Machtgier, Neid, Geiz, Hass, Wut, Missmut, Distanziertheit, Anspruchshaltung, Überempfindlichkeit, Angst usw. Mit diesen Haltungen, die er irgendwann für "normal" hält, wird er jedoch kein Mitspieler, sondern ein "Spielverderber". Die soziale und kulturelle Integration wird verhindert und der Betreffende verhält sich "ichhaft": Er ist für die Lebensaufgaben nicht vorbereitet. Adler führte damit einen Wertmassstass in die Diskussion ein, an dem ein Charakter auf seine soziale Verträglichkeit hin gemessen werden kann. Wie entsteht eine Charakterstruktur? Adler hat dargelegt, dass die subjektiven Antworten, die das Kind aufgrund der vielfältigen Herausforderungen des Lebens gibt, entscheidend für seine Charakterausprägung sind. Auf alles muss sich das Kind einstellen und eine individuelle Antwort geben: auf die affektive Stimmung in der Familie, die Charaktere von Mutter und Vater, auf die Stellung in der Geschwisterreihe, auf die eigene Körperlichkeit, das soziale Umfeld, die ökonomische Situation der Familie, auf Krankheiten, Schicksalsschläge usw. Entscheidet sich das Kind für die Kooperation oder für den Trotz? Geht es auf die Menschen zu oder verschliesst es sich? Hat es den Mut, sich die Welt anzueignen oder ist es mutlos? Fasst es nützliche Ziele ins Auge oder ist es ohne Orientierung? Mit den Antworten darauf entsteht für das Kind eine Richtung, durch die das "Chaos des Lebens" gebändigt wird. Es bildet sich das heraus, was Adler "Lebensstil" nannte. Mit dieser lenkenden Kraft bewältigt das Kind fortan sein Leben. Das Wort "Stil" wird in der Kunst gebraucht und bezeichnet die Einheit des Mannigfaltigen, es ist die Fuge, die alle Fakten zusammenfügt. Mit dem Konzept vom Lebensstil erweiterte Adler die Theorie vom Charakter grundlegend. Letzteres benennt das Gleichbleibende der Eigenschaften. In seinen konstanten Reaktionsmustern erscheint der Mensch statisch. Im Gegensatz dazu betont der Lebensstil das Gestaltungsprinzip des einzelnen. Damit wird der Blick auf das Dynamische bzw. die Bewegung gelenkt - die Strebensrichtung und die Werte werden sichtbar. Der Lebensstil zeigt sich im Charakter und umgekehrt. Zum Beispiel kann der Lebensstil, immer der erste sein zu müssen, einen aggressiven Charakterzug beinhalten. Oder: Ein aggressiver Charakterzug kann den Lebensstil implizieren, immer der erste sein zu müssen. Ein anderes Beispiel: Ein Mann sucht eine Partnerin. Er ist aber sehr schüchtern. Mit dem Charakterkonzept kann der Therapeut die Schüchternheit feststellen und auf Überwindung hinarbeiten. Mit dem Konzept des Lebensstils erkennt er in der Schüchternheit eine Eigenaktivität. Er stellt die Frage, wozu dem Betreffenden die Schüchternheit wohl dient, wozu er sie "einsetzt". Die Antwort ist individuell. Vielleicht will sich der Schüchterne vor dem Leben absichern. Dahinter kann sich das Ideal nach Autonomie verbergen. Alfred Adler fragte seine Patienten manchmal: "Was wäre, wenn Sie das Symptom nicht hätten?" Der Schüchterne antwortet vielleicht: "Ich hätte eine schöne Partnerschaft und könnte freier leben." Darauf sagte Adler: "Genau das möchten Sie vermeiden!" "Aber warum?" fragt der Patient wahrscheinlich. Der Individualpsychologe Rattner pflegte daraufhin zu antworten: "Das sage ich Ihnen, wenn Sie die Schüchternheit etwas abgelegt haben!" Diese Antwort ist sinnvoll, weil man tausend Gründe nennen könnte. Das Bedürfnis des Patienten nach "wahrhaftigen" theoretischen Erklärungen kann hingegen ein neuer Versuch sein, sich vor dem Leben abzusichern. Wenn sich der Psychotherapeut darauf einlassen würde, wäre er "Komplize" des Patienten. Das Konzept vom Lebensstil wirft ein neues Licht auf unser Thema. Es geht nicht mehr um ein beharrlich wiederkehrendes Reaktionsschema, sondern um ein gestaltendes Prinzip, das in jedem Menschen wirksam ist. Damit formen wir unser Dasein und nehmen zu allen Lebensaufgaben handelnd Stellung. Diese Stellungnahme kann verweigernd sein, mutig, ausweichend, umwegig, zögernd, grosstuerisch, sachlich usw. Leider kennen wir unseren Lebensstil nicht. Wir "leben ihn aus", verteidigen unsere Handlungen, wenn Kritik von anderen kommt, halten an ihm krampfhaft fest, weil er vielleicht in der Kindheit unter schwierigen Bedingungen einmal sinnvoll gewesen ist. Zur Aufhellung und Bewusstwerdung unseres Lebens, zur Selbsterkenntnis und Menschenkenntnis muss dieses gestaltende Prinzip zweifellos erkannt werden. Individualpsychologische Psychotherapeuten gehen manchmal so vor, dass sie versuchen, die herrschende Leitidee oder das Leitmotiv des Patienten zu erforschen. Auf dem Hintergrund einer gewachsenen Therapeut-Patient-Beziehung und vielen Informationen fühlen wir uns ganz in unser Gegenüber ein. Dann versuchen wir, aus der subjektiven Sicht des Patienten einen Satz zu formulieren, nach dessen Regeln er sein Leben lebt. Zum Beispiel: "Wenn ich nicht kämpfe, dann gehe ich unter!" Einen solchen Satz sagt sich der Patient nicht vor, sondern das im Satz Konkretisierte wirkt diffus emotional - es wirkt wie ein Schwur, wie eine immerwährende Selbstsuggestion. Im Laufe einer psychotherapeutischen Behandlung wurde bei einem Patienten einmal das Leitmotiv formuliert: "Von mir kriegt keiner was!" Bei dem Betreffenden handelt es sich um einen verschlossenen jungen Mann, der in der Kindheit sehr verwöhnt wurde. Er spricht zögernd und stockend und Gefühle werden nur sparsam "verteilt". Durch die psychotherapeutische Behandlung ist er im Beruf tüchtiger geworden, doch lässt er seine Freunde und auch den Therapeuten daran nicht teilhaben durch Sich-mitfreuen. In den Sitzungen wurde herausgearbeitet, dass die Stimmung der Verweigerung in der Pubertät entstanden ist. Oftmals hat er sich wutentbrannt in sein Zimmer zurückgezogen, weil ihm alle Menschen "auf die Nerven" gingen. Der Hintergrund bestand aus Konflikten mit den Eltern, einer Enttäuschung in der Liebe und Misserfolge in der Schule. Statt die allgemeine Aufforderung des Lebens anzunehmen, Krisen zu bewältigen und das eigene Dasein nützlich zu gestalten, verschloss er sich und wandte sich den Aussenseitern der Gesellschaft zu. Durch das "Gelübde" schnitt er sich alle emotionalen Regungen ab. Er meinte, nun ein Mittel zu besitzen, gegen Niederlagen, Fehlschläge und Frustrationen immun zu sein. Dass auf diese Weise eine allgemeine psychische Verarmung verbunden war, erlebte er jedoch als äusserst ärgerliche "Nebenwirkung". Das Leiden an der "Anästhesie (Unempfindlichkeit) des Gefühlslebens" und unerklärliche Angstzustände veranlassten ihn, eine Psychotherapie aufzunehmen. Der Lebensstil des Patienten liegt nicht an der Oberfläche, sondern muss mühsam gesucht werden. Ein Psychotherapeut weiss, dass er mit dieser "aufdeckenden Intervention" sehr vorsichtig umzugehen hat. Zu bedenken ist ausserdem, dass diese Vorgehensweise nur das Neurotische eines Patienten benennt. Noch wichtiger ist es, den Hilfesuchenden auf die Zukunft hinzuweisen, in der seine seelische Gesundung liegt. Es werden Ziele mit ihm formuliert, die in seinen Möglichkeiten liegen, nach denen er sich sehnt und auf die hin er sich entwickeln möchte. Häufig können die Lebensziele erst in einer vertrauensvollen Beziehung ausgearbeitet und in einer Gruppentherapie in der Identifizierung mit anderen gespürt werden. Psychotherapie von Charakterstörungen oder eines neurotischen Lebensstils beinhaltet eine umfängliche Umstellung der Persönlichkeit. Mit Tricks ist da nichts zu machen. Da der Mensch zur Ausformung seines Lebensstils aktiv beigetragen hat, kann er Fehlentwicklungen mit Hilfe eines Psychotherapeuten auch wieder aktiv korrigieren. Letztlich geht es darum, seinem Charakter Stil zu geben, wie Nietzsche sagte. Diese Kunst übt der, "welcher alles übersieht, was seine Natur an Kräften und Schwächen bietet." Dann fügt er seine Eigenschaften "einem künstlerischen Plan" ein, bis sie als Kunst und Vernunft erscheinen "und auch die Schwäche noch das Auge entzückt." Sind wir zu diesem hohen Können überhaupt schon fähig? Der schottische Arzt Samuel Smiles, ein Zeitgenosse Nietzsches, wies auf die Bedeutung unseres Themas für die Erziehung hin: "Wenn Charakter eine so feste und zeitüberdauernde Struktur hat, dann müssten wir doch alles dafür tun, dem Kind einen 'guten Charakter' einzupflanzen. Die Charakterbildung ist eine der grossen bewegenden Kräfte in der Welt." Kommen wir zum Schluss zu unserer kleinen Geschichte vom Anfang des Vortrags zurück. Sie erinnern sich: Ein Nervenarzt betrachtet die Menschen, die sich in einer Hotelhalle aufhalten, und schaut ihnen in die Seele. Schliesslich verabschiedet er sich und sein Gesprächspartner Peter Panter bleibt zurück. Diesen packt die Neugier. Durch eine kleine Bestechung bringt er den Hotelportier zum Sprechen. Es kommt folgendes heraus: Der österreichische Aristokrat ist ein Nähmaschinenhändler aus Gleiwitz. Die Königin der käuflichen Lust ist eine Mrs. Bimstein aus Chicago. Der Weinhändler ist der Clown Grock. Die Bürgersfrau aus der Provinz ist Besitzerin eines Restaurants in Marseille und der freche Geldmann ist ein junger Dichter. Zum Schluss heisst es in der Geschichte: "Nur der Psycholog' war ein Psycholog'." Menschenkenntnis ist also ein schwieriges Unternehmen. Fest steht aber unumstösslich: Peter Panter ist Kurt Tucholsky. |