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Theorie der Träume 1. Träume - so heisst es - geben Aufschluss über das Seelenleben des Menschen. Seit Urzeiten haben sich die Menschen mit Traumdeutung beschäftigt. In Mythen und Sagen, auch in der Bibel werden immer wieder Träume erwähnt und gedeutet. Man glaubte schon immer zu wissen, dass Träume nicht zufällig geträumt werden. Wie alle psychischen Phänomene hat auch der Traum und die Vorstellung vom Traum während der geschichtlichen Entwicklung einen vielfältigen Bedeutungswandel durchgemacht. Die ganz alten Auffassungen gehen dahin, dass Götter oder Dämonen die Träume verursachen, wobei Götter die guten Träume machen, während die Dämonen die bösen Träume schicken, die uns warnen oder vielleicht sogar vernichten sollen. Die Grundauffassung dabei war, dass die Träume von aussen kommen. Eine zweite grosse Anschauung betrachtet den Traum als Ergebnis einer Seelenwanderung des Nachts, wobei ein gefährlicher Zustand entsteht, wenn der Träumer noch vor Ende des Traumes geweckt wird, weil seine Seele nun nicht genug Zeit hat, zurückzukehren. Der Traumdeuter hat die Aufgabe, die Seele oder einen Teil davon wiederzufinden und in den Körper zurückzubringen. Die sogenannten primitiven Kulturen kennen den "grossen" Traum von kultureller Bedeutung, geträumt und verkündet von hochstehenden Persönlichkeiten des jeweiligen Kollektivs, verbunden mit einem überwältigenden Gefühl von Ehrfurcht, Schauer und Faszination. Sie sind beeindruckend, weil Schamenen und Medizinmänner nach allgemeiner Überzeugung Zugang zu übernatürlichem Wissen haben. Man wartet auf diese Träume vor grossen Ereignissen. Die Stämme lassen sich bei allen wichtigen Entscheidungen des Lebens davon leiten. Sie werden für reale Erfahrungen gehalten. In den frühen antiken Kulturen erhoffte man sich in erster Linie rettende Warnungen vor künftigen Ereignissen. Ihre Deutungen in den überlieferten Traumbüchern kommen uns ein wenig wie "wilde Analyse" zu. Die Ägypter versuchten künstliche Erzeugung von Träumen in besonderen Situationen, zum Beispiel bei einer Krankheit zum Zwecke der Heilung. Serapis war der ägyptische Gott des Traumes, dem etliche Tempel überall im Land geweiht waren (sie hiessen Serapium). Traumsymbole wurden auf eine direkte Art gedeutet, beispielsweise, wenn jemand von der Entblössung seines Hinterteils träumte, bedeutete dies, dass er seine Eltern verlieren werde. Das Trinken von Wasser deute auf ein langes Leben hin. Wenn ein Kranker vom Sterben träumte, war dies keine Warnung vor dem Sterben, sondern bedeutete, dass er wieder gesund wird. Die Verkehrung ins Gegenteil, von der Freud im 19. Jahrhundert spricht, war auch damals schon bekannt und machte die Traumsymbolik und ihre Deutung im Grunde zu einem Glücksspiel. Viel Zeit wurde damit verbracht, wahre Träume von falschen und böse von guten zu unterscheiden. Homers Unterscheidung, wahre Träume kämen durch die "Pforte aus Horn" und falsche Träume durch die "Pforte aus Elfenbein", hängt mit einem griechischen Wortspiel zusammen, wie überhaupt Traumdeutung oft mit der Verschiebung innerhalb von Wortspielen zu tun haben (wie bei dem entblössten Hinterteil), so dass uns die Deutungen von Träumen aus alten Sprachen heute kaum noch verständlich sind. Der griechische Arzt Hippokrates (460 - 377 v. Chr.) versuchte aus Träumen den bevorstehenden Ausbruch seelischer oder körperlicher Erkrankungen zu prognostizieren, so wenn er meinte, dass der Traum von Quellen oder Flüssen auf drohende urogenitale Probleme hinweise. Träume spielten aber nicht nur für die Gesundheit eine Rolle, sondern auch bei den Fragen der besten Zeit zum Säen und Ernten, für Reisen und andere Unternehmungen. Die Menschen suchten überall nach Hinweisen in einer Zeit, als es noch keine Armbanduhren, Kompasse, Karten und Wetterberichte gab. Modern muten Platos Gedanken zum Traum an, wenn er schreibt, dass wir im Schlaf Dinge tun, die wir in der Realität aus Scham unterlassen würden. "Der Tugendhafte begnügt sich, von dem zu träumen, was der Böse im Leben tut." Man handelte oft entsprechend seinen Träumen, ohne sie zu hinterfragen, oder sie wurden falsch interpretiert oder sie wurden ignoriert. Eine verlässliche Traumdeutung gab es wohl schon damals nicht. Das erlebte Xerxes, als er seine Armee in den Untergang führte, nachdem er aufgrund seiner Träume zu der Überzeugung gelangt war, dass ein Angriff auf Griechenland ihm den Sieg bringen würde. Einer der berühmtesten prophetischen Träume wird von Cicero erzählt: "Der Dichter Simonides, der einst den Leichnam irgendeines Unbekannten unbeachtet am Strassenrande angetroffen und für seine an-ständige Bestattung gesorgt hatte, wurde, als er später eine Schiffsreise unternehmen wollte, von dem dankbaren Toten im Traume gewarnt: wenn er führe, würde er durch Schiffbruch umkommen. Er fuhr nicht und alle die fuhren kamen um." Es wird berichtet, dass dieses Ereignis im Zusammenhang mit dem Traum auf Jahrhunderte hinaus ungeheures Aufsehen und einen tiefen Eindruck auf die Menschen gemacht hat. Calpurnias Traum von der Ermordung Cäsars blieb hingegen unbeachtet (Calpurnia war Cäsars Gattin). Wenn von einem bevorstehenden Tod geträumt wurde, beispielsweise Lincolns eigener Tod wenige Tage vor dem Attentat, oder Bischof Lanyi in der Nacht vor der Ermordung Erzherzogs Franz-Ferdinand, so kann der Tod oder der Mord dann doch nicht verhindert werden, so dass sich die Frage nach dem Sinn eines solchen prophetischen Traumes stellt, selbst wenn die Prophetie eintritt. Wir wissen auch nichts über die vielen Träume, die einen Tod prognostizieren, ohne dass dieser eingetreten ist, denn der Träumende wird sich nicht der Lächerlichkeit preisgeben wollen. Bodenständiger ist Aristoteles Theorie, wonach im Traum Gedanken auftauchen, an denen sich der Träumer dann am nächsten Tag oder in der Zukunft orientiere. Das erinnert an Alfred Adler und dessen These von der teleologischen und in die Zukunft gerichteten Funktion des Traums. Aber mit prophetischen Träumen ist es wie mit Gesundbeterei: Ein Erfolg wiegt tausend Fehlschläge auf. Es ist nicht verwunderlich, dass bei sehr vielen Träumen, wenigstens bei einigen eine Übereinstimmung mit späteren Ereignissen auftritt. Ein berühmtes Beispiel ist Josefs Deutung, der Traum des Pharao von sieben fetten und sieben mageren Kühen bedeute, dass auf sieben gute Jahre sieben Hungerjahre folgen würden. Der bekannteste Traumdeuter des Talmud ist Hista, der sagte, ein nicht gedeuteter Traum sei wie ein ungelesener Brief. (Stevens 1996, 41) Die moderne Auffassung vom Traum wurde von Heraklit (550 - 480 v. Chr.) begründet. Er war der erste, der Träume als gewöhnliche Erscheinung des schlafenden Geistes auffasste und sich von dem Götter- und Dämonenglauben befreite. Seines Erachtens war das wache Bewusstsein für den Menschen wichtiger als seine Träume und genau dies ist heute auch die Auffassung der Mehrheit der gebildeten Menschen in der westlichen Welt. (Stevens 1996, 35) Nach heutiger Überzeugung sind Träume natürliche Phänomene, ein Ergebnis der normalen Hirntätigkeit im Schlaf, wenngleich diese Tätigkeit nicht so gerichtet und geordnet ist wie unter dem Einfluss des wachen und disziplinierten Willens. Gegenwärtig besteht aber kein Konsens darüber, ob Träume etwas bedeuten und ob man ihre Bedeutung herausfinden kann. (Stevens 1996, 24/25) Vielleicht werden wir die Bedeutung der Träume niemals ergründen können. 2. Indem die Romantiker die Träume so stark betonten, bereiteten sie den Boden vor für das Unbewusste, auf dem dann Freud, Adler und Jung ihre Systeme aufbauten. Sigmund Freud (1856 - 1939) sah bekanntlich die Traumdeutung als die Via Regia zur Kenntnis des Unbewussten an. Das gesamte letzte Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts hindurch beschäftigten ihn die Inhalte von Träumen und deren Entstehung, was 1900 in die Veröffentlichung der "Traumdeutung" mündete. Freud glaubte, nachdem er den Traum von Irmas Injektion 1895 geträumt hatte, dass Träume die Erfüllung eines verborgenen Wunsches enthielten, ohne zu bemerken, dass er sich damit selbst einen Wunsch erfüllte. Er war sich sicher, dass er damit das Rätsel des Traumes gelöst und eine Entdeckung von epochaler Bedeutung gemacht hatte (Stevens 1996, 55). "Dieses aussergewöhnliche Buch hat der theoretischen Erforschung des Traums im 20. Jahrhundert den Weg gewiesen", sagt Stevens (ebd., 56). Das Verfahren der "Traumdeutung" war nichts weiter als die freie Assoziation einerseits und die Deutung aufgrund von Vorannahmen andererseits. Beide sind überhaupt Grundlage der Psychoanalyse. Bei der Deutung eines Traumes jedenfalls assoziiert man am besten zu jedem einzelnen konkreten Traumbild, bis ein Netz zusammenhängender Gedanken entstanden ist, das eine Verbindung zwischen dem Traum einerseits und den gegenwärtigen Lebensumständen sowie Erinnerungen aus der Vergangenheit andererseits herstellt. Im Prinzip übertrug Freud seine Vorstellungen von der psychopathischen Genese auf das Traumgeschehen: Gefühle und verschüttete Erlebnisse, die als potentiell bedrohlich oder gefährlich empfunden werden, werden aus Selbstschutzgründen aus dem Bewusstsein verbannt, können aber, da sie als unbewusstes dynamisches Potential fortwirken, sich in Symptomen manifestieren - und, wie Freud zu erkennen glaubte, auch in Träumen. Der Traum aller Träume ist der von "Irmas Injektion". Freud hatte 1895 eine junge Witwe psychoanalytisch behandelt, mit mässigem Erfolg. Er hatte der Patientin eine Lösung für ihre Probleme vorgeschlagen, die ihr nicht annehmbar erschien. Freud träumte nun, er treffe Irma und einige Mediziner-Freunde und stellte im Traum fest, dass es Irma schlecht gehe, weil ein Freund namens Otto ihr eine Injektion mit einer unreinen Spritze und einem falschen Medikament gegeben habe. Warum ist dieser Traum eine verkappte Wunscherfüllung? Weil er Freud scheinbar bestätigte, dass er an Irmas Unwohlsein nicht beteiligt sei, vielmehr Otto die Schuld trage. Das Motiv des Traums ist also der Wunsch, Freud möge nicht Schuld an Irmas Unwohlsein sein. Das ist das Ergebnis von gedanklichen Assoziationen, die in der "Traumdeutung" fast zehn Seiten einnehmen. Freud umgeht dabei die Frage, welchen Anteil dabei verborgene sexuelle Wünsche haben, obwohl er doch für die Entstehung neurotischer Symptome die sexuellen Triebe für entscheidend ansah. Obwohl Freud diesem Traum so viele Seiten widmet, wirft seine Deutung mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Tatsächlich bemerkt der aufmerksame Leser der "Traumdeutung" einen diskreten Schleier über den potentiell sexuellen Wünschen Freuds. (Stevens, 64/69) Freuds Traumtheorie beinhaltet folgende Grundaussagen: Alle Träume sind Entstellungen verdrängter Wünsche; alle wurzeln in der Kindheit und gewöhnlich sind die Wünsche sexueller Natur; ein "Zensor" verschlüsselt des Nachts den latenten (wahrhaftigen) sexuellen Trauminhalt und man erinnert sich nur an den manifesten (vordergründigen) Traum; der manifeste Trauminhalt hängt stets sowohl mit den Ereignissen des letzten Tages wie mit Erinnerungen und Wünschen aus der Kindheit zusammen; konkrete Gegenstände im Traum drücken immer sexuelle Gedanken, Konflikte oder Wünsche aus; und schliesslich: "der Traum ist der Hüter des Schlafs", d.h. äussere Störungen (Glockenläuten) werden in den manifesten Trauminhalt integriert, damit der Schläfer weiterträumen kann. Um vom latenten zum manifesten Trauminhalt zu kommen, bedient sich der Zensor der Verschiebung (ein potentiell beunruhigender Gedanke wird in ein verwandtes, aber weniger beunruhigendes Bild verwandelt), Verdichtung (mehrere Gedanken werden zu einem Bild zusammengefügt, beispielsweise mehrerer Personen in einer Person), Verkehrung ins Gegenteil, Darstellung durch Symbole (ein neutrales Bild wird zur Darstellung eines potentiell beunruhigenden, meist sexuellen Gedankens verwendet) und Verwandlung von Worten in Bildern. Insbesondere der Sexualsymbolik wurde von Freud und seinen Epigonen viel Platz eingeräumt. Jeder spitze Gegenstand erinnerte an einen Penis, jede Höhle an eine Vagina. "In der kategorischen Form, wie Freud seine Behauptungen aufstellt, sind sie nicht richtig", urteilt Stevens und spricht damit aus, wovon heute bis auf die beinharten Freudianer alle überzeugt sind. "Freuds Laster als Theoretiker sind Dogmatismus und zu weit gehende Verallgemeinerungen." (Stevens 1996, 70) Freud geht selbst auf einige Einwände ein und bedient sich dabei des Arguments, dass dem manifesten Trauminhalt immer ein latenter (das heisst wahrer oder richtiger) Trauminhalt zugrunde liegt, den es zu eruieren gelte. Wenn also nichts Sexuelles im manifesten Trauminhalt auftauche, so bedeute das nichts, da der latente Trauminhalt immer auf Sexuelles hinweise. Auf diese Art und Weise kommt erstens bei der Traumdeutung à la Freud nie mehr heraus, als was nach seiner Theorie im Traum drin stecken darf. Diese Auffassung kann der schrankenlosen Freiheit des Traumlebens nicht gerecht werden. Zweitens kann man aus einer Auseinandersetzung mit Freud niemals als Sieger hervorgehen. Wer seiner Theorie nicht folgen wollte, dem unterstellte Freud Vermeidung, Verdrängung und Verleugnung der Wahrheit. Freud wollte immer Recht behalten. Natürlich hatte Freud in manchem recht, aber mit Sicherheit hatte er nicht immer recht. Seine Theorie musste vor solchen Traumphänomenen kapitulieren, die, wie der Albtraum, zum Aufwachen führen und damit nicht als Hüter des Schlafes angesehen werden können. Diese Lücke der Traumdeutung konnte sein Theorie nicht schliessen. Ein entscheidender Punkt der Freudschen Traumdeutung muss noch erwähnt werden: Der Inhalt erschliesst sich über die freie Assoziation, aber es ist völlig unklar, warum der Zensor, der im Schlaf die sexuellen Wunscherfüllungsphantasien in harmlose Bilder verwandelt, im Wachsein der freien Assoziation weniger aufmerksam sein sollte. Das heisst, es ist wahrscheinlich, dass die freie Assoziation ebenso verhüllt und verschleiert, wie es der Zensor angeblich im Schlaf tut. Oder umgekehrt: Die freie Assoziation ist wahrhaftig und so ist auch der Traum; die Annahme eines Zensors ist überflüssig. Aus Freuds Unlogik kann keine Wahrheit entstehen. Und tatsächlich lässt sich Freuds Wunscherfüllungstheorie im Experiment nicht bestätigen. Man hat Menschen hungrig, durstig oder mit Harndrang ins Bett gehen lassen in der Hoffnung, sie würden sich im Traum ihre harmlosen, weil nichtsexuellen Wünsche nach Nahrung oder Toilettegehen erfüllen. Nichts dergleichen geschah. Schläfer mit voller Blase gaben im Traum nicht dem Impuls zum Urinieren nach. Weil Träume kein Tummelplatz für verkleidete Sexualwünsche sind, ist es auch unsinnig, sie nach allgemein gültigen Symbolen zu durchsuchen, deren Sinn sich in Büchern nachschlagen liesse. So gut wie keiner der psychologischen Autoren, die sich später mit Träumen befassten, tragen Freuds Unterscheidung von latentem und manifestem Trauminhalt weiter. Charles Rycroft hielt in einem 1979 veröffentlichten Buch die Träume für "unschuldig", d. h. sie sind autonom, kennen List und Tücke nicht und seien nicht durch den Willen verzerrt. (Dagegen ist einzuwenden, dass der Wille nicht nur verzerrt, sondern auch ordnet.) James Hillman bezeichnete Träume als frei verfügbare Geschenke der Phantasie. Hillman meint, dass das Es durch die Träume spricht, unter Ausschaltung des Ichs. Der Schriftsteller Martin Walser weist darauf hin, dass die Traumdeutung immer schon durch unreflektierte Vorannahmen geprägt ist: "Träume zerstören wir auch, wenn wir sie nach ihrer Bedeutung fragen. Der ins Licht einer anderen Sprache gezogene Traum verrät nur noch, was wir ihn fragen. Wie der Gefolterte sagt er alles, was wir wollen, nichts von sich." (Martin Walser, "Ein springender Brunnen", 1998, S. 9.) 3. Die Freundschaft Carl Gustav Jungs (1875-1961) mit Freud dauerte von 1907 bis 1913. Beide waren sich vollkommen darüber einig, dass unbewusste Vorgänge für Neurosen und bei der Entstehung von Träumen eine entscheidende Rolle spielen. Im Unterschied zu Freud, der vom individuellen Unbewussten sprach, fügte Jung den Begriff des kollektiven Unbewussten hinzu. Er glaubte, dass archaische Relikte, die er zunächst Urbilder und später Archetypen nannte, im Leben des Menschen (beziehungsweise in seinem Gehirn) schlummern und in Träumen zum Vorschein kommen. Die Vorstellung, dass konkrete Gedankeninhalte vererbt werden, geht auf Lamarck zurück und wird heute nicht mehr vertreten. Wie Freud sich durch das Postulat eines latenten Trauminhalts die manifesten Träume in seinem Sinne hinbog, so verfuhr auch Jung. Sein Haus-Traum im Sommer 1909 diente ihm als Beleg dafür, dass tief unten im psychischen Keller das kollektive Unbewusste lagert. Im Gegensatz zu Freud postulierte Jung, der Traum sei die spontanste und die am wenigsten durch Vernunft und Gefühle zensierte Manifestation des Unbewussten. Ein Zensor existiert in der Jungschen Traumtheorie nicht. Die Abweichungen der Traumtheorien der beiden Pioniere der Tiefenpsychologie sind ein Beleg dafür, wie willkürlich Traumdeutung gerade von den grossen Geistern gehandhabt wurde. Der Vorteil von Jungs Sicht auf Träume ist, dass er betont, Symbole würden nicht mehr umfassen, als über sie ausgesagt werden könne. Freuds Traumdeutung und Sexualsymbolik sei fragwürdig; der manifeste Traum ist der manifeste Traum, ein Messer sei ein Messer (und kein Penis), betonte Jung, man muss nicht krampfhaft Dahinterliegendes suchen. Es gibt viele verschiedene Motive für Träume und oft lässt sich nichts Sexuelles entdecken, genauso, wie es durchaus manifest sexuelle oder aggressive Träume gibt. Jungs Träume sind konkret und bildlich, aber auch hier gibt es keinerlei Beweis dafür, dass er sie in dieser Form geträumt hat. Wie sollte man auch? Sie sind in sich geschlossene Geschichten und erinnern an Märchen und Mythen, und genau das war es, was Jung für die Träume beweisen wollte. Sie seien Märchen und Mythen aus uralter Zeit. Und was die Symbolik betrifft, so täuschte sich Jung selbst. Auch seine Traumtheorie ist voller Symbole, die für etwas anderes stehen. In seinem Haus-Traum symbolisieren die Stockwerke den schichtweisen Aufbau der Seele. Für Ann Mankowitz hingegen, die eine Frau um die 50 mit Traumdeutungen durch die Wechseljahre half, steht das Haus und seine Räume für den "Körper", und zwar "auf der ganzen Welt" (S.39). Sie merkt gar nicht, dass sie sich in unausgesprochenem Gegensatz zu Jung befindet. Jung nannte die in allen Menschen aller Epochen und aller Kulturen gleichen Rest uralten Menschtums die Archetypen bzw. Urbilder. Um nicht den Vorwurf des Lamarckismus ausgesetzt zu werden, präzisierte er 1946, dass die Disposition zu bestimmten Bildern oder einer bestimmten Erfahrung mit den Archetypen gegeben ist, nicht die Erfahrung selbst. Dieser Schritt half Jung jedoch nicht wirklich aus der Verlegenheit. Seine eigenen Träume beruhen grösstenteils nicht auf "vorsintflutlichen" Erfahrungen, sondern ziehen das Mittelalter heran und beruhen ganz offensichtlich auf einer starken Vorliebe für die Figuren in Richard Wagners Opern, ein Kulturgut, das schlecht für die gesamte Menschheit reklamiert werden kann. Nicht zeitgebundene Bilder wie Einsamkeit, Tagesanbruch, Aufstieg und Abstieg, die Sonne, Flucht, Ekel und Reue, Angst vor Entdeckung und Schuldgefühle beispielsweise sind auch Erfahrungen des konkreten menschlichen Lebens der Gegenwart und es gibt keinen Beweis dafür, dass sie unbewusst aus den niederen Gehirnschichten, wo sie urzeitlich abgelagert sein sollen, aufsteigen (Stevens 1996, 179). Es bleibt letztlich unklar, ob der Archetyp ein angeborenes Verhaltensrepertoire ist (das beispielsweise in der Interaktion zwischen Mutter und Kind zum Tragen kommt) oder konkrete Bilder beispielsweise von Gott ausdrücken sollen. In der Tat gibt es einige Bewegungen der Körpersprache, der Gesten und der Mimik, die in allen Kulturen so gut wie das Gleiche ausdrücken. Doch Jung übersieht, dass dies auf vier oder fünf Ausdrücke sich beschränkt und dass diese keine archetypischen Ursprünge haben, sondern eine genetische Verankerung. Zum anderen versteht er unter Archetypen typische Gruppen von Figuren, die in Mythen vorkommen, die aber in ihren Formen universell seien, zum Beispiel drachenähnliche Monstren, Fabelwesen, die halb Mensch halb Tier sind, blendend helle Lichtstrahlen, geometrische Formen wie Mandalas usw. Aber all dies kann man auch mit der kulturellen Überlieferung erklären. In einer jungianischen Behandlung ist es üblich, einen Traum in vier Stufen zu analysieren. Zunächst rekapitulierte man den Traum und seine Atmosphäre, um seinen Eindruck auf das Bewusstsein zu verstärken. Dann versucht man, eine Verbindung zwischen dem Trauminhalt und dem Alltagsleben des Träumers herzustellen (aber nicht nur auf den vergangenen Tag bezogen). Als nächstes muss der kulturelle Kontext geklärt werden, denn der Trauminhalt hat immer mit dem Milieu und der Zeit zu tun, in welchem der Träumer lebt. Schliesslich wird der archetypische Gehalt erforscht und damit der Traum in den Kontext des menschlichen Lebens insgesamt gestellt. Freud wie Jung haben ihre Traumdeutungen ganz auf ihre Theorie und ihr Leben zugeschnitten und so verwundert es nicht, dass Jung, der sich tief auf Theologie und romantischen Idealismus eingelassen hatte, gern von Rittern des 12. Jahrhunderts, von Abenteuern bei der Suche nach dem Heiligen Gral und von Alchemie träumte. Freuds Traumdeutung kann nur verstehen, wer das Primat des Sexuellen anerkennt, Jungs Traumdeutung erschliesst sich nur demjenigen, der über ein grosses Mass an Bildung über das Mittelalter, über Mystik, Religion und historischen Legenden verfügt. Jung hatte sich das in frühen Jahren alles intensiv angelesen und doch behauptete er, ein jeder trage diese Mythen und Märchen aus der Urzeit hereditär in sich. "Die Traumtheorien von Jung und Freud sind höchst spekulativ und zutiefst subjektiv, durch und durch geprägt von den Persönlichkeiten und den beruflichen Ambitionen ihrer geistigen Väter." (Stevens 1996, 90) Sie sind auch weitgehend widerlegt, sowohl was die Vererbung gedanklicher Inhalte betrifft als auch die Vorstellung Freuds, die verdrängte Libido manifestiere sich im Trauminhalt (genauso wie in den Symptomen einer neurotischen Erkrankung, in perversen Sexualpraktiken oder Versprechern). 4. Alfred Adler (1870-1937), der von 1902 bis 1911 im Diskussionskreis um Freud an vorderster Stelle mitarbeitete, hat keine grössere Arbeit über Träume veröffentlicht, aber einige interessante Gedanken dazu verbreitet. Auffallend ist bei Adler die Neigung, Träumen eine besondere Bedeutung in bezug auf die Zukunft beizumessen. Träume dienen nach seiner Theorie dazu, den Lebensstil des Träumers zu stärken und ihm beim Streben nach Überlegenheit und der Überwindung einer Minusposition zu helfen. Adlers Sicht der Träume ist teleologisch, wobei dies eine kombinierte Ableitung aus Teleos, perfekt, vollständig, und Telos, Ziel, ist; Teleologie ist demnach das Streben nach dem Ziel der Ganzheit und Vollständigkeit. "In einem Traum bleibt zwar das Leistungsziel des Menschen dasselbe wie im Wachzustand, aber ein Traum treibt ihn mit gesteigerter emotionaler Macht jenem Ziel entgegen ... In Träumen produzieren wir die Bilder, die die Gefühle und Affekte erwecken, welche wir für unsere Zwecke brauchen, dass heisst, um die Probleme zu lösen, mit denen wir zur Zeit des Traumes konfrontiert werden, und zwar im Einklang mit dem uns eigenen Lebensstil." (Ansbacher/ Ansbacher 1982, S.335) Nach Adlers Meinung holt sich das Individuum nur dann Kraft aus den Träumen, wenn es zur Lösung vorliegender Probleme zu wenig Gemeinschaftsgefühl hat. Teleologische Träume sind in dieser Sicht ausschliesslich neurotisch. Sie unterstützen den Träumer darin, Lebensproblemen auszuweichen und ziehen ihn noch tiefer in die Neurose hinein. Der Traum eines Menschen zeigt an, dass der Träumer mit einem Problem des Lebens beschäftigt ist. Jeder Mensch, der intensiv mit irgendeiner Aufgabe befasst ist, gibt auch des Nachts keine Ruhe. Die einen können überhaupt nicht schlafen und denken nach, die anderen schlafen, sind aber im Traum von ihren Plänen umfangen. So gesehen ist die sonderbare Form unserer Gedankenwelt während des Schlafes nichts anderes, als die Brücke vom Vortag zum nächsten Tag. Weiss man, wie ein Mensch gewohnt ist, Stellung zu nehmen zum Leben, wie er sonst die Brücke zur Zukunft schlägt, dann wird man auch seinen merkwürdigen Brückenbau im Traum verstehen und Schlüsse ziehen können. Tagträume wie Schlafträume treten also auf, "wenn sich der Mensch damit beschäftigt, einen Weg in die Zukunft zu bahnen." Der Traum drückt gleichnishaft eine schon vorhandene, aber möglicherweise noch unbewusste Tendenz im Menschen aus, ein bestimmtes Problem zu lösen. Der Traum wird die Bewegungslinie des Träumers andeuten, so Adler. Adler zieht dazu (in "Menschenkenntnis") das Gedicht "Hochzeitslied" von Goethe heran. Darin wird ein Traum wiedergegeben: Ein Ritter kehrt nach langer Abwesenheit in sein Schloss zurück, das verwaist ist. Er geht ins Bett und träumt von einer Zwergenhochzeit, die in dem Saal seines Schlosses stattfindet. Der Träumer ist offensichtlich mit einem Lebensproblem beschäftigt, denn das Gedicht endet damit, dass der Ritter selbst heiratet und sein Schloss sich wieder belebt. Goethe selbst sagte zu Eckermann am 12.3.1828: "Ich habe in meinem Leben Zeiten gehabt, wo ich mit Tränen einschlief; aber in meinen Träumen kamen nun die lieblichsten Gestalten, mich zu trösten und zu beglücken, und ich stand am anderen Morgen wieder frisch und froh auf den Füssen." Adler leitet die allgemeine Regel ab: Steht der Mensch vor einem Problem, dass er durch Vernunft und Beurteilung nicht lösen kann oder will, holt sich das Ich Stärkung aus der Traumphantasie. Mittels der von ihm geschaffenen Traumbilder sucht er in sich Stimmungen und Gefühle zu wecken, die einerseits seinem Lebensstil entsprechen, andererseits irgendwie der Lösung des aktuellen Problems entgegenkommen - oder durch Angstträume zu verhindern suchen. Es ist dabei ganz gleichgültig, in welchem Material sich die Gedanken- und Gefühlswelt des Menschen auslebt. Der Träumende trainiert eine bestimmte Rolle während des Traumes und trifft somit die Vorbereitung, dass es wahr werden möge. Ein Mensch, meint Adler, dessen individuelles Ziel mit der Wirklichkeit und dem Common sense übereinstimmt, träumt weniger. Sehr mutige Menschen würden sogar ganz selten träumen, denn sie befassen sich am Tage in ausreichendem Masse mit ihrer Situation. Der Traum ist also ein Mittel, sich selbst zu betrügen, eine Art "Selbstvergiftung", um den Lebensstil bewahren zu können (Adler 1966d, 103-110). Der Symboldeutung erteilte er damit eine klare Absage. Man muss das, was ein Mensch träumt, zu seinem ganzen weiteren Leben in Beziehung setzen. Während sich Freud und noch mehr Jung ausführlich und fast schon enthusiastisch mit Träumen beschäftigten, blieb Adler ausgesprochen nüchtern und skeptisch. Im allgemeinen hielt er nicht viel vom Träumen. Sie sollten nur als zusätzliches Material zum Verständnis eines Menschen herangezogen und dürften nicht für sich genommen werden. Tagträume könnten gerade noch verstanden werden, aber bei Schlafträumen sei das selten der Fall (Adler 1966d; S.63, 103ff). Zum Traum des Simonides meint er trocken, dass damals ziemlich viele Schiffe untergegangen sind. Vielen Menschen mag zu jener Zeit geträumt haben, ihnen widerfahre ein Unglück auf einer Reise. Adler vermutet, der Dichter hatte wohl keine besondere Lust gehabt, die Reise zu machen, also liess sich gleichsam den Toten kommen, um ihn in seiner Abneigung zu bestärken. Und wäre dieses Schiff nicht untergegangen, dann hätte die Welt von der ganzen Geschichte wahrscheinlich nie etwas erfahren. Während Freud und Adler meinten, dass der Träumende sich die Träume "macht", heisst es bei Jung, sie sind unparteiische, dem Willkür des Bewusstseins entzogene, spontane Produkte der unbewussten Seele. Die Träume sind uns unverständlich, nicht weil ein aktiver Zensor in uns sie absichtlich verschleiert, sondern weil sie zufällig und bildhaft sind und erst in Sprache übersetzt werden müssen. Bei Freud und Adler ist der Traum ein verschleierter Neurotizismus, während Jung die vorwärtsgerichtete und positive und kreative Stossrichtung der Träume betonen. Jung und Adler treffen sich darin, dass sie fragen, was der Traum für den Träumer bedeutet; wobei der grosse Unterschied bestehen bleibt, dass Adler ausschliesslich die Zukunftsbedeutung im Blick hat, während die orthodoxen Jungianer nach den Verbindungslinien zu den fernstehenden Kulturen der tiefsten Vergangenheit suchen, die angeblich in den ältesten Regionen unseres Gehirns abgelagert sind. Jungs Traumtheorie ist nicht weniger angreifbar als Freuds und Adlers. Indem Adler die Träume als Vorbereitung auf den nächsten Tag und als "Wunscherfüllung" angesichts von Problemen interpretiert, ist seine Sicht letztlich ebenso eng wie Freuds Vorstellung von der Erfüllung infantiler sexueller Wünsche durch Träume. Einige Träume mögen uns unsere Einstellung zum Leben und zu unseren Lebenszielen zeigen, aber in der Ausschliesslichkeit der Adlerschen Formulierung führt diese Sicht nicht weiter. Goethes unschuldige Träume haben nichts Neurotisches an sich und auch empirisch lässt sich Adlers teleologische Traumsicht nicht halten. Es ist keineswegs zwingend, dass die im Traum empfundenen Gefühle nahtlos in unser Lebenskonzept oder den bevorstehenden Tag passen. 5. Wir wissen heute, dass Träume als ein Ergebnis der spontanen Aktivität des zentralen Nervensystems auftreten. Sie sind Manifestationen eines niemals ruhenden Geistes. Die Entwicklungen in der Neurobiologie oder der Evolutionsbiologie sowie der Traumforschung sind dramatisch; von ihnen konnten Jung, Freud und Adler noch nichts wissen, doch durch ihr Charisma und ihre brillanten Formulierungen verhinderten die tiefenpsychologischen Pioniere, dass sich ihre Nachfolger mit diesen Entwicklungen beschäftigten. Heute behindern die Giganten der Trauminterpretation eher den nicht aufzuhaltenden Erkenntnisfluss, als dass sie ihn födern würden. Die heutige Traumforschung geht darauf hin, dass Träume natürliche Vorgänge sind, die sich spontan und unabhängig von persönlichen Wünschen und Absichten im Gehirn ereignen. Betrachten wir kurz die materialistische Haltung, die der Meinung ist, dass der Traumzustand eine ungesteuerte Funktion des Hirnstammes während der Nacht ist, die von höheren Hirnfunktionen nur einigermassen in sinnvolle Bilder umgesetzt wird. Im Jahre 1983 präsentierten Francis Crick und Graeme-Mitchison ihre Traumtheorie, die besagt, dass Träumen lediglich ein Weg sei, um überflüssige Informationen loszuwerden. Schon in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts meinte W. Robert, dass der Traum ein körperlicher "Ausscheidungsprozess" sei, um die Seele auszumisten. Ist Träumen eine hohe oder eine niedere geistige Funktion? Die Vertreter beider Richtungen, die materialistisch-antipsychologische Haltung und die philosophisch-psychologische Haltung standen sich seit jeher bis in unsere Gegenwart gegenüber. Stevens, auf den ich mich hier immer wieder beziehe, kommentiert: "Leider hängen Forscher so sehr an ihrer jeweiligen Sicht und lehnen die andersartige Sichtweise von Kollegen vehement ab, und dabei vergessen sie, dass sie alle nur Beobachter mit einer beschränkten Perspektive sind, die unterschiedliche Teile desselben Elefanten im Dunkeln ertasten. Jeder glaubt, das Stückchen Rüssel, Bein oder Schwanz, das er zu fassen bekommt, repräsentiere das ganze Tier. Freud bekam dabei ganz offensichtlich die Geschlechtsteile zu fassen." (Stevens, 121) Das Unbewusste und das Träumen hängen offenbar eng miteinander zusammen. Die moderne Wissenschaft bietet dafür einige Hinweise. Der Amerikaner Gerald Edelman hat mit seiner Theorie des Geistes, die er "neuronalen Darwinismus" nennt, viel Aufsehen erregt. Einzigartige neuronale Konfigurationen, die der Erfahrung ausgesetzt werden, selektieren bestimmte Zellgruppen und verstärken die Verbindungen zwischen ihnen. Es gibt schätzungsweise 100 Millionen solcher Gruppen im Gehirn, wobei jede Gruppe aus 50.000 bis 10.000 Neuronen besteht. Diese Serien nennt Edelmann "Karten", die wie in einem Spiel liegengelassen oder "gezogen" werden. Die unaufhörliche Interaktion innerhalb und zwischen bestimmten Karten erlaubt einen Vorgang, den Edelmann als das "Wiedereinspeisen von Signalen" bezeichnet: Eine fortwährende Kommunikation zwischen Karten und Kartenserien, die dem Gehirn ermöglicht, Wirklichkeit aufzunehmen und zu verarbeiten. Dadurch entstehen Fähigkeiten wie Kategorisierung und Generalisierung, die für das Lernen unerlässlich sind und schon bei vielen Tieren anzutreffen sind. Für Edelman ist diese unaufhörliche Kategorisierung und Überprüfung der Kategorien mit dem Gedächtnis identisch, und er hält sie für die Grundlage des Bewusstseins. Die sich ständig rückkoppelnde Gedankentätigkeit beruht nicht nur auf der realen Welt und objektiven Fakten, sondern auch darauf, was in der Vergangenheit für das Tier oder für den Menschen Wert oder Bedeutung hatte. Das Unbewusste wäre in diesem Lichte gesehen eine Pauschalbezeichnung für den fortwährenden, kaum steuerbaren Tumult der Wiedereinspeisung von Signalen zwischen miteinander verbundenen Komplexen von "Karten" im Gehirn. Das Bewusstsein schaltet sich ein, wenn riesige Mengen dieser Komplexe zusammenwirken, wie die Musiker bei einem Konzert. Die einzelnen Mitglieder des Orchesters sind alle miteinander verbunden: Jeder spielt die Musik für sich allein, aber gleichzeitig beeinflusst jeder den Klang des anderen und wird von ihnen beeinflusst und es entsteht ein Gesamtwerk. Das Unbewusste wie das Träumen wären in diesem Sinne einzelne Musiker, die unverbunden für sich und vor sich hinspielen, wieder abbrechen, andere Musiker spielen ein paar Töne, jedenfalls sind sie unverbunden, weil das dirigierende Bewusstsein ausgeschaltet ist. Es sind unvollständige und unverbundene Gedanken. Stevens fasst zusammen: "Freuds Traumtheorie ist damit hinfällig. Träume werden nicht durch Wünsche ausgelöst, seien sie sexuell, verdrängt oder sonstiger Art. Träume sind vorhersagbare, episodische Phänomene, die mit zyklischen Funktionen des Zentralen Nervensystems zusammenhängen und haben ihre Grundlage in der Biologie." (Stevens 1996, 158) 6. Eine Klassifizierung von Träumen hat kaum Sinn, da ihre Bilder so viele Bezüge haben, wie es Menschen auf der Welt gibt. Calvin Hall und Vernon Nordby ("The Individual and his Dreams", New York 1972) haben angeblich mehr als 50.000 Träume von Menschen aus allen Teilen der Welt gesammelt. Als typische, immer wieder auftretende Inhalte zählen sie auf: Aggressionen, Raubtiere, Fliegen und Fallen, Verfolgtwerden durch Fremde, Landschaften, Unglücksvisionen, Sexualität, die Vorstellung zu heiraten und Kinder zu haben, das Durchleiden von Prüfungssituationen, Reisen auf alle erdenkliche Art, das Schwimmen oder im Wasser sein, das Beobachten von Feuer und das Eingesperrtsein an einem unterirdischen Ort. Hall und Nordby gelangen zu der Schlussfolgerung: "Diese typischen Träume drücken die allen Träumern gemeinsamen Anliegen, Sorgen und Interessen aus. Man kann sagen, dass sie die universellen Konstanten der menschlichen Psyche darstellen." (zit. bei Stevens 1996, 332. Natürlich nennen die Jungianer diese immer wiederkehrenden Themen "archetypische Themen".) Die Schweizer Wissenschaftlerinnen Inge Strauch und Barbara Meier haben Probanden im Schlaflabor nach ihren geträumten Gefühlen befragt. Auch wenn die Freude ganz oben steht (12 %), so überwiegen negative Gefühle wie Ärger (8,9 %), Angst (8,5 %), Stress (7,1 %) und Verwirrung (4,7 %). Eher neutrale Gefühle wie Interesse und Überraschung tauchten mit 8,5 beziehungsweise 3,9 Prozent auf. Bekannte Personen tauchen in einem Drittel der erinnerten Träume auf, Fremde zu einem Viertel und Unbestimmte zu 20 Prozent. ("Den Träumen auf der Spur", Verlag Hans Huber, Bern; zitiert aus "Haben Sie noch Träume" in: Tagesspiegel Berlin, 02.01.2000) 7. Stevens bringt eine Fülle von Traumbeispielen auch aus der Geschichte und es entsteht der starke Eindruck, dass diese Träume immer so gedeutet wurden, wie sie in die Lebensplanung des Träumenden passen. Je nach dem, ob man sich auf dem Rückzug oder in einer Eroberungsphase befindet, ob man sich Wünsche erfüllen will oder Beistand für einen grossen Plan sucht, ob Vorurteile oder Vorhaben bestätigt werden sollen - oft ist ein Traum (und eine Traumdeutung) zur Hand, der einen scheinbar auf diesem Wege bestätigt. Wenn das so ist, dann erscheint Traumdeutung kaum mehr zu sein als ein Trick, die aktuelle Lebenssituation und innere Gefühlshaltungen zu untermauern. Das würde Adlers Sicht stärken. Neben diesem ernüchternden Ergebnis gilt aber auch, dass die Traumdeutung mittels der Assoziation in der Therapie doch oft auch zu neuen Erkenntnissen und erstaunlichen Verknüpfungen führt, die für die Entwicklung des Patienten und für seine Einsicht und seine Erkenntnis förderlich sein können. Mankowitz mahnt, man solle als Analytiker so wenig wie möglich eingreifen. Der Träumer müsse ausreichend Gelegenheit gegeben werden, den Traum so detailliert wie möglich erzählen und alle nur möglichen persönlichen Assoziationen zu machen, bevor irgendeine Interpretation des Traumes gewagt wird (S.40). "Die Interpretation von Träumen ist, wie die Psychotherapie, eine Kunst und keine Wissenschaft. Es gibt keine richtig oder falsche Art, Träume zu deuten. Jede therapeutische Schule bringt ihren Ausbildungskandidaten ein bestimmtes Vorgehen bei, aber mit der Zeit und mit zunehmender Erfahrung entwickelt jeder Therapeut seinen eigenen Stil. Letztlich gibt es ebenso viele Möglichkeiten, Träume zu verstehen, wie es Therapeuten und Klienten gibt." (Stevens 1996, 257) Die vielen Traumsymbolbücher, die nach wie vor auf dem Büchermarkt erscheinen und zu konkreten Traumbildern konkrete Bedeutungen anbieten, sind so gesehen fast wertlos. Wer nicht viel Zeit hat und nur über wenig Phantasie verfügt, mag in ihnen allenfalls einen ersten Anstoss für eine eigene Trauminterpretation erhalten. 8. Dieses Fazit mag für viele ernüchternd sein. Von der aufregenden Vorstellung, bestimmte Trauminhalte mögen uns auf direktem Weg konkreten Aufschluss über uns geben, bleibt nicht viel übrig. Und doch hat die Traumdeutung in der Psychotherapie ihren Stellenwert, sogar einen zentralen. Die wichtige Rolle der Träume leitet sich ab aus der freien und unzensierten Assoziation, die zur Essenz einer jeden Tiefenpsychologie gehört. Mit einem Wort, Träume sind ein hervorragendes Mittel, um Patienten und Therapeuten miteinander ins Gespräch zu bringen. Träume (sofern sie erinnert werden) lassen niemanden kalt; wir wundern uns über sie, finden sie rätselhaft, oftmals beglückend, manchmal bedrohlich. Es ist der Gefühlsgehalt des Traumes, über den wir den ersten Zugang schaffen. Der Therapeut wird sich zunächst den Traum in seinen konkreten und erinnerten Inhalten erzählen lassen und dann die wichtige Frage stellen, mit welchen Gefühlen er verknüpft war. Sodann wird der Klient gebeten, selbst zu den Trauminhalten zu assoziieren: Was sagt ihm dieser Traum? Der Patient soll seine Gedanken treiben lassen. In dieser Phase wird der Therapeut vielleicht schon ein wenig die Richtung angeben, indem er bittet, den Traum auch auf die Therapie und das Verhältnis des Klienten zum Therapeuten zu beziehen. Psychotherapie ist eine so wichtige und tiefgreifende Erfahrung, dass man kaum darin fehlgehen kann anzunehmen, viele Gedanken und Gefühle des Klienten kreisen um die Beziehung zum Therapeuten. Dazu ein Beispiel aus Irvin Yaloms Roman "Die rote Couch" (dt.1998, S.538 f). Eine Klientin berichtet ihrem Theapeuten: "In diesem Traum gestern nacht haben Sie und ich auf einer Bettkante gesessen, und dann haben wir unsere schmutzigen Socken und Schuhe ausgezogen und einander gegenüber gesessen und die Füsse aneinandergelegt." Die Patienten, sie heisst Carol, war in der Vergangenheit nicht ehrlich zu ihrem Therapeuten Ernest. Jetzt denkt sie zu ihrem Traum, dass es Zeit sei, sich ehrlich mit ihren eigenen Dingen zu beschäftigen. In ihr wächst der Wunsch, aus ihrer Therapie für sich etwas Gutes mitzubekommen. Jetzt greift Ernest ein und bezieht den Traum noch stärker auf ihrer beider Situation. Er gibt dem Wort Sohlen einen winzigen Kick und interpretiert sie als "Seelen" (diese Assoziation ist in der englischen Aussprache noch enger). Das Ausziehen der schmutzigen Socken und Schuhe bringt sie beide unverstellt zueinander und drückt den Wunsch aus, "Seele an Seele zu sitzen". Diese Interpretation ist im Grunde schon recht gewagt, aber der Therapeut darf das, wenn er hinreichend sicher sein kann, dass sie dem Therapiefortschritt dient. Ein Ziel der Therapie ist es, ehrlicher, offener und wahrhaftiger zu werden. Daran hatte es in dem genannten Beispiel bislang gemangelt. Indem der Therapeut seine Deutung gibt, gibt er den Dingen eine positive Wendung. Schon allein aus diesem Grund kann es keine Symboldeutung geben. Die konkreten Trauminhalte sind lediglich Anknüpfungspunkte, die Gedanken schweifen zu lassen. Zusammen mit der vorsichtigen Richtungsgebung des Therapeuten wird man zu erstaunlichen Verknüpfungen und Einsichten kommen können. Die Art der Assoziation und der therapeutischen Hilfestellung wird aber von Klient zu Klient unterschiedlich sein. Menschen ziehen ihre Trauminhalte in der Regel aus ihrem Erfahrungsschatz, aus ihrem Milieu. Ein Handwerker wird anders träumen als ein Intellektueller, ein Hindu anders als ein Christ. Auch der Therapeut ist nicht völlig frei in seiner Deutung, denn er wird auf seine Ausbildung zurückgreifen und seinen Vorbildern nacheifern. Er wird aber immer in den Patienten den schlummernden Künstler und unbewussten Traumschöpfer bewundern und verehren, der Nacht für Nacht, Jahr für Jahr Meisterwerke der Illusion hervorbringt. |