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Gedanken zu einer Theorie des Unbewussten Es ist allgemein bekannt, dass der Begriff des Unbewussten innerhalb der Tiefenpsychologie eine ganz zentrale Stellung einnimmt. Für Freud galt die Anerkennung unbewusster seelischer Vorgänge geradezu als Voraussetzung dafür, dass sich jemand als Psychoanalytiker bezeichnen dürfe. Der Begründer der Psychoanalyse setzte seinen Stolz darein, dass er als erster das Unbewusst-Seelische zum Gegenstand einer nachvollziehbaren Forschung gemacht hatte. Lange vor der Psychoanalyse hatten schon die Philosophen (und vor allem die Romantik) rein spekulativ das Unbewusste thematisiert. So findet man diesbezügliche Erörterungen bei Plotin, Leibniz, Schelling, Herbart, Carus und Eduard von Hartmann. Der Letztgenannte (ein vielgelesener Modephilosoph seiner Epoche) hat sogar 1869 eine dreibändige Philosophie des Unbewussten veröffentlicht, deren Erkenntniswert aber für die Praxis der Medizin und Psychologie äusserst gering ist. Das gilt jedoch in keiner Weise für Schopenhauer und Nietzsche, die als Philosophen ein feines Gespür für das Walten des Unbewussten im normalen und pathologischen Seelenleben aufwiesen. In den Schriften dieser beiden Vorläufer der Psychoanalyse ist unendlich viel Material zum Studium unbewusster Prozesse enthalten. Daher haben sich auch Freud, Adler, Jung und viele andere moderne Psychologen zu diesen beiden Denkern bekannt, die in vielen Formulierungen Einsichten der späteren Tiefenpsychologie vorwegnahmen. Auch andere Philosophen wie Feuerbach, Bergson, Dilthey, Lipps und verschiedene zur Lebensphilosophie gehörige Autoren haben an der Konstituierung einer Psychologie des Unbewussten mitgearbeitet, wenngleich sie dabei nur intuitiv und fast dichterisch vorgingen. Freud war sich dieser Vorläuferschaft in der Philosophie nur teilweise bewusst, weil er als Positivist und Materialist vor dem Philosophieren wenig Respekt hatte. Er empfing entscheidende Anregungen eher aus der Medizin seiner Zeit. Bei seinen Studienaufenthalten in Paris bei Charcot und in Nancy bei Bernheim (in den 80er Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts) wurde die Thematik unbewusster Vorgänge bereits ventiliert. Bernheim z.B. experimentierte mit dem sogenannten "Somnambulismus", ein furchtbares Wort, das aber im Grunde nur "Einschläferung des Willens" bedeutet. Im Zustande der Hypnose wurde etwa dem Hypnotisierten ein Auftrag erteilt, den er posthypnotisch ausführen sollte. Das taten die Exploranden zwanghaft, ohne zu wissen, warum sie sich dazu gedrängt fühlten. Offenbar war der in der Hypnose erteilte "Befehl" ins Unbewusste abgesunken und wirkte von dorther als Imperativ. Sollte etwa ein Hypnotisierter das Fenster öffnen, so sagte er nicht, man habe ihm das in der Hypnose gesagt, sondern er behauptete, die Luft sei schrecklich im Raum und darum müsse geöffnet werden. Die eigenen Erfahrungen in der Therapie hysterischer Patientinnen fügten ein weiteres hinzu, um Freuds Überzeugung zu festigen, dass es ein Unbewusst-Seelisches gibt. Die Hysterika hat oft weite Teile ihrer Vergangenheit vergessen und agiert diese in ihren Symptomen. Auch macht sie mit letzteren "Mitteilungen an ihre Umgebung", die sie selbst nicht versteht. Elisabeth von R. (in: Studien über Hysterie, 1895) z.B. konnte nicht stehen und gehen, was von Freud als unbewusste Kommunikation des Faktums interpretiert wurde, sie halte ihr Allein-Stehen für beschwerlich und leide darunter, dass es im Leben nicht weitergehe. Eine solche Deutung galt Freud als "Bewusstmachen des Unbewussten", und das erschien ihm in der Frühzeit der Psychoanalyse schon als Heilfaktor ersten Ranges. Freud war sich durchaus im klaren darüber, dass er mit der Einführung des "Unbewussten" im Widerspruch zur zeitgenössischen akademischen Psychologie stand. Diese verkündete (wie z.B. Wilhelm Wundt) mit dem Brustton der Überzeugung, dass Bewusstsein und Seelenleben identisch seien. Um nicht allzu viel Anstoss zu erregen, sprach der Begründer der Psychoanalyse zunächst davon, dass der Begriff "unbewusst" nur eine Hilfskonstruktion sei. Aber bald ging er dazu über, doch ein "seelisches System" zu postulieren, dem er einen Realitätswert zuschrieb. Es waren vor allem die Phänomene des Traumes, die die Hypothese des Seelisch-Unbewussten nahelegten und stützten. Freud deutete die Träume seiner Patienten und auch seine eigenen, deren Interpretation und Theorie er in Die Traumdeutung (1900) mit grossartiger Akribie beschrieb. Schon in den ersten Sätzen des Werkes versprach er, den Sinn der Träume zu enträtseln, indem er den Nachweis erbrachte, dass man durch ein geeignetes Verfahren die Stellen angeben könne, wo die Traumbilder in den Zusammenhang des Wachlebens hineinpassten. Aus den weitläufigen Ausführungen dieses Grundbuches der Psychoanalyse ging Folgendes hervor: a) Die Anregung zum Traum kommt aus einem Erlebnis des Vortages (Tagesrest), das die seelischen Tiefenschichten des Träumers affiziert und beunruhigt. b) Das genannte Erlebnis stimuliert uralte Erinnerungen und Triebwünsche, die normalerweise keinen Zugang zum wachen Bewusstsein haben. Infantil-sexuelle Reminiszenzen und Relikte sind die Motoren des Traumlebens. Im Schutze des Schlafes drängen sie nach "oben" und suchen eine symbolische Wunscherfüllung. c) Eine direkte Darstellung von Wunsch und Befriedigung widerspräche den Wertvorstellungen des Ichs im Träumer. Eine Art "Zensur" wache darüber, dass infantiles Material nicht unverstellt ins Bewusstsein eindringt. Daher sind Träume so schwer verständlich. d) Ein weiterer Grund für die Notwendigkeit einer sachkundigen Trauminterpretation liegt darin, dass im Traum ganz andere Gesetze vorherrschen als im Wachleben. Freud spricht von sogenannten "Primärprozessen", im Gegensatz zu den "Sekundärvorgängen", die das Bewusstsein auszeichnen. Im Traum sind libidinöse Besetzungen ungemein beweglich. Darum ist die übliche Zeitvorstellung ausser Kraft gesetzt, der Satz vom Widerspruch gilt nicht mehr, und Vorstellungen können durch Verschiebung, Verdichtung, Verkehrung ins Gegenteil und Symbolisierung nachdrücklich verwandelt werden. - So entsteht also das Bild eines untergründigen "seelischen Systems", das die Tiefenpersönlichkeit konstelliert und viel mehr Kraft und Macht als das Bewusstsein besitzt. Da Freud ohnehin von einem "seelischen Apparat" sprach und damit ein technizistisches Modell der Psyche propagierte, fiel es ihm nicht schwer, mit räumlichen Metaphern zu arbeiten. So bekam die Seele eine räumliche Struktur, mit einem bewussten "Obergeschoss" und tieferliegenden unbewussten "Kellerräumen". Um das Zusammenwirken der beiden Stockwerke zu erläutern, erfand der Meister sogar eine neue Hilfswissenschaft, die sogenannte Metapsychologie. Sie sollte die Topik, Ökonomie und Dynamik des menschlichen Seelenlebens in quasi naturwissenschaftlicher Formulierung explizieren. Diese Metapsychologie ist im Grunde eine (etwas unbeholfene) Philosophie der Psychoanalyse. Sie setzt die Libido als psychische Grundkraft ein und definiert den Menschen somit als Homo libidinalis, als wünschendes, begehrendes und triebhaftes Wesen. Das Raummodell wurde später verfeinert, indem es die Trias von Es, Ich und Über-Ich spezifizierte. Ursprünglich ist nur das Es vorhanden, das als "absolut unbewusst" gilt und mitunter als "Kessel voll brodelnder Triebe" charakterisiert wird. Dieses Es schafft sich das Ich mit seinem Bewusstsein als ein "Wahrnehmungsorgan". Sodann kommt unter dem Einfluss von Erziehung und Umwelt noch das Über-Ich hinzu, eine "Stufe im Ich", die die Wert- und Normvorstellungen der Gesellschaft und ihrer Autoritäten enthält. Das Über-Ich ist sowohl das Gewissen wie auch das Ich-Ideal und ein Organ des Selbstwahrnehmung. Die Libido ist der Kraftstoff dieses komplizierten seelischen Apparates. Sie wandert zwischen den Stockwerken hin und her (Dynamik, Ökonomie), kann verdrängt, abreagiert und sublimiert werden. Als Verdrängungsinstanz kommen nur Ich und Über-Ich in Frage, wobei das letztere mit seinen oft engen und lebensfremden Forderungen die Verdrängung von Triebhaftigkeit, Affekten und Gefühlen erzwingt. Die Zensurbehörde, von der schon Die Traumdeutung spricht, ist lokalisiert zwischen Ich und Es. Sie führt zu einer Unterscheidung von Vorbewusstem und eigentlichem Unbewussten. Was vorbewusst ist, kann bei passender Gelegenheit leicht bewusst gemacht werden. Das Verdrängte jedoch bleibt normalerweise im Abseits und Untergrund. Nur in Träumen und anderen Grenzphänomenen der seelischen Aktivität kommt es andeutungsweise zum Vorschein. Die Begriffe Verdrängung und Unbewusstes haben demnach einen inneren Zusammenhang. Aus der Erkenntnis der ungeheueren Macht verdrängter seelischer Strebungen in Gesundheit und Krankheit gewann Freud die Überzeugung davon, dass durch das Studium der Verdrängungs-Erscheinungen ganz neue Horizonte für die psychologische Forschung sichtbar gemacht werden konnten. Bei seinen Traumdeutungen glaubte der Begründer der Psychoanalyse zu sehen, dass das Unbewusste sozusagen eine "Zweitpersönlichkeit" sei, die zur wachen Persönlichkeit in einem merklichen Gegensatz steht. Indes der "mittlere Mensch" üblicherweise als vernünftig und moralisch imponiert, enthüllen seine Träume ein triebhaftes, perverses, egozentrisches und wenig soziales Charakterbild, das der Betroffene jeweils nur mit deutlichem Widerstreben zur Kenntnis nimmt. Und da das Unbewusste für Freud nicht nur eine gewisse Autonomie, sondern sogar eine Art Übergewicht über den Vordergrund der Person aufweist, wurde von ihm ein ziemlich düsteres Menschenbild gezeichnet. Das Unbewusste ist die Frühgeschichte der Individualität, der triebhafte Bodensatz seiner Psyche und - um auf Stevensons bekannte Erzählung Dr. Jekyll und Mr.Hyde anzuspielen - der Mr.Hyde, der in den Tiefen der Person schlummert und nur dann und wann zu vorwiegend störender oder gar destruktiver Aktivität erwacht. Dass er die Dinge so sah, belegte Freud im weiteren Fortgang seiner Untersuchungen. Ebenfalls um die Jahrhundertwende hatte er sich schon für die sogenannten "Fehlleistungen" interessiert, die für ihn auch Manifestationen der Störwirkungen des Unbewussten in der Psyche waren. In seinem fast meistgelesenen Buch Zur Psychopathologie des Alltagslebens (1904) verbreitete er sich über das Vergessen, Verlesen, Verschreiben, Verlegen und andere Symptom- und Zufallshandlungen, die er ingeniös als das "Walten des Unbewussten in der Alltäglichkeit" demonstrierte. Gerade dieser Text sollte die Fach- und Laienwelt von der Existenz des Unbewussten überzeugen. Besonders in diesem Text zeigt sich das unbewusste Seelenleben in seiner "Koboldhaftigkeit". Es wirkt da und dort gespensterhaft in das Normalleben des Menschen hinein, so dass Freud sich zu dem Motto aus Goethes Faust berechtigt fühlte: "Nun ist die Luft von solchem Spuk so voll, dass niemand weiss, wie er ihn meiden soll." Auch für den Bereich der Ästhetik beanspruchte der Begründer der Psychoanalyse eine weitläufige Berücksichtigung unbewusster Vorgänge und Dynamismen, indem er sein Buch Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten (1905) publizierte. Nun ist der Witz nur ein Randphänomen im Bereich ästhetischer Erörterungen. Da aber Freud nachweisen konnte, dass bei der Produktion, beim Erzählen und bei der Rezeption von Witzen starke und untergründige "libidinöse Motivierungen" vorhanden sind, schuf er ein Modell zur Diskussion künstlerischer Leistungen und Empfindungen überhaupt. Wer ein Kunstwerk schafft oder geniesst, will auch darin seine Libido und damit seine unbewussten Gemütsregungen unterbringen. Freud selbst unternahm eine ganze Reihe von Kunstanalysen, die sowohl Werke der schönen Literatur, der Plastik und der Malerei betrafen. Was er dabei ans Tageslicht förderte, war bei den Fachleuten des jeweiligen Gebietes meistens sehr umstritten, hat aber doch die entsprechenden Wissenschaften und die Künste selbst ungemein angeregt. Aber damit nicht genug: Die Psychoanalyse war von Anfang an auf ein universales Studium der menschlichen Natur hin angelegt. Daher wandten sich die Psychoanalytiker mit Freud seit 1911 (Totem und Tabu) der Untersuchung der Ursprünge von Sitte, Moral und Religion zu. Der Meister postulierte in der genannten Schrift, dass es wichtige "Übereinstimmungen zwischen dem Seelenleben moderner Neurotiker und der Primitiven" gebe. In diesem Zusammenhang wurde ihm der Ödipus-Komplex zum Schlüssel für den Totemismus, die Tabu-Vorschriften früherer und heutiger Zeiten und der Genese der Religionsformen. Es wurde eine Art "Urzeit-Roman" ausgedacht, wonach die frühen Menschen in Horden zusammenlebten, welche von mächtigen "Urvätern" beherrscht wurden. Diese beanspruchten die Frauen für sich und vertrieben oder kastrierten ihre Söhne, bis sich letztere zusammentaten und zum "Urvater-Mord" schritten. Dieses urtümliche Verbrechen hat für den "Lamarckisten" Freud Spuren oder Engramme in der Menschenseele hinterlassen. Wenn demnach in der Gegenwart Knaben ihre Väter und Mädchen ihre Mütter hassen, dann liegt die Ursache nicht nur in ihren privaten Schicksalen, sondern in der Prägung durch tausendfältiges und archaisches Menschheitsschicksal. Die Dimension des Unbewussten wurde so von Freud selbst schon um ein "Kollektiv-Unbewusstes" bereichert - ein Weg, auf dem C.G. Jung später mit gewaltigem Impetus weiter vorzudringen versuchte. Noch komplizierter wurde Freuds Auffassung von der Struktur und Dynamik des Unbewussten seit 1923, als er seinen Essay über Das Ich und das Es veröffentlichte. Darin wird der Begriff des "Es" als neue Nomenklatur gebraucht; der Terminus findet sich schon bei Nietzsche, wurde aber dem Meister durch seinen wilden und genialischen Schüler Georg Groddeck nahegebracht. Die Aufteilung der Psyche in Es, Ich und Über-Ich deckt sich aber nicht mit der Zweiteilung von Bewusstsein und Unbewusstem. Nach Freud sind weite Teile des Ich und des Über-Ich ebenfalls unbewusst, so dass man fehlgeht, wenn man nur Triebe und Affekte im unbewussten Seelenleben sucht; auch Teile unserer Ich-Strebungen und Moral- und Wertvorstellungen bleiben weitgehend ausserhalb des Bewusstseins. Es war ein revolutionärer Schritt, dass Freud auch manchen Ich-Komponenten und Gewissens-Anteilen Unbewusstheit zuschrieb. Das erlaubte ihm u.a. die Formulierung, dass der Mensch nicht nur schlechter, sondern auch besser ist als er glaubt; er hat in sich Wertstrebungen und Wertmassstäbe, die er kaum kennt. Man kann verstehen, dass Freud bei solchen Befunden oder Hypothesen zuletzt im Unbewussten "das Eigentlich-Seelische" sah und sich selbst als eine Art Kolumbus definierte, der für die Forschung einen neuen Kontinent entdeckt hatte. Jedenfalls hatte er ein neuartiges Paradigma (Th.S.Kuhn) in die Welt gesetzt, das ähnlich wie die Lehre des Kopernikus und die Theorien von Darwin der Wissenschaft grundsätzlich innovative Methoden und Inhalte zuwies. Man kann sagen, dass in den letzten hundert Jahren unzählige Arbeiten in dieser Sphäre mit mehr oder minder grossem Erfolg durchgeführt wurden. Mit Totem und Tabu hatte Freud implizit behauptet, dass die mythologische Vorstellungswelt von denselben psychologischen Gesetzen beherrscht wird wie die Neurose und andere psychische Störungen. Das ergab für C.G. Jung den Einstieg in seine eigene Lehre, die frühzeitig einen Antagonismus zur Psychoanalyse anstrebte. Jung war der Meinung, dass nicht so sehr der Mythos ein Spezialfall von Neurose war, sondern dass jede neurotische Phantasiewelt ein Privatmythos des Patienten sei. Die Heilung von Neurosen komme dadurch zustande, dass der Kranke geistigen Kontakt mit den echten und zeitüberdauernden Mythen suche, wobei ihm der Therapeut als kundiger Mythenforscher zur Seite stehen müsse. Schon vor seiner Bekanntschaft mit Freud war Jung mit den Problemen des Unbewussten annähernd vertraut. Er befasste sich mit "diagnostischen Assoziationsstudien", nämlich mit der Frage, wie Versuchspersonen auf gewisse Reizworte reagieren. Nun war es unverkennbar, dass gewisse Worte, die Emotionen und Affekte ansprachen, eine verlängerte Reaktionsdauer und sonderbare Reiz-Antworten ergaben. Jung führte das auf die sogenannten Komplexe zurück, d.h. den Niederschlag affektgeladener Erlebnisse in der Vergangenheit des Exploranden, der aus moralischen Gründen aus dem Bewusstsein verdrängt sei. Komplexe gebärden sich oft wie "autonome Teilpersönlichkeiten". Sie stören den Ablauf psychischer Prozesse und verhindern die Einheit der menschlichen Person. So sind sie ein Krankheitsfaktor ersten Ranges. Durch die Beziehung mit Freud (seit 1906/07) erhielt der Schweizer Psychiater mächtige Anstösse für seine forschenden und schriftstellerischen Leistungen. Seinen eigenen Standort formulierte er bereits in Wandlungen und Symbole der Libido (1912) und noch viel deutlicher in Psychologische Typen (1920). Das letztgenannte Buch wurde allerdings fast sieben Jahre nach der Trennung von der Psychoanalyse ediert, die - entsprechend Jungs cholerischem Charakter und robuster Mentalität - unter Äusserung von Affekt und Feindseligkeit zustandekam. Jungs Modell vom Unbewussten ist noch viel phantastischer als dasjenige von Freud. Dass es ein privates Unbewusstes und damit auch ein "Verdrängtes" gibt, anerkannte der Dissident vom Zürichsee durchaus; er nannte es in seiner bilderreichen Sprache den "Schatten", d.h. jenen Teil der Persönlichkeit, den wir nicht gerne wahrhaben wollen und deshalb aus dem Lichtkreis des Bewusstseins heraushalten. Geht man aber weiter in die Tiefen der Menschenseele hinab, dann findet man nach Jung die festen und schicksalsbestimmenden Strukturen von Animus und Anima, welche jeweils die Bilder des "anderen Geschlechtes" in uns beinhalten. Der Mann hat im Innern ein Seelenbild der Frau et vice versa. Die Auseinandersetzung mit diesen Imagines bestimmt Liebes- und Lebensschicksal. Aber Jung beschränkt sich nicht auf dieses merkwürdige Konstrukt, das ihn zu Annahmen verpflichtet, die theoretisch weitläufige Hypothesen nach sich ziehen. Für ihn ist die Seele ein Schichtenbau; sie enthält gleichsam "geologische" Ablagerungen uralter Menschheits-Erfahrungen, die sich analog zu den Instinkten der Tiere in gewissen Verhaltens-Dispositionen bekunden. So gibt es jenseits des persönlichen Unbewussten eine kollektive "Rassen-Psyche", die der Sitz der Archetypen ist. Manchmal postuliert Jung eine biologische Konstellation im Hirn, die archetypische Bilder produzieren kann. Dann aber wieder bleibt er im Rahmen psychologischer Überlegungen und will "rein empirisch" registrieren, welche Bilderwelt das "menschliche Ahnenerbe" hervorbringt, wenn schwierige individuelle und kollektive Situationen zustande kommen. Die Archetypen sind Zentren der psychischen Energie; sie haben eine "numinose" Eigenschaft, d.h. sie wirken aufwühlend und erschreckend, oft aber auch heilsam und fördernd. Archetypen erscheinen in Träumen, aber auch beim absichtlichen Phantasieren (Imaginieren) und beim spontanen Zeichnen (das Jung in der Psychotherapie als Hilfsmethode einsetzte). Im Sinne der Jungschen Psychologie entdeckt man auch archetypische Gestaltungen in den Religionen und Mythen, in der Dichtung und in der Kunst überhaupt. Ja sogar philosophische Systeme können archetypisch inspiriert sein. Eine wichtige Aufgabe der Psychotherapie ist nach Jung die Auseinandersetzung mit diesen Archetypen. So gibt es z.B. den "Archetyp des Geistes", der in Träumen als Wind, Ahnengestalt, helfendes Tier und Gottheit erscheinen kann. Auch Medizinmänner und jede Art von "Heilern" sind Konkretisierungen dieses wichtigen Urbildes. Noch wichtiger aber ist der "Archetypus des Selbst". Dieser wird aktiviert, wenn sich der Mensch auf den Weg der "Individuation" begibt, welche nach Jung die eigentliche Zielsetzung jeder seelenärztlichen Behandlung ist. Nach den Jungianern ist der "Selbstverlust" die Urform aller Neurosen. Wir würden nicht seelisch erkranken, wenn uns nicht Erziehung, Gesellschaft, eigene Bequemlichkeit und seelische Dumpfheit von uns selbst entfremden, so dass wir an den wesentlichen Sphären unserer Innerlichkeit vorbeileben. Das kollektive Unbewusste enthält aber noch zahlreiche andere Archetypen. Wir erwähnen nur "die Quaternität" (also die Vierzahl), "das göttliche Kind", das "Mandala" (ein Kreissymbol, das vor allem im fernen Osten seit jeher als Symbol der Ganzheit gilt) und den "Gottes-Archetypus". Zum Leidwesen der Frommen behauptet Jung, dass er nur über die Existenz eines Gottes-Bildes in der menschlichen Seele Aussagen machen könne, indes die "Existenz Gottes" ein Feld für die Theologen und Metaphysiker sei. Aber schon die These, dass die Menschenpsyche per se und unauslöschlich Gott-Bilder produziere, war eigentlich für die Fromm-Gläubigen willkommen genug. Jung unterstrich diese Supposition noch durch die seltsamen Postulate, dass die Seele "naturaliter christiana et religiosa" sei. Er war und blieb der Pfarrerssohn, der auf sehr langen Umwegen schliesslich doch zur Weltanschauung seiner Kindheit zurückkehrte. So enthielt das kollektive Unbewusste nolens volens ein Bekenntnis zur traditionellen Religion. Was noch schlimmer war, ist der politische Aspekt dieses scheinbar "empirischen Befundes". In den 30er Jahren entdeckte Jung innerhalb seines hypothetischen Gebildes sogar ein "rassisches Unbewusstes", und in seinem Aufsatz Der Gegensatz Freud und Jung (1929) und späteren Abhandlungen entblödete er sich nicht, von einem "jüdischen" und "germanischem Unbewussten" zu sprechen, wobei er dem letzteren gewaltige Seelentiefe und schöpferische Dispositionen zuschrieb. Das war eine Anlehnung an den Faschismus, die Gustav Bally in jenen Jahren mit Recht als "völkische Psychologie" disqualifizierte. Nach dem Krieg war aber Jung keineswegs bereit, seine politischen Irrtümer anzuerkennen und zurückzunehmen. Er habe nur in kritischer Zeit die undankbare Rolle des Warners auf sich genommen und durch seinen persönlichen Einsatz "Schlimmes verhüten wollen". Wir fassen in Anlehnung an Henry F.Ellenberger (Die Entdeckung des Unbewussten, Zürich 1985, S.947) zusammen: Nach Jung hat das Unbewusste eine autonome Entwicklung; es ist zum Bewusstsein komplementär; es ist der Sitz universeller Urbilder, die für die individuelle und kollektive Lebensgestaltung enorme Relevanz besitzen. Jung war durchaus geneigt, den Schwerpunkt menschlicher Seelenregungen ins Unbewusste zu verlagern, indes das Bewusstsein für ihn nur eine Sekundärinstanz war. Da "dieses wahre innere Afrika" (wie sich Jean Paul schon um 1800 ausdrückte) so faszinierende Aspekte bot, beeilten sich auch andere Forscher, Licht in das schwer zu erhellende Dunkel hineinzubringen. Leopold Szondi stipulierte ein "familiäres Unbewusstes", das im Zwischenraum des persönlichen und kollektiven Unbewussten angesiedelt wurde. Erich Fromm sprach von einem "sozialen Unbewussten", worin die Verdrängungen ganzer Volksschichten und Sozialklassen anvisiert wurden. Andere Autoren sprachen vom "Unterbewusstsein", vom "Kaum-Bewusstsein", vom "Überbewusstsein" und anderem mehr. Das war der Stand der Debatte, als Medard Boss sich mit stürmischen Elan an ihr beteiligte und schlicht und direkt die Behauptung in den Raum stellte, dass das ganze Gerede um das Unbewusste auf sehr unsolidem Fundament gegründet sei. Diese Angriffe begann der berühmte Daseinsanalytiker bereits 1947 in Sinn und Gehalt der sexuellen Perversionen und führte sie in seinen Traumbüchern (Der Traum und seine Auslegung, 1953; Es träumte mir vergangene Nacht, 1975) und sehr fundamental in seinem Grundriss der Medizin und Psychologie (1971) weiter. Als geschulter "Existentialist" - Boss war seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein Schüler und später ein Freund von Martin Heidegger - vermisste der Daseinsanalytiker an den Ausführungen Freuds und Jungs über das Unbewusste jegliche philosophische Stringenz. Er gab wohl zu, dass beide Forscher irgendwelche faktische Phänomene ins Auge gefasst hatten. Aber die theoretische Klärung der klinischen und alltäglichen Beobachtungen liess nach Boss sehr zu wünschen übrig. Für Freud galt (wie bereits erwähnt), dass die Erscheinungen der Verdrängung eine wichtige Stütze für die Supposition eines Unbewussten waren. Also erdachte er sich eine seelische "Dunkelkammer", in die jedermann inkompatible Seeleninhalte abzuschieben vermag. Einmal auf diesem Weg, musste er auch eine "Zensur" erfinden, die auf der Schwelle zwischen den Kellerräumen und dem Erdgeschoss der Seele Wache hielt. Auch Jung bevorzugte räumliche Seelenmodelle. Da ihm offenbar die Gabe des "allegorischen Träumens" zur Verfügung stand, berichtete er, er habe im Traum sich in einem Raum seines Hauses aufgehalten, der ihn an das 18. Jahrhundert erinnerte. Beim Abstieg in die "tieferen Stockwerke" sei er in eine mittelalterliche Küche, später in einen antik anmutenden Raum und zuletzt sogar in eine Sphäre geraten, die ihn an urzeitliche Verhältnisse erinnerte. So hatte er ein Schichtenbild der Seele, das ihm angeblich im Traum deutlich wurde. Nach Heidegger und Boss sind das alles Konstruktionen, die in der Phantasie der Autoren und nicht in der Wirklichkeit existieren. Die Seele des Menschen ist kein Haus, keine Kapsel, kein Behälter, in dem Gedanken, Gefühle usw. herumschwirren. Der Mensch ist Existenz, und als solche weltoffen, d.h. von vorneherein in der Welt verankert. Durch diese ekstatische Verfassung ist sein Wesen weit über die Grenzen seines Leibes hinaus ins Weltoffene ausgebreitet. Was man Bewusstsein nennt, ist die Tatsache, dass das Dasein (ein anderer Ausdruck für die menschliche Seinsverfassung) "in und an ihm selbst gelichtet" ist. Der Mensch wohnt in einer "Lichtung des Seins", weiss aber auch um sich selbst, so dass er sich selber ebenso transparent ist wie jene Bereiche der Wirklichkeit, deren Sinn und Bedeutung er begriffen hat. Hält man sich dieses Faktum vor Auge, dann erweisen sich alle Unterstellungen von "unbewussten Vorgängen" als geistige Kurzschlüsse und voreilige Verallgemeinerungen. Als Freud die Notwendigkeit der Annahme eines Unbewussten betonte, stützte er sich u.a. darauf, dass wir spontan die Vorstellung einer fernen Stadt oder eines nicht anwesenden Freundes haben können, die rasch durch andere Vorstellungen abgelöst werden. Wo geht der entschwindende Gedanke hin? Nach Freud sinkt er ins Unbewusste hinunter. Boss erwidert darauf, dass diese Annahme völlig unnötig sei. Auf Grund meiner primären "Ekstasis" bin ich mit meinem ganzen Wesen zuerst bei der Stadt oder dem Freund, hernach aber "anderswo". Es ist uns keineswegs dienlich, wenn wir einen seelischen Lagerraum konstruieren, in dem "gebrauchte Ideen" verstaut und aus dem sie wieder hervorgeholt werden können. Ähnliches gilt auch für die Fehlleistungen. Wenn ein Mensch eine Symptom- oder Zufallshandlung begeht, muss man diese nicht durch eine Intervention des Unbewussten erklären. Befragt man den Produzenten der Fehlleistung genauer, dann wird er meistens zugeben, dass er den seelischen Störfaktor wohl kenne, der ihm die Handlungsintention durchkreuzte. Der Assistent z.B., der beim Geburtstag des Chefs seine Kollegen auffordert, zum Wohle des Gefeierten aufzustossen, wird u.U. doch rebellische Gefühle zugeben, die er gegen seinen Vorgesetzten hegt (wenn nicht Ermüdung eine harmlose Fehlleistung erzeugte, die wir zu Unrecht einer intendierten Herabsetzung zuschreiben). Des weiteren bekundet sich ein solcher "Sprachgestörter" als unsicherer und ängstlicher Mensch, der in der Sprache nur partiell verankert ist und darum beim öffentlichen Reden leicht danebengreift. Boss attackiert auch den Begriff der Verdrängung, indem er deklariert, dieses sei ein absichtliches Wegsehen von Fakten, die man kennen müsse, wenn man sie verleugne. Ähnlich hat Jean-Paul Sartre in Das Sein und das Nichts (1943) argumentiert. Schon Wilhelm Stekel in der Frühzeit der Psychoanalyse bezweifelte das Konstrukt der Verdrängung, da er beobachtet hatte, dass die meisten Patienten bei der Aufdeckung von Verdrängtem zu sagen pflegten, dass sie das schon lange wüssten, nur nicht als bedeutsam eingestuft hätten. Sartre schliesst daraus, dass das menschliche Bewusstsein völlige Transparenz sei; es beherberge gar keine opaken Stellen, und wenn man etwas verdränge, müsse man sich selbst belügen. Das wird bei dem französischen Existentialisten unter dem Titel der "mauvaise foi" (Unredlichkeit) abgehandelt, wobei er eine sehr profunde Kritik an der Psychoanalyse vorlegt. Überhaupt hat Sartre die theoretischen Grundlagen der Tiefenpsychologie sehr lichtvoll erörtert. Aber - so fragt Medard Boss - sind nicht der Traum, die neurotischen und psychosomatischen Symptome unverkennbare Veranschaulichungen des Hineinwirkens unbewusster Mächte und Kräfte ins gewöhnliche Seelenleben? Nach Ansicht des Daseinsanalytikers ist es auch in diesen Bereichen nicht notwendig, einen eigenen Seelenraum des Unbewussten, ein Es mit "brodelnden Trieben und Affekten", mit vergessenen und unliebsamen Vergangenheitsrelikten anzunehmen. Für die Existenzphilosophie sind alle oben erwähnten Phänomene anders und eingängiger zu beschreiben. Wenn der Mensch primär "In-der-Welt-Sein" ist, dann bedeutet das nicht, dass er tatsächlich alle Erscheinungen und Inhalte der Welt wahrhaft wahrnehmen kann. Wohl lebt er in einem Helligkeitsbereich, der jedoch stets auch Sphären der Verborgenheit und Verschlossenheit voraussetzt. So ist z.B. schon das menschliche Gestimmtsein die Voraussetzung dafür, dass nur jene Aspekte der Realität ins Verstehen aufgenommen werden, die der jeweiligen Stimmung adäquat sind. Jedermann kann an sich selbst beobachten, dass er beim Stimmungswechsel andere Wahrnehmungen, Erinnerungen, Assoziationen, Antriebe und Impulse in sich verspürt. Noch wichtiger aber ist der Umstand, dass jedes Individuum im Verlaufe seiner Sozialisation durch Erziehung, elterliches Vorbild, Familienumstände, Gesellschaft usw. weite Bereiche der Wirklichkeit ausblenden lernt, weil diese mit seinen Normen, Werten, Selbstbildnissen und Vorurteilen nicht kongruent sind. Diese abgewerteten, verleugneten und mit Angst oder Abscheu besetzten Realitäts-Fragmente sind der Inhalt des Verdrängten. Wann immer sie in die "Welt eines Menschen" einzudringen drohen, erzeugen sie Panik. Sie sind das Bedrohliche und Unheimliche par excellence. Es sind also Teilstücke der Wirklichkeit, die verdrängt werden, und nicht innerpsychische Komponenten, die man zuerst in die Psyche hineinzaubert, um sie hernach triumphierend ans Licht zu bringen. Wenn der Mensch mit jenen Aspekten der Realität konfrontiert wird, die er auszuklammern versucht (und das geschieht laufend, denn die Welt ist dem Individuum immer als Ganzes gegeben), dann wird das Bedrängende dunkel und diffus wahrgenommen. Im Traum kann es sich besonders gut geltend machen, da der Träumer nur noch partiellen Weltkontakt aufrechterhält, aber immerhin sich mit sich selbst und seinen Weltbeziehungen auseinandersetzt. Nun zeigt es sich, dass die verleugneten Lebenssphären in bildhafter Gestaltung oft rätselhafte Form annehmen. Sie erscheinen in einer gewissen Symbolik, die die Deutungskunst der Trauminterpreten seit jeher herausgefordert hat. So hat auch jede tiefenpsychologische Schule einen für sie charakteristischen "Traum-Code" vorgeschlagen, mittels dessen man die Traumbilder in die Normalsprache übersetzen kann. Bekanntlich bevorzugt die Psychoanalyse den sexuellen Code, die Individualpsychologie entdeckt da und dort die Melodie der Macht und der Minderwertigkeitsgefühle, und die Jungianer finden in den Träumen das Archetypische in seinen zahlreichen Manifestationen. Die Daseinsanalyse erhebt dagegen den Einwand, dass dies meistens zu einer Entstellung der Traumbotschaft führt. Im Sinne der Phänomenologie schlägt sie vor, den Traumtext möglichst unverstellt auf sich wirken zu lassen, um aus der "Aussage des Unbewussten" nur das zu entnehmen, was sie realiter hergibt. Man muss vorsichtig sein: Patienten in einer Freudschen Therapie träumen sexuelle Symbole; in einer Adlerianischen Therapie wird brav und bieder die Macht-Ohnmacht-Thematik in Träumen abgehandelt; bei den Jungianern sind die Patienten auch willig und produzieren genau die Symbolik, die erwünscht ist. Das hängt wohl damit zusammen, dass das Träumen der Analysanden ein Element der Zwiesprache mit dem jeweiligen Analytiker ist. Sandor Ferenczi hat schon um 1910 die Frage aufgeworfen: "Wem erzählt man seine Träume?" Und der geistreiche Freud-Schüler war der Meinung, dass in die Gestaltung des Traumes schon eine Absicht eingeht, die auf das spätere Erzählen hinzielt, so dass man unwillkürlich in den Traum Botschaften hineinlegt, die den Empfänger erfreuen, beeindrucken oder erschrecken sollen. Darum werden alle Schulen durch die Empirie der Träume scheinbar in ihren Theorien bestätigt. Das erlaubt Boss einen wuchtigen Angriff z.B. auf die Archetypen-Lehre, von der er deklariert, dass sie die üblichen Erfahrungen des Menschenlebens ohne Notwendigkeit mythologisch verklärt. Wenn der Mann eine Frau sucht, und die Frau von einem Mann träumt, müssen nicht Anima und Animus konstruiert werden, um die Anziehungskraft der Geschlechter zu erklären. Besinnt sich ein Mensch auf sein Leben (was in der Therapie stets aktuell ist), dann wird er gelegentlich auf die Themen der Ganzheit, der Weisheit, der Vereinigung der Gegensätze, des Selbst und der Individualität kommen. Jung romantisierte die Neurose seiner Patienten, indem er ihnen suggerierte, dass sie in ihrem Inneren das ganze "Personal" der überlieferten Mythologie und Religion tragen. Das erhöhte natürlich das Selbstwertgefühl der Ratsuchenden, die durch die elitäre Nomenklatur für ihre Seelenzustände in eine ähnliche Begeisterung gerieten wie Monsieur Jourdain bei Molière, der eines Tages erfährt, dass er immer schon "Prosa" gesprochen habe, was ihn enorm entzückt. Der Mensch, die Wirklichkeit und ihr Verhältnis zueinander sind geheimnisvoll genug, so dass man sie nicht durch eine Pseudoreligion und Pseudomythologie eigens verschönern muss. Die Daseinsanalyse ermutigt den Patienten dazu, das im Traum und auch in der freien Assoziation an sie herandringende Reale innerlich zu akzeptieren und es ins gelebte Leben einzubauen. Darum wird die psychoanalytische Grundfrage nach dem "Warum" der Phänomene abgewandelt in "Warum nicht?", wobei der Therapeut seinen Schützling dazu animiert, sich uneingeschränkt allen seinen möglichen Weltbezügen hinzugeben. Dass dabei Angst, psychische Enge, Rigidität des Charakters, Vorurteil und Unvernunft überwunden werden müssen, versteht sich von selbst. Man mag sich darüber verwundert haben, dass wir in unseren bisherigen Darlegungen den dritten Gründervater der Tiefenpsychologie, nämlich Alfred Adler, nicht zu Wort kommen liessen. Auch er hat sich natürlich mit dem Unbewussten auseinandergesetzt. Wir haben aber Wert darauf gelegt, zuerst die daseinsanalytische Kritik an den skizzierten Vorstellungen vom Unbewussten zu entfalten, weil wir der Auffassung sind, dass die Individualpsychologie mit kühner Direktheit genau denselben Abbau der Unbewusstheits-Hypostase vollzog, den Boss und andere viel komplizierter und akademischer bewerkstelligten. Adler wehrte sich von Anfang an dagegen, mit dem Unbewussten eine "Zweitpersönlichkeit" einzuführen, die den Rahmen der Einheit der Person sprengt. Er machte darauf aufmerksam, dass das Unbewusste wie ein Ich funktioniert und vermutlich auch nichts anderes als das Ich ist. Die Sexualsymbolik lehnte er als "Fiktion" ab. Sodann meinte er, dass der Mensch vieles wisse, was er nicht verstehe. Wenn man nun Fakten des gelebten Lebens aus der Ebene des Wissens in die des Verstehens transformiere, dann könne man sich bildlich so ausdrücken, als ob man Unbewusstes bewusst gemacht habe. Das sei aber nur ein Spiel mit Worten. Und die Jungsche Supposition der Archetypen-Welt erschien dem Begründer der Individualpsychologie als eine "Zehenspitzengängerei", die viel Gelehrsamkeit auskrame, um den kleinmütigen Neurotiker zu beeindrucken. Der mächtige mythologische und religiöse Überbau über der Therapie sei nur eine Konzession an den Konformismus und Konservatismus, was natürlich bei einer gewissen Klientel sehr gut ankomme. Alle diese Kritik bedeutet jedoch nicht, dass die Beobachtungen und Überlegungen von Psychoanalyse und Analytischer Psychologie einfach unter den Tisch gewischt werden sollen. Die Zeit der "Gigantomachie", d.h. der harten und rigiden Auseinandersetzungen zwischen den Schulgründern in der Tiefenpsychologie ist vorbei. Das Anliegen der Gegenwart besteht wohl darin, in einem vernünftigen "Eklektizismus" von allen Lehrmeinungen das herauszuholen, was an ihnen gültig und zeitüberdauernd ist. Dabei wird sich wohl ergeben, dass zwischen den Konzepten Freuds, Jungs, Adlers, Boss' und vieler anderer doch mehr Übereinstimmungen bestehen, als auf den ersten Blick hin wahrgenommen wird. Gleichwohl neigen wir dazu, die Korrekturen jener Kritiker, die vor einer "Verdinglichung der Menschenpsyche" und einer "Ontologisierung des Unbewussten" dringend gewarnt haben, für sehr substantiell zu halten. Die Akten über dieses Thema sind noch nicht geschlossen. Die weitere Forschung wird sich um Betrachtungsweisen bemühen müssen, die auf eine psychologische Anthropologie gegründet sind oder doch sie zu konstituieren ermöglichen. |