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Gedanken zur Theorie des Bewusstseins

1. Das Bewusstsein ist eines der grossen Rätsel, die dem Menschengeist zur Klärung aufgegeben sind. Neben der Tatsache, dass Bewusstsein eine biologische Grundlage - das Gehirn - hat, ist es vor allem eine "metaphysische Tatsache", die mit gewöhnlichen Verstandesmitteln kaum einzuordnen ist. Nicolai Hartmann (1882-1950) beispielsweise meinte, das Sein und seine Teile wie "Existenz", "Leben", "Freiheit", "Geist" und auch "Bewusstsein" seien nie restlos lösbar und ewig rätselhaft. Auch der Lebensphilosoph Henri Bergson (1859-1941) bestand darauf, dass das Seelische eine fliessende, rational nicht festhaltbare und unzerlegbare Sache sei, die man nur durch Intuition (und nicht durch den Intellekt) begreifen könne.

Man könnte es auch ein "Urphänomen" im Goetheschen Sinne nennen; alle Versuche, es von materiellen, sexuellen oder biologischen Funktionen abzuleiten, schlugen bislang fehl, obwohl es nicht an Versuchen von Neurowissenschaftlern mangelt, immateriellen Geist aus Materie abzuleiten. Für Karl Popper (1902-1995) ist Bewusstsein ein "grosses Mysterium" - wie die Entstehung des Lebens selbst. Man nimmt an, dass Bewusstsein ein Produkt der Evolution ist. Doch bleibt die Entwicklung dahin ein Rätsel, solange man es als einen rein natürlichen Prozess in einer rein materiellen Welt betrachtet. Die Neurowissenschaften und die Gehirnforschung haben das Wissen um die bewusste wie unbewusste Gehirntätigkeit enorm erweitert, doch soll hier eher das "Beschreiben und Zergliedern", das Wilhelm Dilthey (1833-1911) für die geisteswissenschaftliche Psychologie als grundlegend anerkannte, angewandt werden.

Der Begriff hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich, die mit einer unverhohlenen Hochachtung des Bewusstseins begann, sich mit der Demontage in der Psychoanalyse fortsetzte und heute in eine gemässigte Renaissance mündet (Grubitzsch/Rexilius 1987, 150). Am meisten bewundert wurde das Bewusstsein in der Philosophie von Kant bis Hegel, die es als ein exquisites Merkmal der Menschlichkeit ansahen. Hier lag der wesentliche Unterschied zum Tier. Die rationale Wissenschaft kannte aber im wesentlichen nur die zwei seelischen Grundfunktionen Denken und Wollen. Bewusstsein im weiteren Begriff des Wortes umfasste Wahrnehmung und Empfindung, aber auch gewisse kognitive Verstandes- und Denkleistungen. Durch die Dichtungen und Reflexionen Herders, Goethes und anderer "Stürmer und Dränger" fand auch das Gefühl Eingang in die Psychologie. Im engeren oder höheren Sinne wird unter Bewusstsein die Interpretation komplexer sozialer Zusammenhänge, das Einordnen und Bewerten verstanden. Steigt das Bewusstsein noch höher in die Sphären des Wissens und der Weisheit auf, gewinnt es Überlegenheit über den "mittleren Menschen" (Grubitzsch/Rexilius 1987, 151).

Die Psychologie hat das bewusste Wahrnehmen, Fühlen, Wollen und Handeln nach allen Seiten hin beschrieben. In Sigmund Freuds Theorie ist hier eine Lücke festzustellen, setzte er doch voraus, dass Bewusstsein jeder Beschreibung trotzt und sich selbst erklärt (Freud 1940a, 79; 1933a, 76). Andererseits spielt das Bewusstsein in seiner Triebtheorie dann doch eine tragende Rolle. Bewusstsein ist, im Sinne Freuds (1900a; 149, 620), einerseits Wahrnehmungsorgan für die äussere Welt und andererseits um sich selbst wissendes Wissen. Bewusstsein soll mobilisiert werden, um die ungebändigten und angstmachenden Triebe und Wünsche zu bändigen. Man spricht von "Kontrollbewusstsein", das es ermöglicht, von der affektiven und bildhaft-phantastischen Dynamik des Unbewussten Abstand zu nehmen. Kontrollbewusstsein erlaubt den kritischen Vergleich von Erinnerung und Realität, die distanzierte Selbstbeobachtung und die Selbstkritik. Die Tiefenpsychologie nimmt an, dass das willkürliche Gedächtnis sich der bildbewussten, vorbewussten und unbewussten Funktionen bemächtigen kann, jedenfalls Teilen davon. Und umgekehrt: In allen Zuständen, in denen das Kontrollbewusstsein zurücktritt, drängt sich der Bereich des affektiven Unbewussten in den Vordergrund (Heiss 1984, 401).

Die tiefenpsychologische Psychotherapie geht daher darauf aus, den Kreis des Bewusstseins und des Wissens zu erweitern. Der Mensch, der sein eigenes Tun zu verstehen beginnt, gewinnt ihm gegenüber kritischen Abstand. Mit grösserer Selbstkritik wird sich die starre Ichhaftigkeit des unglücklich Erkrankten abbauen, auch wird die Berücksichtigung der Realität grösser. Die unbewussten Charakterhaltungen sind mit zunehmendem Bewusstsein nicht mehr ohne weiteres reproduzierbar und der Teufelskreis von übersteigertem Geltungsstreben und entmutigenden Konflikten mit der Umwelt wird durchbrochen. Aber das führt uns schon weit ab von unserem Gegenstand, der phänomenologisch und ontologisch beleuchtet werden soll.

2. Man stellt sich am besten auf den Standpunkt der "Schichten-Ontologie" von Nicolai Hartmann (1882-1950), die das Seelische und das Bewusstsein als eigene "ontologische Schicht" definiert. Hartmann interessierte sich stets mehr für die Seins- als für die Erkenntniskategorien. Das heisst, ihn interessierte eher das, was erkannt werden kann, und nicht, wie es erkannt wird. Die Erscheinungswelt baut sich demnach auf mindestens drei Schichten auf: der anorganischen, der organischen und der geistigen Seinsschicht. Jede höhere Schicht wurzelt in der unteren, ohne jedoch völlig determiniert zu sein. Leben ist ohne die Materie und ihren Gesetzmässigkeiten nicht denkbar, aber es wäre verfehlt, die Lebensvorgänge allein physikalisch und chemisch begreifen zu wollen. Die geistige Schicht ruht offenbar auf der biologischen auf. Es finden gewisse Wechselwirkungen zwischen beiden statt, vielleicht auch ein Parallelismus der Seinsschichten. Aber wie geistiges Leben und Erleben funktioniert, kann nicht aus dem biologischen Geschehen allein deduziert werden.

Im Sinne von Franz Brentano (1838-1917) und Edmund Husserl (1859-1938) soll also eine "Beschreibung der Bewusstseinstatsachen" durchgeführt werden, ohne auf genetische und kausale Konstrukte abzuheben, vielmehr soll die Erfahrung mit uns selbst zu Wort kommen. Goethe kommt hierbei wieder zu Ehren, indem sein Ausspruch befolgt wird: "Man suche nichts hinter den Phänomenen; sie selbst sind die Lehre." Es besteht kein Zweifel, dass Husserl beim Aufbau der Phänomenologie in die Fussstapfen Goethes trat, der in seinem leidenschaftlichen Kampf gegen Newton die universalistischen Ambitionen der "exakten Naturforschung" (vergeblich) in die Schranken wies. Wenn auch Goethe in seiner Ablehnung der Newtonschen Licht-Theorie offensichtlich Unrecht hatte, war er doch auf einem interessanten Wege, wenn er eine Forschung propagierte, die die Erfahrungen der "Lebenswelt" nicht ausklammerte und übersprang. Wir verstehen das so, dass man wichtige Erkenntnisse gewinnen kann ohne den Riesenaufwand von Apparaten, Laboratorien, Computern usw., die zwar "exakte Ergebnisse" liefern, aber wichtige Sphären der Wirklichkeit ausblenden.

3. Wir versuchen also unser eigenes Bewusstsein zu beobachten und seine Phänomene möglichst vollumfänglich wahrzunehmen. Durch die Leistungen der Phänomenologie ist hier schon mancher Weg geebnet und gebahnt.

Brentano wie Husserl haben die Intentionalität als eines der grundlegendsten Merkmale des Bewusstseins betont. Intention bedeutet "Absicht"; der Denkende wie der Handelnde hat eine Absicht in Bezug auf eine Person oder einen Gegenstand, auch einen abstrakten. Wer immer seine Bewusstseinstätigkeit belauscht und belauert, findet, dass diese auf etwas gerichtet ist. Niemals ist das Bewusstsein nur in sich selbst verfangen. Es geht immer hinaus in die Welt, ist also Manifestation des menschlichen In-der-Welt-Seins.

Daher bekämpfen die Phänomenologen energisch die Vorstellung eines "Seelen- und Bewusstseins-Behälters", in dem sozusagen Vorstellungen, Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Triebregungen usw. wie Dinge abgelagert sind. Eine solche Seelen- und Bewusstseins-Kapsel gibt es für Psychologen und Phänomenologen nicht. Wer sie postuliert, wie es die Behavioristen in ihrer Frühphase taten, folgt räumlichen Modellen, die dem menschlichen Intellekt zwar bequem zur Hand sind, die er aber auch dort gebraucht, wo sie nicht zweckmässig sind.

Bewusstsein ist - wie Sartre sich ausdrückt - wie ein "ständiges Explodieren auf die Welt hin". Man kann es sich als eine Art Leuchtturm vorstellen, der dauernd seine "Lichtblitze" in die Umwelt versendet. Bewusstsein schafft eine "Lichtung des Seins", wie es die Daseinsanalyse ausdrückt, was mit Helligkeit, Offenheit und Vernunft assoziiert ist. Aber auch das sind räumliche Modelle, die nur in Grenzen Berechtigung haben bei einem so fluiden Medium wie dem Geistigen.

Intentionalität ist also ein wesentliches Merkmal allen Psychischen und damit auch des Bewusstseins. Intentionalität funktioniert auch ohne reales Objekt nur "im Kopf". Wir verdoppeln die Welt in unserem Kopf, indem wir ein subjektiv gefärbtes Abbild der Welt und ihrer Teile schaffen, an die wir im unendlichen Gedankenfluss denken und auf die wir unsere Gedanken und Gefühle richten. Bewusstsein drängt damit immer zur Beschäftigung mit der Welt; es ist in diesem Sinne von vorn herein transzendent, das heisst das Ich übersteigend (Schischkoff 1991, 341)

4. Philosophisch gesehen ist Bewusstsein immer auch Selbstbewusstsein und damit Selbstreflexivität. Beides fällt nicht direkt zusammen, was daran ersichtlich ist, dass das kleine Kind Bewusstsein, aber noch kein Selbstbewusstsein hat. Selbstreflexivität ist die Fähigkeit, alle Denkakte auf die Gewissheit zurückzuführen, dass "ich denke". Das war für René Descartes (1596-1650) die letzte, aber unbezweifelbare Bastion in einer Welt des Erkenntnis-Skeptizismus, der damit die neuere Philosophie begründete. Selbstbewusstsein gilt als "Höhepunkt der Evolution" (John Eccles) und als das grundlegendste Merkmal der menschlichen Spezies. Der Preis dafür ist das Bewusstsein um die Sterblichkeit.

Aber wie etwa ist es denkbar, dass alle Erlebnisse, die ich habe, meine sind - also auf meinen imaginären Mittelpunkt hin zentriert? Oder wie erklärt sich, dass es ständig ein latent bewusstes Erleben der eigenen Person gibt, was der Philosoph Manfred Frank als die "präreflexive Selbstvertrautheit des Subjekts" beschrieben hat? Er siedelt das Selbstbewusstsein im mehr oder minder verschwommenen Formerleben des Körpers an; diese willentlich nicht auszuschaltende Empfindung sei die Quelle jener Selbstgewissheit, die uns durchs Leben begleitet. Die Urempfindung des Leibes ist immer da. Schmerzen in amputierten Gliedern zeugen von diesem inneren Körperbild. Frank meint aber, auch diese Urempfindung sei letztlich nur Ergebnis einer Informationsverarbeitung im Gehirn. Sie kann uns durch Gehirnschädigung jederzeit verlorengehen. Willentlich ist dieses primäre Selbsterleben allerdings kaum ausser Kraft zu setzen. Es ist evolutionäres Erbe.

Selbstbewusstsein hängt damit eng mit Identität zusammen; indem ich denke, versichere ich mich meiner eigenen Identität und Individualität. Wo diese höhere mentale Funktion gestört ist, kommt es zu schwerwiegenden Krankheiten. Eine Erkrankung wie multiple Persönlichkeit etwa wird zum Versuch des Gehirns, mit unterschiedlichen Situationen fertig zu werden, indem es sich für jede ein passendes Ich erschafft.

Selbstbewusstsein scheint es für das Tier nicht zu geben. Wenn der Mensch denkt, weiss er, dass er denkt. Das Selbstbewusstsein fühlt sich getrennt von der Aussenwelt und den Objekten; es grenzt sich ab und ist nach Immanuel Kant (1724-1804) doch untrennbar damit verbunden: Kein Selbstbewusstsein ist denkbar ohne gleichzeitiges Bewusstsein von der Welt. Die Grenze konstituiert das Identitätsgefühl. Wenn die Ich-Grenze durch Gewalt oder Unachtsamkeit durchbrochen wird, fühlen wir das als Identitätsbruch und Integritätsverlust.

Auch im Selbstbewusstsein ist das Denken intentional. In diesem Fall macht der Mensch sein eigenes Denken zum Erkenntnisgegenstand.

5. Wo immer Bewusstsein erscheint, gibt es auch Gedächtnis. Schon die Tiere imponieren durch teilweise beträchtliche Gedächtnis-Leistungen, indes es fraglich ist, ob wir der Pflanze ein Erinnerungsvermögen zuschreiben können. Gustav Theodor Fechner (1801-1887) hat zwar in seinem Buch Nanna oder die Seele der Pflanzen (1848) solche Fähigkeiten für möglich angesehen, aber das scheint naturwissenschaftliche Metaphysik zu sein.

Der Mensch also hat eine gewaltige Gedächtniskompetenz. Das Gedächtnis allein macht nicht das Bewusstsein, ist aber gewissermassen seine rechte Hand. Der Mensch erinnert nicht nur sein eigenes Leben, sondern schreibt auch die Geschichte der Menschheit, der Erde und des Weltalls. Also ist sein Zeiterleben schier unendlich ausgeweitet. In ihm brechen die drei Dimensionen der Zeitlichkeit auf, so dass er stets die Gegenwart im Lichte der Vergangenheit und in Projekten für die Zukunft erlebt. Er denkt in Jahrtausenden und Jahrmillionen, und das nach vorne und nach rückwärts. Wo Gedächtnis fehlt, drohen erneut Krankheiten. In der Demenz verliert der Mensch zuerst sein Kurzzeitgedächtnis, was ihn hilflos im Raum und in der Zeit werden lässt. Ohne Gedächtnis sind alle unsere übrigen Fähigkeiten nutzlos.

Das Gedächtnis wird als Fähigkeit verstanden, Erinnerungen bereitzustellen. Die Theorie des Gedächtnisses (Schischkoff 1991, 231) nimmt an, dass Erlebnisse und Erinnerungen in den hohen Gehirnfunktionen "Spuren" und Verknüpfungen hinterlassen, die bei ähnlichen neuen Erlebnissen Assoziationen hervorrufen, die die Einordnung und Bewertung enorm erleichtern. Assoziation ist eine der häufigsten Arten, wie das Gedächtnis arbeitet. Die "seelische Ideenverbindung" spielt in der psychoanalytischen Diagnose und Therapie eine grosse Rolle. Das Verknüpfen von Einfällen ist nach Freud (1850-1937) der "Königsweg" vom Bewussten zum Unbewussten.

6. Die innerste Substanz des Bewusstseins scheint neben der Intentionalität, des Selbstbewusstseins und des Gedächtnisses also auch das Zeiterleben zu beherbergen. Daher ist in allen modernen philosophischen Anthropologien die Analyse der Zeit bedeutsam. Man glaubt gleichsam ins Zentrum des Bewusstseinslebens hineinzuschauen, wenn man sich darum bemüht, das Wesen der "gelebten Zeit" (Henri Bergson, 1859-1941) oder der "existentiellen Zeit" (Heidegger, Sartre, Merleau-Ponty usw.) zu erhellen. Auch die Psychologie und Psychopathologie gewinnen viel, wenn sie "zeit-analytisch" vorgehen.

Die vom Bewusstsein wahrgenommene Zeit ist gekoppelt an Veränderung, an das Werden und Fliessen. Zeit ist, wenn ihr Erleben nicht krankhaft entartet, eine (nicht unbedingt lückenlose, aber kontinuierliche) Kette ohne Erinnerungsbruch. Der Zeitbruch im "Filmriss" nach Alkoholmissbrauch irritiert und erschreckt uns. Jeder Mensch trennt die objektive von der subjektiven Zeit. Im Allgemeinen wird in jungen Jahren die Zeit als gedehnt empfunden, während sie zum Alter hin immer schneller zu vergehen scheint, während gleichzeitig immer weniger passiert. Es wird für das Alter bedeutsam, haushälterisch mit Zeit umzugehen, die nicht mehr als unendlich angesehen werden kann. Zeit und Zeiterleben gehören zum Wesen des Bewusstseins.

In der Daseinsanalyse (Heidegger, Boss) beispielsweise gehört der Aufenthalt des Menschen in der Zeit zu den "tragenden Wesenszügen des Menschseins" (Boss 1975, 237 ff). Aufenthalt des Menschen in der Zeit bedeutet, dass er Zukünftiges imaginieren, gegenwärtig Anwesendes wahrnehmen und Gewesenes behalten kann. Der gesunde Mensch erstreckt sich in alle Zeitdimensionen gleichzeitig. Selbst wenn die eine oder andere Dimension zurücktritt, so verschwindet sie nie ganz, allenfalls wird sie temporär verdeckt.

Das verbindende Element der Zeitdimensionen nannte Martin Heidegger (1889-?) "Sorge". Sorge umfasst Existenzialität, Faktizität und Verfallensein, was in etwa mit den Zeitdimensionen Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart identisch ist. Existenzialität bezeichnet die Zukunftsdimension, das "Sich-vorweg-sein-können", das Sein in Richtung auf das zu Verwirklichende. Faktizität ist die Vergangenheit, in die hinein wir ohne Rechtfertigungsgrund, d.h. grundlos "geworfen" wurde; der Mensch ist unabänderlich abhängig vor ihr und hat sie zu übernehmen, aber auch darüber hinauszuwachsen. Seit Heidegger ist die Zukunft die dominante Zeitdimension. Vom Ende her bestimmt sich das Leben der Menschen, indem er ständig Handlungen antizipiert. Heidegger stellte damit den Zeitpfeil sozusagen auf den Kopf: Die Zukunft wirkt im Lichte der Vergangenheit auf unsere Gegenwart. Das macht das Drama des Lebens aus.

7. Verblüffend ist die immense Beweglichkeit und Wendigkeit des Bewusstseins. Normalerweise ist es andauernd in lebhafter Funktion und greift über sich hinaus in die Welt. Goethe sagt im Rahmen eines geologischen Aufsatzes über den Granit, den er als das älteste Gestein der Erde auffasst, das Herz des Menschen sei "der jüngste und beweglichste Teil der Schöpfung". Hier irrt Goethe (wie ein Buchtitel in einem anderen Zusammenhang formulierte). So lebhaft und rhythmisch aktiviert das Herz auch sein mag, steht dies in keinem Vergleich zur unaufhörlichen Spontaneität des Bewusstseinslebens. Das Fernste und das Nächste kann sich der Mensch vergegenwärtigen, ohne sich einen Millimeter im Raum zu bewegen. In der Imagination kann der Mensch Raum und Zeit spielend überwinden.

Wenn unser Geist nicht mit Sinneseindrücken überflutet wird, kommt es vor, dass in unserer Phantasie ein Bild aufsteigt, das weitere Bilder heraufbeschwört, wie es beispielsweise bei Tagträumen passiert. Bei Menschen mit einer reichen und gleichzeitig "disziplinierten" Phantasie können sich schöne und erlesene Bilder und Visionen ergeben, die sich zu einem Ganzen fügen. Werden diese Bilder in einer Sprache ausgedrückt - Musik, Bilder oder Worte - so spricht man von künstlerischer Schöpfung. Die schöpferische Phantasie beginnt bei den Spielen der Kinder (und vieler Tiere) und endet bei den strengen und anspruchsvollen Regeln der Kreativität. Sie gehört mit zu den profundesten Aktivitäten des Bewusstseins und ist (in ihren meisten Formen) ein weiteres, dem Menschen eigenes Merkmal.

Bei all dem ergibt sich die unmittelbare Erfahrung einer zumindest relativen Freiheit des Bewusstseins. Die materielle und soziale Bedingtheit aller Bewusstseinsformen bedeutet keineswegs das Fehlen von gewissen Freiheitsgraden. Wo immer Bewusstsein in Erscheinung tritt, besteht ein Freiheitsspielraum. Jean-Paul Sartre (1905-1980) stützte sich in der Frühphase seiner Philosophie (z.B. in Ist der Existentialismus ein Humanismus?, 1946) radikal auf dieses Postulat und schrieb enthusiastisch: "Der Mensch ist frei, der Mensch ist die Freiheit." Aber er hatte nicht ganz Recht, denn schöpferisches Vorstellungsvermögen und Phantasie können nicht gelernt werden. "Sie sind Gaben, für die wir nur dankbar sein können", meint John Eccles (1989, 373). Völlig frei wären wir nur, wenn wir willentlich in die kausale Ordnung der Natur beziehungsweise Physik eingreifen könnten. Das ist, wie jeder weiss, nicht der Fall.

8. Ferner muss betont werden, dass Bewusstsein das vermutlich hinfälligste und schwächste Organ am Menschen ist. Aus vielerlei Gründen: Bewusstsein ist historisch gesehen die jüngste Errungenschaft des Menschen. Ferner hat das Kollektiv vom Individuum bereits Besitz ergriffen, bevor dieses zum Bewusstsein seiner selbst gelangen konnte. Auch bewusstes Gedächtnis hat irrationale Seiten; nicht selten wird Gleichgültiges und Banales behalten und wichtiges Erlerntes vergessen. John Locke verglich das Gedächtnis mit einem Grabstein, dessen Inschrift allmählich verwittert. Das Vergessen gehört somit zum Gedächtnis als sein ständig drohender "Defekt" (Weinrich 1997, 85/86).

Auch wird das zarte und bewegliche Bewusstsein durch die Kompaktheit und Schwerfälligkeit der materiellen Welt ständig provoziert. Es stösst in seiner intentionalen Beweglichkeit dauernd auf die Unverrückbarkeit der materiellen Gegebenheiten. Schon Sören Kierkegaard (1813-1855) versicherte immer wieder, dass am Saum jedes Bewusstseins die Verängstigung flackert. Er schilderte immer wieder die Sinnlosigkeit der Welt, auf die nur Angst und Verzweiflung die Antwort sein könne. Das ist exakt das Grundanliegen der Existenzphilosophie. Doch während Kierkegaard empfahl, sich Gott und dem "Paradoxen" hinzugeben, meint die Tiefenpsychologie, dass das Einsamkeitsgefühl des Menschen im Kosmos nur durch Einbettung in die Gemeinschaft und durch den liebevollen Austausch mit einem Partner beschwichtigt werden kann.

Auch täuscht sich das Bewusstsein aufgrund von Verdrängungen zwangsläufig, unabhängig von seinen Absichten. Was sich bewusstseinsmässig durchsetzt, ist zu einem wesentlichen Teil Ergebnis unbewusster Wünsche und Motive. Doch Wünsche, Gedanken und Bedürfnisse kommen nur als Kompromiss, d.h. in entstellter Form ins Bewusstsein und an die beobachtbare Oberfläche. "Obwohl auch eine bewusste Aufmerksamkeit bis zu einem gewissen Grade zu erzwingen ist, sitzt doch die Anregung für die Aufmerksamkeit nicht im Bewusstsein, sondern im Interesse, und diese wieder liegt zum grössten Teil in der Sphäre des Unbewussten." (Adler 1966d, 95) Dieter Wyss nannte die "Bewusstseinsenge" ein konstitutionelles Merkmal des menschlichen Bewusstseins.

Freud wies auf das begrenzte Vermögen des Bewusstseins hin, "Herr zu sein im eigenen Haus" (Freud 1916-17a, 294). "Dem Bewusstsein mangelt prinzipiell das Wissen um seine eigenen Schranken; [...] das Zugängliche gilt vielmehr für das Ganze. Das bewusste Selbstverständnis wird für wahr gehalten." (Kohli-Kunz 1975, 288) So wie man sich versteht, versteht man sich eben nicht fraglos richtig. Viele gedankliche Inhalte kommen schon entstellt im Bewusstsein an. Bewusstsein ist ein qualitatives Kontinuum von Noch-nicht-klar-wissen um etwas bis hin zum Sich-selbst-durchsichtig-sein. Es gibt verschiedene Grade des Wachseins. Die Unterschiede zwischen verdrängen - verleugnen - verheimlichen - Unehrlichkeit - Lüge sind auch solche des Bewusstseinsausmasses. "Die 'Erreichbarkeit' eines Bewusstseinsinhalts ist ein abgestufter Begriff, da zur tatsächlichen Erreichung eine von Fall zu Fall verschiedene Anstrengung erforderlich ist." (Jordan 1947, 19)

Wenn von "bewusst" die Rede ist, so wären neben den Bewusstheitsgraden oder -stufen auch die wandernden Grenzen des "Bewusstseinsraumes" (Jordan 1947, 20) zu beachten. Vieles existiert im "Bewusstseinsraum", ohne im augenblicklichen Bewusstsein anwesend zu sein. Selbstbeobachtung hängt mit Aufmerksamkeit zusammen und diese mit der Grösse des Bewusstseinsraumes. Die Aufmerksamkeit bezieht sich auf konkretes Handeln und Denken. Dies ausreichend geübt, werden die Sphären des Aufmerksamkeits- und Bewusstseinsbereichs immer grösser. Umgekehrt ist mangelnde Selbstbeobachtung mit grösseren Anteilen an Unbewusstem und höherer Unaufmerksamkeit und Unachtsamkeit assoziiert. Bewusstseinsstadien haben die Qualitäten getrübt bis klar.

9. Bewusstsein galt Freud und anderen Autoren als Organ des Welterkennens, neben den Sinnesorganen. Das betrifft die Bedingungen der Wahrnehmung. Jeder weiss heute, dass wir uns wahrnehmend täuschen können. Wahrnehmung und Kognition ebenso wie Erwartungen und Phantasien sind nicht die Widerspiegelung der Realität, sondern kreative Erfindungen von Theorien über die Realität. Der Erkenntnis des Selbst sind auch erkenntnistheoretische Grenzen gesetzt. "Theorien und Modellvorstellungen über die Psyche werden vom menschlichen Bewusstsein erdacht, das seinerseits Psyche ist." (Bittner 1977, 17)

Und doch ist eine der Hauptbetätigungen des Bewusstseins der Aufbau einer Wahrnehmungswelt. Die Bewusstseinstätigkeit fungiert allgemein - in der Vorstellung Adlers - als ein "Organ der Sicherheit und Voraussicht". Das kann sie nur leisten, wenn sie die Tatsachenwelt einigermassen genau registriert. Das kann nur in Massen geschehen, denn Wahrnehmung muss notwendigerweise filtern. Würde die gesamte Menge an Informationen, man könnte im Sinne Freuds auch von Erregungen sprechen, ungefiltert ins Bewusstsein gelangen, wäre jeder Wahrnehmende in der Lage jenes Kunstliebhabers, der bei der Betrachtung eines Mosaiks jedes einzelne Mosaiksteinchen beschreiben würde. Einem solchen Kunstliebhaber wäre es ganz unmöglich, den Gesamteindruck des Werkes zu erkennen und wiederzugeben. Deshalb muss das Gehirn unablässig wesentliche von unwesentlichen Informationen unterscheiden. Erst so wird es überhaupt möglich, Ganzheiten in ihrer Bedeutung wahrzunehmen und sich im Leben zurechtzufinden (Boss 1975, 69). "Es liegt nahe zu denken, dass eine Fernhaltung des allergrössten Teils der uns ständig in überwältigender Fülle zuströmenden Sinneseindrücke und eine siebende Auswahl nicht nur dessen, was ins augenblickliche Bewusstsein, sondern auch dessen, was wenigstens in den Bewusstseinsraum eingelassen wird, zu den existenznotwendigen Voraussetzungen einer Persönlichkeitsbildung gehören [...] Die ungeheure Masse derjenigen Sinneseindrücke, welche keine Aufmerksamkeit erregen, muss also gerade wegen ihrer Massenhaftigkeit als Ganzes unter Verdrängung stehen." (Jordan 1947, 22)

Das seelische "Sicherungsorgan" kann aber noch mehr. Es fragt gleichsam alle Dinge auf ihr "Wie" und "Was" ab, begnügt sich aber nicht mit "Existenzurteilen", sondern will auch die Bedeutung aller Phänomene begreifen. Die Erkenntnis von Bedeutungszusammenhängen schliesst sich allemal zusammen zu einem "Welt-Begriff". In der Sprache der Gestaltpsychologie gehört zu jeder Ding-Wahrnehmung auch eine "Hintergrunds-Perzeption". Und der allgemeinste Hintergrund, auf dem Sein und Bedeutung von Fakten aufgenommen werden, ist in der Regel die "Welt". Das Bewusstsein nimmt nicht isolierte Dinge wahr, sondern reiht sie ein in einen Bedeutungszusammenhang einer jeweils mitvorhandenen Welt.

10. Damit nicht genug: Die Konstitution einer realen Welt in ihrer Bedeutung ist nur ein Teilstück des Bewusstseinslebens. Darüber hinaus schafft und erkennt die Bewusstheit immer auch eine "Welt der Werte". Dieser schreiben wir mit Nicolai Hartmann kein reales Sein zu (wie Steinen, Pflanzen, Tieren, Menschen und menschlichen Hervorbringungen), sondern ein ideales Sein. Dieses wird zugänglich nicht durch das physische Sehen, sondern durch eine innere Schau, durch Emotionalität und spezifische Wertempfänglichkeit (in die auch die Vernunft hineinspielt). Wo immer ein Wesen mit Selbstbewusstsein existiert, wird nach Max Scheler (1874-1928) und Hartmann auch ein Reich der Werte konstituiert, das Rangordnung und Hierarchie enthält. Es gibt niedere, hohe und höchste Werte. Sie stehen über den empirischen Gesetzen des Daseins (sagt Scheler). Zu den niederen gehören leibliche Wertformen; seelisch-geistige Wertstufen haben höheren Rang, und der Person-Wert z.B. ist besonders hoch anzusiedeln. Andere Autoren hingegen betonen die Gleichbedeutung der Werte beziehungsweise Tugenden, die erst zusammengenommen einen sinnvollen Wertkosmos ergeben.

Das Bewusstsein steigt in die Wertwelt durch Erziehung ein. Dadurch ist der Wert-Horizont der Menschen so unterschiedlich. Viele haben nur ein geringes Wertinventar vor dem "inneren Auge", so dass ihr Leben relativ gefühlsarm und dumpf dahinläuft. Es ist anzunehmen, dass die Höhe des Selbstwertgefühls korreliert mit dem Ausmass der möglichen Werterfahrung. Wo also das Bewusstsein durch Erziehung und Selbsterziehung sowie durch selbstaktivierte innere Steigerung in Selbstachtung übergeht, scheint eine Ausweitung des Werthorizontes möglich zu sein. Andererseits stimuliert nichts so sehr das Selbstwertstreben und Selbstwertgefühl als die gelebte und erarbeitete Erfahrung von Werten, die in der Wertpyramide hoch oben rangieren. Der Intellekt ist hierbei nur mässig beteiligt. Freud schärfte uns ein, dass das Unbewusste Motive habe, die die Intelligenz und das Bewusstsein meist gar nicht kennen. Wertfühlendes Bewusstsein bedarf demnach einer starken gefühlsmässigen Basis in der Persönlichkeit, auf der erst gute Gefühle und die Vernunft den Vorstoss ins Reich der Werte zu unternehmen wagen.

11. Es mag bisher den Anschein erweckt worden sein, als ob eine spezifische "Gnadenwahl" die einen Menschen mit empfänglichem und produktivem Bewusstsein ausstattet, indes die anderen per Zufall oder Schicksal leer ausgehen. Aber diese Sicht wäre zu verkürzt. Seit den tiefenpsychologischen Theorien zur Entwicklung der kindlichen Psyche können wir doch wesentlich genauer explizieren, wie das Werden und Wachsen des Bewusstseins zustandekommt. Die Erziehung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie ist aber so gross, dass sie hier nicht erschöpfend behandelt werden kann. Ein paar Fingerzeige mögen genügen. Dabei wird vereinfachend davon ausgegangen, dass Erziehung immer auch Erziehung zur Bewusstheit sein soll.

Die Notwendigkeit der Erziehung ergibt sich aus folgenden Überlegungen: Kinder brauchen Pflege, sonst gedeihen sie nicht. Kinder brauchen zweitens Information. Die Welt ist kompliziert und das Kind weiss ja noch nichts. Der Erzieher muss das Kind informierten. Drittens brauchen Kinder Gewöhnung, Training, soziale und intellektuelle Lernprozesse. Auch das sind vielfältige erzieherische Arbeiten, die die Eltern und dann die Schule leisten müssen, sonst wird nichts aus den Kindern.

Die Erziehung ist also mit die wichtigste Aufgabe der Kultur. Die Hauptlast der ersten Jahre liegt auf der Mutter, sie muss viel vollbringen, dass aus diesem "biologischen Wesen" Mensch ein "Kulturwesen" wird. Das Bewusstsein muss sich aus dem Bios herausarbeiten, um existent und funktionsfähig zu sein. Unter dem Einfluss der liebevollen Betreuung durch die Mutter entdeckt das Kind die Mutter als emotionales Gegenüber und befreit damit seine Bewusstheit aus der Biologie.

Später entdeckt der junge Mensch bereits deutlicher sein Gegenüber, das Forderungen stellt, denen man zustimmen oder entgegenhandeln kann. Das gibt der Ich- und Bewusstseinsentwicklung Auftrieb. Darum sagt das Kind in dieser Zeit bereits mit Verständnis "Ich" und "Ich will" und leider noch öfter "Ich will nicht!" Früher ordnete man fälschlicherweise diese Entwicklungsphase als Trotzregung ein und spricht noch heute vom "Trotzalter". Dabei sind das bereits hohe Bewusstseinsleistungen. Später bewegt das Kind sich noch weitläufiger im sozialen Raum, im Rahmen der zwischenmenschlichen Beziehungen. Es geht ihm um die Themen der Selbstbehauptung und Selbstdarstellung, wobei es seinen Eigenwert spiegelt in der Beachtung und Wertschätzung, die es von seinen Beziehungspersonen erfährt. Das Bewusstsein meint nur existieren zu können, wenn es durch das Du und das Wir vollumfänglich bejaht wird. Die emotionale Interaktion ist die Sphäre, in der Bewusstheit ihre eigentliche Heimat findet. Sie kann sich nur im Dialog am Leben erhalten. Fällt ein Individuum aus dem Bereich der "Zwiesprache" (Martin Buber, 1878-1965) heraus, dann regrediert es auf frühere Entwicklungsphasen und verliert Kompetenz. Das Bewusstsein stiftet also Gemeinschaft und bleibt in ihr lebendig; es braucht Nähe und Austausch, um atmen und existieren zu können.

12. Wir sagten weiter oben, dass die Hauptfunktionen des Bewusstseins der Aufbau einer Wahrnehmungswelt und das Sichtbarmachen einer Wertewelt ist. Die letztere muss nun genauer unter die Lupe genommen werden.

Wert ist ein "erstrebenswerter Zweck". Uns interessieren hier besonders die moralischen Werte (obwohl es auch wirtschaftliche, ästhetische, rechtliche, religiöse u.a. Werte gibt). Nach Kant sind Werte Gebote, von denen eine Aufforderung ausgeht, verwirklicht zu werden. Werte sind keine Erkenntnis, deshalb können sie nicht wahr oder falsch, sondern nur gut oder schlecht sein. Werte gelten jeweils nur für gewisse Menschen, während Erkenntnisse allgemeingültig sind. Zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten herrschen verschiedene Werte. Der Wertpluralismus stellt uns vor eine Qual der Wahl. Aber die Entscheidung muss getroffen werden, da wir Ziele erreichen wollen und handeln müssen.

Nach Josef Rattner (*1928) sind Gefühle die Instrumente zum Erkennen von Werten. Gefühle sind identisch mit der Fähigkeit zum Werterleben. Während die Liebe die Werthaltigkeit der Welt vermehrt, hat der Hass die Tendenz, Werte zu vernichten. Der Hass macht den Menschen blind für das Wertvolle. Neurosen und Affekte sind ein grosses Nein, das tendentiell zu Wertindifferenz und Unwertigkeit führt. Versiegen die Quellen der zuwendenden Liebe, ist wertmässiger Abstieg unvermeidlich. Will der Mensch glücklich sein, so muss er vernünftig denken und handeln; er muss entscheiden lernen und Zusammenhänge erkennen. "Wenn man Affekte in Gefühle verwandeln kann, verhilft man dem Menschen zu einer seelisch-geistigen Entwicklung. Vielleicht ist dies auch eine der besten Definitionen für die Psychotherapie: Im Verlauf einer gelingenden Behandlung wird der Patient affektfreier und entdeckt den beglückenden Raum der Gefühle." (Rattner 1994, 110) Der Mensch ist in Grenzen frei, sich seine Werte zu wählen. Falsche Wertmassstäbe basieren auf Erziehungsfehlern, lebensfremder Moral und gesellschaftlichen Tabus. Wie Heinrich Rickert (1863-1936), der methodologisch den Unterschied zwischen Natur- und Kulturwissenschaften herausarbeitete, geht Rattner von der Existenz zeitlos gültiger Werte aus.

13. Das Bewusstsein schafft sich seine Stärke, Elastizität und Vigilanz nicht nur aus dem kontaktfähigen Umgang mit dem Selbst und dem Wir und ferner den Werten, sondern auch durch das Sich-Einarbeiten in die Welt des sogenannten objektiven Geistes. Mit dem objektiven Geist bezeichnete Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) all das, was durch kollektive Anstrengungen an Werten geschaffen wurde: Recht, Moralität und Sittlichkeit beispielsweise. In Rattners Sicht ist die objektive Geisteswelt - Kunst, Wissenschaft, Sprache, Sitte und Brauchtum, Technik, Wirtschaft, Religion und Philosophie - das Medium, in dem das Bewusstsein seine Blüte entfalten kann. Will man also Menschen im emphatischen Sinne "menschlich" machen, dann muss man sie zur weitläufigen Kulturfähigkeit erziehen, oder anders gesagt: Sie sollen ihren persönlichen Denkprozess durch überpersönliche Denkinhalte schulen und bereichern. In dieser Transzendenz ist ein Stück seelischer Gesundheit begründet. Wo der Mensch in Armut, Unwissenheit und Entbehrung aufwächst, findet er keinen Zugang zur Kultursphäre. Will er sich dann zur Geltung bringen, dann muss er das in primitiver Selbstdurchsetzung anstreben. Man sollte alle psychopathologischen Zustandsformen auch daraufhin untersuchen, ob da Menschen im Verlaufe ihrer Sozialisation mit der Kultur nicht genügend bekanntgemacht wurden und daher ihr Perfektionsideal und ihre Strebensziele ungeschickt definieren. Das ungeschulte und primitivisierte Bewusstsein hat jenes "Unbehagen in der Kultur", das Freud fälschlicherweise dem Menschen überhaupt anheftete. Die Kultur ist nicht per se der Gegenspieler des Menschen. Allerdings gibt es überlebte Formen des objektiven Geistes - Patriarchat, Autoritarismus, Militarismus, Sexualphobie, religiöse Verstiegenheit, egoistische und machtmässige Ideologien -, die im Widerspruch zur menschlichen Entfaltung stehen und mindestens so pathologisierend sind wie die Abwesenheit von Kultureinflüssen.

14. Für das Bewusstsein kann man formulieren, dass es um seine Existenz weiss und auch den Imperativ fühlt, dieses Sein zu behaupten. Dabei muss es sich mit den anstürmenden Ideen und unbewussten Inhalte mit ihrer manchmal unheimlichen Überzeugungskraft auseinandersetzen. Es erhebt sich die Frage, wie das Individuum darauf reagieren wird. Wird es von diesen Inhalten überwältigt? Das bedeutet Paranoia oder Schizophrenie. Oder wird es sie bloss glauben? In diesem Fall wird der Mensch zum prophetenhaften Sonderling oder zu einem infantilen Menschen, der für die menschliche Kulturgemeinschaft uninteressant ist. Oder wird es sie ablehnen und zurückweisen? Das bedeutet ängstliche Regression. Der Idealfall wäre das kritische Verständnis und die Integration.

Adler, Rattner und andere sehen im letztgenannten Fall die Fähigkeit des Bewusstseins, zur Einheit und Ganzheit zu werden, also das tausendfältige Bewusstseinsleben irgendwie zu vereinheitlichen. Zwar mag der Dichter sagen, dass "zwei Seelen in seiner Brust wohnen", aber der genauere Befund erkennt im menschlichen Leben und Treiben eine Tendenz und Zielrichtung, die mehr oder minder Unifikation erzwingt. Hat ein Mensch einmal, bewusst und unbewusst, Ziele und Werte, dann ordnet sich alles in seinem Gemüt diesen ein und unter. Die Teile werden vereint von der Kraft der Ziele und Werte bewegt.

Vielen Individuen misslingt diese innere Ganzwerdung. Die Psychiatrie machte hierfür lange Zeit in erster Linie die Vererbung und Konstitution verantwortlich. Heute neigen wir dazu, die Zerbrechlichkeit und Lädierbarkeit im personalen Aufbau auch mit der Frühsozialisation, mit Lebens- und Erziehungsschicksalen, mit inneren und äusseren Katastrophen zu verknüpfen. Kein Zweifel, dass ein geschwächtes und überfordertes Bewusstsein dem Andrang innerer und äusserer Lebensaufgaben nicht gut standhält und letztlich den Zusammenbruch nicht aufhalten kann und den Rückzug antritt.

15. Die von einigen Autoren beobachtete urwüchsige Tendenz zur Ausrichtung des Bewusstseins auf Ziele und die grosse Rolle der Erziehung für die Bewusstseinswerdung und -schulung zeigt deutlich, dass Bewusstsein eine Aufgabe ist und keine Gegebenheit. Wenn das Bewusstsein "gesund" ist, dann will es beweglich, autonom, siegreich und souverän sein. Sind die biologischen Voraussetzungen gegeben, dann bedarf es einer sorgfältigen Erziehung und Sozialisation, um der Bewusstheit den genannten Freiheitsspielraum zu verschaffen. Überraschenderweise nimmt die traditionelle Pädagogik fast gar nicht auf dieses Desiderat Bezug. Im Gegenteil, viele übliche Erziehungsmassnahmen sind darauf gerichtet, das Bewusstsein zu schwächen, zu immobilisieren, zu verkleinern und oft sogar auszutreiben "wie einen bösen Geist".

Freud sprach dabei von der drei Denkhemmungen, die die Kultur (vermittelt über Familie und Schule) ihren Zöglingen einpflanze, um sie lenkbarer und gefügiger zu machen. Es sind dies die autoritäre, die sexuelle und die religiöse Denkblockade. Brave Untertanen, sexuell Gehemmte und religiöse Menschen benutzen nur einen Teil ihrer Bewusstseinskapazität und ihres Intellekts. Eingeschränkte intellektuelle Fähigkeit ("Denkverbot") ist eine Folge von Verdrängung und kann jeglichen Bereich betreffen (Freud 1908d, 162). Der ganze Wahrnehmungskreis wird beschränkt (Adler 1972a; 32, 68). Das Denkverbot in einem Bereich infiziert andere Bereiche; hat erst einmal eine entmutigende und hemmende Erziehung Platz gegriffen, wird sie in allen Lebenssphären ihre unheilvolle Wirkung entfalten und auch Kostbarkeiten wie Vernunft, Sachlichkeit, Spontaneität, Wahrheit, Gefühl, Mut, Zuversicht und Ehrlichkeit in Mitleidenschaft ziehen. Das ist die Erziehung zum "mittleren Menschen", zum gefügigen Herdenwesen, mit dem Staat, Kirche und Gesellschaft oft manche Unternehmung ins Werk setzen können, die sich früher oder später als furchtbar erweist.

Erziehung durch Angst, Gewalt, Einschüchterung, Triebverneinung usw. sind sicherlich an der massenhaften Verbreitung hypotropher Bewusstseinszustände beteiligt. Es folgt im späteren Leben eine Fülle von Zwängen, die den Menschen weiter uniformieren und nivellieren. Er darf vieles tun und machen, nur nicht "er selbst" sein. Den Menschen als selbstbewusste, human gesinnte Persönlichkeit hat man in der Geschichte nur selten gewollt.

16. Aber nicht nur von aussen erwachsen der Bewusstheit viele Feinde und Unterdrücker; auch der Mensch selbst will gerne die Last des Selbstbewusstseins abwerfen, weil sie mit Überlegung, Verantwortung und Sublimierung verbunden ist. Es gibt in den Menschen der bisherigen Kulturen eine grosse Verlockung, nach Möglichkeit nur halb bewusst zu existieren. Dem dienen z.B. die vielfältigen Rauschmittel und Drogen, die überall und immer im Schwange sind. Alkohol, Tranquilizer, Aufputschmittel aller Art sind so beliebt, weil sie unter Abwendung von der Wirklichkeit zumindest zeitweise für gute Gefühle sorgen und das Bewusstsein in die luftigen Sphären des Irrealen entführen. Das Bewusstsein verflüchtigt sich, wenn Drogen konsumiert werden. Die Betreffenden sind nicht nur auf der Flucht vor der Realität, sondern wollen auch ihr klägliches Bewusstsein aufplustern, das ihnen "nüchtern" als nicht ausreichend erscheint. Daher ist es ein sprachlicher Missbrauch, wenn man von bewusstseinserweiternden Drogen spricht. Sie vergrössern nur scheinbar den Spielraum der menschlichen Erfahrung, lassen in der Sucht tatsächlich aber Bewusstsein (wie den Betreffenden selbst) auf das Thema Droge zusammenschnurren, was nach aller Erfahrung mit einem tiefen Fall endet.

Eine andere Droge, die nicht übersehen werden darf, ist Aggression und Gewalt. Vor allem in Diktaturen und fanatischen Gruppen berauscht man sich an der Möglichkeit, den Menschen die Autonomie zu rauben und sie durch Vorurteile, Hass und Lizenz zur Brutalität an sich zu binden. So können menschenfeindliche Systeme vorübergehend existieren, fanatische Gefolgschaft haben und sogar auf der politischen und militärischen Ebene Triumphe erringen. Aber bald danach ist ihr Zustand so kläglich wie bei jenen Suchtkranken, die mit der Droge im Leib "Gottähnlichkeit" empfinden und dann hart auf den Boden der Realität ihres gewohnten Jammers aufschlagen. Nach Freud ist auch die Religion eine solche Betäubung mit einem "geistigen" Suchtmittel.

17. Den Seelenforscher und Psychopathologen werden aber auch bescheidenere und alltäglichere Phänomene interessieren, in denen das menschliche Bewusstsein um seine Selbstbehauptung ringt und sie nur in Massen behalten kann. Man denke etwa an die Phänomene der Ermüdung und des Einschlafens. Offenbar bedarf der Mensch des Ausgeruht- und Wachseins, um sich seiner Bewusstseinsfähigkeiten angemessen bedienen zu können. Im Zustand der Müdigkeit kann jedermann beobachten, wie seine Bewusstseinsfunktion an Freiheit verliert und träger, phlegmatischer und eingeschränkter wird. Im Schlaf verliert sich das Bewusstsein in den Tiefen des Leibes und schöpft daraus seine Erholung. Das ist aber nur möglich, wenn Bewusstsein und Leib in friedlicher Kooperation und Koexistenz leben. Fehlt diese, dann kann auch der Ermüdete nicht zur Entspannung gelangen; Einschlaf- und Durchschlafstörungen sind Zeichen dafür. Ein gestörter Schlaf kann viele Ursachen haben; die Psychologen denken daran, dass er mit mangelnder Entspannungsfähigkeit des Menschen einhergeht.

18. Wir sind am Ende einer langen Überlegung angelangt. Ausgehend von der phänomenologischen Beschreibung des Bewusstseins, seiner Aufgaben und Leistungen, haben wir Seitenblicke auf die Fülle und Vielfalt menschlicher Lebenserscheinungen geworfen. Das ist Aufgabe jeder psychologischen und medizinischen Anthropologie. Daher sind isolierende Betrachtungsweisen, die häufig noch in der Forschung gebräuchlich sind, so unergiebig. Die Psychologie hat das Ungenügen erkannt, nur kognitive, motivationale oder affektive Funktionen für sich genommen zu untersuchen (Grubitzsch/Rexilius 1987, 150). Wer philosophisch denkt, wird die Ganzheit der menschlichen Existenz ins Visier nehmen, auch wenn er sich mit einem Detailbefund beschäftigt.