|
Jeder Mensch hat eine Vorstellung von sich selbst.
Unter anderem das unterscheidet ihn vom Tier. Der Mensch beobachtet sich selbst
(wie wenn er sich von außen betrachtet) und korrigiert anhand dieser Beobachtung
sein Verhalten und seine Gedanken. Der Mensch beobachtet sich nicht nur, er
denkt auch über sein Denken nach. Mit einem anderen Wort: Der Mensch ist ein
selbstreflexives Wesen und insofern relativ gut über sich informiert. Aus diesem
Grund wissen die meisten auch einiges über sich zu sagen, wenn sie Gelegenheit
zum Sprechen bekommen.
Neben der erstaunlichen Tatsache, dass der Mensch über
sich selbst Auskunft geben kann, fällt auf, dass er es oft im Modus der
Gewissheit tun, im Brustton der Überzeugung. Seltener schon findet man die
Grübler und die Unsicheren, die Nachdenklichen und die Zweifler.
Der Mensch scheint also recht gut über sich Bescheid zu
wissen. Jeder ist sein eigener Experte der Psyche, und er lässt sich da ungern
hineinreden.
Dem stehen gegenüber die Erschütterungen, die in der
jüngeren Vergangenheit die Wissenschaft einigen scheinbaren Gewissheiten
zugefügt haben. Zunächst hatten Kopernikus und Giordano Bruno die Erde aus dem
Mittelpunkt des Weltalls verstoßen. Dann bewies Charles Darwin die Abstammung
des Menschen aus dem Tierreich. Darauf aufbauend erkannten Wissenschaftler, dass
der Mensch nicht die Krönung der Evolution ist, sondern nur ein unbedeutender
und zufällig entstandener Seitenzweig am Baum der Evolution, der im Übrigen von
Bakterien, Würmern und Käfern beherrscht wird. Sigmund Freud (1856-1939)
schließlich verdanken wir die Einsicht, dass der Mensch nicht "Herr im eigenen
Hause" ist (Freud 1916-17a, 294).
Aus der gesellschaftlichen und politischen Sphäre ist
bekannt, dass der Mensch täuscht und seine wahren Absichten allzu oft
verschleiert, doch nun kam hinzu, dass der Mensch sich selbst täuscht. Das
Bewusstsein täuscht sich zwangsläufig aufgrund von Verdrängungen einerseits und
nicht erkannten Wissenslücken andererseits, unabhängig von seinen Absichten. Was
sich bewusstseinsmässig durchsetzt, ist zu einem wesentlichen Teil Ergebnis
unbewusster Wünsche und Motive. Das Bewusstsein ist ein (partiell) sich selbst
verkennendes, illusorisches Bewusstsein.
Es war die Tiefenpsychologie, die von der Illusion
einer allumfassenden Rationalität befreite. Sie stellt Beobachtungen und
Begriffe zur Verfügung, die über unser Alltagswissen hinausgehen. Oder anders
gesagt: sie lässt uns hinter die Kulissen schauen. Durch die Erforschung des
Unbewussten ergab sich ein neues Verständnis des Bewusstseins, das im Weiteren
auch dem Verständnis von Literatur, Kunst, Religion und Kultur zugute kam (Ellenberger
1985, 675).
Der Terminus "Tiefenpsychologie" wurde zuerst von Eugen
Bleuler (1857-1939) im Jahre 1910 als Synonym für die Freudsche Psychoanalyse
gebraucht. "Tiefe" meint dabei zweierlei: Zum einen den Rückbezug von der
Gegenwartsproblematik der Patienten in die Tiefen der Kindheitsschicksale, zum
anderen das Vordringen der Analyse in den Bereich des Unbewussten. Tiefe hat zum
Inhalt eine zeitliche Dimension, nämlich die Vergangenheit, zum anderen
eine örtliche Dimension, das Unbewusste. Tiefenpsychologie nimmt an, dass
das den Menschen Ausmachende, sein Eigentliches, in einer tieferen Schicht als
der zunächst und im Alltag erkennbaren zu finden ist. Tief sind in dem
neuen Modell, das kaum 100 Jahre alt ist, die unbewussten, das heißt
bewusstseinsfernen Prozesse. Sie stellt zudem die These auf, dass das "Tiefe"
das Primäre ist, sowohl in zeitlicher Bedeutung, als auch im Sinne des
Entscheidenden und Wirksamen (Pongratz 1983, 4). Nicht unsere grandiosen
Geistesleistungen sind nach Freud das Entscheidende für unser Leben, sondern die
Verdrängungen und das Unbewusste (Pongratz 1983, 1-3). Die Vorstellung der Tiefe
als Keller unserer Psyche hat sich seit Freud durchgesetzt, vermutlich, weil sie
so schön griffig ist.
Freuds Tiefenpsychologie war in der Tat grundstürzend,
weil die damalige Psychologie Bewusstseinspsychologie war. Heiss (1984, 13f)
warnt aber davor, die Bewusstseinspsychologie zu vernachlässigen. Die
Bewusstseinspsychologie befasste sich vor allem mit den normalen seelischen
Erscheinungen und sie nahm für sich naturwissenschaftliche Exaktheit in
Anspruch. Beide Ansätze sind wichtig. Die Psychoanalyse hingegen hielt die
Gleichung psychisch = bewusst für falsch. Damit wurde die
Bewusstseinspsychologie nicht überflüssig, aber sie wurde ergänzt durch eine
neue Dimension der Tiefe, die heute nicht mehr ignoriert werden kann und darf.
(Tatsächlich standen sich beide Richtungen jahrzehntelang unverständig und
unversöhnlich gegenüber.) Neben Freud gelten Alfred Adler und Carl Gustav Jung
als die "Klassiker" dieser Richtung. Schon vor ihnen war Philosophen wie
Friedrich Nietzsche oder Carl Gustav Carus ("Psyche", 1846) Wegbereiter dieser
Strömung.
Alle Psychologien, die die seelischen Phänomene in
solche des sichtbaren Vordergrunds und des verborgenen Hintergrunds, in die des
Auffälligen und des verwirrend Geheimnisvollen einteilen, dürfen sich
tiefenpsychologisch nennen.
Die Daseinsanalyse verwendet in diesem
Zusammenhang eine weitere Metapher, wenn sie von hell und dunkel spricht (Boss
1975, 237 ff). Die Möglichkeiten des In-der-Welt-seins sind den Menschen
teilweise oder ganz verschlossen und "dunkel". Vor allem die Grundstimmung lege
fest, ob der Einzelne sich eher zur Helligkeit, zur Lichtung, zur Offenheit
hingezogen fühlt, oder eher zur Dunkelheit, Verborgenheit, Verschlossenheit
(Boss 1975, 291). Neurose ist in dieser Anschauung gegen das "Licht" des Seins,
gegen die lichten und heiteren Seiten der Existenz gerichtet, während das
Vergessen wie das Verdrängen seiner Natur nach dunkel ist (Condrau 1985, 259).
Die Isoliertheit und Abgetrenntheit der neurotisch Erkrankten von den
Mitmenschen ist evident, sie leben in psychischer Dunkelheit und haben Angst vor
dem "Licht" der Erkenntnis. Was dunkel ist, muss erhellt werden, das Verborgene
muss ans Licht kommen, das ist vielleicht die wichtigste Botschaft der
Tiefenpsychologie.
Das Unbewusste oder die "Selbstverborgenheit" des
Menschen und die Bedeutung der frühen Kindheit für das ganze spätere Leben
gehören mit zu den zeitüberdauernden Grundbestandteilen der Psychoanalyse, neben
der Lehre von der Verdrängung und vom Widerstand (Pongratz 1983, 193).
Tiefenpsychologien in Anschluss an und in Weiterentwicklung von Freud stellen
heraus, dass die Persönlichkeit mitgeprägt wird durch das kollektive Unbewusste
(Carl Gustav Jung), durch das elterliche und gesellschaftliche Überich (Freud,
Erich Fromm) und durch soziale und milieuhafte Vorgaben (Adler), vor allem aber
durch die erzieherischen Erfahrungen der ersten sechs Jahre.
Für diese Tiefenpsychologen vollzieht sich seelisches
Geschehen also nicht nur bewusst, vielmehr gibt es ausgedehnte Bereiche
unverstandener, nicht ins Auge gefasster, nicht eigens thematisierter Tatsachen.
Wer sich selbst besser kennenlernen will, wird nicht darum herumkommen, diese
Bereiche des Seelischen ins Auge zu fassen. Wesentliche Erkenntnis (manche
meinen gar, der einzige Schlüssel zum wahren Verständnis der Seele) liegt in
dieser Tiefe, für den die Tiefenpsychologie den Begriff des Unbewussten geprägt
hat. Der Begriff des Unbewussten leitet die Geschichte der Tiefenpsychologie
ein. Sie weist Wege, wie man zu diesem Unbewussten kommen kann. Freud nannte den
Traum den "Königsweg zum Unbewussten", andere Zugänge sind die frühen
Kindheitserinnerungen, die Analyse aktueller Konflikte, die freie Assoziation
und die Erhebung des Lebensstils.
Zur Bewusstseinspsychologie, die oft experimentell ist,
grenzt sich die Tiefenpsychologie (neben dem Postulat eines Unbewussten) von der
Annahme des seelisches Geschehen als eine Dynamik ab. Die wie auch immer
definierten Teile des Systems Mensch stehen in wechselvoller Beziehung
zueinander und beeinflussen sich gegenseitig. Während einige Tiefenpsychologen
meinen, es gebe gerade wegen dieser postulierten Dynamik keine definierbaren
statischen Kerne der Person und kein "wahres Selbst", allenfalls
Gesetzmäßigkeiten mit hoher Variabilität in einem lebendigen
Entwicklungsprozess, gehen andere von einem unteilbaren Ganzen und einem
lebenslang wirkenden Kern der Person aus. Für beide Ansichten gibt es Gründe,
und manche Autoren schwanken zwischen diesen beiden Anschauungen, weil man sich
nicht wirklich zwischen ihnen entscheiden kann.
Dem Beschreiten des Weges zum Unbewussten und zurück in
die Kindheit (den beiden Orten der Tiefe) stellen sich erhebliche
Schwierigkeiten entgegen. Die grundsätzliche Crux an der Tiefenpsychologie liegt
darin, die Regungen des Unbewussten in der Sprache des Bewusstseins
darzustellen; die Tiefenpsychologie hegt selbst manchmal Zweifel, ob
Bewusstmachung des Unbewussten überhaupt möglich ist (Sperber 1970, 215). Das
Unbewusste markiert die Grenze der menschlichen Selbsterkenntnis und
Selbstbestimmung. Das Hauptproblem dabei ist der Widerstand.
Die stete Berücksichtigung des Umstandes, dass es
Widerstand gegen die Beschäftigung mit dem Unbewussten gibt, gehört mit zu den
Charakteristika der Tiefenpsychologie. Der Widerstand ist leicht erklärlich.
Unbewusstes enthüllt sich nicht selten als "Geschichte der Versagungen und
Hemmungen, der Fehlschläge und verpassten Chancen, der Leiden und Demütigungen.
Sie zeigt aber auch, das sollte nicht vergessen werden, die verkannten Quellen
der Kraft, die heruntergespielten Siege trotz aller Niederlagen, die missachtete
Liebe oft gerade der Personen, die am schwersten beschuldigt werden. In der
Tiefe des Unbewussten liegen Heil und Unheil nahe beieinander." (Pongratz 1983,
4)
Die Beschäftigung mit der Psychologie war schon immer
etwas Besonderes, weil sie einem kaum eine andere Wahl lässt, als sich um sich
selbst zu kümmern. Alles Psychologische und erst recht alles
Tiefenpsychologische handelt immer auch von einem selbst. Das schreckt viele ab.
In den Naturwissenschaften ist es unüblich, als Bedingung des Studiums sich mit
seinem Charakter auseinander zusetzen. Anders die Psychologie: Das Verständnis
für Psychologie ist durchgehend gekoppelt an das Selbstverständnis. Das Studium
der Psychologie stellt andere Anforderungen an den Adepten als das der
Naturwissenschaften, aber sie sind gewiss nicht leichter. Ich möchte sogar
meinen, es erfordert mehr Mut, sich mich sich selbst zu konfrontieren, als mit
unpersönlichen Fakten umzugehen.
Die Tiefenpsychologie ist eine universale Wissenschaft
vom Menschen; es gibt nichts am Menschen, zu dem sie nicht originelle und
aufklärende Beiträge geleistet hat. Tiefenpsychologisches Wissen hat
psychohygienische Kraft und Wirksamkeit. Sie ist ein großangelegter Angriff auf
die Lügen, mit denen die Menschen leben und durch die sie krank werden.
Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit verlangen einen entschiedenen Kampf gegen
Verstellung und Täuschung. Die tiefenpsychologische Praxis geht daher darauf
aus, den Kreis des Bewusstseins und des Wissens vom Menschen zu erweitern. Der
Mensch, der sein eigenes Tun zu verstehen beginnt, gewinnt ihm gegenüber
kritischen Abstand. Mit größerer Selbstkritik wird sich die starre Ichhaftigkeit
abbauen, auch wird die Berücksichtigung der Realität größer.
Ich habe mit wenigen Worten versucht, die
tiefenpsychologischen Schulen in ihrer ungefähren Gemeinsamkeit zu skizzieren.
In ihren Weiterentwicklungen ergaben sich oft gravierend andere Vorstellungen
und Schwerpunktsetzungen, unter anderem weil sich gezeigt hatte, dass der
Versuch, Neurose aus einem Punkt für die gesamte Menschheit zu
erklären, nicht tragfähig ist. Es ist irreführend, zeitgebundene Erfahrungen als
überhistorisch und weltweit gültig darzustellen, sagt Bruder-Bezzel (1983,
S.114). Mit diesem Vorbehalt müssen wir heute an das alte Material herangehen.
Andererseits wäre es übertrieben, die Vorstellung von einer Tiefe oder vom
Unbewussten als (anti-materialistische) "Ideologie" abzutun, wie es Axel
Krefting in Grubitzsch/Rexilius (1987, 1121-1124) tut. Es ist richtig, dass es
sich um "Fiktionen" (im Sinne von Gedankengebäuden) handelt, aber sie
erleichtern uns die Vorstellung von der Psyche erheblich.
2.
Verdrängung
Wer die Lehre von der Verdrängung versteht, hat - nach
Sigmund Freud - bereits die halbe Psychoanalyse begriffen. Tatsächlich ist in
diesem Theorem ein Grossteil der psychoanalytischen Konzepte enthalten.
Verdrängung ist ein Thema, das unmittelbar ins Innerste der Tiefenpsychologie
führt.
Wie alle großen Erkenntnisse in Welt und Wissenschaft
ist auch die Einsicht in die Verdrängung und das Unbewusste nicht durch einen
einmaligen Erkenntnisakt ins Leben getreten. Die "Weisheit des Volkes" wusste
seit jeher um die Tendenz im Menschen, Unangenehmes oder Überforderndes
auszublenden. Dichter beschrieben in ihren Werken Beispiele von Verdrängungen.
Philosophen wie Schopenhauer und Nietzsche beschäftigten sich in Aphorismen mit
der Verdrängungsbereitschaft des Bewusstseins. Wissenschaftler wie Feuerbach und
Marx stellten in Rechnung, dass untergründige Absichten und Einflüsse stärker
sein können als der bewusste Wille. Erstmals einer breiten Analyse unterzogen
wurde dieser Befund aber in der Psychoanalyse.
Freud beobachtete die Verdrängungsarbeit des Ich in den
Fehlleistungen, den Träumen, im Witz, in den Neurosen, den Perversionen, in der
Dichtung und in anderen Künsten. Es gibt kaum einen seelischen und
gesellschaftlichen Bereich, in dem Verdrängung nicht eine Rolle spielt.
Mit Freuds ausgedehnten Untersuchungen wurde ein
Anthropinon ins Licht gerückt, ein Wesensmerkmal des Menschen. Verdrängung ist
dem Menschen eigentümlich und offenbar nie ganz aufhebbar. Daher ist man wohl
berechtigt, die Verdrängungslehre mit einer philosophischen Menschenkunde in
Beziehung zu setzen. Verdrängung ist nicht das einzige Verfahren des Ich, um
Unerfreuliches in Schach zu halten, aber "sie ist etwas ganz Besonderes" (Freud
1937c, 81), nämlich ein Schutz, eine Auslassung, eine Lücke, ein Denkverbot mit
weitreichenden Konsequenzen für das Individuum wie für die Kultur.
Freuds früheste Beobachtungen. - Freuds
Beobachtungsfeld um 1890 war die Hysterie, eine damals noch weitgehend
ungeklärte Erkrankung vor allem von Frauen. Er bemühte sich, die innere
Lebensgeschichte seiner Patientinnen zu verstehen. Dabei fiel ihm auf, welch
große Erinnerungslücken bei ihnen bestanden und wie sehr sich die Patientinnen
oftmals sträubten, über Ereignisse der jüngeren oder ferneren Vergangenheit zu
sprechen. Er maß diesem Unvermögen eine Bedeutung für die Krankheitsentstehung
zu. Aus der Beobachtung des Widerstandes in der Therapie ergab sich das
theoretische Konzept der Verdrängung. Für ihn bestand kein Zweifel, dass
Verdrängung ein pathogener, das heißt krankmachender Vorgang ist (Freud 1895d,
292).
Was die Patientinnen nicht erinnern konnten, schienen
sie in ihren Anfällen und Leidenszuständen zu durchleben. Ein Lehrsatz der
frühen Psychoanalyse war: "Der Hysterische leidet größtenteils an
Reminiszenzen." (Freud 1893a, 85), also an verborgenen Erinnerungen. Sie agiert
Erfahrungen ihres Werdeganges, die sie eigentlich nur erinnern sollte. Freud
arbeitete darauf hin, dass solche Erinnerung zustande kam. Dabei stieß er auf
erheblichen Widerstand, sich früherer Eindrücke und Erlebnisse zu erinnern und
diese auszusprechen. Das war offenbar kein Zufall, sondern eine Gesetzmäßigkeit
in der Behandlung. Als Konsequenz aus dem, was ihm von seinen Patienten
zugeflossen war, formulierte Freud die "goldene Regel" der psychoanalytischen
Therapie: Die Patienten sollten wahrhaftig sein und dem Analytiker unzensiert
alles erzählen, was ihnen in den Sinn kam. Im Grunde genommen ist die Regel der
freien Assoziation die Aufforderung zu einer "Erziehung zur Wahrheit gegen sich
selbst" (1916-1917a, 451).
Daran schlossen sich eine Reihe von Frage an: Wer ist
der Urheber oder das Subjekt der Verdrängung? Was wird verdrängt? Was ist der
Unterschied von Verdrängen und Vergessen? Wie ist der Mechanismus des
Verdrängens? Freud verbrachte mehrere Jahrzehnte damit, die Bedingungen des
Verdrängens zu erhellen; immerhin handelte es sich, wie er selbst bekannte, um
den Grundpfeiler seines Lehrgebäudes (1914d, 54).
Freuds Theorie. - In Freuds Theorie ist in der
Regel Verdrängung der Sonderfall eines allgemeineren Mechanismus namens Abwehr.
Abwehr sind nach der Definition Freuds alle Techniken, deren sich das Ich
bedient, um Konflikten mit dem Es, dem Über-Ich und der Welt auszuweichen
(1926d; 117, 196); vor allem dienen Verdrängungen der Abwehr der
"Triebansprüche" des Es. Vereinfacht kann man sagen, dass das Ich der Urheber
der Verdrängung ist. Manchmal, jedoch nicht immer, fiel Freud auf, dass eine
Verdrängung nur dann einsetzt, wenn sexuelle oder aggressive Triebe von
Erziehungspersonen oder den gesellschaftlichen Normen bedroht oder missbilligt
werden. Mit anderen Worten, auch das Überich in seiner Funktion als Gewissen
unterstützt das Ich im Vorgang des Verdrängens. Nun ist aber das Überich nur
eine "Stufe in der Person". Es bleibt für Freud dabei, dass das Zentrum des
Verdrängungsvorgangs im Ich beziehungsweise im Individuum zu suchen ist.
Das Wesen der Verdrängung bestand für Freud in der
Abweisung und Fernhaltung entwerteter und peinlicher Vorstellungen vom
Bewusstsein und in der Unterdrückung von Affekten. Genaugenommen werden also
nicht Triebe und seelische Verletzungen verdrängt, sondern die damit verknüpften
Vorstellungen, Gefühle und Bilder. Das Ich will von den peinlichen und
schmerzlichen Erlebnissen nichts wissen und verbannt sie ins Unbewusste, wo sie
zeitlos lagern.
Das Unbewusste setzte Freud im Wesentlichen gleich mit
der inneren Instanz des Es; hier brodeln die von den Eltern und der Gesellschaft
missbilligten Triebe. Später erkannte er, dass das Unbewusste quer durch alle
innerseelischen Instanzen geht; auch weite Bereiche von Ich und Überich können
unbewusst sein. Ein "Zensor" verhindert, dass die schmerzlichen Erinnerungen zu
sehr bewusst werden; stattdessen drängt nur ein Symptom oder ein Affekt an die
Oberfläche, die unverstanden und rätselhaft bleiben, weil sie ja von dem
zugrundeliegenden Geschehen abgekoppelt wurden.
Verdrängung schafft demnach eine innere Zerrissenheit
im Menschen, ein "inneres Ausland". Er ist, um ein berühmtes Wort von Freud
aufzugreifen, "nicht mehr Herr im eigenen Haus". Die tieferen Antriebe und
Motive bleiben einem oft unbekannt; viele Wünsche und Bedürfnisse können sich
nur in entstellter Form dem Bewusstsein zeigen. Man flüchtet vor inneren
Strebungen, man ist unehrlich gegen sich selbst und vertuscht Probleme, die man
angehen und bewältigen müsste. Die Wirkung ist eine mehr oder minder starke
Werdens- und Entwicklungshemmung (Freud 1898a, 515).
Freud konzentrierte sich in seiner Arbeit über weite
Strecken auf die innerpsychischen Mechanismen der Verdrängung; die
Außeneinflüsse in Form von Erziehung und gesellschaftlichen Normen traten bei
ihm zeitweise stark zurück. Das muss im folgenden berücksichtigt werden, wenn
Freud auf der Suche nach den biologischen Wurzeln der Verdrängung auf die
frühkindliche Amnesie (Gedächtnisverlust) stößt; die "Unbewusstheit" der ersten
Lebensjahre und die vom Kind aus Angst verdrängten Gefühlsstürme und
Erregungsmengen verstärken sich zu einem doppelten "Abhalten von Bewusstsein"
(1905d, 76; 1915d; 1926d, 118), so dass man sagen kann, jeder Mensch wächst
unvermeidlich mit Verdrängungen heran und unvermeidlicherweise weiß er davon
nichts. Mit seinen Verdrängungen möchte das Kind "Ordnung in das Chaos bringen"
(1937c, 72), das die Welt für es anfänglich bedeutet. Verdrängung ist also doch
nicht nur pathologisch, vielmehr ist Verdrängung zunächst ein wichtiger Schutz-
und Stabilitätsmechanismus (1910a, 21). Doch frühkindliche Verdrängung und
Amnesie bereiten den Boden für alle späteren Bewusstseinsabspaltungen.
Ein zweites Argument, warum nach Ansicht von Freund die
Verdrängung eine ererbte Disposition sein muss, legte er mit der Theorie des
Sexualtriebs vor, den er in orale, anale und phallische Partialtriebe aufteilte.
Bei den Partialtrieben handelt es sich um Intentionen des Habenwollens, des
Behaltenwollens, der Eigenständigkeit und Hingabe, der Aggression, der
Zärtlichkeit und des Sexus. Je nachdem, welches Schicksal die Partialtriebe in
der jeweiligen Entwicklungsphase erleiden, werden sie mehr oder weniger
verdrängt. Eine gesunde Entwicklung stellte sich Freud so vor, dass die
vorhergehende Entwicklungsstufen durch die nächstfolgende überlagert und in die
weitere Entwicklung integriert wird.
Die Libido kann beim Heranwachsen integriert oder
brüchig, vereinheitlicht oder gespalten sein. Es ist wünschenswert, dass die
Verdrängung nicht allzu viel Vital-Seelisches in die Verbannung weist.
Ist es dem Ich nicht vergönnt, einen breiten und tiefen Kontakt mit seinen
vital-leiblichen Bedürfnissen auszubilden, dann hängt es gleichsam in der Luft.
Es wird asthenisch und kann nur überleben, wenn es Zonen der Triebhaftigkeit und
andere wichtige Themen ängstlich ausklammert.
Verdrängung ist neben diesem eher
entwicklungsbiologischen Aspekt genauso gut und vielleicht sogar in stärkerem
Masse Ergebnis einer repressiven, angstmachenden Erziehung, ohne dass Freud dies
immer im Auge behalten hätte. Man muss hervorheben: Nicht jede Triebregung
unterliegt einer Verdrängung, sondern jene, die mit einer Strafandrohung
verknüpft sind. Verdrängung wird die gesamte Kindheit über trainiert, indem das
Kind von den Eltern täglich geformt, seine Vitalität, seine Gefühle und sein
Denken in Zucht genommen und an die Vorstellungen und Erfordernisse der engeren
und weiteren Umgebung angepasst wird. Eine erdrückende Moral tue alles, schreibt
Freud, um eine lebenslange "Nervosität" einzupflanzen und angepasste,
genussunfähige, im Extremfall existenzunfähige Lebensängstliche zu produzieren.
Wird bei der anpassenden Erziehung zu stark über die
Bedürfnisse des jungen Menschen hinweggegangen, ist der daraus entstehende
Status prekär. Denn sowohl das verleugnete Vitale wie auch das vernachlässigte
"Weltliche" drängen darauf, anerkannt und gelebt werden. Darum lebt der zur
Verdrängung Erzogene stets auf dem Qui-vive; das Verdrängte muss durch dauernde
gedankliche Gegenbesetzung in Schach gehalten werden. Schon Schopenhauer hat
beobachtet: Wer sich irgendeine Idee aus dem Kopf schlagen will, muss sich eine
andere Idee fest einbilden, die die ursprüngliche "verdrängt". Und doch kommt
das Verdrängte in Träumen, Fehlleistungen, Symptomen und Auffälligkeiten des
Verhaltens in schwer durchschaubarer oder kurioser Gestalt ans Licht. Kann man
es in die Normalsprache übersetzen, dann untersteht es nicht selten der freien
Verfügungsgewalt der Person. Die Korrektur der Verdrängung besteht in Offenheit,
Wahrhaftigkeit und in einer möglichst vernünftigen Verurteilung (Zurückweisung)
oder aber Anerkennung des Verdrängten - und das Ziehen der Konsequenzen daraus.
Allenfalls auf diese Art kann die Angst vermindert werden, die der Verdrängung
sowohl vorausgeht, als auch ihr Ergebnis ist. (Freud 1916-1917c, 212)
Freud sah also Verdrängung in erster Linie als
angeboren und unvermeidlich an. Erst in zweiter Linie ist sie bei ihm Ergebnis
falscher Erziehung und unsinniger gesellschaftlicher Werte. Des Weiteren ist
hervorzuheben der Doppelcharakter der Verdrängung: Sie ist zunächst seelischer
Schutz und erst später pathologisch. Ferner sah er es als unmöglich an, frei von
Verdrängung zu sein, vielmehr soll Verdrängtes wieder in die freie
Verfügungsgewalt der Person gestellt werden. Freud wurde aber zunehmend
skeptischer, ob die Psychoanalyse in dieser Hinsicht viel leisten könne - die
Widerstände gegen Veränderung und Gesundung seien einfach zu groß (1937c, 68
ff).
Freuds Ausarbeitung zur Verdrängung ist unübertroffen,
und doch sind einige Schwächen und Unklarheiten nicht zu übersehen. Die
hauptsächlichen Begrenzungen der Freudschen Ansichten zu Widerstand und
Verdrängung resultieren aus einer fehlenden Unterscheidung von Verdrängung im
Kindes- und im Erwachsenenalter, aus einer mangelnden Unterscheidung zwischen
gesunder und pathologischer Abwehr und aus einer fehlenden Unterscheidung
zwischen neurotischer Verdrängung und bewusster Verdrängung als Heilerfolg.
Nicht nur deswegen ist seit längerem eine Revision der Psychoanalyse im Gange,
die Freuds Genialität anerkennt, einige seiner Befunde aber bezweifelt oder in
neue Bezugsrahmen einordnet. Diese Arbeit begann mit Alfred Adler und der
Individualpsychologie.
Adlers Theorie. - Adlers Verdrängungslehre ist
bei weitem nicht so ausgefeilt wie die Freuds und weicht auch von ihr ab,
enthält aber doch gewisse Analogien. Beide Konzepte sind ja in unmittelbarer
Nachbarschaft entstanden, als Adler zwischen 1902 und 1911 (neben Carl Jung)
Freuds wichtigster Diskussionspartner und Mitstreiter war.
Der Ausgangspunkt aller seelischen Bewegung ist für
Adler das Minderwertigkeitsgefühl, von dem jeder mehr oder weniger etwas mit
sich herumträgt. Ein Minderwertigkeitsgefühl ist steter Antrieb, mehr zu werden,
als man ist. In einigen Fällen wird dieser Antrieb aber sozial fehlgeleitet oder
versteigt sich zu einem ungesunden Geltungsstreben, das über andere triumphieren
will (Adler 1966d (1927a), 71f). Das ist in wenigen Worten der genuine Beitrag
Adlers zur Tiefenpsychologie.
Auch Adler stellte sich das anfängliche Seelenleben des
Kindes als eine Art Chaos vor. Vielerlei wogt durcheinander; aber schließlich
entsteht ein herrschendes Vorstellungssystem, das sich um ein Ich-Ideal
gruppiert. In diesem Ich-Ideal kristallisieren sich Ziele, Werte, Strebungen,
Selbsteinschätzungen und Weltentwürfe. Dieses Ich- oder Persönlichkeitsideal
braucht der Mensch als Orientierungsschema. Es wird ein Ziel für die Zukunft
anvisiert, in welchem Gedanken der Größe, Macht, Sicherheit und Angstfreiheit
vereinigt sind. Aus der Enge der Kindheitsverhältnisse strebt der Mensch hinaus
zu einem Überlegenheitsziel, das mitunter in eine "Gottähnlichkeitsidee"
einmündet (Adler 1972a, 70).
Das Persönlichkeitsideal ist also die regulative
Idee, mit der das Individuum mehr oder weniger bewusst alle Fakten und
Begebenheiten des Daseins misst. Was zu diesem Ideal nicht passt, wird
vergessen, verdrängt und ausgeblendet. Stolz und Eitelkeit sichern nach Adler
die Unantastbarkeit der unrealistischen Größenfiktion. Sie hindern "den
Nervösen" daran, ein "normaler Mensch" zu werden, der sich gleichberechtigt in
den größeren Organismus der Gemeinschaft einfügt, deren Teil er ist. In der
Weigerung, seelisch und körperlich gesund werden zu wollen, demonstriert der
Neurotiker seine Überlegenheit über die Welt genauso wie über den Therapeuten.
Um der Macht und der Bequemlichkeit willen ist fast jedermann geneigt, die
eigenen Realitäten und die Realität als ganzes zu retuschieren, damit die
persönliche Unantastbarkeit erhalten bleibt.
Entscheidend kommt es darauf an, wie ruhig oder unruhig
die Kindheitsentwicklung verläuft und wie das Kind von seinen Anlagen her darauf
reagiert. Wer früh mit Ängsten und schweren Verunsicherungen zu kämpfen hatte,
verkapselt sich eher und baut sich ein Sicherungssystem auf, das ihn abschirmen
und stabilisieren soll. Aber man muss hierbei viele Brücken zur Welt und zu den
Mitmenschen kappen. Wer zu stark auf Selbstschutz und Selbsterhöhung bedacht
ist, kann nur noch eine Schmalspur-Existenz führen. Man verdrängt laut Adler
nicht so sehr Innerseelisches und Sexuelles, sondern eher ganze Lebensbereiche
und Weltbezirke. Wenn gesagt wird, dass alles verdrängt wird, was nicht in das
Persönlichkeitsideal, die Lebenslinie und das fiktive Ziel passt, so kann
darunter auch das gesellschaftlich "Positive" fallen, beispielsweise
Eigenschaften wie Toleranz, Heiterkeit und Mitgefühl.
Verdrängung ist nach Adler nur einer von vielen Kniffen
des Ich, sein ausgeprägtes Überlegenheitsstreben durchzusetzen und seinen
unbewussten neurotischen Lebensplan aufrechtzuerhalten. Sie zeigen sich
äußerlich in allen Verhaltensweisen, die das Bürgertum als "unangebracht" oder
als "Laster" bezeichnet: Verschlossenheit, Egoismus, Eitelkeit, Affektivität,
Rache, Delinquenz, Prostitution, Gewalt usw. Adler versteht Neurose als einen
sozial und kulturell verfehlten Versuch, sich aus einem Gefühl der Verkürztheit,
der Minderwertigkeit zu befreien und einen Status der möglichst unantastbaren
Überlegenheit zu gewinnen. Für Adler sind demnach Angst, Stolz, Rechthaberei und
gelockerte soziale Verbundenheit die Motoren der Verdrängung. Mit der
Ichhaftigkeit wächst der Pegel der Verdrängungsnotwendigkeit. Das Individuum
"macht" dann immer wieder nur seine personcharakteristischen Erfahrungen und
bleibt gegenüber konkurrierenden Lebens- und Gefühlserfahrungen verschlossen.
Soll nun der Mensch über seine Verdrängungs-Dynamismen
hinauswachsen, dann kann er dies nach Adler nur durch Abbau von Eitelkeit, Angst
und "Lebenslügen"; das erfolgt in der Regel durch vermehrte Zuwendung zu den
Mitmenschen, zu den sozialen Aufgaben und zur Realität überhaupt. Es gilt,
Wahrhaftigkeit, Offenheit, Sozialität, Vernunft, Logik, Klugheit und viele
andere sozial erwünschte Eigenheiten auszubilden etc. Der Mitmensch im
eigentlichen Sinne des Wortes verzichtet auf "Plusmacherei" und Retuschierung
des Selbstbildnisses; auf der Basis einer realistischen Selbsteinschätzung hat
er kein starres und von Abwehr erfülltes Ich nötig.
Auch bei Adler bleiben einige Fragen übrig. Es entsteht
bei ihm der Eindruck, als hätten die Menschen informiert zu sein über die
Aufgaben des Lebens und über die Anforderung der Sozilabilität. Ihre
Verweigerung diesen Anforderungen gegenüber ist in Adlers Worten manchmal bloß
Feigheit, Faulheit und Eitelkeit, dann wieder echtes Unvermögen. Man stößt hier
auf eine zentrale Frage von Verdrängung: Kann ich etwas verdrängen, von dem ich
nichts weiß? Kann ich in den sozialen Anforderungen versagen, wenn mir diese
noch nie bewusst geworden sind, beispielsweise wegen einer unzureichenden
Erziehung? Verdrängung kann offenbar auch aus mangelnder Bildung hervorwachsen,
nicht nur aus mangelndem Gemeinschaftsgefühl. Das hat Adler zu wenig bedacht.
Schultz-Henckes Theorie. - Freud wie Adler
betonen, dass es die Eltern sind, die ihr eigenes, schon vorher von der
Gesellschaft mitgeformtes Ich-Ideal an die Kinder weitergeben. Es ist also die
Rolle der Eltern und die der Erziehung näher ins Auge zu fassen. Ein Autor, der
sich genau auf der Schnittstelle zwischen Erziehung und Verdrängung bewegt, ist
Harald Schultz-Hencke mit seinem 1940 erschienen Hauptwerk "Der gehemmte
Mensch". Der Berliner Schultz-Hencke baute die gesamte Psychopathologie auf
einer Theorie der menschlichen Antriebe (nicht "Triebe") und ihrer erziehungs-
und kulturbedingten Hemmungen auf. In erster Linie werden expansive Strebungen
und Impulse gehemmt, ferner die dazugehörigen Vorstellungen. Es liegt nahe,
Verdrängung und Hemmung in enger Nachbarschaft zu sehen. Bei ihm ist der
"gehemmte Mensch" weitgehend identisch mit dem verdrängenden Menschen, wobei ihm
das Wort "gehemmt" im Bezug auf Impulse eindeutiger erschien als das
"verdrängen" (1965; 59, 60).
Schultz-Hencke beschrieb den Grundmechanismus der
Verdrängung in der Kindheit mit folgenden Worten: "Ein ganz kleines Kind erlebt
expansives Streben. Dieses gerät mit der Welt in Konflikt. Es verdrängt solch
Streben und wird gehemmt." (1965, 91) Das bedeutet, dass man bei Hemmung
beziehungsweise Verdrängung weder von Krankheit (Freud) noch von einem Irrtum
(Adler) sprechen kann. Anders als bei Freud und Adler ist bei Schultz-Hencke die
Hemmung ein Vorgang, der außerhalb jeder Absicht erfolgt. Es zeigt sich darin
weder ein "Wille" des Kindes, wie Adler annahm, noch handelt es sich um einen
quasi biologischen Vorgang, wie Freud meinte.
Das kindliche Leben setzt sich laut Schultz-Hencke aus
der Mischung verschiedenartiger Antriebe zusammen, die zur Bewältigung des
Lebens ausgebildet werden müssen (naturbedingtes Haben und Behaltenwollen, ein
Geltenwollen (aggressive Tendenz) sowie ein Drang nach Sexualität und
Zärtlichkeit). Es ist die Aufgabe der Erziehung, diese Antriebe zu kultivieren.
Alle genannten Antriebe können durch Angsteinwirkung frühzeitig blockiert oder
gehemmt werden. (Das hatte auch Freud schon so gesehen in "Hemmung, Symptom und
Angst" 1926). Stärkste Hemmungsfaktoren sind erzieherische Härte, Lieblosigkeit,
mangelnde Resonanz und Verwöhnung, die das Kind einschüchtern, verunsichern, ihm
seine Selbständigkeit nehmen oder aber seinen Trotz hervorrufen. Die Gehemmtheit
kann durch viele kleine Bedrohungen durch die Erwachsenen oder auch durch
einmalige, dramatische Traumen aufgebaut werden. Das Christentum mit seiner
asketischen Moral hat an der Hemmung entscheidenden Anteil. Geringe
Lebensfreude, mangelhafte Lebenstüchtigkeit, Kommunikationsarmut usw. werden an
die Kinder weitergegeben.
Aus diesem mangelhaften Lebensvollzug ergeben sich
weitreichende Konsequenzen. Die Folgen der Verängstigung können sich ebenso in
Passivität und Resignation, wie in aktiver Überdrehtheit des Kindes zeigen. Der
außenstehende Beobachter wird dessen gewahr, indem er in der Lebensgeschichte
und im Verhalten des Menschen merkliche Lücken entdeckt; dort, wo eine gesunde
psychische Aktivität vorhanden sein sollte, ist eine Leere und ein Ausweichen
oder eine Überaktivität. Der gehemmte Mensch ist nicht unbedingt ein stiller
Mensch. Auf dem Boden der Gehemmtheit wachsen noch weitere Eigenschaften, und
zwar mangelndes Können und Wissen, mangelhafte Arbeitstechnik, fehlende
Mußefähigkeit, verringerte Selbst- und Menschenkenntnis, ungeschickter Umgang
mit den Mitmenschen und vieles mehr. Schultz-Hencke erläutert alle
traditionellen Laster von Habgier über Neid bis Jähzorn als überkompensierte
Hemmungsphänomene (1965, 148 ff). Nur der verdrängte oder verstümmelte Antrieb
neigt zu Hemmungslosigkeit und Exzessen. Das, was nach der Hemmung noch
übrigbleibt, sind Bruchstücke von Antrieben, die vage im Bewusstsein schwimmen
und die die Haltung eines Menschen "tönen". In besonderen Lebenssituationen wie
Versuchungen oder Versagungen wird das Verdrängte evoziert und seine affektiven
Bestandteile können durchbrechen.
Gering ausgeprägte Expansivität ist noch keine
Gehemmtheit für Schultz-Hencke. Ab welchem Intensitätsgrad der Umschlag in die
Neurosen und in andere psychische Erkrankungen stattfindet, lässt sich nur
anhand der Lebensgeschichte eruieren. Sie finden sich im Leben weniger gut zu
Recht als jene, die ihre wesentlichen Antriebe mehr oder minder unverstellt und
frei zum Vorschein bringen können. Weitere Hinweise sind Empfindsamkeit,
Empfindlichkeit und Übersensibilität, die stärker ausgeprägt sind als bei den
übrigen Menschen.
Zum Thema Verdrängung haben sich noch viele weitere
Autoren mit wertvollen Beiträgen zu Wort gemeldet, unter anderem Harry S.
Sullivan und Medard Boss. Im Wesentlichen sind es Akzentuierungen bereits
gehörter Punkte, deshalb sollen ein paar Sätze genügen.
Sullivan leitet sein Verdrängungskonzept aus
seiner "interpersonellen Psychiatrie" ab. Demnach ist der Mensch ganz und gar
ein "zwischenmenschliches Wesen", dessen Dasein sich in Interaktion und
Kommunikation abspielt. Das Kind soll sozialisiert werden, dazu braucht es die
Annahme durch die Erzieher. Das Selbst ist sozusagen die Summe aller
verinnerlichten Zustimmungen, die wir durch unsere Umwelt erhielten. Anderseits
wird alles vom Selbst ausgeschlossen, was von maßgeblichen Personen missbilligt
wird. Das Ich teilt sich in ein gutes Ich, das angenommen wird, und ein böses
Ich, mit dem das Kind liebäugelt. Daneben aber gibt es noch Zonen des Nicht-Ich,
das vom neurotisierten Individuum als wesensfremd zurückgewiesen wird. Je
größer die Bereiche des Nicht-Ich sind, desto schwankender ist das Selbstgefühl
des Menschen, der immer in der Nähe von Angst und Panik wohnt. Gewalthaft und
zwanghaft wird versucht, das "gute Ich" aufrecht zu erhalten. Hier liegt die
Basis für viele psychische und psychosomatische Erkrankungen.
Der Schweizer Psychiater Medard Boss kam nach
dem Krieg mit dem Existenzphilosophen Martin Heidegger in Kontakt, der ihn
anregte, eine Psychologie auf der Basis der Daseinsanalyse zu formulieren. In
diesem Rahmen wurde auch der Begriff der Verdrängung neu bestimmt (Boss 1975).
Nach Heidegger ist das menschliche Dasein ein "In-der-Welt-Sein".
Der Mensch ist immer schon "draußen in der Welt" und mit ihr ursprünglich
verbunden. Dabei muss er sich mit dem, was ist, und mit sich selbst
auseinandersetzen. Am sinnvollsten wäre es, wenn er infolge seiner ihm gegebenen
Weltoffenheit sich frei und unbefangen jeglichem Thema zuwenden, dessen Sinn und
Bedeutung wahrnehmen und dieses in seine Welt integrieren würde.
Doch durch Erziehung und gesellschaftlichen
Konformitätsdruck wird jeder dazu gedrängt, weite Bereiche der Wirklichkeit
auszusparen. Verdrängung ist nun im Sinne der Daseinsanalytiker ein
Nicht-Zulassen von dem, was den Menschen angeht und ihn bedrängt. Die Thesen von
einem innerseelischen Unbewussten, von bösen Trieben und den seelischen
Schichten innerhalb des Individuums sind für die Daseinsanalyse völlig
überflüssig. Verdrängung ist hier ein Wegsehen und Fliehen vor bestimmten
Sphären der Welt und der menschlichen Beziehungen, aber auch vor dem eigenen
Leib und seinen Bedürfnissen.
So lebt der Mensch mit einer Art "Verstümmelung", die
ihm den freien und umfassenden Gebrauch seiner Kräfte und Fähigkeiten nicht
erlaubt. Demnach ist das Verdrängen nicht eine innerpsychische Angelegenheit
zwischen Trieb und Moral. Sie ist eine Verminderung der möglichen Weltoffenheit
durch Scheuklappen, die uns schon in der Kindheit aufgesetzt werden.
Des Weiteren sagt uns Boss, dass das Bewusstmachen von
Verdrängtem nicht ein "Heraufholen aus der Tiefe" ist. Die Menschen wissen im
Grunde, was sie nicht wahrhaben und nicht anerkennen wollen. Man muss sie nur
darüber aufklären, welchen Sinn und welche Bedeutung diese verleugneten
Wirklichkeitsanteile haben. Dann erst sind sie bereit, das, was sie bereits
kennen, auch anzuerkennen.
Bisher wurde Verdrängung aus der Sicht einiger
ausgewählter Therapieschulen betrachtet. Zum Abschluss soll versucht werden, die
Anthropologie der Verdrängung genauer ins Auge zu fassen und ihr Wesen zu
benennen.
Anthropologie der Verdrängung. - Freud beschrieb
mit dem "Verdrängen" einen Modus von Bewusstseinsprozess, der zwischen erinnern
und vergessen (im Sinne von absterben, verblassen) liegt. Er stellte damit eine
neue Art des Vergessens vor, eine, deren Inhalte nicht eliminiert und dem
Bewusstsein nur unter Mühen und mit bestimmten Verfahren zugänglich sind. Das
Abspalten von Erinnerungen in Form des Verdrängens wird nur verständlich, wenn
ein Unbewusstes angenommen wird. Das trifft auf das Vergessen offenbar nicht zu.
Erstaunlicherweise beschäftigt sich kaum ein Autor mit den Unterschieden von
vergessen und verdrängen. Mit Robert Heiss haben wir einen der wenigen
Tiefenpsychologen, die sich des Themas annehmen. Die folgenden Gedanken sind von
ihm mitgeprägt.
So vergessen wir normalerweise nach längerer Zeit Dinge
und Vorgänge, die 'erledigt' sind. Wir vergessen, was wir vor einem Monat an
einem bestimmten Tage mittags 12 Uhr getan haben. Solches Vergessen ist offenbar
ein notwendiges Vergessen, es ist im Prozess des weitergehenden Lebens
jedenfalls unvermeidlich. Die Gründe dafür sind verschiedenartig. Sie liegen
einmal in der Tatsache, dass das Bewusstsein als aktuelles sich verändert,
entwickelt und in der Zeit wechselt. Sie liegen zum anderen aber darin, dass der
aktuelle Bewusstseinszusammenhang gewisse psychische Tatbestände ausschließen
muss, weil er auf andere konzentriert ist.Vergessen ist menschengemäß und
-notwendig, indem nicht alle Dinge der Vergangenheit erinnert und nicht alle
Dinge der Gegenwart aufgenommen werden können. Vergessen sondert lebensdienliche
von den alltäglich-trivialen Erinnerungen (aber manchmal vergessen wir auch
etwas für uns wichtiges). Ohne Vergessen wäre Gedächtnis ein statischer
Speicher, ein "Papagei" und dummer Wiederholer. Offenbar ist das Gehirn nicht in
der Lage, sämtliche Eindrücke zu verarbeiten und sämtliche Erinnerungen zu
behalten; der Mensch muss in gewissem Umfange vergessen. Die Filter sind auch
biologischer Art, beispielsweise werden Herzschlag, Atmung oder
Temperaturregelung des Körpers in der Regel nicht an das Gehirn zur Kontrolle
übermittelt. Diese Funktionen laufen unterbewusst ab, eben vielleicht aus dem
Grund, die Sphäre des Bewusstseins nicht zu überlasten.
Aus diesen Überlegungen heraus lässt sich das
Spezifische des Bewusstseinszustandes des Vergessens im Verhältnis zum
unbewussten Verdrängen folgendermaßen definieren: Erstens sind vergessene
Dinge erledigt und abgetan; aus diesem Grunde fehlen zweitens dem Vergessen die
Affekte des Peinlichen und Schmerzlichen; drittens hat Vergessen keine
Abwehrfunktion; viertens sind die Folgen des Vergessens im Gegensatz zum
Verdrängen relativ harmlos. Man wird eine gute Unterscheidung zwischen Vergessen
und Verdrängen treffen können, indem man sagt: Etwas wird vergessen, weil es
erledigt und unwichtig ist; verdrängt wird, weil etwas zu wichtig und unerledigt
ist.
Nachdem Vergessen von Verdrängen abgerenzt wurde,
kehren wir noch einmal zum Vorgang des Verdrängens zurück: Erziehung kann
traumatisch sein, wenn sie seelisch kränkt und verletzt, wenn die Eltern
unempathisch, überfordert, ablehnend, verbietend, hemmend oder überbehütend
sind. Persönliche Bedürfnisse und gesellschaftliche Anforderungen und Normen,
die von den Eltern an das Kind herangetragen werden, können dann in einen kaum
lösbaren Konflikt geraten. Erziehung wirkt bereits in einer Zeit, in der das
Kind noch wenig versteht und behält und sich kaum wehren kann. Freud machte
darauf aufmerksam, dass fast jede frühe Verdrängung auf einer Strafandrohung
basiert. Sie kann aber auch auf Uninteressiertheit und Zurückweisung seitens der
Eltern beruhen. Die Peinlichkeit oder Unerträglichkeit des Konflikts oder
Traumas und der Wunsch, sich vor einer Verletzung der Ich-Integrität zu
schützen, ist das unbewusste Motiv für den schwerwiegenden Akt der Verdrängung.
Das Kind wächst nun heran, und damit ändert sich die
Dynamik der Verdrängung. Vielleicht wurde es erzieherisch gezwungen, sich mehr,
als guttut, zurückzunehmen, aber davon weiß es kaum etwas. Stattdessen hat es
sich einen Schutzwall, einen ersten Panzer zugelegt. Aus Furcht vor einer
"Minussituation" (wie es Adler nennt) treten kompensatorisch Geltungsdrang oder
schüchterner Rückzug in den Vordergrund und ein unrealistisches Ich-Ideal wird
verfolgt. Das Kind vermeidet die ihm schon bekannten Situationen des Tadels und
des Schmerzes und legt sich ein eingeengtes Schema der Weltaneignung und
Weltinterpretation zu. Nach Ansicht des amerikanischen Autors Ernest G.
Schachtel werden dem kindlichen Ich ziemlich bald konventionelle und sozial
akzeptierte Denk- und Erfahrungsmuster übergestülpt. Was das Kind selbst erlebt,
ist für es weniger gültig als das, was die Umgebung ihm an Erlebnismodalitäten
nahe legt. Es wird so eine rasche Anpassung an das gesellschaftliche Kollektiv
erzwungen. Schon nach wenigen Jahren hat das Individuum fast alles Individuelle
abgestreift und weiß von sich und seinen Erfahrungen nur das, was in die
allgemeinen akzeptierten Klischees passt. Es werden jene Partien der Realität
ausgeschaltet, die an die Welt der eigenen Bedürfnisse und der Gebundenheit an
die Mitmenschen erinnern. Es bildet sich ein "verdrängender Lebensstil" heraus,
dem alle seelischen Äußerungen und Handlungen unterliegen.
Angenommen, dieser Prozess setzt sich über Jahre fort.
Die erzieherisch eingeleitete Hemmung trifft jetzt auf eine neurotische, weil
patriarchalische und machtbesessene Kultur (Adler) bzw. auf die
"Verdrängungsmacht Kultur" (Freud). Innerlich auf Rückzug und Hemmung oder aber
auf kompensatorischen Angriff eingestellt, kommen Verdrängungsanschübe von außen
hinzu. Das Individuum kann dem Konformitätsdruck nicht mehr standhalten und
kapselt sich ein. Es glaubt, sich mit Unehrlichkeit, Hochstapelei, Stolz,
Eitelkeit und "Wille zum Schein" an die ebenfalls von tausend Unredlichkeiten
durchsetzte Gesellschaft anpassen zu müssen. Innere und äußere
Verdrängungsanforderungen verschmelzen und Ursache und Wirkung lassen sich kaum
noch voneinander unterscheiden. Auch die Grenzen der Verdrängung aus
Schutzbedürfnis und die neurotische Verdrängung verschwimmen. Musste anfangs
seelischer Schmerz vermieden werden, so verfestigt sich Verdrängung im Laufe der
Zeit zu einem Habitus, der praktisch alle Bereiche, die den Menschen angeht, von
einer wohlwollenden Anteilnahme ausschließen kann. Schließlich verschwinden die
Ursachen hinter den Ergebnissen.
Die Folgen der Verdrängung sind vielfältig. Die
Autoren nennen eine ganze Reihe von seelischen Bewegungen, vor allem Angst und
Ängstlichkeit, Selbsttäuschung und Selbstentfremdung, Verschlossenheit,
Starrheit und Stagnation, Affektivität (im Gegensatz zur Gefühlsentwicklung)
sowie ein "Gottähnlichkeitsstreben", d.h eine Haltung der Unantastbarkeit und
Unansprechbarkeit. Freud wollte uns mit seiner Erzählung vom homo erectus
wohl mitteilen, dass ein Wesen, das aufrecht unter seinen Mitgeschöpfen
einherwandelt, leicht zu Größenwahn verlockt wird. Der Leib und seine
Kreatürlichkeit verfallen der Verachtung, denn sie erinnern an seine Endlichkeit
und Erdgebundenheit. Warum das so ist, hat Friedrich Nietzsche lapidar in
"Jenseits von Gut und Böse" zum Ausdruck gebracht: "Der Unterleib ist der Grund
dafür, dass sich der Mensch nicht so leicht für einen Gott hält."
Die Wirkung der Verdrängung ist aber noch umfassender.
Sie schränkt das Bewusstsein und die Weltoffenheit ein, und damit die
ursprünglich angelegte Tendenz im Menschen, zu wachsen und zu reifen. Freud
konstatierte letztlich eine "Einbusse an aller freien Entfaltung der
Seelenkräfte" (Freud 1898a, 515). Es entsteht "Furcht vor der Freiheit" (Fromm
1941) und Furcht vor Verantwortung (Künkel in Wexberg 1966, 460 ff). Die
Unterdrückung, Heuchelei, Unwissenheit und Selbstentfremdung bringe kaum
"energische, selbständige Männer der Tat oder originelle Denker, kühne Befreier
und Reformer" hervor, "weit häufiger brave Schwächlinge, welche später in die
große Masse eintauchen" (Freud 1908d, 160). Das Wesen der Verdrängung scheint
letztlich eine Verfehlung des Selbst zu sein, die von außen angebahnt und später
internalisiert wird. Der Schutz, den Verdrängung bietet, wird erkauft mit
Selbstentfremdung. Jede Verminderung der Beziehungsfülle führt zu eine Verarmung
des Selbstseins (Rattner 1993, 163).
Die Autoren sind sich bewusst, dass sie damit nicht nur
ein Phänomen beschrieben, das für den Einzelmenschen Gewicht hat. Auch die
Menschheit als Ganzes bestreitet ihren Geisteshaushalt mit andauernden
Verdrängungen. Die Idee der Verdrängung hat anthropologische Tragweite. Es ist
etwas grundsätzlich Ängstliches in den Menschen, das sich gegen die Ausweitung
und Änderung ihres Bewusstseinsfeldes wehrt, vor allem dann, wenn das bereits
bestehende Denken Sicherheit und Angepasstheit zu gewährleisten scheint.
Die Psychotherapie strebt eine aufgeklärte Menschheit
an, die es wagt, den eigenen Seelenhaushalt ohne Illusion und Lebenslüge
verstandesmäßig zu durchdringen. Sie will Scham, Ekel, Angst und die anderen
Abwehrmechanismen abbauen; anstatt ängstlicher oder aggressiver
Verdrängungsreaktionen soll die redliche Auseinandersetzung mit sich selbst und
mit der Welt treten. Man kann diese Forderung durchaus mit der berühmten
Freudschen Formulierung umschreiben: "Wo Es war, soll Ich werden!" Somit zeigt
sich, dass die Tiefenpsychologie nicht nur in den Bereich der
medizinisch-psychologischen Heilkunde gehört, sondern auch zu einer
emanzipatorischen Philosophie.
3.
Zur Anthropologie des Widerstandes
1. Das frühe psychoanalytische Konzept - Die
Begriffe Verdrängung und Widerstand hängen in der Tiefenpsychologie unmittelbar,
ja fast unentwirrbar miteinander zusammen, und ein weiterer Begriff, der der
Abwehr, scheint beide zu umfassen, doch ganz sicher ist das nicht. Wir müssen
wieder hundert Jahre zurückgehen und Sigmund Freud in Wien besuchen, wo er
gerade dabei ist, anhand der Behandlung sogenannter Hysterikerinnen - machtlosen
Frauen mit auffälligen körperlichen Symptomen in einer patriarchalischen
Gesellschaft - sein System der Psychoanalyse zu entwickeln. Vom historischen
Ablauf her gesehen ist der Begriff des Widerstands im Verhältnis zur Verdrängung
sogar der etwas ältere. Ihre Relation zueinander ist recht einfach zu
beschreiben: Die Hysterikerinnen hatten Mühe (oder Unlust), sich wichtiger
Begebenheiten ihres Lebens zu erinnern. Dieser Widerstand gegen das Erinnern und
Aussprechen behinderte den Fortgang der Therapie und der seelischen Gesundung.
Widerstand ist eine interpersonelle Aktion zum Schutz der innerpsychischen
Verdrängung. Aus der Beobachtung des Widerstands entwickelte Freud die Theorie
der Verdrängung.
Es zeigte sich schon bei diesen frühen
psychoanalytischen Behandlungen, dass der Analysand kaum je dem Heilungswillen
des Analytikers schlicht und geradlinig ein Geheiltwerdenwollen zur Seite
stellt. Die Patientinnen hatten Angst davor, sich mit ihren Verdrängungen bzw.
mit ihrem Unbewussten zu konfrontieren. Daher wählen sie viele Um- und Abwege,
die den Fortgang der analytischen Kur sabotieren. Der Widerstand gegen die
Genesung kann tausend Formen und Gestalten annehmen. Der Therapeut erlebt das
üblicherweise als ein kontinuierliches Ringen mit seinem Gegenüber, das bis zum
Ende der Therapie anhält. Freud schreibt: "Der Widerstand begleitet die
Behandlung auf jedem Schritt; jeder einzelne Einfall, jeder Akt des Behandelten
muss dem Widerstand Rechnung tragen, stellt sich also als ein Kompromiss aus den
zur Genesung zielenden Kräften und den angeführten, ihr widerstrebenden, dar."
(Zur Dynamik der Übertragung, Bd. VIII, S. 368)
Die Patienten holen aus dem Arsenal ihrer Vergangenheit
alle Waffen hervor, mit denen sie die Psychotherapie und den Therapeuten hemmen
können. Vor allem in der Phase der sog. "negativen Übertragung" schießen überall
Widerstände ins Kraut. Widerstände zeigen sich zunächst und am deutlichsten
gegenüber der Person des Therapeuten und seiner Therapie. Der Analytiker wird
dann von seinem Klienten kritisiert und verkleinert. Mögliche Formen des
Widerstands sind z.B. Versäumen von Therapiesitzungen, Zuspätkommen, Schweigen
in der Sitzung, belangloses Herumreden, latentes oder manifestes Kampfverhalten
usw. Die psychoanalytisch orientierte Therapieform konzentriert sich auf die
Analyse dieser Widerstände und strebt ein schrittweises Bewusstwerden der
verschiedenen Widerstandsmanifestationen und ein graduelles Aufgeben derselben
an. Geschicklichkeit im Umgang mit Widerständen hielt Freud für die wichtigste
Qualifikation eines Psychotherapeuten. Denn am schlecht behandelten Widerstand
kann die psychoanalytische Behandlung scheitern.
Widerstände des Patienten müssen stets im Zusammenhang
mit Verdrängungen gesehen werden. Will man hemmende Verdrängungen aufheben, dann
kommt es zu einem Widerstand, das war Freuds frühe Erfahrung. Seiner Auffassung
nach richtet sich Widerstand gegen das Bewusstwerden traumatischer Erlebnisse
ebenso wie gegen unerwünschte Triebregungen und Konflikte. Der Patient wehrt
sich gegen Deutungen und Hinweise, verschlechtert seine Beziehung zum
Analytiker, wird widerspenstig und unhöflich und sabotiert unter Umständen die
analytische Kur. "Wir heißen alle die Kräfte, die sich der Genesungsarbeit
widersetzen, die 'Widerstände' des Kranken", definierte Freud (1926e, 254).
Später sah Freud Widerstand nicht nur von innerpsychischen Quellen gespeist,
sondern auch durch äußere Umstände hervorgerufen und verstärkt, beispielsweise
durch die öffentliche Ablehnung der Psychoanalyse. Die psychoanalytische Schule
fügte dann weitere Quellen von Widerstand hinzu (siehe Sandler/Dare/Holder 1979,
74 ff), darunter die Angst vor eigener Veränderung, die Angst vor Konflikten mit
(Ehe-)Partnern, Familienmitgliedern und Freunden wegen der von der Psychoanalyse
induzierten Veränderungen, Angst vor Verlust des zugewandten Analytikers, die
Scham vor bestimmten Wünschen und Phantasien sowie die Faulheit, bequeme
Neurotizismen aufzugeben.
In dieser Phase konnte sich Freud den Widerstand nur
als neurotisch vorstellen: Warum nur sperrt sich der Patient gegen seine
seelische Gesundung? Dafür gibt es viele Gründe, angefangen beim ungewohnten
Setting, aber in letzter Konsequenz nahm Freud an, dass ein "Todestrieb" waltet;
der Patient will nicht wirklich gesund werden. Bei Frauen käme noch der
"Penisneid" hinzu, der es den Frauen verunmögliche, eine ernsthafte,
selbständige Person zu werden; stattdessen würden sie sich immerzu in den
Therapeuten verlieben. Und die Männer hätten eine unüberwindliche Abneigung
dagegen, eine gleichberechtigte Beziehung zu einem anderen Mann (den
Therapeuten) einzugehen. Sie könnten sich selbst von einem starken Gegenüber nie
und nimmer etwas sagen lassen, was einen Heilungsfortschritt verunmögliche. So
erklärte sich Freud die enormen Widerstände in seiner Therapie, was ihn zum Ende
seines Lebens hin pessimistisch den Therapierfolgen der Psychoanalyse gegenüber
werden ließ. Er und die frühe Psychoanalyse konnten sich gar nicht vorstellen,
dass es auch sinnvollen Widerstand gibt, beispielsweise gegen uneinfühlsame,
schweigsame oder überfordernde Therapeuten. Freud kam offenbar nicht wirklich
auf die Idee, speziell die sexuellen Deutungen seiner Analyse könnten den
Patienten unangemessen sein.
2. Das frühe individualpsychologische Konzept. -
Eine Klärung der Vieldeutigkeit des Widerstands kann unseres Erachtens von
Freuds Theorien allein kaum befriedigend geleistet werden. Wir müssen weitere
Theorien heranziehen, um den Widerstand umfassender zu sehen. Alfred Adler
beispielsweise sprach nicht ausdrücklich vom "Widerstand des Patienten", ließ
aber keinen Zweifel daran, dass dessen Charakter der grundlegende Störfaktor des
Therapiegeschehens sei. Die Individualpsychologie beschreibt mit der
"tendenziösen Apperzeption" und der "Entwertungstendenz" zwei seelische
Phänomene, die an Widerstand und Verdrängung erinnern.
Die tendenziöse Apperzeption, also das Betrachten der
Welt und ihrer Menschen durch eine individuell gefärbte Brille, war für Adler
eine Haupthindernis, sich vollumfänglich dem Leben hinzugeben. Der "Nervöse"
nehme nur das an und hin, was in seine eingeschränkte Sichtweise passt. Der Rest
wird verdrängt, ignoriert oder bekämpft. Dann dominieren
Minderwertigkeitsaffekte und fehlkompensatorisches Geltungsstreben über das
Sozialinteresse und den Realitätssinn.
Kein Wunder, dass auch der Therapeut hiermit zu tun
bekommt. Widerstand werde nicht durch die Analyse geschaffen, meinte Adler, die
Analyse sei die Arena, wo sich Widerstände offenbaren. Sie seien Wiederholungen
alter Abwehrmaßnahmen, die der Patient bisher schon in seinem Leben
praktizierte. Im Adlerschen Sinne äußert sich Widerstand als Feindseligkeit und
Entwertung dem Arzt gegenüber, um das eigene prekäre Selbstwertgefühl zu erhöhen
und den allgemeingültigen Lebensaufgaben auszuweichen. Auch die
Individualpsychologie fahndete nach dem Kern des Widerstands und fand ihn im
Sperren gegen die Einsicht, kein besserer (und schlechterer) Mensch zu sein als
alle anderen auch. Aber Adler verweigerte den Nervösen die Sonderrolle, die sie
gerne hätten, und verlangte von ihnen, weitgehend ungeachtet aller früheren
Erlebnisse und Zurückweisungen den Weg der freundlichen und tatkräftigen
Kooperation einzuschlagen.
Im Laufe der Zeit konnten Psychoanalyse und
Individualpsychologie nicht daran vorbeisehen, dass Widerstand (wie schon
Verdrängung) möglicherweise eine positive oder nützliche Seite haben möge. Die
Psychoanalyse hob in ihrer Weiterentwicklung hervor, Widerstand, Abwehr und
Verdrängung seien "unentbehrliche, allzu menschliche und allzu fehlbare Methoden
der Bewältigung" von Lebensaufgaben in der frühen Kindheit (Gay 1989, 547).
Abwehr sei ein sinnvoller Verteidigungsmechanismus des Kleinkindes gegen
angstmachende Einflüsse und Teil eines Versuchs, das innere Gleichgewicht zu
bewahren. Widerstand gewähre demnach Schutz und Krankheitsgewinn (aber eine
wahrhaftige Lebensführung sei in jedem Falle vorzuziehen, da war sich Freud
sicher).
Bei Adler erwachsen tendenziösen Apperzeption und
Entwertungstendenz, also Verdrängung und Widerstand, aus einer neutralen
anthropologischen Grundlage, indem sie eingeordnet wurden in ein Konzept, das
Charakter und Psyche als notwendiges "Schutzorgan" gegen das Chaos des Lebens
ansieht. Angriffs- und Sicherungsvorkehrungen gewährleisten den Bestand des
menschlichen Organismus und seine Entwicklung. Fiktionen von sich und der Welt
reichen immer gefährlich nahe an "tendenziöse Apperzeptionen" heran, erleichtern
aber - flexibel angewandt - das Leben. Verdrängung und Widerstand sind in der
frühen Individualpsychologie notwendige Folge des Minderwertigkeitsgefühls und
des kompensierenden Persönlichkeitsideals. Sie haben wie in der Psychoanalyse
eine stabilisierende Funktion, sie dienen der Aufrechterhaltung des seelischen
Gleichgewichts. Im Grossen und Ganzen aber fand Adler den Widerstand der
Analysanden schrecklich, und er warf ihnen vor, vor der "Front des Lebens"
zurückzuweichen. Auch er konnte sich nicht vorstellen, dass seine oftmals
schematischen Deutungen und sein etwas eindimensionales Bild vom Menschen
Widerspruch hervorruft.
3. Daseinsanalyse und Anthropologie des Widerstands. - Deutet sich in Psychoanalyse und Individualpsychologie bereits ein
differenziertes Herangehen an das Phänomen Widerstand an, ohne dass die gesunden
Anteile wirklich in den Blick genommen werden, so bekommen wir mit der
Daseinsanalyse eine Theorie an die Hand, die mitten in die Seinsverfassung des
Menschen vorstößt. Namentlich Peter Seidmann hat sich des Phänomens aus
ontologisch-anthropologischer Sicht angenommen und Widerstand als Grundkategorie
menschlichen Seins beschrieben. Wenn die Frage nach der Anthropologie von
Widerstand gestellt wird, ist man vor allem auf diesen Autor angewiesen.
Widerstand ist nach Seidmann Bestandteil des Denkens,
des Handelns und der sozialen Interaktion. Er sieht Widerstand nicht als mit
Neurose, sondern mit dem Leben an sich. Sinngemäß schreibt er: Ontologisch
definiere sich jedes Dasein in Abgrenzung gegen das andere Dasein. Nur indem ich
mich als jemand anderes ansehe, begreife ich mich als ein eigenes und
eigenständiges Dasein. Indem ich mich als etwas Eigenes denke, bin ich jemand
und bin ich nicht Nichts. Durch mein Sein weise ich das Nicht-Sein zurück. Indem
ich bin, bin ich mit Lebenskräften ausgestattet, das heißt mit Widerstandskraft
gegen das übermächtige Eindringen des anderen und gegen Beschädigung durch
andere. Widerstand ist in diesem Zusammenhang nicht Auflehnung, Trotz und
Revolte, sondern ein Strukturelement des Daseins. (Seidmann 1974, 200)
Widerstand ist ein Akt der Abgrenzung, der Negation,
ein gewolltes Nein. Dieses grenzsetzende Nein steht ein Ja zum gewollten Ziel
entgegen. Das Nein gegen das Nichts ist Seinsbejahung (Seidmann 1974, 253). Es
droht Verlust der Integrität, wenn in den entscheidenden Momenten des Lebens
nicht "Nein" gesagt werden darf: Nein zu Überforderungen, unangemessenen
Ansprüchen anderer, Übergriffen der Eltern. Wer sich nicht abgrenzen darf und
die Kunst der Abgrenzung verlernt, verliert seine Grenzen (Miller 1983, 106).
Gesunder Widerstand ist notwendiger Widerstand gegen Barbarei, Diktatur,
Tyrannei und Maßlosigkeit, sowohl innerpsychisch, als auch öffentlich. Das
Gewissen ist für Seidmann Widerstand gegen Unrecht, Unmenschlichkeit und
Asozialität. Zusammenfassend:
"Widerstand ist als ontologischer und anthropologischer
Elementar-Aspekt ... zunächst weder gut noch böse, weder recht noch unrecht,
sondern ein fundamentales Struktur- und Aktphänomen, das in der einen oder
anderen Richtung gebraucht werden oder sich auswirken kann. ... Im Menschsein
selbst liegt ein vor-ethisches, wenngleich ethisch eminent bedeutsames und zu
ethisch relevanten Entscheidungen zwingendes resistentielles Potential. ... Der
Mensch könnte sich nicht durch das Leben bewegen, ohne in adäquater Weise
resistent zu sein." (Seidmann 1974, 252)
Seidmann stößt damit auf den Doppelcharakter der von
Freud benannten innerpsychischen Zensur. Eine adäquate Zensur ist nötig für eine
anthropologisch natürliche Ordnung, für ein gesundes inneres Gleichgewicht (Homöostase).
Freud wollte die Zensur - man könnte auch sagen: Gewissen - ja nicht abschaffen,
sondern mäßigen und anpassen. Mit anderen Worten: Das Ich soll vernünftig und
besonnen werden. Heilung der Person hieße demnach "Wiederherstellung gesunder,
adäquat funktionierender Widerstände in einer lebendig reagierenden und alle
Konflikte flexibel verarbeitenden Person-Struktur, die von der Ausrichtung auf
Vernunft, Besonnenheit und Entscheidungsfreiheit bestimmt ist." (Seidmann 1974,
130, 138/139)
Die widerständige Ablehnung von unerträglichen oder
abträglichen Vorstellungen und Gegebenheiten gehört zu einem erheblichen Teil
zur normalen Aufgabe eines starken Ich. Der gesunde Mensch soll ja auch
Widerstand leisten gegen inadäquate Ansprüche des Es und des Überich sowie der
Außenwelt. Das Ich bedarf also eines positiven, konstruktiven Widerstands, der
die Stabilität des Ich mit gewährleistet.
Überlegungen zu einer Anthropologie des Widerstandes
bringen das Problem mit sich, dass auch bewusstes Entscheiden und ruhiges
Urteilen zur Bewältigung von Lebensproblemen in die tiefenpsychologische
Kategorie "Widerstand" eingeordnet werden. Dieser Widerstand hat aber wenig mit
dem in der Tiefenpsychologie benutzten Widerstand zu tun, der hier als Stockung
und Störung des Heilungs- und Wachstumsprozesses in der Psychotherapie
verstanden wird. Widerstand gegen Ungerechtigkeit, Zumutung, Zurücksetzung,
Dummheit ist nicht Widerstand, was von Freud, Adler und anderen nicht immer
gesehen und anerkannt wurde.
Schon allein der unterschiedliche Grad von Bewusstheit
des Widerstands, von Charakter- und Symptomausformung beim selbstbewahrenden
Widerständigen und beim Patienten weckt Zweifel, ob es berechtigt ist, beides
unter demselben Begriff zu bringen. Widerstand ist offensichtlich relativ und
bedarf der Adjektive, um adäquat bezeichnet zu werden. Der konstruktive
(anthropologische) Widerstand muss vom politischen Widerstand und vom
destruktiven (pathogenen) Widerstand in Alltag und in der besonderen
Situation der Therapie unterschieden werden.
4. Wann kippt anthropologischer in pathologischen
Widerstand um? Kein Mensch ist dagegen gefeit, sich am Widerstand der
Realität gegen sein Dasein, aber auch am Widerstand seines Daseins gegen die
Realität und an ihrem Zusammenprall irgendwann seelisch zu verletzen. Die sich
daraus ergebenden Verletzungen drängen mehr oder weniger heftig nach ihrer
Überwindung, Verarbeitung oder ihrem Ungeschehenmachen der damit verbundenen
Schmerzen (Seidmann 1974, 278). Das Erleben von Schmerzen, Schwäche,
Minderwertigkeit und Mangel gerade auch in der frühen Kindheit ist eine
erschreckende und erschütternde Erfahrung. Das traumatisch erschütterte
Selbstwertgefühl antwortet in der Fehlkompensation überschiessend, eigenmächtig
und egozentrisch. Die Schrecken und Dunkelheiten dieser Verzweiflung verlangen
nicht selten nach "Säuberung vom Bösen" und können zu kriminellen Handlungen,
zur Neurose oder zu Wahnbildungen führen, wenn nicht genügend
moralisch-seelische Widerstandskraft und Verarbeitung zusammen mit günstigen
Umständen einen adäquaten Damm dagegen aufrichten (Seidmann 1974, 281).
Schneider schreibt dazu:
"Was in der gesunden Person die Widerstandsfähigkeit in
ihrer lebenserhaltenden Funktion ausmacht, gerät für den Symptomträger zum
schützenden, aber auch verarmenden Wall gegen sich selbst und gegen sein Umfeld.
... Der Unterschied ist nur, dass im Gesunden die Ich-Grenzen pulsierend,
flexibel und durchlässig sind, während diejenigen des Symptomträgers alle
möglichen Verformungen aufweisen. Der Widerstand tritt, gemessen am Anlass,
unverhältnismäßig früh, hektisch, übertrieben auf." (Schneider in: Petzold 1981;
241 und 246)
Die gesunden Widerstände, "die dem Menschen innere
Sicherheit, Stabilität und eine freie Ordnung sichern", werden im erkrankten
Menschen zu unvernünftigen, wahnhaften, konfusen, fanatischen Widerständen (Seidmann
1974, 138). "Die konstruktiven, lebensnotwendigen und hilfreichen Widerstände
erweisen sich im neurotisch Kranken als infantil wirkende Trotzeinstellungen,
als starre Fixierungen, als sture Verneinungen." (ebd., 131) Sie engen den Raum
der Wahlfreiheit ein. Das Ich als Garant der seelischen Gesundheit und Ordnung
wird überrannt, es kann die Anforderungen des Es und des Überich und den Druck
der Realität nicht bewältigen.
Richtiger und falscher Widerstand findet sich in
wechselnder Zusammensetzung in jedem Individuum.
5. Widerstand in der Psychotherapie und die Rolle
des Klienten. - Die Möglichkeit eines "gesunden Widerstands" wird selten
wirklich beachtet, meist kreisen die Gedanken um den quälenden pathogenen
Widerstand in der psychotherapeutischen Praxis. Widerstand spielt in jedem
Therapieverlauf eine herausragende Rolle. Die stete Berücksichtigung des
Umstandes, dass es Widerstand gibt, gehört mit zu den Charakteristika der
Tiefenpsychologie. Die Tiefenpsychologie hat ganz besonders mit Widerstand zu
tun, weil es sich um ein tendenziell konfliktaufdeckendes, im Gegensatz zu eher
stützende oder behaviorisch-konditionierende Verfahren, handelt. Das Gemeinsame
der tiefenpsychologischen Schulen in der Therapie ist es unter anderem, den
Patienten mit sich selbst zu konfrontieren, mit seinen Schwächen,
Abwehrmechanismen, Verdrängungen, seiner Fassade, seiner "Persona" (Maske), mit
seiner Trieb- und Ideenwelt, mit seiner Vergangenheit und seinen zukünftigen
Möglichkeiten. Das langdauernde Gespräch mit dem empathischen Therapeuten - ob
eher monologisch wie in der Psychoanalyse oder eher dialogisch wie in der
Individualpsychologie - den Kern der psychotherapeutischen Leistung darstellt.
Widerstand wird insgesamt als hemmend und unerfreulich
angesehen, obwohl der manifeste Widerstand (in welcher Form auch immer) einen
goldenen Haken bereithält, an den der geschickte Therapeut anknüpfen kann. Neben
der ontologisch-anthropologischen Sichtweise erhalten wir noch einen anderen
interessanten Zugang, wenn wir den Standort wechseln: von dem des Therapeuten zu
dem des Klienten. Versetzt man sich in die Position des Klienten, ist Widerstand
nicht mehr nur eine ärgerliche Störung des Therapieverlaufs, sondern notwendige
und sinnvolle Antwort auf die durch psychoanalytische Behandlung ausgelösten
Gefühle und Erinnerungen. Mertens beschreibt anschaulich, welche Befriedigung
der neurotische Mensch aus Widerstand, Vorurteil und Neurose ziehen kann. In
einem fiktiven Selbstgespräch lässt er ihn sagen:
"'Warum sollte ich', so könnte sich z.B. ein Patient
fragen, wenn er diese zumeist unbewussten Themen bewusst verbalisieren könnte,
'meine kindliche Grandezza, mein moralisches Überlegenheitsgefühl gegenüber
meinen Eltern und meinem Therapeuten aufgeben, auch wenn mir dies häufig von
meiner Umwelt als Arroganz oder als Rechthaberei angekreidet wird? Meinem
Selbstwertgefühl tut es gut, wenn ich mich gegenüber meinen Mitmenschen
überlegen fühlen kann. Warum sollte ich realisieren, dass andere Menschen auch
moralisch handeln und mir darin ebenbürtig sind? Warum sollte ich auf die Lust
verzichten, die es mir bereitet, wenn ich selbstgerecht auf die Schwächen
anderer mit dem Finger zeigen kann? Was macht es schon, wenn wegen meines
rigiden Kontrollbedürfnisses manche freundschaftliche Beziehung zerbrochen ist?'
... Aus dieser Patienten-Perspektive haben Widerstände eine nützliche Funktion."
(Mertens 1991, Bd.3, 74/75)
Widerstand ist die dem Patienten aktuell bestmögliche
Art, um ein subjektiv oder objektiv gegebenes Problem zu lösen - indem ihm
ausgewichen wird (Schneider in Petzold 1981). Widerstände schützen das schwache
und hinfällige Ich (aus der Sicht der Psychoanalyse, der Mertens angehört) gegen
das möglicherweise als überwältigend erlebte Eindringen von unbewussten
Phantasien und verdrängten Traumen, aus der Sicht der Individualpsychologie und
der Daseinsanalyse gegen die Anforderungen des sozialen Lebens und dem leisen
aber hartnäckigen Ruf, sich mehr den Mitmenschen und der Welt zu öffnen.
Widerstände können somit auch vom erwachsenen und rationalen Ich des Patienten
ausgehen. Er hat einen vordergründigen Stabilitätsgewinn davon, die bisherige
Kohärenz seiner Persönlichkeit aufrechtzuerhalten.
Elisabeth Lukas meint deshalb sagen zu können, der
Widerstand des Patienten müsse nicht unbedingt "gebrochen" werden, handelt es
sich doch um eine "positive Kraft, die in richtiger Handhabung sogar zu dessen
Heilung eingesetzt werden kann" (Lukas in Petzold 1981; 198, 191).
6. Widerstand in der Psychotherapie und die Rolle
des Therapeuten. - Eine Auseinandersetzung mit einem weiteren wichtigen
Aspekt, den Therapeutenfehlern, findet nur zögernd, doch zunehmend statt. Dabei
müsste es den Therapeuten immer schon zu denken geben, wenn eine Therapie nicht
vorankommt. In allen Schwierigkeiten der analytischen Kur muss der Therapeut
fragen, ob er sie nicht zur Hauptsache verschuldet hat.
Freud war noch der Meinung, dass die unguten Gefühle
des Analysanden gegenüber dem Analytiker ausschließlich auf dessen traurige
Elternbeziehung zurückzuführen seien. Allerdings machte er am Rande auch schon
darauf aufmerksam, dass Übertragungsprobleme dem Fehlverhalten des Therapeuten
entspringen können. "Sie müssen den richtigen Moment abwarten, um dem Patienten
Ihre Deutung mit Aussicht auf Erfolg mitzuteilen... Das ist die Sache eines
Takts, der durch Erfahrung sehr verfeinert werden kann. Sie begehen einen
schweren Fehler, wenn Sie etwa im Bestreben, die Analyse zu verkürzen, dem
Patienten ihre Deutungen an den Kopf werfen, sobald Sie sie gefunden haben. Sie
erzielen damit bei ihm Äußerungen von Widerstand, Ablehnung, Entrüstung,
erreichen es aber nicht, dass sein Ich sich des Verdrängten bemächtigt." (Freud
1926e, Bd.14, 250)
Wenn Deutungen ungeschickt vorgebracht werden, wenn die
Behandlung langweilig wird und stagniert, wenn der Analytiker in seinem Wesen
karg und unfreundlich ist, dann sind Behandlungswiderstände verständlich, ja
berechtigt. Wenn der Analytiker unkonzentriert ist, während der Analysestunde
raucht, Patienten benutzt, um seine verdrängten Wünsche abzuladen, Regeln und
Vorschriften nicht erklärt, Zweifel an seiner Verschwiegenheit aufkommen lässt,
durchgängig kalt und streng ist, sich hinter dem undurchdringlichen Mantel des
analytischen Schweigens verschanzt, grob, plump, feindselig oder misstrauisch
ist oder andere tadelnswerte Züge an den Tag legt (Heisterkamp in Petzold 1981,
136), dann kann das beim Patienten realistische Enttäuschung, Verwirrung,
Misstrauen oder Ablehnung hervorrufen (Mertens 1991, Bd.2, 221; mit weiteren
Therapeutenfehlern). Interpretationen von Träumen und Symptomen können so
skurril sein, dass sich der gesunde Menschenverstand dagegen sträubt (Lukas in
Petzold 1981, 191).
Ein schwerwiegender Fehler ist eine nicht erkannte
Gegenübertragung, wenn der Analytiker auf seinen Patienten so reagiert, als sei
der Patient eine bedeutsame Person in der frühen Lebensgeschichte des
Analytikers. Vom Therapeuten erwartet man theoretisches Wissen, Lebenserfahrung
und Anleitung, aber er sollte nicht vergessen, dass er selber mit seinen ihm
eigenen lebensstiltypischen Mustern und seinem Unbewussten eingebunden ist in
das Interaktionsgeschehen. Auch der Therapeut hat eine tendenziöse Apperzeption.
Dieses Schema ist wirksam im Therapeuten als Menschen; er behandelt den
Patienten und also auch dessen Erlebnisinhalte gemäss seiner Lebenserfahrung
(Sperber 1970, 217).
Der Therapeut läuft immer Gefahr, Widerstände als
neurotisch zu diagnostizieren, um sich als unfehlbar darzustellen. Wolfgang
Schmidbauer (1977) zeigt an vielen Beispielen, wie Therapeuten ihre eigenen
Neurosen und Einseitigkeiten meist unbeabsichtigt in den Heilungsprozess
einfließen lassen. Die Umgestaltung der Persönlichkeit des Analysanden kann dann
leicht zu einer "Pseudopsychotherapie" ausarten (Heisterkamp in Petzold 1981,
137), zu einem Zermürbungskrieg zwischen zwei starrköpfigen, wütenden Menschen,
die versuchen, einander eine Niederlage zu bereiten (vgl. z.B. Greenson 1981;
232, 282, 355ff). Fritz Riemann hat in seinem Buch "Grundformen helfender
Partnerschaft" (München 1977 [1975]) Störungen der Therapeutenpersönlichkeit
namhaft gemacht. So beschreibt er die typischen Probleme, die aus hysterischen,
zwanghaften, depressiven oder schizoiden Strukturanteilen im
Therapeutencharakter erwachsen. Nach Rattner sollte diese Typologie erweitert
werden um den ängstlichen, den sexualgehemmten und den ungebildeten Therapeuten
(Rattner 1988, 78f). Vielen Analytikern scheint es zu widerstreben, den Umstand
zu akzeptieren, sie könnten nicht fähig seien, jeden beliebigen Patienten
erfolgreich zu therapieren.
Ein weiterer Fehler ist es, den Widerstand des
Analysanden nicht ernst zu nehmen. Es gehört zum Wesen der Übertragungsanalysen
innerhalb der Psychoanalyse und der Individualpsychologie, das Verhalten des
Patienten als Abwehr, als Liebeswerben oder als Machtmanipulation zu
interpretieren, mit dem er frühkindliche Reaktionsformen wiederholt und auf den
Analytiker anwendet. "In dieser Auffassung wird das Verhalten des Patienten im
Sinne der Begegnung nicht ernst genommen, sondern als neurotisch oder infantil
abgewertet." (Wyss 1977, 406f).
Roy Schafer (1982) kritisiert die "kämpferische
Haltung" der Analytiker, die - angefangen bei Freud - den Widerstand als "Feind"
betrachten und widerstehendes Verhalten mit "Davonlaufen", "Vermeiden" oder
"Verstecken" (Adler, Greenson) umschreiben. Das Widerstandskonzept der
Psychoanalyse und der Individualpsychologie verschaffe nur zu leicht eine
bequeme Ausrede, wonach jedes Stocken oder Stillstehen dem Analysanden zur Last
gelegt werden kann (Petzold 1981, 28f). Die Haltung von Individualpsychologie
und Psychoanalyse, die dem Patienten die "Schuld" am Widerstand geben, reicht
heute nicht mehr aus, sie muss vielmehr erweitert werden um die immer im Auge zu
behaltende Möglichkeit, dass der Analytiker Fehler machen und berechtigten
Widerstand hervorrufen kann.
Aber dieser moderne, skeptische Standpunkt wird sicher
nicht das letzte Wort dazu sein. Widerstand richtet sich nicht nur gegen
Zumutungen der Therapie und des Therapeuten, sondern gegen Veränderung und
Heilung allgemein (vgl. z.B. Petzold 1981, 35), gegen Einsicht, Vernunft,
Wahrhaftigkeit und Offenheit. Man hält dafür, dass Widerstände aufkommen, wenn
der Analysand eine "Bewusstseinserweiterung" zulassen soll und dabei auf die
Alarmsignale seiner Lebensangst und Charakterrigidität stößt. Die Therapie kann
in Zonen der Patientenpersönlichkeit vorstoßen, wo schmerzliche Selbsterkenntnis
und innere Wandlung unumgänglich werden. Die Kritik des Analysanden am
Therapeuten oder der Therapie ist für sich genommen noch nicht die Wahrheit über
einen therapeutischen Prozess. Insbesondere narzisstische Patienten suchen nach
Möglichkeiten, den Therapeuten in die Rolle des Behandelten zu drängen und, wenn
das nicht gelingt, nach irgendwelchen Gründen zu suchen, um die Therapie zu
beenden - sei es, dass der Analytiker zu große Ohren hat oder die Möbel im
Therapiezimmer nicht zusagen (Beispiele bei Ammon in Petzold 1981, 62f).
7. Außerpsychische Quellen des Widerstands. -
Die Widerstandsthematik wäre unzureichend dargestellt, würden nicht auch die
außerhalb der Therapie liegenden Momente berücksichtigt, die seit Freud zu den
Erschwernissen der therapeutischen Arbeit zählen. Oft wird eine Ehe dadurch
stark belastet: Wenn ein Patient sich verändert und der Partner starr an seinen
Positionen festhält, zerbricht häufig das dynamische Gleichgewicht einer Ehe.
Dann muss der Patient entweder auf persönliches Wachstum verzichten, oder er
verzichtet nicht darauf und bringt seine Ehe in Gefahr. Von den Angehörigen des
Patienten, die keine Änderung wünschten oder unliebsame Wahrheiten fürchten,
können ebenfalls Widerstand gegen die Behandlung ausgehen.
Überhaupt ist die Psychoanalyse nach Freud eigener
Meinung etwas so Seltsames und Ungewohntes, dass mit dem Widerstand einer
spießbürgerlichen Gesellschaft zu rechnen ist. "Wie wir den einzelnen durch die
Aufdeckung des in ihm Verdrängten zu unserem Feinde machen, so kann auch die
Gesellschaft die rücksichtslose Bloßlegung ihrer Schäden und Unzulänglichkeiten
nicht mit sympathischem Entgegenkommen beantworten; weil wir Illusionen
zerstören, wirft man uns vor, dass wir die Ideale in Gefahr bringen." (1910d,
111) Mal abgesehen von der fragwürdigen Haltung, Analysanden als Gegner zu
behandeln, was nicht gerade zum Abbau von Widerstand beiträgt, so hat bis heute
allenfalls nur eine gebildete Mittelschicht ihre Bedenken gegen Psychotherapie
aufgegeben.
Freud zählte in einer kurzen Arbeit aus dem Jahre 1925
noch weitere Gründe auf, warum die Gesellschaft im allgemeinen und Mediziner im
Besonderen Vorbehalte gegen die Psychoanalyse haben: Die Fremdheit des
Psychischen für den somatisch geschulten Arzt, der schwierige Begriff des
"Unbewussten", die Betonung des Sexualtriebes, der in der abendländischen Kultur
aus religiösen Gründen unterdrückt wurde, die Theorie der infantilen Sexualität
und überhaupt die Kränkung durch eine Psychoanalyse, dei postuliert, dass der
Mensch wegen seiner unbewussten Triebe "nicht Herr im eigenen Haus" ist. Einige
Widerstände wirken noch heute, andere wurden aufgelöst, unter anderem, weil sich
auch die Psychoanalyse wandelte und nicht mehr auf einigen ihrer abstrusen
Theoreme beharrt.
8. Phänomenologie des Widerstands. - Schon mit
Adler und erst recht in der neueren Literatur bahnt sich ein immer umfassenderes
Verständnis von Widerstand an, der sich nun gegen alles in und um die Therapie
richten kann: gegen Veränderung, gegen die Mittel und Ziele der Therapie, gegen
Beeinflussung durch den Therapeuten, gegen den Therapeuten selbst, gegen Heilung
und gegen Therapie schlechthin. Er kann bewusst, vorbewusst oder unbewusst sein
(Mertens 1991, Bd.3, 75; ebenso Schafer 1982, 192). Er kann unbedeutend,
marginal oder riesig sei (Greenson 1981; 49, 88, 90). Widerstand kann aktiv und
passiv sein; besonders die aktiven Formen mit ihren Dramen, Leiden und Affekten
können ein Leben ausfüllen. Die Scheinlebendigkeit stellt weiteren
Krankheitsgewinn dar. Ohne dies wirkt ein Leben plötzlich leer und langweilig.
Das "gleitende Spektrum" des Widerstandes (Ammon in Petzold 1981, 71) reicht vom
konstruktiven Widerstand im oben beschriebenen Sinne bis hin zu Selbstmord. Der
Mensch kann primitiv projizieren und kompliziert rationalisieren, er kann
agieren und intellektualisieren, er kann schmerzhaft und lustvoll reagieren, er
kann sich scheinbar ganz normal ebenso wie deutlich pathologisch gerieren, um
eine Angst oder einen Schmerz abzuwehren.
Widerstand ist manchmal leicht, manchmal schwer zu
erkennen. Es lassen sich gleichwohl einige auffällige Manifestationen benennen,
die auf Widerstand hindeuten. Greenson schrieb vom Schweigen des Patienten, von
der Unangemessenheit bestimmter Affekte in der jeweiligen Situation, dem Kleben
an bestimmten Zeiträumen (beispielsweise der Kindheit), das Plaudern über
triviale Erlebnisse, das Vermeiden bestimmter Themen, das Zuspätkommen, das
Ausbleiben von Träumen, die Körperhaltung usw. (Greenson 1981, 72 ff) Form und
Typus des Widerstandes können sich bei ein und demselben Patienten im Lauf der
Analyse verändern. Die Vielheit der Möglichkeiten beinhaltet, dass jener, der
Widerstand an anderen diagnostiziert, selbst im Widerstand befangen ist.
Mehrfach wurde versucht, Widerstände zu kategorisieren,
mit mäßigem Erfolg. Wollte man alle Formen des Widerstandes in der Therapie
aufzählen, entstünde eine Reihe ohne Ende. Das Fazit aller Schulen lautet heute:
Jegliches Verhalten, Fühlen oder Denken kann im Laufe der Therapie
Widerstandscharakter haben (Mertens 1991, Bd.3, 73f; Greenson 1981, 72). Es gibt
"keine Aktivität, die sich nicht zum Zwecke des Widerstands missbrauchen ließe".
Er ist allgegenwärtig. Es sollte keine vorschnelle Entscheidung darüber gefällt
werden, was ein Widerstand, ein analytischer Fortschritt oder ein
therapeutisches Bündnis ist.
9. Das Wesen des Widerstands. - Welches
übergreifende Konzept von Widerstand ließe sich benennen? Eines der
allgemeinsten Charakteristiken von Kranksein ist der Verlust von
Weltbeziehungen. Was für somatische Erkrankungen gilt, findet sich analog in den
seelischen Krankheiten: Der Mensch wird auf sich selbst zurückgeworfen,
beschäftigt sich viel mit sich selbst, sein Aktionsradius ist ängstlich
eingeengt und er sucht verstärkt Ruhe und Abgeschiedenheit. Bei allen
Erkrankungen stellt der Rückzug ein notwendiges Durchgangsstadium zur Genesung
dar; in der Psychosomatik und Neurose mit ihren langdauernden
Erscheinungsbildern aber kann das Symptom zum Weltersatz werden; man gibt ihm
jene Aufmerksamkeit und Zuwendung, die eigentlich der charakterlichen
Erweiterung und den mitmenschlichen Beziehungen gelten sollten.
Ist dies richtig gesehen, handelt es sich beim
Widerstand offenbar um einen "Mangel an Mut" (Adler), anders gesagt: um ein
Resignationsphänomen. Der Patient hat sich mit seiner Neurose abgefunden und
sich mit ihr leidlich im Leben eingerichtet (pathogene Homöostase). Soll er nun
eine breitere Lebensperspektive zulassen, dann muss er sich mit vielen Aufgaben
und Schwierigkeiten auseinandersetzen, vor denen er sich instinktiv und intensiv
ängstigt. Er glaubt nicht recht daran, dass er ein rundes und volles Leben
ertragen könnte. Hat er doch genug Versuche gemacht, Lebensschwierigkeiten zu
lösen und verdrängte Lebensbereiche zu assimilieren; meistens mit mehr
Misserfolg als Erfolg. Nur wenn ihm sein Therapeut Mut und Zuversicht einflössen
kann, ist die Verdrängungsangst behebbar. Man muss hierbei gleichsam einem
Angsthasen Tapferkeit beibringen; ein Nichtschwimmer soll ins tiefe Wasser
gehen, ein Flüchtling zur Umkehr bewogen werden. Jeder Schritt der
Widerstandsanalyse bekämpft zur Routine gewordene Resignation.
In allen drei Schulen schwingt das Thema der
Erweiterung, der Totalisation mit. Es geht darum, im Annehmen der dunklen Seiten
seiner Person, im Anpacken der konkreten Lebensaufgaben, in der Erweiterung
seines Gefühls- und Handlungsrepertoires und dem gelassenen Umgang mit der
Unendlichkeit der Welt eine Vollumfänglichkeit und Vervollkommnung anzustreben.
Der Widerstand dagegen ist gewissermaßen Werdensangst und Werdensblockade. Der
Widerstand des Patienten richtet sich selten gegen verdrängte sexuelle Triebe,
sondern beruht auf allgemeiner Angst vor der Erweiterung des Weltentwurfs, vor
prinzipiell möglicher Weltoffenheit und Wahrhaftigkeit. Sexualität kann ein
solch ausgespartes Lebensfeld sein. Indem der Therapeut mit seinen Aufklärungen
den neurotischen Lebensstil aufzudecken versucht, stellt er sich den
Sicherungstendenzen und dem Überlegenheitsstreben entgegen und ruft damit
Widerstand hervor.
Widerstand ist ein Sichwehren gegen jede Änderung in
der Erscheinungswelt, die man sich konstruiert hat, insbesondere gegen jede
Änderung, die den Umfang und der Vielseitigkeit dieser Welt und der eigenen
Handlungen in ihr erweitert (Schafer 1982, 211). Widerstand ist Widerstand
gegenüber neuen Reifungsschritten; schon bei Kindern zeigen sie sich, zuerst im
"Fremdeln" (Réné Spitz). Diese Angst entsteht immer wieder im Laufe von
Lernprozessen, wenn wir vor entscheidenden Schritten stehen: Berufswahl,
Eheschließung, Kinderwunsch, Alternsprozess, Teamarbeit.
10. Auflösung des Widerstands. - Die Art der
Therapie ergibt sich aus den theoretischen Vorannahmen und unterscheidet sich
zwischen Psychoanalyse und Daseinsanalyse einerseits und Individualpsychologie
andererseits. Die erstgenannten sind stärker zuhörende Therapierichtungen,
während die Individualpsychologie eingreifender und dialogischer ist. Die
Variationsbreite reicht vom streng passiven und schweigenden Zuhören des
Analytikers (Greenson 1981; 112ff, 117) über aktive Interventionen und die an
Verhaltenstherapie erinnernde Lebensbewältigung (Schmidt 1989, z.B. 227) bis hin
zur ethischen Schulung des neurotisch Erkrankten durch den Therapeuten (Rattner
1988, 48ff). Auch innerhalb der Schulen sind die Differenzen beträchtlich (Wyss
1977, 170ff).
Aber alle Psychologieschulen gehen davon aus, dass die
Behandlung nur auf der Basis einer guten Beziehung Therapeut-Analysand gelingt.
Vertrauen ist die wichtigste Ingredienz. Dieses Verhältnis ist vielfältig
gefährdet, zum Beispiel durch das Phänomen, dass Veränderung als Bedrohung
erlebt wird. Die analytische Situation ruft Widerstand hervor, aber sie weckt im
Patienten auch Neugier und den Wunsch zu lernen und den relativ wissenden und
ungestörten Analytiker nachzuahmen. Der Patient solle lernen, seine neurotischen
Operationen selbst zu erkennen und zu demaskieren. Die Wesensänderung kann immer
nur Werk des Betroffenen selbst sein (Adler 1973a, 174). Die Hintergründe, die
Richtung und das Ziel des Widerstandes sollen erforscht werden. Über die
Verhaltensweisen und Gedanken des Patienten darf nicht gerichtet werden (Antoch
1981, 134f), was eine starke Selbstbeherrschung des Therapeuten voraussetzt.
Adler betonte, sich als Therapeut nicht auf einen Kampf über die "richtigen"
Wahrnehmungen, Gefühle und Handlungen einzulassen (Adler 1972a, 196). Doch soll
der Therapeut durchaus auf die Irrtümer und die sich aus seinem Handeln und
Denken ergebenden Folgen und Wirkungen aufmerksam machen.
Das Analysieren hat nach Greenson vier Schritte:
erstens das Konfrontieren. Der Therapeut veranlasst den Patienten, sich der
Tatsache zu stellen, dass er ein Thema vermeidet, dass er widerständig ist. Erst
an der Reaktion - der fehlenden Expansion - des Patienten zeigt sich, ob
Widerstand vorliegt oder nicht. Ist er interessiert? Kann er den Kopf wenden hin
zu den Themen, die ihm der Therapeut zeigt? Oder hat er eine "Halsstarre" (wie
Medard Boss es nennt)? Der zweite Schritt ist die Klärung, das scharfe
Herausstellen des zu analysierenden psychischen Problems: Was genau wird
vermieden? Der dritte Schritt ist die Deutung, die Verbalisierung eines
unbewussten Phänomens. Wenn Einsicht wächst, folgt das Durcharbeiten, das ist
die ausführliche Beschäftigung mit den Widerständen, aber jetzt in
Zusammenarbeit mit einem nicht mehr ganz so widerständigen Patienten (Greenson
1981, 50-58). Treten bisher gemiedene Lebenssphären in den Blick, sollte das
zurückblickende "Warum?" durch ein entwicklungsfreundliches "Warum nicht?"
(Daseinsanalyse) und durch die Ermutigung zur Selbstentfaltung
(Individualpsychologie) ergänzt werden.
Die Widerstandsanalyse ist, obwohl sie seit nunmehr 100
Jahren in unterschiedlicher Form praktiziert wird, mit großen Unsicherheiten
behaftet, wie überhaupt kaum ein Punkt der Therapie heute unumstritten ist. Um
den richtigen Weg in der Therapie und um ein adäquates Verstehen des Menschen
muss weiter gerungen werden.
4.
Stimmungen und Emotionen
1. Als eine der wichtigsten und weitreichendsten
Funktionen des menschlichen Lebens gelten seit jeher die Stimmungen
respektive die Verstimmungen. So hat beispielsweise schon Francois La
Rochefoucauld (1613-1680) in seinen Maximen (1665) mehrmals betont, wie
sehr all unsere täglichen Meinungen, Urteile und Handlungen von unseren
Stimmungen und gleichzeitig unsere Stimmungen von den "kleinen Dingen des
Alltags" abhängen und dominiert werden. Ähnlich nahm auch ein weiterer
französischer Moralist, nämlich Vauvenargues (1715-1747) Stellung, der darauf
hinwies, wie unsere Stimmungen unsere Wahrnehmungen (und damit unser gesamtes
übriges Leben) tönen und auch verzerren können.
Doch was verstehen wir genau unter einer Stimmung oder
einer Verstimmung? In den Wörterbüchern der Psychologie (sofern dort überhaupt
darauf eingegangen wird) wird eine Stimmung als Gefühlslage und
Gemütszustand eines Menschen beschrieben, die sein Erleben und Streben färbt
und die je nach körperlicher und seelischer Verfassung wechseln kann. Eine
disharmonische Stimmung wird als "Verstimmung" empfunden. Otto-Friedrich Bollnow
(*1903) unterschied zwischen gehobenen und gedrückten beziehungsweise fröhlichen
und traurigen Stimmungen. Das "Gestimmtsein" ist von größtem Einfluss auf das
Verhalten, die Tätigkeit und den Gesamtausdruck des Menschen (Schischkoff 1991,
698).
2. Ein Begriff, der in die Nähe der Stimmungen zu
passen scheint, ist der der Emotion. In Meyers Kleinem Lexikon
Psychologie von 1986 wird Emotion definiert als subjektives Erleben von inneren
wie äußeren Reizen zwischen den Polen angenehm und unangenehm sowie erregend und
entspannend. Emotionen beeinflussen über das vegetative Nervensystem und die
Hormondrüsen bestimmte Organfunktionen wie Herzschlag, Atmung und Durchblutung.
Dieses äußerst knappen Hinweise treffen aber bei genauerer Überlegung genauso
gut auf Gefühle und Affekte zu, so dass die psychologischen Wörterbücher unter
dem Stichwort "Emotion" sehr rasch auf das Stichwort "Gefühl" verweisen, wo
jedoch kaum etwas anderes steht, als was schon unter dem Stichwort Emotion
abgehandelt wurde.
Im Alltagsverständnis ist Emotion nur ein Synonym für
Gefühl. Das Sachbuch "Emotionale Intelligenz" des Amerikaners Daniel Goleman
(München 1995) wirbt mit dem Slogan "Wer klug mit seinen Gefühlen umgeht, bringt
es im Leben weiter." Der Begriff "Emotionale Intelligenz", den Goleman bei dem
Psychologen Peter Salowey von der Yale-Universität entlehnt hat, steht für das,
was man auch "Charakter" nennen könnte. Nur wer lerne, seine Gefühle wie Zorn,
Trauer, Furcht oder Freude wahrzunehmen, sie als solche zu identifizieren und
sie mit dem Verstand zu kontrollieren, ist ein emotional intelligenter Mensch -
selbstbewusst, selbstbeherrscht, kompromissfähig und in der Lage, seine
intellektuellen Fähigkeiten optimal zu nutzen. Die Beherrschung der Gefühle, die
hier mit den Affekten gleichgesetzt werden, soll dem "emotional Intelligenten"
einen Vorteil im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben sichern. Golemans
Erkenntnis: "Etwas traditionell für irrational Gehaltenes wie Emotion hat einen
elementaren Einfluss auf etwas so Pragmatisches wie Erfolg." Immerhin: Hätte die
"Intelligenz der Gefühle" einen höheren Stellenwert, würden westliche
Gesellschaften anders funktionieren: weniger borniert, weniger aggressiv, dafür
toleranter und gesünder für die Menschen, die in ihnen leben.
Eric Hahn (Berlin) schlug vor, Emotionen als sichtbare
Gefühlsbewegung am Menschen aufzufassen, im Gegensatz zu den innerpsychischen
Gefühlen. Er ordnet die hier zur Debatte stehenden Begriffe folgendermaßen: Von
außen kommen Reize und Einwirkungen aller Art, die durch die langwelligen
Stimmungen gefiltert werden (Stimmungen und Verstimmungen als perzeptiver
Filter), ehe sie innerpsychisch gewertet und "gefühlt" werden. Dringt das
Ergebnis dieses Prozesses für andere sichtbar nach außen, handelt es sich um
eine Emotion. Ist diese Emotion stark und zeitweilig dominierend, wird von
Affekt gesprochen. Emotion tritt auf, wenn das Gefühl eine Disharmonie spürt
oder sich in einem gestörten Gleichgewicht befindet; es drängt dann danach,
handelnd die Homöostase wieder herzustellen. (Das kann aber auch rein durch
Gedankenleistung erfolgen). Dieses Modell ist ein horizontales Flussdiagramm, im
Gegensatz zu vertikalen Schichtenmodellen, das von anderen Autoren wie
beispielsweise Bollnow bevorzugt wird, wo kurzfristige Gefühle auf einer Schicht
der langanhaltenden Stimmungen aufliegen und Affekte die Spitze der Pyramide
bilden.
Emotion und Stimmung, Gefühl und Affekt werden also oft
gleichsinnig benutzt und eine Unterscheidung ist nicht leicht zu machen. Am
wenigsten Fürsprecher zumindest im deutschen Sprachraum hat die "Emotion", auf
die ich deshalb im Folgenden nicht mehr zurückkommen werde. Vielmehr gehe ich
zunächst auf die Stimmungen ein, vor allem, weil sie das breitere und
grundlegendere Phänomen zu sein scheint. In einer weiteren Vorlesung kommen die
Gefühle und Affekte an die Reihe. Doch zunächst zu den Stimmungen.
3. Ein Philosoph, der sich umfassend und tiefschürfend
mit dem Thema der Stimmungen aus der Sicht der phänomenologischen Anthropologie
auseinandergesetzt hat, war der schon erwähnte Otto Friedrich Bollnow. In seinem
Buch "Das Wesen der Stimmungen" (1956) bezeichnete er die Stimmung als "die
unterste Schicht des seelischen Lebens", als "tragenden Grund der Seele". Die
Welt, die uns begegnet, wird in der jeweiligen Stimmung "ausgelegt". Die
Stimmungen grenzt er gegen die Gefühle ab, indem er sagt, dass Gefühle immer auf
einen bestimmten Gegenstand intentional bezogen sind. Gefühle sind sozusagen
gegenständlich: Jede Freude ist Freude über etwas, jede Hoffnung ist Hoffnung
auf etwas und jede Liebe ist Liebe zu etwas. Die Stimmungen hingegen haben im
System von Bollnow keinen bestimmten Gegenstand. Sie sind ein Zustand und
bewirken eine Färbung des gesamten Daseins eines Individuums.
Furcht wäre demnach ein Gefühl, da man sich vor etwas
fürchtet, während Bollnow die Angst zu den Stimmungen zählt, weil Ängstliche
keinen bestimmten Gegenstand angeben können, der sie ängstigt. Es ist (wie bei
Kierkegaard, Jaspers, Heidegger) die Unheimlichkeit des Daseins schlechthin, die
in der Angst aufbricht. Oder ein anderes Beispiel: Freude über etwas
unterscheidet sich von der Stimmung der Fröhlichkeit als einheitlicher
Gesamtzustand, der "über den Menschen kommt". Gefühle sind also gerichtet,
während Stimmungen ungerichtet sind. (Bollnow unterscheidet nicht Gefühl und
Affekt.) Gefühle sind höhere Leistungen, die auf dem Lebensuntergrund der
Stimmungen aufbauen. Die Stimmung ist sozusagen die Bass-Gruppe in einem
Orchester, die Tempo und Rhythmus vorgeben, während die Gefühle die wechselnde
Melodie machen. Aber Bollnow betont auch, dass trotz dieser grundsätzlichen
Unterscheidung die Übergänge fließend sind und nicht immer angegeben werden
kann, auf welcher Seite man sich gerade befindet. Dieser Einsicht werden wir
wiederbegegnen, wenn festgestellt wird, dass auch Stimmungen intentional sein
können.
Bollnow verwendet als Beispiele für Stimmungen und
Verstimmungen Wörter, die wir heute nur noch selten heranziehen, was schade ist,
da sie unser Gestimmtsein in vielen Nuancen wiedergeben können: Gram und Kummer,
Glück und Zufriedenheit, Wehmut und Übermut, Schwermut, Gleichmut und Missmut
sowie Trübsinn, Frohsinn oder Leichtsinn. Andere Stimmungen sind
Unzufriedenheit, Ungeduld, Aufgeregtheit oder Freundlichkeit, sofern sie über
lange Zeit das Lebensgefühl und das Erleben eines Menschen ausmachen. Viele
dieser emotionalen Qualitäten wurden früher wie teilweise auch heute noch in
ihrem Ursprung ins "Gemüt" eines Menschen verlegt, das für das "Gestimmtsein"
oder die "Gestimmtheit" zuständig ist.
Bollnow ist im Besitz einer ganzen Reihe weiterer
Begriffe, die auch mit unserem Stimmungs- und Gefühlsthema zu tun haben. Da gibt
es die Laune, die einerseits die gute Laune bezeichnet, aber auch das
wetterwendische Launische einer unbegründeten schlechten Laune. Die gehobene
Stimmung kann sich steigern zu Seligkeit, Rausch und Ekstase, die gedrückte
Stimmung in Verbitterung umschlagen. Die glücklichen Stimmungen schließen uns
die Realität auf und sind eine Bedingung für das Schöpfertum, sagt Bollnow,
während die Verstimmungen ein Zeichen dafür sind, dass der Zugang zu Glück,
Liebe und Gemeinschaft verrammelt ist. Man sieht, wie haben es mit einem
schillernden Gegenstand zu tun, dem die Vielfältigkeit des sprachlichen
Ausdrucks durchaus entspricht.
4. In der Daseinsanalyse (M.Boss) und der
Existenzphilosophie (M.Heidegger) wird die Stimmung Befindlichkeit
genannt; als die bedeutendste und tiefste Grundgestimmtheit wird die Angst
erkannt. Angst stellt sich ein, wenn die ungeheure Weite des Daseins, gegen das
der einzelne Mensch ein Nichts ist, gespürt wird. Die Stimmungen repektive
Befindlichkeiten gehören nach Ansicht der Daseinsanalyse zu den "tragenden
Wesenszügen des Menschseins", das heißt, der Mensch trägt immer schon alle nur
denkbaren Stimmungen in sich, aber ihre Ausprägung erhalten sie durch das
aktuelle Weltverhältnis (Boss 1975, 237 ff). Unterschieden werden verschlossene
Gestimmtheiten wie Angst, Langeweile oder Gleichgültigkeit, die abgegrenzt
werden von der offenen, freien, hellen, "gelichteten" Stimmung (Boss 1975, 291).
Affekte verschließen den Betroffenen von der Möglichkeit, Mitwelt zu vernehmen.
In Begriffen wie "blinder Hass" oder "blinde Liebe" wird ausgedrückt, dass die
Möglichkeiten des In-der-Welt-seins teilweise oder ganz verschlossen und
"dunkel" sind. Eine wünschenswerte Gestimmtheit wäre "gelassene Heiterkeit",
wobei heiter schon auf "hell" und damit auf "Gelichtetheit" und "Offenheit"
hinweist. "Gelassen" wiederum heißt so viel wie, die Welt so zu erkennen, so zu
"lassen", wie sie wirklich ist. Das gelte insbesondere für die Gewissheit des
Todes (ebd., 295). In Heideggers Theorie ist die These enthalten, "dass alles
Verstehen so oder anders gestimmt ist und dass wir stimmungsfrei gar nicht offen
wären, überhaupt etwas zu vernehmen." (Boss 1982, 117) Die Stimmung trübt die
Wahrnehmung und bestimmt Art und Grad der Offenheit gegenüber dem, was uns
begegnet. Stimmungen sind quasi die Zensoren, die einen mehr oder weniger großen
Teil der Weltmöglichkeiten Einlass in das Individuum gewährt.
Die meisten Affekte wurzeln in aktuellen oder
permanenten Verstimmungen, die bis zur Zerrissenheit gehen können. Man versteht,
dass eine Grundhaltung der heiteren Gelassenheit (Heidegger) angestrebt
wird. Heiterkeit und Gelassenheit sind jedoch nur zwei aus einer größeren Anzahl
von Stimmungen beziehungsweise Gefühlen. Wir nennen Fröhlichkeit, Wehmut,
Niedergeschlagenheit, Zuversicht, Behagen oder Hoffnung. Mit einigen Ausnahmen
(Sorge, Angst, Langeweile) werden sie in der Daseinsanalyse nicht systematisch
auf ihre Bedeutung für Weltoffenheit und Wahrhaftigkeit hin untersucht, wie es
überhaupt eine Gefühlstheorie in der Daseinsanalyse nicht zu geben scheint.
Es heißt in der Daseinsanalyse, dass wir ohne Stimmung
gar nicht offen wären, überhaupt etwas zu vernehmen und zu bewerten. Es gibt
aber die Stimmung der Ungestimmtheit beziehungsweise der Neutralität, auf die
Heidegger und Bollnow hinweisen. In der Ungestimmtheit hat das Leben für uns
Reiz und Interesse verloren, in der Neutralität verzichten wir darauf, eine
Stellungnahme abzugeben. Ungestimmtheit kommt vielleicht besonders in der
Depression vor, wenn die Welt von uns wie durch einen fahlen Nebel getrennt ist
(die bedauernswerten Opfer der Depression sprechen vom "Gefühl der
Gefühllosigkeit"), während Neutralität noch auf dem Boden einer grundsätzlichen
Bereitschaft zum Sichwiedereinlassen steht. Auch die Langeweile drängt danach,
das Interesse wieder an einen Gegenstand zu heften. Auch Ambivalenz könnte zu
den Stimmungen gezählt werden; einige Autoren meinen, dass Ambivalenz die
verbreitetste Haltung den Weltsachen gegenüber ist, weil alle Handlungen und
Gedanken "multimotivational" und überdeterminiert sind - sie haben immer mehrere
Ursprünge und Anlässe, die sich oft widersprechen.
Stimmungen (wie auch Verstimmungen), so können wir
vorerst zusammenfassen, werden von vielen Psychologen und Philosophen als
langfristige emotionale Tönungen aufgefasst, die entweder in uns oder zwischen
uns und unserer Umwelt entstehen, von vielerlei (auch somatischen) Faktoren in
ihrer Qualität beeinflusst werden, selbst relativ diffus sein, aber unser
differenziertes Gefühlsleben bestimmen können und keine Intentionalität
aufweisen.
5. Zu jenen seelischen Spezifitäten, die durch alle
Lebensäußerungen hindurchgehen, können wir auch den bereits erwähnten
Charakter zählen. Charakter - das Wort ist vom griechischen "das Geprägte"
abgeleitet - ist auch gegen äußere Einflüsse relativ beharrlich und stetig.
Charakter prägt Haltungen, Gesinnungen, Handlungen und macht den Kern der
Persönlichkeit und ihrer Sittlichkeit aus. Philosophen wie Kant sehen in der
"Einheit des Charakters" eine sittlich wünschenswerte Vollkommenheit. Es wird
von einem Charakter auch dann gesprochen, wenn die in einem Individuum
verwirklichten Werte gemeint sind. Wie die Stimmungen (und Verstimmungen) hat
auch der Charakter etwas eigenes, doch während Stimmungen schon in frühen Jahren
zu finden sind, wird Charakter erst im Ablauf des Lebens herausgebildet; je
weiter das individuelle Leben voranschreitet, desto stärker. Charakter prägt
Denken und Handeln, sind diese aber nicht selbst, weshalb Charakter nur ein Teil
der Gesamtpersönlichkeit ist. Oder andersherum: Persönlichkeit ist mehr als der
Charakter. Das Werden des Charakters wird von einigen Autoren eine mehr oder
weniger bewusste Selbstformung zugeschrieben, während andere wie Sigmund Freud
die Charakterentwicklung auf den Ablauf hereditärer Sexualtriebe und ihrer
"Schicksale" zurückführen. Alfred Adler erkennt den Charakter als das Ergebnis
des Ringens von (legitimem) Geltungs- und (verwerflichem) Machtstreben.
Charakter ist in der Individualpsychologie ein sozialer Begriff; er ist die
Summe der selbstgegebenen Antworten auf das Vorfindliche.
Die erste wissenschaftliche Systematik der
Charakterkunde stammt von Ludwig Klages (1872-1956; "Die Grundlagen der
Charakterkunde", 1926), wesentlich erweitert wurde sie von Philipp Lersch
(1898-1972; "Der Aufbau des Charakters", 1938, veröffentlicht 1970 unter dem
Titel "Der Aufbau der Person"). Lersch definiert - ganz analog der
Daseinsanalyse - die Stimmungen als "Klangfarben speziell des Lebensgefühls",
die dazu beitragen, dass wir Menschen unser Dasein überhaupt als solches erleben
können, und die damit permanent - wenn auch in unterschiedlicher Tönung -
vorhanden sein müssen, um unsere Wahrnehmung, unser Erleben, unser Denken und
Fühlen möglich werden zu lassen. Anders aber als Heidegger, der das
Gestimmt-Sein als einen Modus des In-der-Welt-Seins versteht, lässt Lersch die
Stimmungen aus einem "endothymen Grund" und damit aus dem "Inneren" von uns
Menschen entspringen. Mit dem endothymen Grund meint Lersch einen "Kern des
Antriebs", der als Quelle von Trieben und Strebungen, von Drang oder Wille,
Gestimmtheiten und Stimmungen, Gefühlen und Affekten gelten kann. Je mehr sich
die "ausdehnungslose und ungegenständliche Mitte und Tiefe des endothymen
Grundes" bemerkbar mache, desto weniger sei von einer Ausdifferenziertheit als
Resultat des Weltkontakts eines Menschen auszugehen. Der endothyme Grund sei
zwar nicht völlig unabhängig von den Ereignissen und Erlebnissen eines Menschen,
befinde sich aber doch "innen" und generiere damit quasi ohne direkte
Intentionalität die Farben und Töne, mit denen wir dann unsere Beziehungen zu
den Mitmenschen und zur Welt modulieren.
Im Gegensatz zu den "psychosomatischen Gestimmtheiten"
(wie Hunger, Durst, Sättigung, Müdigkeit, Behagen oder Unbehagen) schreibt
Lersch den Stimmungen dabei ein Plus an "atmosphärischem Charakter" zu. Zwar
schwingen etwa körperliche Frische in der Stimmung der Heiterkeit oder
Mattigkeit in der Stimmung der Resignation mit und beeinflussen sie. Allein, die
Stimmungen sind ihrem Wesen nach mehr einer seelischen denn einer leiblichen
Schicht zugehörig.
6. Indem mittels des Charakters die "Welt der Werte"
eingeführt wurde, bewegen wir uns auf die These zu, dass Stimmungen doch nicht
ganz intentionslos sein können. Es ist Alfred Adler, der mit seiner
Individualpsychologie diesen Gedanken nahe legt. Für Adler werden alle
seelischen Äußerungen und Handlungen vom Band des sogenannten Lebensstils
zusammengehalten; Lebensstil ist das Ganze, das die Teile bestimmt. Einzelne
Handlungen mögen unvernünftig oder irrational erscheinen, über größere
Lebenszeiträume oder in der jeweiligen Situation betrachtet ordnen sie sich in
den geheimen Lebensplan des oder der Betreffenden ein. Adler definierte
Lebensstil in der Regel negativ als ein eigensinnig und starr organisiertes
Bezugssystem, das sich realitätsgemäßen Umbildungen widersetzt. Der Lebensstil
ist nach seiner Erfahrung neurotisch und ein "kunstvoll arrangiertes
Vermeidungssystem" (Heisterkamp in Petzold 1981, 123), das dem Patienten
ermöglicht, den sozialen Forderungen an seine Kooperationsfähigkeit und sein
Gemeinschaftsgefühl auszuweichen. In der "Wahl" eines Lebensstils fixieren wir
uns. Der Mensch ist Gefangener seiner Vor- und Auswahl. Das ist ein wenig
negativ gesehen und man fragt sich, ob es bei derart verbreitetem Neurotizismus
überhaupt noch irgendwo Gemeinschaftsgefühl gibt. Adler übersah vielleicht, dass
man auch mit Freundlichkeit und Zuwendung seinen "Lebensstil durchsetzen" kann.
Man fragt sich jedenfalls, ob "Lebensstil" immer neurotisch sein muss.
Alfred Adler hatte mit Verve den Standpunkt vertreten,
dass alles am menschlichen Seelenleben final und teleologisch, d.h.
zielgerichtet sei, auch wenn diese Zielgerichtetheit häufig "unbewusst" und
nicht so ohne weiteres in klare Gedanken zu fassen sei. Alles menschliche
Streben und Trachten ist auf Ziele beispielsweise der Überlegenheit, des
Machtzuwachses, der Sicherheit oder auch der Überwindung aller nur erdenklichen
Minderwertigkeitsempfindungen hin angelegt. Egal, ob es sich um Denken, Fühlen,
Urteilen, Wahrnehmen oder Handeln, um soziale oder kulturelle Leistungen, um
Träume, Kindheitserinnerungen, Gestaltung der Sexualität, Affekte, Gefühle oder
auch seelische und körperliche Symptome handelt - immer seien diese Äußerungen
eines Menschen so zu verstehen, dass der einzelne damit die Position seiner
Superiorität (im Vergleich zu anderen) sichern oder erreichen will.
Die Stimmungen nun werden von Adler als eine exquisite
Methode betrachtet, sich selbst in eine emotionale Atmosphäre zu versetzen, die
das Erreichen dieses Ziels auf eine ganz bestimmte Art und Weise (die sich dann
im Lebensstil zeigt) möglich erscheinen lässt. Die Stimmungen versetzen das
Individuum in einen Modus der Wahrnehmung, des Denkens und Fühlens, des
Urteilens und davon ausgehend des Handelns, die allesamt letztlich seinen
Lebensstil legitimieren und bestätigen, und die ihrerseits wieder von diesem
Lebensstil mitunterhalten werden. Träume, Erinnerungen, gedankliche
Assoziationen usw. sind für Adler damit Methoden, beim einzelnen jeweils
unterschiedliche Stimmungsqualitäten entstehen zu lassen, die zusammen mit dem
Lebensstil helfen sollen, die meist geheimen und unverstandenen Ziele und
Horizonte des Individuums zu erreichen.
Dieser Gedanke lässt nun eine einfache Unterscheidung
in Stimmungen und Verstimmungen plausibel erscheinen. Wenn Adlers Theorie
richtig ist, dass alle emotionalen Phänomene der Perpetuierung unseres
Lebensstils und somit auch unserer Pläne und Sehnsüchte nach Überlegenheit,
Macht und Sicherheit dienen, dann können wir ein Individuum immer dann als "gut
gestimmt" und "wohltemperiert" bezeichnen, wenn es mithilfe seiner emotionalen
Tönung einen am Common sense, an Vernunft und Kultur und an der gesamten
Menschheit orientierten Lebensstil bevorzugt und unterhält.
Auf der anderen Seite führen Verstimmungen häufig dazu,
dass der einzelne zu Lebensbewegungen animiert und ermuntert wird, die als
Abwendung von der Gemeinschaft und als Aktivitäten auf der "Unnützlichkeitsseite
des Lebens" bezeichnet werden können. Vor allem der chronisch verstimmte Mensch
verfolgt mit seiner emotionalen Tönung das meist unbewusste Ziel, seinen Rückzug
von der "Front des Lebens" und seine Hinwendung zu privatistischen und
narzisstischen Motiven vor sich und seiner Umwelt verständlich und "logisch"
werden zu lassen.
Wenn wir uns fragen, wie denn ein gelangweilter oder
hoffnungsloser Mensch seine Welt via emotionale "Magie" in seinem Erleben
verändert hat, dann können wir wohl annehmen, dass mit Hilfe der
Gefühlsansteckung die Dimensionen der Welt soweit verkleinert werden sollen, bis
sie zur Verschlossenheit des verstimmten Menschen passend wirken. Je
verschlossener ein Individuum ist, desto mehr wird es über seine Verstimmungen
die Komplexität und den Aufforderungs-Charakter seiner Umwelt zu reduzieren, so
dass der eigene Mangel an Offenheit und Weltzugewandtheit nicht mehr als Mangel,
sondern vielmehr als einzig mögliche und adäquate Einstellung erlebt wird.
Chronische Verstimmungen sind demnach immer Ausdruck einer grundlegenden
Verschlossenheit eines Menschen, und gleichzeitig ermöglichen sie ihm, diese
seine Einstellung zur Welt beizubehalten. Im Gegensatz dazu können lang
anhaltende Stimmungen wie Heiterkeit, Gelassenheit, Zuversicht usw. immer als
Anzeichen für die relative Weltoffenheit des betreffenden Individuums gewertet
werden. Bei Tageslicht betrachtet wäre die Welt doch wertvoller und ein
Engagement lohnender, als der Verstimmte dies in seiner Verschlossenheit
wahrhaben möchte. Deshalb enthalten viele Verstimmungen die Qualitäten der
Verdunkelung und Verdüsterung, der Trübung und der Diffusität, der Verfinsterung
und der Schwarz-Grau-Malerei, der Einengung und der Kleinheit bis zur
Kleinlichkeit. Konträr dazu können wir die Qualitäten von Stimmungen als
Helligkeit und lichte Verhältnisse, Weite und Farbigkeit, relative Klarheit,
Großzügigkeit und Weitläufigkeit beschreiben.
7. Wenn wir nun schon quasi untrennbar mit unseren
Stimmungen verbunden bzw. selbst mehr oder minder unsere Stimmungen "sind", dann
stellt sich die Frage, wie denn möglichst oft und langandauernd eine "gute
Stimmung" erzeugt und erhalten werden kann. Bedenkt man nämlich alle die eben
dargelegten möglichen Folgeerscheinungen von Stimmungen und Verstimmungen, muss
das Problem, wie ein jeder seiner "eigenen Stimmung Schmied" werden kann, als
zentral für die Gestaltung unseres Lebens, für Krankheit und Gesundheit oder für
das Unglück oder Glück unserer Existenz bezeichnet werden.
Es besteht kein Zweifel, dass Stimmungen und Gefühle in
Grenzen "manipulierbar", also gewollt veränderbar sind. Das muss nicht so
hauruckmässig geschehen wie bei den Amerikanern, die sich mit dem Ruf "Think
positive!" eine freundliche und zugewandte Haltung antrainieren, die uns
manchmal etwas aufgesetzt erscheint und meist nur dazu dient, den Umsatz von
Verkäufern und Verkäuferinnen anzukurbeln. Wir bevorzugen die etwas gemäßigtere
Variante, in welcher man sich zum Beispiel ab und zu in Erinnerung ruft, was
alles gut geht im Leben und was es Schönes und Erfreuliches gibt auf der Welt.
Hilfreich ist dabei der Vergleich zu anderen Menschen, nicht nur mit denen in
der Verwandtschaft, im Freundeskreis oder in der Nachbarschaft, sondern auch in
anderen Erdteilen; meist schneidet man nicht so schlecht ab und kann sich sagen,
man habe ein Dach über den Kopf, zu essen und zu trinken, Freunde und ein
einigermaßen gesichertes Einkommen. Gute Stimmung macht es auch, anderen (und
gelegentlich auch sich) etwas Gutes zu tun, jemanden anrufen beispielsweise.
Wer seine Stimmung noch grundsätzlicher ändern und
nicht nur kosmetisch behandeln möchte, dem sei empfohlen, seine Ausrichtungen,
Ziele und Horizonte merklich zu ändern. Gefragt ist Metanoia, also eine
möglichst tiefgreifende und ans Gemüt gehende Umwandlung von Einstellungen und
Wertungen, von Idealen und Idolen, von Zielsetzungen und "höchsten Gütern".
Gemeint ist, sich zu orientieren an und einzusetzen für Vernunft,
Friedfertigkeit, sozialer und kultureller Beitragsleistung, Humanität und
dialogischen Ausgleich, sich zu beteiligen an der Überwindung von Unterdrückung
und patriarchalischer Gesinnung, von Hunger, Elend, Analphabetentum und Armut.
Man wird nicht alles umsetzen können und sich etwas bescheiden müssen; es
besteht ja die Gefahr, sich zu überfordern. Aber indem man von sich etwas mehr
absieht und sich dem größeren Kreis der Kultur und ihren immer noch großen und
ungelösten Problemen zuwendet, dokumentiert sich eine Offenheit, die wiederum
Basis für eine gute Stimmung ist.
Bei diesem Prozess der Metanoia wird ein jeder, der
sich auf ihn einlässt, die Erfahrung machen, dass einige Saiten seines Wesens
nachgestimmt werden können, was insgesamt den Eindruck der Wohltemperiertheit
entstehen lässt. In vielen Fällen ist ein derartiges Nachstimmen unserer
Persönlichkeit nur zusammen mit einem Psychotherapeuten zu bewerkstelligen. Es
soll jedoch nicht der Eindruck entstehen, eine unbedingt durchgängig gehobene
und gute Stimmung sei erreichbar oder gar wünschenswert. Vielmehr wird uns die
Erfahrung eines schlechten Gefühls, eines Problems, einer grüblerischen Stunde
die gute Stimmung umso mehr genießen lassen. Dabei wird es aber darauf ankommen,
klug mit schlechten Stimmungen umzugehen und sie nicht an Unbeteiligte
"auszulassen". Sich ihnen rückhaltlos hinzugeben verschärft nur die Probleme, zu
deren Lösung wir eigentlich aufgerufen sind. Aber der kluge Umgang mit
schlechten Stimmungen, Erfahrungen und Affekten kann erlernt werden,
möglicherweise wiederum zusammen mit einem Psychotherapeuten.
5.
Affekte und Gefühle
1. Im Gegensatz zu den eher sanften und langwelligen
Stimmungen, die einen langfristigen und oft verborgenen Sinn für das Individuum
haben, werden Affekte als starke und kurzfristige Gemütsbewegung
bezeichnet, die das Erreichen eines kurzfristigen Zweckes intendieren. In der
älteren Literatur werden Affekte auch als "Leidenschaften", manchmal sogar als
"Laster" abgehandelt. Philosophische Autoren stimmten oft darin überein, im
Affekt ein Übel zu sehen. Man sprach von der Notwendigkeit, Kontrolle über
Affekte und Leidenschaften zu erringen, was ungefähr mit der Herrschaft der
Vernunft identisch war. Vor allem die stoische Philosophie betonte das
Pathologische an diesen Gemütszuständen; als wünschbar galt die sogenannte
Ataraxie, d.h. die Meeresstille der Seele. Nur die affektfreie Psyche ist im
Sinne der antiken Stoa edel und weise. Ihr höchstes Ideal war die Besonnenheit.
Aristoteles und Thomas von Aquin wie auch die Psychoanalyse hingegen forderten
nur das Gewahrwerden und die Mäßigung der Affekte. Die Renaissance wiederum
entdeckte an den Affekten positive Seiten, nämlich eine Ausdruckskraft des
Individuums. Noch heute wird überwiegend die Meinung vertreten, dass
schöpferische Leistungen ohne starke Affekte nicht vollbracht werden können.
Schriftsteller und andere Künstler sind jedoch in der Lage, ihre Affekte zu
sublimieren. Wären sie nur in der eruptiven, hassenden und distanzschaffenden
Affekthaltung verharrt, wären sie nicht in der Lage gewesen, ihren Gedanken
kreativ Ausdruck zu verleihen.
Das Wort Affekt stammt aus dem Lateinischen und
bedeutet etwa: Angetansein, Gereiztsein durch irgendeine Form der
Beeinträchtigung. In den Affekten reagiert das Subjekt mehr oder minder
stürmisch, kämpferisch, gekränkt oder leidenschaftlich auf die Umwelt. Affekte
unterscheiden sich von den Leidenschaften (heißt es in Schischkoff 1991, 8)
durch kürzere Dauer und geringere seelische Tiefe. Affekte werden als zum
normalen Leben gehörend betrachtet in dem Sinne, dass Affektlosigkeit auf eine
seelische Störung hindeutet. In gewissen Situationen werden bestimmte Affekte
erwartet, genauso wie unangemessene Affekte abgelehnt werden. Affekte gänzlich
zu unterdrücken, zu verdrängen oder zu negieren wird von der Tiefenpsychologie
als auf Dauer krankmachend angesehen, ebenso wie dauernde und unangemessene
Affekte auf tieferliegende seelische und soziale Probleme hinweisen.
2. Der mit am deutlichsten sichtbare und weit
verbreitete Affekt ist vermutlich die Aggression. Als weitere Beispiele für
Affekte werden genannt: Angst, Ehrgeiz, Eitelkeit, Neid, Eifersucht, Geiz,
Ärger, Hass, Wut, Zorn, Melancholie, Scham und Ekel. Seltener schon werden auch
Trauer, Überempfindlichkeit, Überforderung, Langeweile und Euphorie
dazugerechnet. Es könnten auch noch Ungeduld, herabsetzende Ironie, Hohn und
Polemik genannt werden.
Das allgemeinste Merkmal des Affekts ist es vielleicht,
Mitmenschen zurückzustoßen und Situation vom Leib zu halten und abzuwehren, die
irgendwie bedrängend, überfordernd und bedrohlich sind oder die den
selbstgeschaffenen und nötigen Abstand zur Welt verschieben oder zu verschieben
drohen. Affekte sollten deshalb ganz allgemein als "distanzschaffendes Manöver"
bezeichnet werden.
3. Betrachten wir die Affekte zunächst
phänomenologisch. Was fällt an ihnen auf? Affekte sind sowohl eine
Verteidigungs- als auch eine Angriffshaltung. Sie können berechtigt und sie
können unberechtigt sein. Manche Affekte sind aktiv, indes andere weitgehend
passiv sind. Aber die Abwehr- und Kampfposition zur Beziehungswelt ist nach
Meinung mancher Autoren (Fuchs/Greulich, Rattner, Danzer) gleichwohl stets
vorhanden. Affekte gründen meistens in der Angst (Fuchs/Greulich 1991, 328),
aber es lassen sich auch andere Motive wie Überforderung oder der Wunsch zu
überwältigen namhaft machen. Sie werden bei ausreichender Anwendung aber auch
von der blossen Gewohnheit aufrechterhalten. Manche Autorenglauben an
konstitutionelle Unterschiede im Affekt- und Aktivitätshaushalt der Menschen (A.Adler).
Andere wieder verweisen auf die jeweiligen Sozialisationserfahrungen, die die
unterschiedlichen Reaktionsbereitschaften produzieren. Auf jeden Fall ist der
Mensch im Affektzustand einer, der sich - zu Recht oder Unrecht - angegriffen,
verletzt und beeinträchtigt fühlt und der seine subjektiv vertretenen oder
objektive Werte sowie seine Interessen verletzt glaubt (sieht man von den
Leidenschaften ab, die zu großen Taten befähigen). Darauf reagiert er gleichsam
"überschiessend" mit Affekt-Produktion, die seinen Beziehungspersonen allemal zu
schaffen macht. Affekte sind unangenehm und befremdlich für den, den es trifft.
Die Umstehenden werden im Aggressionsaffekt eingeschüchtert und empfinden Furcht
oder Mitleid. Man fühlt sich unwohl in der Nähe eines affektiven Menschen, aber
es gibt auch Zeitgenossen, die Affekte mit Stärke und Vitalität verwechseln und
die versuchen, mit im Glanz dieser vermeintlichen Stärke zu stehen. In der Regel
ist es nicht möglich, in einer Affektsituation zu dem Affektierten vorzudringen
und vernünftig mit ihm zu sprechen. Der affektgeladene Mensch jedoch erlebt
zumindest eine innere Aufwertung, weil er sich verteidigt und mächtig auf andere
einwirkt und sie in Schach halten kann.
Der Boden des Affekts ist neben der Angst die echte
oder vermeindliche Ohnmacht, so dass im Affekt der Versuch durchbricht,
Erlebnissen der Verkürztheit oder Unterlegenheit gewaltsam zu entfliehen oder
sie in Überlegenheiten umzumünzen. Die Überempfindlichkeit kann als ein Zeichen
für ein überspitztes Macht- und Unberührbarkeitsbedürfnis gewertet werden.
Affektbereitschaften sind eine Vorwegnahme vermeintlicher und realer Kränkungen
und sozialer Verkürzungen. Der Nutzen des Affekts liegt in einer momentanen
Befreiung vom Druck der Welt, meist erkauft mit neuen und gesteigerten
Schwierigkeiten.
Affekte können aber auch einen nützlichen und sogar
gesundmachenden Effekt haben, wenn sie eingesetzt werden, um Kränkungen und
Angriffe innerlich oder öffentlich zurückzuweisen oder zu verarbeiten oder wenn
sie zur Klärung einer unguten Situation beitragen. Besonders wenn höhere Werte
verletzt werden, kann ein reinigendes Donnerwetter klärend wirken, sofern der
Kontrahent nicht "vernichtet" wird. Es kommt immer auf die Umstände an.
Affekte werden oftmals als "fremd" erlebt, seltener
schon als dem Ich zugehörig und gewollt. Der Betreffende wird sich selten
vollumfänglich für seinen Affekt verantwortlich fühlen. Er wird darauf
verweisen, dass sich da irgendetwas in den Tiefen seines Leibes oder in der
Weite der Welt zusammengebraut hat, wofür er nichts kann, worauf er aber
reagieren muss. Andere wieder sprechen von der Eigenart ihres Temperaments, der
angeborenen Leidenschaftlichkeit ihres Gemüts. Wieder andere verweisen auf ihre
Dünnhäutigkeit und die böse Welt, die sie immer reizt und zur Raserei bringt.
Jedenfalls möchte das Subjekt für seine affektiven Ausbrüche selten zuständig
sein. Aber die genauere Untersuchung lehrt, dass die Affektivität nicht einfach
aus dem Unbewussten kommt und den Menschen überfällt wie eine Naturgewalt,
obwohl er es manchmal so empfindet. Irgendwo geniesst es das Individuum sogar,
dass es sich unter Ausserachtlassung sozialer und sittlicher Schranken wild und
willkürlich benehmen kann. Es gibt aber auch Menschen, die sich hinterher ihrer
Affekte schämen.
Affektmenschen reagieren häufig unintelligent. Das
liegt daran, dass ihr Verhalten in keiner Weise problemlösend ist. Es liegt ja
oft (aber nicht immer) ein echtes Problem vor, wenn der Mensch in einen
Affektzustand gerät. Anstatt diese Problematik jedoch produktiv zu überwachsen,
regt sich der Affektträger auf. Es bedarf einiger Reife und Vernunft, um in
Notlagen vom Suchen nach Sündenböcken abzusehen und sachliche Lösungen
anzustreben. Dieses Verhalten wird insgesamt zu wenig geübt und praktiziert.
Darum ist emotionale Intelligenz so selten, und die Affekte überwuchern das
private und öffentliche Leben.
4. Manche Autoren haben hervorgehoben, dass im
Affektzustand das Blickfeld des Menschen sich röhrenförmig verengt. Der
Betroffene sieht nicht mehr die Gesamtsituation, sondern allein den Auslöser
seines Affektes, auf den er geradezu zwanghaft reagiert. Er kann in diesem
Moment von ihm nicht lassen. Sodann regrediert das Denken auf banale
Schematismen und Gegensatzpaare. Für den seinen Affekten ausgelieferten Menschen
gibt es nur schwarz und weiss, böse und gut, edel und gemein, hässlich und schön
usw. Das aber ist die Optik der sozialen Vorurteile. Affektträger eignen
sich vorzüglich zu Propagandisten und Repräsentanten der Vorurteilslogik. Sie
haben auch die Disposition zur Paranoia, die auf dem Grunde der
Vorurteilsmechanik liegt. Die Welt teilt sich auf in eine scharf abgegrenzte
Ich-Welt und eine Andere-Welt. Die erste ist potentiell der Himmel, die zweite
ganz reell die Hölle. Darum muss die verteufelte Gegenwelt mit allen Kräften
bekämpft werden. Solange die Menschen zum Überwiegen der Affektregungen in ihrer
Psyche erzogen werden, wird auch das Vorurteil, das zu den schlimmsten Gefahren
des politischen und sozialen Lebens gehört, nicht eliminiert werden können.
Angst, Aggression und Hass ebenso wie Vorurteile
scheinen in den Neurosen, den sexuellen Perversionen sowie in Sucht und
Kriminalität eine wichtige Rolle zu spielen. Die phänomenologische Psychologie
betont nachdrücklich, dass der sexuell gestörte Mensch letztlich eine
"Zerstückelung der Liebeswirklichkeit" anstrebt. Es ist ihm nahezu unmöglich,
sein "Liebesobjekt" als eine leib-seelische Ganzheit mit eigenen Rechten zu
sehen. Die Daseinsanalyse (M.Boss, Gion Condrau) hingegen betont, dass auch
Perverse und Kriminelle noch einen letzten Rest an authentischer Liebessehnsucht
haben, an den es (in der Therapie) anzuknüpfen und den es auszubauen gilt. In
Sucht und Kriminalität, die auf dem Boden eines pathologisch gesteigerten
Affektlebens gedeihen, liegt jedenfalls ein destruktives Element; bei der Sucht
dominiert die Selbstzerstörung, bei der Kriminalität ist die Schädigung anderer
vordergründig. Diese Krankheitsphänomene verschwistern sich oft. Der Süchtige
wird leicht kriminell, und der Kriminelle tendiert zur Suchtmittelabhängigkeit.
Beide Krankheitsbilder enthüllen die Verzweiflung eines Subjekts, das mit der
Wirklichkeit nicht zurandekommt und aufbricht, um ausserhalb der oder gegen die
Realität des Sozialen zu leben.
5. Alfred Adler (1850-1937) hat die These vertreten,
dass jede Affektregung von einer gefühlten Minderwertigkeit ausgeht und auf ein
Machtziel hinstrebt. Nach Adler sind Affekte falsche Kompensationen von
Minderwertigkeitsgefühlen (Adler 1966d, 41-42). Das ist für uns bei vielen der
erwähnten Affektregungen durchaus einfühlbar. Der Ehrgeizige will andere
übertrumpfen und ausstechen; der Eitle will ruhmbegierig im Mittelpunkt stehen;
der Eifersüchtige bangt um das Geliebtwerden und will sich beim Partner in eine
Ausschliesslichkeitsposition bringen; der Geizige sammelt Geld und empfindet
dabei einen Abglanz von Allmacht; der Neidische sieht sich benachteiligt (oder
den Beneideten im ungerechten Vorteil) und will den anderen möglichst viel
wegnehmen; der Ängstliche sieht sich überall bedroht und entwickelt ein
Panoptikum von Hilflosigkeitsgebärden und Notzuständen, die seine Angehörigen zu
Rücksichtnahmen verpflichten; der Melancholische geht wie eine wandernde Anklage
durch die Welt und verlangt nach Tröstung, die ihm niemand geben kann; der
Scham- und Ekelpatient demonstriert unbewusst, dass er zu zart, zu gut und zu
reinlich für diese grobe, böse und schmutzige Welt ist; und wer einen Wutanfall
hat, verängstigt die Opfer seiner dramatischen Ausdrucksbewegungen, bis sie ihm
das gewähren, was er durchsetzen will.
6. Bei Sigmund Freud existierte explizit keine Gefühls-
bzw. Affekttheorie. Die Rolle der Affekte war ihm aber nicht entgangen. Schon
1889, bei der Behandlung von "Emmy von N.", fiel Freud auf, mit welch heftigen
Affekten die Patienten ihre Erinnerungen würzte (Greenson 1981, 22). In der
"Vorläufigen Mitteilung" (1893) berichteten Freud und Breuer, "dass die
einzelnen hysterischen Symptome sogleich und ohne Wiederkehr verschwanden, wenn
es gelungen war, die Erinnerung an den veranlassenden Vorgang zu voller
Helligkeit zu erwecken, damit auch den begleitenden Affekt wachzurufen, und wenn
dann der Kranke den Vorgang in möglichst ausführlicher Weise schilderte und dem
Affekt Worte gab" (1893a, 85).
Die bedeutendste Kraft im Seelenleben sind bei Freud
die Triebimpulse. Gefühle sind bei ihm lediglich aufgeschobene Triebe oder
aggressionsgehemmte Triebreaktionen (Freud 1921c, 154f). Dieser Standpunkt ist
oft bekämpft und widerlegt worden. Individualpsychologen, die Neo-Psychoanalyse,
die Babyforschung, die Philosophie und sogar die Neurowissenschaften postulieren
die Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit zumindest einiger Gefühle und Affekte
(Fuchs/Greulich 1991, 357). Indem Freud die Notwendigkeit der Sublimierung
betonte, deutete er an, dass er Triebimpulse und damit Affekte kritisch sieht.
Wenn er von Triebaufschub und -verschiebung oder Sublimierung spricht, meinte er
im Grunde Gefühlsentwicklung (Fuchs/Greulich 1991, 358; siehe auch Brunner u.a.
1995, 15f und 177ff; Rattner 1994, 109f).
In Freuds "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" werden
Scham und Ekel als Schranken gegen ein ungezügeltes Triebleben und damit in
einem weiteren Sinne als kulturfördernde Affekte benannt (1924d, 399). Dieses
Diktum Freuds bestätigt die These vom Affekt als "distanzschaffendes Manöver".
Scham und Ekel haben eine Bedeutung im gesunden Gefühlslebens ines Menschen,
wenn sie nicht lediglich dazu benutzt werden, Sexualität bis zur Askese zu
hemmen, sondern das sittlich-ethische Empfinden eines Menschen mitzuformen. "So
ist z.B. Ekel vor Unredlichkeit und Korruption im gesellschaftlich-politischen
Leben oder Scham über den Umstand, dass ein Teil der Menschen den anderen
hungern lässt, wünschbares emotionales Reagieren. In diese Betrachtung gehören
auch die Schriftsteller unseres Jahrhunderts, die unter dem Nationalsozialismus
Angst, Trauer, Ekel, Scham und Empörung fühlten, aber nicht aus ichhaften und
selbstischen Gründen, sondern aus politischer Hellsichtigkeit und einem tiefen
Verantwortungsgefühl für die Mitmenschen. Ihre affektive Erregung wurde zur
unerhörten Schubkraft für ihr dichterisches Werk. Wir müssen uns allerdings
fragen, ob wir in diesem Zusammenhang nicht ebensogut von leidenschaftlichen
Gefühlen sprechen können." (Fuchs/Greulich 1991, 333)
7. Eine der stärksten und problematischsten Affekte ist
sicherlich die Aggression. Dieses Thema ist so umfassend, dass es hier nur mit
ein paar Worten gestreift werden kann. Harald Schultz-Hencke ("Der gehemmte
Mensch", 1940) geht von einem ganzen Spektrum von Antrieben aus, die er kaptativ
(ergreifend), retentiv (behaltend), zärtlich, sexuell und eben auch aggressiv
nennt. Es ist die vornehme Aufgabe der Erziehung, diese Antriebe zu kultivieren.
Das "Aggressive" ist bei Schultz-Hencke ein antriebsfreundliches Herangehen an
die Welt und ihre Aufgaben, was zu vielfältiger sprachlicher Verwirrung
beigetragen hat. Denn es scheint sinnvoller zu sein, die Aggression
ausschliesslich mit Destruktivität zu übersetzen, das entspricht unserem
heutigen Sprachverständnis. Nach Jean-Paul Sartre findet in jedem Affektausbruch
eine symbolische und manchmal tatsächliche "Weltzerstörung" statt ("Entwurf zur
Theorie der Emotionen", 1937). Von der Destruktion zu unterscheiden wäre die
"berechtigte Aggression", die nun aber wiederum besser mit "Zorn" bezeichnet
wäre. Ferner wäre die nach aussen (fremdbestrafende Aggressivität) und nach
innen gewendete Aggression (selbstbestrafende Destruktivität bis hin zur
Selbstvernichtung) voneinander abzuheben, ebenso die kurzfristigen Affekte von
einem habituellen Affektgebrauch. Mangelnde Hemmung von destruktiven Anteilen in
Sexualität und Aggression sind nun freilich neurotisch und schädigend für Mensch
und Mitmensch. Gefunden werden müsste ein Mittelweg zwischen Hemmungslosigkeit
und Askese. Bei Sigmund Freud läuft dies auf eine Art bewusste Verdrängung
unsozialer Triebe hinaus. Die Dämme gegen Triebe und Aggression sollten seiner
Meinung nach durchaus anerkannt und aufrechterhalten werden, nur eben bewusster,
zuverlässiger, flexibler und situationsangemessener.
8. Bei bestimmten Affekten gibt es gewisse Differenzen
zwischen den Autoren. Während einige sie als durchgängig zerstörerisch ansehen (Spinoza),
gewinnen andere den Affekten in gewissen Situationen etwas Positives ab (Agnes
Heller). So darf ein Kind nicht alles essen, was es findet (Ekel), und es darf
sich nicht in Lebensgefahr begeben (Angst). Ähnliches gilt für den Zorn. Es
bleibt der Standpunkt bedenkenswert, dass der Mensch vielleicht doch auch einmal
zornig werden und hassen muss, wenn hohe Werte und Menschenrechte verletzt
werden. Andererseits lässt sich aus der Erfahrung sagen, dass das hohe Gefühl
der Liebe nicht immer mit der Vernunft konform geht. In der "blinden Liebe" ist
das Individuum nicht ganz zurechnungsfähig. "Das Gemüt kann nie zum Urteil
taugen", heisst es in Shakespeares "Sommernachtstraum". Es gibt die selbstlose
Liebe und die selbstsüchtige Eigenliebe, die Nächsten- und die Fernstenliebe,
Liebe zu Menschen und Liebe zu moralischen Idealen. Viele Emotionen wie
Unentschlossenheit, Verwirrung, Hilflosigkeit oder Ungeduld werden in der
Literatur nur selten oder gar nicht berührt, wenn das Thema Affekt abgehandelt
wird. Es gibt für Gefühle und Affekte keine allgemeinverbindlichen Definitionen
(Grubitzsch/Rexilius 1987, 372). Die Vorstellung, alles müsse ohne Rest
aufgehen, scheint angesichts der Widersprüchlichkeit und der Vielfalt des
Menschen ohnehin eine Illusion.
9. Martin Dornes, der die psychoanalytische Theorie der
frühkindlichen Entwicklung überprüft und anhand neuerer Ergebnisse der
Säuglingsforschung teils verwirft, teils weitreichend revidiert ("Der kompetente
Säugling", Frankfurt am Main 1993), führt aus, dass schon das Kleinstkind mit
einigen Basisaffekten auf seine Umgebung reagiert: Freude, Interesse/Neugier,
Überraschung, Ekel, Ärger, Traurigkeit, Furcht, Scham, Schuld (113). Der Begriff
Basisaffekt scheint aus dem englischen "basic emotions" abgeleitet worden zu
sein. Im übrigen wird von Dornes kein Unterschied zwischen Affekt und Gefühl
gemacht. So heisst es beispielsweise, es ergebe sich aus der
Säuglingsbeobachtung das Bild eines von Lebensbeginn an reichhaltig
differenzierten "Gefühlslebens", andererseits sei nicht zu übersehen, dass der
Säugling sozusagen mit seinem ganzen Körper und Verhalten spricht. Er reagiert
sensomotorisch und nicht kognitiv, weshalb diese "hervorbrechenden" Emotionen
eher als affektiv-eruptiv zu bezeichnen wären. Der Affektausdruck ist noch nicht
sozialisiert, heisst es, doch schon im nächsten Satz wird fortgefahren: "Gefühle
können noch nicht verborgen oder verdrängt werden." Auch benutzt Dornes die
Vokabel "positive Affekte", wenn er Lächeln und freudiges Vokalisieren meint.
Insgesamt jedoch werden von Dornes Affekte keineswegs
als unerwünscht angesehen, vielmehr als "paradigmatische Formen der
Objektbeziehungsregulierung mit hohem Überlebenswert" bezeichnet (112). Die
Ichentwicklung wird nicht mehr mit der Trieb-, sondern in erster Linie mit der
Affektentwicklung in Zusammenhang gebracht, die Differenziertheit des
Affektlebens ist von Geburt an gegeben. Mit Sicherheit werde die zukünftige
psychoanalytische Affekttheorie von der Triebtheorie unabhängiger werden müssen
als bisher (150). Andererseits werde weitergelten, dass dominante Gefühle und
Affekte wie Liebe oder Hass, Toleranz oder Aggression direkt von der Zuneigung
oder Abneigung abhängen, die dem Kleinkind entgegengebracht wurden. Das Gefühls-
und Affektrepertoire im Pubertäts- und Erwachsenenalter wird dauerhaft geprägt
vom Gefühlsklima im Elternhaus, in das selbst wiederum allgemeine
gesellschaftliche Haltungen zu Gefühl und Affekt mit hineinspielen.
10. Wie schon weiter oben angedeutet, stehen Affekt und
Vernunft in einem Gegensatz; Affekt ist der Gefühlszustand, der den Menschen
überwältigt; er lässt keine Vernunftüberlegung aufkommen (Kant zit. bei Heiss
1984, 268). Das lässt sich von Gefühl und Vernunft nicht sagen. Wenn der Affekt
eine exquisite Manifestation des unsozialen Macht- und Geltungsstrebens ist,
muss er abgegrenzt werden vom Gefühl. Dieses ist grundsätzlich etwas
anderes, meinen einige Autoren. Eine Unterscheidung wurde von Wundt, Jaspers,
Kretschmer und anderen vorgenommen, wenn auch jeweils verschieden definiert.
Affekt erscheint bei ihnen im Ganzen als eher kurzzeitige Aufwallung mit starker
Motivationskraft und deutlichen körperlichen Begleiterscheinungen (roter Kopf,
erhöhter Blutdruck etc.), während Gefühle beziehungsweise Stimmungen eine sanfte
Grundlage des fliessenden Lebensvollzugs abgeben. Die meisten Affekte wurzeln in
aktuellen oder permanenten Verstimmungen.
Ich folge der Unterscheidung von Fuchs/Greulich, wonach
Gefühle positiv zu bewertende Seelenzustände sind, während Affekte "negative
Gefühle" beziehungsweise "Abwesenheit von Gefühl" sind (Fuchs/Greulich 1991, 324
ff). Philosophen und Tiefenpsychologen sind übereinstimmend der Meinung, dass
Neurosen mit "negativen Gefühlen" beziehungsweise Affekten verknüpft sind,
während Gesundheit auf einer grundlegenden Liebesfähigkeit basiert und
mit positiven Gefühlen einhergeht wie: Freundschaft, Solidarität, Freude,
Heiterkeit, Zuneigung, Dankbarkeit, Mut, Treue, Grossherzigkeit, Barmherzigkeit,
Mitleid und Toleranz. Die guten Gefühle reichen dabei je nach Standpunkt in den
Bereich der Tugenden wie Sanftmut, Vitalität, Aktivität, Souveränität,
Tüchtigkeit, Klugkeit, Selbstbestimmung, Einfachheit, Aufrichtigkeit, Mässigung,
Gerechtigkeit und Wertbewusstsein hinein. Gute Gefühle und Tugenden sind nicht
denkbar bei gleichzeitiger Feindseligkeit. Das Gute entfaltet sich erst in der
Abwesenheit des Bösen. So dachte schon Adler, der Machtstreben komplementär zum
Gemeinschaftsgefühl annahm.
Fuchs/Greulich schreiben nach der Auswertung der
Gefühlstheorien von Spinoza, Max Scheler und Agnes Heller den Gefühlen eine
grössere gestaltende Kraft als den Affekten zu. Gefühle verbinden den Menschen
mit der Welt. In den Gefühlen fühlt sich der Mensch frei, die Welt scheint ihm
offen, zugetan und voller Möglichkeiten. Ihnen haftet etwas Grosszügiges,
Weltumspannendes an. Im Gefühl geht es um Beziehung, Solidarität und
Kooperation. Gefühle sind sanftwellig und stetig. Mittelpunkt oder Ausgangspunkt
des Gefühls ist die Liebe, verstanden als grundsätzliche wohlwollend-offene
Zuwendungshaltung und Beeindruckbarkeit (Fuchs/Greulich 1991, 333). Umgekehrt
ist bei Affekten der Freiheitsspielraum eingeengt; in ihnen droht der Kontakt
zur Welt unterzugehen, gleichzeitig gehen sie aus einer Weltarmut hervor. Die
Welt des Affektgeladenen ist klein, er primitivisiert die meist komplexen
Verhältnisse. Im Affekt geht die Seele im Es-Impuls, d.h. im Körperlichen unter,
Verstand und Vernunft treten zurück. Folgt man dieser Einteilung, müsste Adlers
"Minderwertigkeitsgefühl" eigentlich "Minderwertigkeitsaffekt" heissen.
11. In den wechselnden historischen Zeitläufen standen
jeweils andere Aspekte des Menschseins im Vordergrund: einmal die Vernunft, dann
das Bewusstsein, dann wieder die Triebe und das Unbewusste, dann das Gefühl. C.P.
Kuiper meint, dass derzeit das Gefühl keine Konjunktur hat (Grubitzsch/Rexilius
1987, 370ff). Ähnlich drückt sich Horst-Eberhard Richter in seinem Buch "Der
Gotteskomplex" (1979) aus, wenn er speziell für Deutschland unter dem Eindruck
der Nazi-Herrschaft von einer "Abspaltung des Gefühls" spricht. In einer noch
weiteren Perspektive hat der Siegeszug der Naturwissenschaften und
möglicherweise das aufklärerische Denken an sich jene Kräfte zum Durchbruch
verholfen, die Emotionalität mit Hilfe der Intellektualität kontrollieren
wollen. Wie anderes kommt uns hingegen die Romantik vor, wo der Mensch fast nur
noch aus Gefühl zu bestehen schien, was nicht selten in Irrationalität umschlug.
Die Künste freilich profitierten enorm von der Entdeckung der Empfindung und der
Empfindsamkeit. Doch im Grossen und Ganzen dominiert seit 300 Jahren die
technische Intelligenz, die Gefühl vor allem als Störfaktor empfindet. Die
"Moderne" ist im Wesentlichen die Herrschaft von Rationalität und einer "kalten
Vernunft". Dieser Epoche wird die Vernachlässigung des Gefühls vorgeworfen. Auf
der anderen Seite finden wir am Ende des 20. Jahrhunderts als Reaktion darauf
einen starken Trend zur "Spiritualität", der aber privat zu bleiben scheint (Grubitzsch/Rexilius
1987, 375).
12. Die Psychoanalyse hat es sich u.a. zum Ziel
gesetzt, die Sexualität des Menschen sachlich zu erörtern und den Kampf gegen
ihre Verdrängung und Verleugnung aufzunehmen. Sigmund Freud war der Meinung,
dass die Kulturmenschheit unter ihrer Unehrlichkeit in sexuellen Dingen sehr zu
leiden habe; das sei eine der wichtigsten Ursachen für seelische Störungen aller
Art und für das weitverbreitete "Unbehagen in der Kultur". In der Rückschau auf
hundert Jahre psychoanalytischer Theorie und Praxis wird man einräumen müssen,
dass es Freud und seinen Schülern gelungen ist, viele Sexualtabus zu zerstören
und eine gewisse Offenheit und Unbefangenheit in diesem Bereich zu etablieren.
Aber merkwürdigerweise hat sich davon nur relativ wenig Nutzen für die seelische
und sexuelle Gesundheit der Menschen gezeigt. Anstelle der gehemmten Puritaner
des Viktorianischen Zeitalters sind die ungehemmten Genussmenschen der
Konsumgesellschaft getreten, die zur Sexualität ein ähnlich gestörtes Verhältnis
aufweisen wie ihre Grossväter und Grossmütter. Irgend etwas am
psychoanalytischen Konzept scheint lückenhaft gewesen zu sein.
Nach unserer Ansicht hätte die Befreiung der Sexualität
kombiniert sein müssen mit einer Erziehung der Gefühle. Nicht nur der
Sexus ist beim Kulturmenschen unterentwickelt und verklemmt; noch mehr ist es
das Gefühlsleben, und dieses entscheidet darüber, wie ein Mensch seine sexuelle
Befriedigung sucht und gestaltet. Das war die Lehre von Alfred Adler, des ersten
prominenten Freud-Kritikers, der in seiner Individualpsychologie eine wichtige
Antithese und Alternative zur Psychoanalyse schuf.
13. Denn Adler war der strikten Meinung, dass die
Gefühle zeitlich früher im Seelenleben konstituiert werden als die sexuelle
Triebhaftigkeit. Im "Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes", so der Titel eines
Aufsatzes von 1908 (in: 1973c, 63-66), sah er eine autonome seelische Regung,
die bald nach der Geburt einsetzt und den Kontakt mit der Mutter herstellt. Im
Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes manifestiere sich ein "Teil des angeborenen
Gemeinschaftstrebens" (Adler 1972a, 66). Die Säuglingsforschung beschreibt, wie
dieses Bedürfnis in Interaktionsformen Gestalt annimmt. Das Baby nimmt aktiv
Beziehung auf, handelt den Interaktionsverlauf mit der Bezugsperson aus, bemüht
sich um Wirkung und freut sich über den dabei auftretenden Erfolg. Es bleibt
auch im späteren Leben so, dass das Bedürfnis nach annehmender und wohlwollender
Interaktion in der Regel stärker und fundamentaler ist als der Wunsch nach
triebhafter Abreaktion. In seiner Charakterlehre deklariert Adler, dass schon
die Kinder jene Form von Triebverhalten "wählen", die ihrer allgemeinen
Charakterbeschaffenheit entspricht. Nicht der Trieb fundiert den Charakter,
sondern die Charakterstruktur bestimmt die vorherrschenden Triebmodalitäten. So
liegt etwa der Schlüssel zu den sexuellen Anomalien des Erwachsenen nicht in
speziellen Sexualtraumen der Kindheit, sondern in Defiziten und Defekten der
frühen Charakterentwicklung.
Was ist nun im individualpsychologischen Sinne das
Gefühl? Nach Adler ist es der "Dampf in der Maschine"; durch die Emotion wird
der Mensch mit der Welt verflochten und engagiert sich in ihr. Hätten wir keine
Gefühle und wären wir nur Ratio, dann würden wir relativ unbeteiligt die Welt
betrachten und beurteilen. Handeln könnten wir in ihr nur in beschränkter Weise.
Da wir aber Gefühle haben, werden wir dazu gedrängt, die Welt in uns
hineinzunehmen und uns ihr hinzugeben. Jedes Gefühl ist daher ein Mittelding
zwischen Freiheit und Unfreiheit. Das Gefühl lässt uns Ziele, Zwecke und Werte
erkennen, und zwar in solcher Attraktivität, dass wir dazu animiert sind, diese
zu realisieren. Gefühle sind die eigentlichen Motoren des Seelenlebens.
14. Auch die Phänomenologen haben sich gründlich mit
der Gefühlswelt des Menschen auseinandergesetzt. Pionier in diesem Bereich war
Max Scheler (1874-1928), der 1921 mit seinem Buch "Wesen und Formen der
Sympathie" philosophische Grundlagenforschung bei diesem Thema betrieb. Die
Phänomenologie fragt zunächst danach, worauf das Gefühl wesensmässig gerichtet
ist (Intentionalität). Die Antwort lautet: Gefühle beziehen sich immer auf
Werte. Das leitet über zur Frage, was denn ein Wert sei. In diesem Zusammenhang
muss die sogenannte Wertphilosophie konsultiert werden.
Die Philosophen unterscheiden zwischen einer Welt der
Tatsachen und einer Welt der Werte. Physische Naturerscheinungen weisen ein
reales An-sich-Sein auf. Sie können wahrgenommen und beobachtet werden, wozu man
Erkenntnis und Verstand braucht. Den geistigen Werten hingegen wird ein ideales
An-sich-Sein zugeschrieben. Wertideen sind Produkte der Vernunft und des
Sollens. Sie sind keine Naturerscheinungen, sie existieren geistig und können
"nur" gedacht werden. Tatsachen nimmt man mit den Sinnesorganen wahr, Werte
hingegen erkennt man nur mit dem Gefühl; indem sie wahrgenommen werden, erhalten
sie erst eine komplette Existenz. Je gefühlsreicher ein Mensch ist, um so mehr
ist er im Wertekosmos beheimatet. Und er wird dabei entdecken, dass es eine
Hierarchie der Werte gibt, mit niederen, hohen und höchsten Werten. Nicolai
Hartmann (1882-1950) ist der Meinung, dass die Menschheit seit ihren Anfängen
Entdeckungen im Wertekosmos macht. Hartmann verlangte und entwickelte eine
materiale Wertethik, die den Sinn und Inhalt des "Guten" zu ermitteln und im
Leben zur Erscheinung zu bringen sucht. Wenn gesagt wird, dass es die Liebe ist,
die den Menschen wertsichtig macht, dann ist die selbstlose "Anderenliebe" und
die leidenschaftliche und opferbereite Liebe zu moralischen Idealen gemeint. Das
muss klar sein, wenn es heisst, "Liebe und Wert sind immer einander zugeordnet",
denn es gibt auch verquere Vorstellungen von Liebe und niedere Werte (wie
beispielswesie die "Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft auf dem
Weltmarkt").
Scheler war einer der wichtigsten Vertreter der
Wertethik, d.h. er billigte den Werten eine Art von selbständigem Sein zu und
behauptete, dass sie mit hoher Gewissheit erfasst werden können. Werte
betrachtete er nicht als Gegenstände vernünftiger Einsicht, sondern als Inhalte
des Fühlens. Dem Gefühl schrieb er folglich Erkenntnisbedeutung zu: Im Fühlen
werden Werte erfasst. Das Gefühl erschliesse nicht nur einzelne Werte, sondern
auch die Wertordnung, deren objektiver Charakter eine zuverlässige Orientierung
in moralischen Entscheidungen ermöglicht. Fühlen war ihm eine a priori gegebene
Fähigkeit; die Werterfahrung war ihm noch ursprünglicher als die Dingerfahrung.
Scheler hat sogar gesagt, dass es möglich ist, durch wachsende Werterkenntnis
"sich selbst hinaufzulieben". Er ging nämlich von einer Hierarchie der Werte
aus, deren Basis die Werte des sinnlich Angenehmen sind; der nächsthöheren Stufe
gehören die vitalen Werte an, denen wiederum die geistigen und religiösen Werte
übergeordnet sind. Der erfühlte höhere Wertbereich hebt auf ein höheres Niveau.
Nimmt man die These von der erkennenden Liebe an, dann wird durch die Liebe die
Welt reicher, bunter, schöner und verlockender. Der Liebende schlägt die Brücke
nicht nur zu den höheren Werten, sondern auch zum Du und damit zur gesamten
Wirklichkeit. Gefühle verflechten uns mit der Wirklichkeit.
Ähnlich steht es mit der Freude. Auch sie ist keine
reduktive Haltung, sondern durchwegs produktiv. Sartre selbst sagt, dass Freude
"die Erkenntnis der Freiheit durch sich selbst" sei. Während uns der Affekt
unfrei macht, erweitern die Gefühle den Freiheitsspielraum der menschlichen
Persönlichkeit. Das hat übrigens schon Spinoza (1632-1677) im 17. Jahrhundert
ganz deutlich gesehen, wie man in seiner "Ethik" (1677) nachlesen kann. Dort
gibt es die wichtige Formulierung, dass der Philosoph die Freude (und damit
meint er auch die Liebe) als ein Zeichen dafür ansieht, dass der Mensch
innerlich "vollkommener" wird. Gefühl gibt eine Art Auftrieb für die
Persönlichkeit. Das Gefühl erhebt uns über die Niederungen des Alltäglichen und
führt uns in neue Dimensionen der Freiheit. Fühlend arbeiten wir an unserer
Selbstvervollkommnung wie auch an der Perfektion der Welt. Kein Zweifel: Die
Bestimmung des Menschen besteht darin, sich als ein Gefühlswesen zu
verwirklichen. Alles, was gross ist im Menschen, ist im Gefühlsreichtum
verankert. Während die wohlverstandene Liebe die Werthaltigkeit der Welt
vermehrt, hat der Hass die Tendenz, Werte zu vernichten. Der Hass macht den
Menschen blind für das Wertvolle.
15. Will der Mensch glücklich sein, so muss er
vernünftig denken und handeln; er muss entscheiden lernen und Zusammenhänge
erkennen. In diesem Sinne wird Gefühl erweitert um zwei andere Seelenvermögen,
dem Wollen und Wissen. Gefühl ist in dieser Theorie weit mehr als nur das
physische Spüren, vielmehr wird eine Gefühlsethik anvisiert, welche das
Moralische in den Gefühlen erblickt (auch das Kleinkind fühlt, ohne aber
moralisch verantwortlich zu sein). Zwar betonte Goethe, "Gefühl ist alles", doch
scheint das ein Gelegenheitsspruch zu sein, denn er bemerkte auch: "Gefühl habt
ihr alle, aber keinen Geist". Man sollte sich mehr auf vernünftige Überlegungen
als auf irrationale Gefühle verlassen. Die Vernunft soll zur zweiten Natur
werden, die Gefühle zur Vernünftigkeit erzogen werden, damit man im Sinne Kants
moralisch handle.
16. Es liegt eine Tragik darin, dass viele menschliche
Verhältnisse mit Gefühl beginnen und in Affekt ausarten. Das ist bei
Partnerschaften in Liebe und Ehe nicht selten der Fall. Die beiden Beteiligten
gehen eine Bindung ein, wobei sie sich davon Selbstbestätigung und emotionale
Heimat erhoffen. Da aber beide Teile meistens aus der Kindheit her in der
Gefühlsbasis der Persönlichkeit geschädigt sind, treffen zwei unbeholfene
Neurosen aufeinander, die sich wechselseitig anstacheln und stimulieren.
Unbewusst und unwillkürlich geschehen Kränkungen, die nicht vergessen und
vergeben werden. Das häuft sich mit den Jahren an, und schliesslich entdecken
die Liebenden, dass sie entweder in einer Gemeinschaft der Gleichgültigkeit oder
des Hasses leben. Sobald die Affekte die Herrschaft übernommen haben, gibt es
kaum noch etwas am Partner, das als liebenswert empfunden wird. Es entsteht eine
"Paranoia zu zweit", wobei alles, was der andere tut oder sagt, negativ
ausgelegt wird. Ebenso tragisch ist es, dass auch zwischen Eltern und Kindern
oft Affektstürme entfesselt werden und das Miss- und Nichtverstehen dominant
wird. Affekte schaukeln sich beiderseits hoch und verderben die
Kind-Eltern-Beziehung. Es kann soweit kommen, dass Kinder in ihren Eltern die
schlimmsten Feinde und Widersacher sehen. Und für die Eltern wird das Kind zur
grossen Enttäuschung.
17. Alle diese Überlegungen sind wichtig für die
Psychotherapie. Man hat viele Definitionen für die Zielsetzung seelenärztlichen
Handelns propagiert. Eine davon stammt von Franz Alexander, der mit Recht gesagt
hat, dass das Wesen psychotherapeutischer Behandlung in der
"emotional-korrigierenden Erfahrung" liegt. Gewiss gibt es auch andere treffende
Beschreibungen für das, was Therapie intendiert. Unter anderem wird auf
Erinnerungsarbeit, biographisches Denken, Selbsterkenntnis und Menschenkenntnis,
Übertragungsbeziehung, Abbau von rigidem Über-Ich, Veränderungen in der
Weltanschauung und Gesinnung usw. hingearbeitet. Alle diese Aspekte sind
bedeutsam, aber in unserem Zusammenhang legen wir den Akzent auf den Affekt- und
Gefühlsbereich und seine Umstrukturierung.
Der Patient kommt mit einem verstörten und verkümmerten
Gefühlsleben in die Sprechstunde des Therapeuten. Er soll neue Gefühle erlernen,
die ihn zu einer neuartigen Lebensführung und -gestaltung animieren. In der
Psychotherapie findet eine wechselseitige Gefühlsansteckung zwischen Analytiker
und Analysand statt. Dabei versucht der Analysand nicht selten, den Therapeuten
von seiner pessimistischen und resignierten Weltsicht zu überzeugen. Hält der
Therapeut den Stürmen der Übertragung stand, und gelingt es ihm, eine
vertrauensvolle Beziehung aufzubauen und zu halten, dann bewirkt er bei diesem
ein Anwachsen von Gefühl, Ichstärke und personaler Lebendigkeit. Durch Erweckung
und Belebung der Gefühlssphäre kommt etwas zustande, was die Daseinsanalytiker
die "Überwindung der existentiellen Verschlossenheit" des Menschen nennen. Nach
der Lehre dieser Autoren ist das Dasein primär Weltoffenheit. Das Verkapseltsein
ist deshalb geradezu eine "menschliche Ursünde" (sagt Sartre). Verschlossenheit
und Verstimmtsein sind zwei Seiten derselben Medaille.
Will die Therapie grundlegend kurieren, dann sollte sie
versuchen, im Rahmen der Zusammenarbeit Verstimmung und Verschlossenheit
verringern, damit das verschüttete Gefühlsleben des Patienten zum Tragen kommt.
Das Gespräch der beiden Protagonisten sollte sich zur Welt hin öffnen, denn die
Menschenwelt und ihre mannigfaltigen Aufgaben sind die Sphären, in der sich
Gefühle entfalten und betätigen können. "Vielleicht ist dies auch eine der
besten Definitionen für die Psychotherapie: Im Verlauf einer gelingenden
Behandlung wird der Patient affektfreier und entdeckt den beglückenden Raum der
Gefühle." (Rattner 1994, 110)
Doch geht es keineswegs um Affekteliminierung. Der
Therapeut wird vielmehr auf Affektbeherrschung und Affektminimierung
hinarbeiten. Je mehr gute Gefühle geübt werden, um so stärker treten Affekte in
den Hintergrund, was es zunehmend leichter macht, sich wohlwollend und zugleich
selbstbewahrend den Mitmenschen und der Welt zuzuwenden.
18. Das Hinauswachsen über die dumpferen Formen des
Selbstseins ist schon eine philosophische Aufgabenstellung. Aus unseren
Ausführungen sollte klar geworden sein, dass Affekte nicht abgestreift werden
können wie kleine und nur oberflächlich verankerte Verhaltensanomalien. Vielmehr
sind allerlei Erkenntnisvorgänge unentbehrlich. Manche Menschen berichten davon,
dass sie durch die Erfahrung der Endlichkeit ihres Daseins und des Gewahrwerdens
von Vergänglichkeit und Tod von eingeschliffenen Affektgewohnheiten Abstand
bekamen. Auch gibt es Grenzsituationen, in denen durch Konfrontation mit
Krankheit, Schuld und Scheitern eine tiefere Solidarität mit den Mitmenschen
erworben werden kann. Philosophieren scheint also notwendig, um reifer,
wissender und weiser zu werden. Affektüberwindung heisst daher auch, sich auf
sich selbst zu besinnen und sich zu fragen, welchen Sinn man diesem endlichen
und vergänglichen Leben geben will. Soll man das bisschen Lebenszeit im Kampf
gegen sich selbst und die anderen verbringen? Soll man sich dauernd mit
Kleinigkeiten und Bagatellen abgeben, die den Ausblick auf das verstellen, was
allein und einzig nottut: Nämlich ein produktives, solidarisches und weises
Leben zu gestalten? Ein solches kann immer nur aus dem Bekenntnis zum Eros
heraus geführt werden. Die Affekte jedoch sind - und daran haben wir keinen
Zweifel gelassen - Manifestationen des Thanatos, des grossen Gegenspielers von
Liebe, Sympathie und Vernunft.
6.
Charakter und Lebensstil
Vielleicht kennen Sie diese Situation: Sie sitzen in
der U-Bahn oder im Café, oder gar in einer Hotelhalle, wie es einem Mann mit dem
Namen Peter Panter ergangen ist. Ihr Begleiter ist Nervenarzt von Beruf und hat
sich "ein bisschen mit Psychologie abgegeben". Und plötzlich fängt er an zu
reden: "Sehen Sie", sagt er, "es ist nichts als Übung. Da kommen und gehen sie -
Männer, Frauen, Deutsche und Ausländer, Gäste, Besucher ... und niemand kennt
sie. Ich kenne sie. Ein Blick (...). Ich blättere in den Leuten wie in
aufgeschlagenen Büchern." Er blickt umher. "Keine Rätsel hier - ich kenne sie
alle. Fragen Sie mich bitte." Und Sie fragen. Der alte Herr dort mit dem
Backenbart? "Das ist ein Aristokrat, unverkennbar. In dem Mann ist die ganze
alte Kultur Österreichs; irgendein ganz hohes Tier." Und die Dame dahinten, die
auf jemanden zu warten scheint? "Das ist eine der wenigen grossen Kokotten, eine
Königin der käuflichen Lust. Mir macht man nichts vor!" Und der Dicke dort mit
dem rötlichen Gesicht? "Der Mann ist Weinhändler." Und die kleine, etwas
gewöhnlich aussehende Madame? "Das ist eine brave, ordentliche Bürgersfrau aus
der Provinz." Und der da? "Das ist der typische Geldmann unserer Zeit! Ein
Raffer. Ich könnte Ihnen seine Lebensgeschichte erzählen - so klar liegt die
Seele dieses Menschen vor mir."
Mit dieser kleinen Geschichte möchte ich auf ein
Ur-Bedürfnis der Menschen aufmerksam machen. Wir möchten unsere Mitmenschen
gerne kennen, ihre Lebensgeschichte, ihre Beziehungen, ihren Beruf, ihre Art der
Lebensbewältigung. Die Fremdheit untereinander reizt uns, vom Äusseren auf das
Innere eines anderen zu schliessen. Äusserlich unterscheiden wir uns aber nicht
so sehr voneinander. Als Anhaltspunkte haben wir zunächst nur das, was aussen
sichtbar wird: Gestik, Mimik, Kleidung, Körperhaltung. Anhand dieser Merkmale
kommen wir einer Person wohl kaum auf die Spur. Oftmals erkennen wir sie erst,
wenn sie offen von sich spricht, von ihren Gedanken, Phantasien, Plänen,
Konflikten, ihren Ohnmachtsgefühlen und Wutregungen. Das Geheimnis eines
Menschen liegt grösstenteils in seinem Innenleben verborgen. Dort ist etwas, das
ihn lenkt, seine Handlungen bestimmt, seine Eigenart ausmacht. Dieses Innere
möchten wir enträtseln. Was sich äusserlich zeigt, kann aber der Versuch sein,
das Innere zu verbergen, Schwächen zu kompensieren, bestimmte Eigenschaften zur
Schau zu stellen oder zu dramatisieren. Wir kommen einem Menschen erst dann
näher, wenn wir bei ihm das begreifen, was man Charakter nennt.
Was ist eigentlich ein Charakter? Man bezeichnet die
Stetigkeit von bestimmten Verhaltensweisen, Vorlieben, Einstellungen, Emotionen,
Denkweisen, sozialen Gepflogenheiten als Charakter. In der zwischenmenschlichen
Begegnung nehmen wir ihn als ein festumrissenes Gefüge wahr, das uns nach Jahren
noch den Eindruck vermittelt: Das ist typisch für X oder Y! Im menschlichen
Miteinander finden demnach "Wiedererkennungs-Erlebnisse" aufgrund von
Charaktermerkmalen statt. Ob es sich dabei um reale Eigenschaften des Gegenübers
oder um ein Bedürfnis des Betrachters nach schematischer Wahrnehmung handelt,
sei dahingestellt. (Beides ist möglich, denn an der Charakterdiagnose sind zwei
Menschen beteiligt.) Wichtig ist zunächst, dass die ständig wiederkehrenden
Erlebens- und Verhaltensweisen tief in einem Menschen verwurzelt sind und zur
Eigenart seines Wesens gehören. Wenn jemand mit einem eigenen Trinkglas in ein
Restaurant geht, weil er sich vor Ansteckung fürchtet, wenn er aus Angst vor
Überfällen mit einer geladenen Pistole ins Bett geht und wenn er seine
Buchführung in Latein und Griechisch erstellen lässt, weil er befürchtet, man
könne seinen wahren Reichtum herausfinden, dann sagen wir: Das ist ein
misstrauischer und misanthropischer Charakter (menschenfeindlich). Und in der
Tat durchziehen diese beiden Merkmale das Leben von Arthur Schopenhauer, von dem
eben die Rede war. Hüten wir uns aber davor, aufgrund von skurrilen
Charaktereigenschaften ein bedeutendes Werk, zum Beispiel das eines Philosophen,
zu schmälern. Nietzsche sagte: "Die Gipfel von Geist und Charakter sind mitunter
nicht beieinander."
Im folgenden möchte ich Ihnen von der Doppeldeutigkeit
des Charakters berichten, über die viele Dichter und Philosophen nachgedacht
haben. Man kann diese Doppeldeutigkeit auch so betiteln (nach Nietzsche): Vom
Nutzen und Nachteil des Charakters für das Leben. Worin liegt der Nutzen eines
Charakters? Er gibt uns eine Form und ist somit für uns selbst
identitätsstiftend. Wir finden uns in ihm wieder, indem wir an uns selbst
vertraute Gefühle, Einstellungen und Handlungen wahrnehmen. Ein ausgeprägter
Charakter kann uns in Krisenzeiten Stabilität verleihen, er kann in den Wirren
des Lebens Ängste mildern und Zweifel besänftigen. Auch im zwischenmenschlichen
Miteinander hat ein Charakter eine wichtige Funktion. Er macht uns die Menschen
transparent, genauso wie wir für andere Konturen bekommen, und er lädt zur
Kommunikation ein. Viele Gespräche können als "Charakter-Kommunikation"
bezeichnet werden: Unwillkürlich suchen wir mit interessanten Menschen das
Gespräch. Für unser Selbstwertgefühl ist es besonders wichtig, wenn Freunde uns
als einen "wertvollen Charakter" ansprechen. Stimmen die entsprechenden
Eigenschaften mit den Werten der Gemeinschaft, der wir angehören, überein, dann
bekommt das Selbstwertgefühl eine soziale Dimension im Sinne von: Ich bin
wertvoll für meine Freunde oder für meine Gruppe.
Nach dem möglichen Nutzen kommen wir nun zum Nachteil
des Charakters. Lassen wir Goethe sprechen: "Der Charakter ist eine psychische
Gewohnheit, eine Gewohnheit der Seele, und seinem Charakter gemäss handeln,
heisst seinen psychischen und geistigen Gewohnheiten gemäss handeln, denn diese
sind ihm allein bequem." Der Mensch bewegt sich mit seinem Charakter also in
ewig vorgeformten Bahnen. Aus Gewohnheit und Bequemlichkeit antworten wir auf
Anforderungen oder Konflikte stets mit ähnlichen Reaktionen, immer mit den
gleichen Affekten oder demselben Verhalten. Viele Handlungen der Menschen sind
somit voraussagbar. Vor allem in festgefahrenen Partnerschaften wirft man sich
diese Eintönigkeit gegenseitig vor. Der Menschenkenner ist erschüttert über die
Zähigkeit und Trägheit der Charakterstrukur. Dabei ist dieses Phänomen durchaus
verstehbar: An den "Rändern" des Charakters, da, wo Neues lauert und möglich
ist, sitzt die Angst. Davor scheuen wir zurück, so dass das vertraute Unglück
sicherer erscheint als die unvertraute und angstbesetzte Entwicklung. Der Mensch
ist an seinen Charakter gebunden. Dieser lässt ihn bestimmte Grenzen des
Erlebens, Verhaltens, Fühlens, Denkens nicht überschreiten. Das empfinden viele
als kränkend und nähren die Illusion, sie seien flexibel und hätten gar keinen
Charakter. Mit diesem Selbstbetrug fühlen sie sich überlegen und nehmen sich die
Chance, neue Eigenschaften und Haltungen auszubilden.
Erkennen wir eigentlich ohne weiteres "starke
Charaktere"? Allgemein werden Menschen bewundert, wenn sie über
Durchsetzungsvermögen und Courage verfügen. Mit entsprechender Betonung sagt
man: Das ist ein Charakter! Nietzsche traute der Allgemeinheit allerdings keine
sachkundige Beurteilung zu. Er schrieb: "Man sagt: 'Das ist ein Charakter', wenn
er grobe Konsequenzen zeigt." In der Tat sind die Fähigkeiten zur Diagnose von
wahrer charakterlicher Stärke schwach entwickelt. Oftmals fällt der
psychologische Laie auf die "Schaumschlägereien" von aggressiven oder
überheblichen Menschen herein. Das "aufgeblasene Ich" will jedoch vor den
Mitmenschen gross erscheinen und glaubt womöglich selbst an seine "Grösse". Es
verursacht häufig sozialen Zwist und lebt in ständiger Beunruhigung. Nur ein
einigermassen ausgeglichener Charakter ist zur Menschenkenntnis fähig und hat
ein Gespür für feindselige und egozentrische Haltungen.
Im Folgenden möchte ich Ihnen etwas zur Geschichte der
Charakterkunde erzählen. Schon die Philosophen und Ärzte der Antike waren dem
Geheimnis des Menschen auf der Spur. Die Beschaffenheit des Körpers wurde zum
Ausgangspunkt für die Lehre der Temperamente. Der Arzt Hippokrates (460 - 377
v.d.Z.) erarbeitete eine Typenlehre, die später der römische Arzt Galen (129 -
199 n.d.Z.) differenzierter ausführte. Man ging davon aus, dass die Körpersäfte
unterschiedliche Menschentypen hervorbringen. Vier Temperamente wurden
entworfen: der Sanguiniker (Blutfülle), der Choleriker (gelbe Galle), der
Melancholiker (schwarze Galle) und der Phlegmatiker (Schleim). Der
österreichische Dichter Johann Nestroy hat diesen Temperamenten in einem
Theaterstück ein Denkmal gesetzt: "Das Haus der Temperamente". Nestroy lässt
alle vier Typen fortwährend ein und dieselbe Situation bewältigen. Zum Beispiel:
Nach dreijähriger Abwesenheit erwartet der Vater die Ankunft seines Sohnes. Wie
verhalten sich die verschiedenen Väter?
1. Herr Trüb tritt mit verschränkten Armen auf: "Heute
also soll ich ihn wiedersehn, meinen Sohn, den Erstgebornen der so früh
verblichenen Gattin!" (Stellt sich, tief seufzend, vor das auf der Staffelei
befindliche Bild.)
2. Herr Froh kommt fast tanzend auf die Bühne: "Mein
Bub kommt z'ruck, das ist a Passion. Ein Mordskerl muss er worden sein in die
drei Jahr', wenn er seinem Vater nachg'rat't." (Stellt sich vor den Spiegel und
richtet sich die Halsbinde wohlgefällig zurecht.)
3. Herr Fad tritt mit einer langen Pfeife auf: "Also
heut' kommt er, der Edmund! Wenn er nicht kommt, is's mir auch recht. Wenn sich
die Kinder nicht nach Haus sehnen, is es ein Zeichen, dass's ihnen gut geht."
(Setzt sich in den Lehnstuhl und schmaucht.)
4. Herr Braus tritt mit Ungestüm auf: "Wo er nur so
lange bleibt, der Teufelskerl! Um acht Uhr hätt' er schon hier sein können, das
Donnerwetter soll so einem Sohn in die Rippen fahren, den das kindliche Herz
nicht mit gebührender Eilfertigkeit in die väterlichen Arme treibt!" (Nimmt eine
auf dem Tisch befindliche Zeitung und geht, selbe hastig durchblätternd, unruhig
auf und ab.)
Natürlich müssen wir Temperament (lat. mischen, in die
richtige Ordnung bringen) und Charakter (das Gepräge) unterscheiden. Als
Temperament bezeichnen wir eine seelische Grundstimmung, die dem Körperlichen
mehr verhaftet ist als das, was wir Charakter nennen. Das Temperament wirkt von
innen heraus und gibt dem Seelischen eine Grundprägung, während der Charakter
eher in der sozialen Stellungnahme zum Ausdruck kommt.
Aristoteles beschäftigte sich mit dem Verhältnis von
Körper und Seele. Er wies darauf hin, dass jede Seele dem Körper entspricht, in
dem sie wohnt. So wie die Musik die Instrumente nutzt, so bedient sich die Seele
dem Körper. Für Aristoteles ist die Seele nicht mit dem Körper gleichzusetzen,
sie ist aber etwas am Körper. Mit dieser Auffassung, die später Nietzsche
aufgegriffen hat, ist Aristoteles ein Vorläufer der ganzheitlichen
Psychosomatik.
Im Jahre 372 v.d.Z. wurde ein Mann geboren, dessen Name
auch heute noch Erwähnung findet, wenn vom Charakter die Rede ist. Er hiess
Tyrtamos; sein Lehrer Aristoteles gab ihm wegen seines grossen Sprachvermögens
den Namen Theophrastos (372-287 v.Chr.). Von diesem umfänglich gebildeten
Gelehrten ist unter anderem die Schrift "[Ethische] Charaktere" erhalten
geblieben. Darin sind dreissig Charakterskizzen zusammengestellt, die dem Leser
menschliche, allzumenschliche Schwächen vor Augen führen und für die sicherlich
die Athener Bürger Modell gestanden haben. Theophrast wusste, dass eine
bestimmte Prägung der Persönlichkeit entsprechende Verhaltensweisen,
Einstellungen und Ansichten hervorbringt.
Eine Textprobe: "Der Schmeichler - Unter Schmeichelei
versteht man wohl ein schändliches Benehmen, das dem Schmeichler nützt, der
Schmeichler aber ist einer, der jemanden begleitet und sagt: 'Merkst du, wie die
Leute auf dich schauen. Das passiert keinem in der Stadt ausser dir. Man lobte
dich gestern in der Halle.'" Oder: "Der Redselige - Die Redseligkeit ist die
Verbreitung langer unbedachter Reden, der Redselige aber ist einer, der sich an
einen Unbekannten nahe heransetzt und zuerst ein Loblied auf seine eigene Frau
singt. Dann erzählt er, was er nachts im Traum gesehen hat, dann schildert er im
einzelnen, was es zu essen gab. Dann spricht er, langsam in Fahrt kommend,
davon, wieviel schlechter die Menschen heute sind als früher." Weiter lesen wir
vom Bäurischen, Gefallsüchtigen, Kleinlichen, Taktlosen, Prahler, Geizigen usw.
Theophrast dachte, dass sich der Mensch durch Bildung vervollkommnen kann. Er
wollte seinen Mitmenschen einen Spiegel vorhalten - und noch heute geht es uns
bei der Lektüre dieses kleinen Büchleins so, dass wir uns ertappt und erkannt
fühlen. Diese menschlichen Schwächen und Fehler haben doch eine merkwürdige
Konstanz - vor 2300 Jahren hat Theophrast diese Gedanken aufgeschrieben.
Unwillkürlich geraten wir in einen Zwiespalt: Haben sich unsere erzieherischen
Bemühungen bis heute eigentlich gelohnt oder müssen wir diese gar noch steigern,
um "bessere Menschen" heranzubilden? Oder kann uns die Erkenntnis von den ewig
unvollkommenen Charakteren milde stimmen, weil diese Schwächen offenbar zum
menschlichen Zusammenleben dazugehören? Bei genauerer Überlegung kommt man zu
dem Schluss, dass sich beide Ansichten nicht ausschliessen müssen.
Erst im 17. Jahrhundert erwachte in Europa ein
lebhaftes Interesse am menschlichen Charakter und Theophrast wurde
wiederentdeckt. Es entwickelte sich ein regelrechtes Gesellschaftsspiel,
Charakterskizzen zu entwerfen. In England schufen die Character-writers eine
eigene Literaturgattung (Joseph Hall, Thomas Overbury, John Earle), und das Buch
des Franzosen Jean de La Bruyère (1645-1696) "Die Charaktere des Theophrast"
(1688) sorgte für Aufsehen. In der Schweiz machte sich 100 Jahre später ein Mann
mit dem Namen Johann Caspar Lavater (1741-1801) Gedanken über die
Menschenerkenntnis. In seinen "Physiognomischen Fragmenten" (1755-78) versuchte
er, "durch das Äusserliche eines Menschen sein Inneres zu erkennen". Anhand von
Mund, Augen, Nase, Hände und Stirn traf er Aussagen über Charakter, Temperament
und Lebensweg. Der Pfarrer Lavater glaubte, dass alles im Menschen von der Natur
angelegt ist und im Gesicht abgebildet wird. Sein Grundsatz lautete: "Je
moralisch besser, desto schöner; je moralisch schlimmer, desto hässlicher."
Diese zweifelhafte These wurde vor allem von Georg Christoph Lichtenberg
widerlegt, der die bemerkenswerten Sätze formulierte: "Nützlicher wäre ein
anderer Weg, den Charakter der Menschen zu erforschen, und der sich vielleicht
wissenschaftlich behandeln liesse: Nämlich aus bekannten Handlungen eines
Menschen, und die zu verbergen er keine Ursache zu haben glaubt, andere, nicht
eingestandene zu finden."
Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein ist das
medizinische Denken von der Vorstellung beherrscht, der Charakter könne
unmittelbar aus der Körperbeschaffenheit abgelesen werden. Der Psychiater Ernst
Kretschmer (1888-1964) veröffentlichte 1921 sein Buch "Körperbau und Charakter".
Er unterschied darin drei Körperbautypen, denen er drei Temperamente und
Erkrankungen zuordnete. Der Pykniker ist ein rundwüchsiger Mensch mit zarten
Knochen, kurzen Gliedmassen und starker Entwicklung des Brust- und Bauchraumes.
Er neigt zu einem zyklothymen Temperament, d.h. er hat Stimmungsschwankungen,
ist allerdings insgesamt extravertiert und teilt sich gern mit. Kretschmer fand
bei seinen manisch-depressiven Patienten überwiegend Pykniker. Der Leptosom ist
ein dünnleibiger und schlankgliedriger Mensch und neigt zum schizothymen
Temperament. Er ist innerlich zerrissen, introvertiert, hochsensibel und wenig
ausdrucksfreudig. Dieser Typus erkrankt häufiger an Schizophrenie als andere.
Der Athletiker schliesslich ist muskulös und mit einem starken Knochenbau
ausgestattet. Er hat ein visköses (zähflüssiges) Temperament, was sich in einem
langsamen und schwerfälligen Gefühls- und Affektleben äussert. Diese Typologie
von Kretschmer, so differenziert sie auch sein mag, hinterlässt beim Leser den
Eindruck des "Schubladen-Denkens". Heute weiss man, dass der Psychotherapeut
seine Patienten mit solchen Etiketten stigmatisiert (festlegt), was den
Heilungsprozess nur behindert.
In den naturwissenschaftlichen Disziplinen versucht man
bis heute, den Menschen auf das Körperliche zu reduzieren. Nur selten wird diese
Tradition in Frage gestellt. Natürlich muss der Charakter mit dem Körper in
Verbindung gebracht werden. Ursächliche Auswirkungen bei der Ausgestaltung der
Persönlichkeit hat er aber nicht. Vielmehr muss das Körperliche in den
Zusammenhang von Psychischem, Geistigem, Lebensgeschichtlichem und Sozialem
gestellt werden. Erst dann eröffnen sich Möglichkeiten zum Verständnis des
Charakters. Die ersten Anstösse dazu gingen von Sigmund Freud (1856-1939) aus.
Zwar blieb auch er noch weitgehend im alten Denkmuster verhaftet, trotzdem
revolutionierte er mit seiner Psychoanalyse das medizinische Denken seiner Zeit.
Zu Beginn des Jahrhunderts betrieb Freud in Wien eine
kleine neurologische bzw. psychotherapeutische Praxis. Er hatte einen Mann in
Behandlung, bei dem ihm auffiel, dass er die Therapiestunden immer mit glatten
Geldscheinen bezahlte. Als Freud eines Tages seine Verwunderung darüber zum
Ausdruck brachte, erzählte der Patient, dass er aus Angst vor Bakterien alle
Geldscheine bügeln müsse. Für den Laien ist eine solche Zwangshandlung
unverständlich. Freud beschäftigte sich aber schon lange Zeit mit den Zwängen
und veröffentlichte im Jahre 1908 einen kleinen Aufsatz mit dem Titel "Charakter
und Analerotik". Das war die Geburtsstunde der psychoanalytischen
Charakterologie. Freud berichtet, dass er irgendwann folgenden Zusammenhang
bemerkt habe: Menschen, die unter Zwangshandlungen leiden, erzählen auffallend
oft von Kindheitserlebnissen, die mit der Darmentleerung zu tun haben. In der
analen Phase, wie Freud diesen Zeitabschnitt später nannte, müssen diese Kinder
demnach Impulsen ausgesetzt gewesen sein, die sie nicht verarbeiten konnten und
folglich verdrängen mussten. Als Kompromiss zwischen Impuls und Verdrängung
kommt es dann im Erwachsenenalter zu Zwangssymptomen oder es bildet sich - als
mildere Form - ein Zwangscharakter heraus mit den Eigenschaften der
Ordnungsliebe, der Sparsamkeit und des Eigensinns. In der Folgezeit erarbeitete
Freud drei Phasen der psychosexuellen Entwicklung, die jeweils für bestimmte
Eigenschaften verantwortlich sein sollen. Sein Grundgedanke kann wie folgt
formuliert werden, wobei ich das soziale Miteinander stärker betone, als Freud
es getan hat. Der Körper des Kindes wird von einem Libido-Strom (quasisexuelle
Energie) durchflossen, der sich an verschiedenen Körperzonen festsetzt: zu
Beginn des Lebens am Mund, ab dem dritten Lebensjahr an der Analzone und ab dem
fünften Lebensjahr am Geschlechtsorgan. Bei einer gesunden Entwicklung
durchläuft das Kind diese orale, anale und phallische Phase problemlos und
eignet sich in der Kommunikation mit den Bezugspersonen die entsprechenden
Fähigkeiten an. Die Oralität steht für das Aufnehmen und Aneignen im weitesten
Sinne. Das Kind kann nicht nur Nahrung zu sich nehmen, sondern auch Gefühle,
gute Worte, Zuwendung, Lebensfreude. Die Analität steht für das Behalten und
Hergeben. Es geht dabei nicht nur um die Sauberkeitserziehung, sondern ob das
Kind zu gepflegten Sprach-, Gefühls- und Wertmitteilungen fähig ist. Das
Phallische schliesslich steht für das Entdecken der weiblichen und männlichen
Geschlechtsorgane. Nicht nur die sexuelle Aufklärung ist in dieser Phase für das
Kind vonnöten, sondern Informationen und Erklärungen über zwischenmenschliche
Beziehungen, über die Menschheit und das Leben, über seine eigene Zukunft usw.;
das Kind will in die Kultur hineinwachsen. Kommt es jedoch in einer dieser
Phasen zu einem "Libido-Stau" oder werden die Eltern den Bedürfnissen des Kindes
nicht gerecht, so bleiben die betreffenden Eigenschaften "im Körper stecken". Es
entstehen psychische Erkrankungen zum Beispiel in Form eines ängstlichen,
depressiven, zwanghaften oder hysterischen Charakters.
Ende der 60er Jahre, mit dem Bekanntwerden der
Familientherapie in Deutschland, erschien ein Buch von Horst-Eberhard Richter
(*1923) mit dem Titel "Patient Familie". In Anlehnung an die Phasentheorie von
Freud stellt der Autor darin drei Familientypen dar. Ich werde dieses Konzept
etwas erweitern und von Familienatmosphäre sprechen. Das Atmosphärische in
Familien ist von grosser Bedeutung für die Charakterentwicklung. Je nach
Ausprägung blühen die Familienmitglieder darin auf oder sie erkranken daran. In
der psychotherapeutischen Praxis zeigt sich, dass der Therapeut bei "schwierigen
Charakteren" selten auf einzelne traumatische Situationen in der Kindheit stösst.
Erforscht er dagegen das familiäre Klima, so wird eine Charakterhaltung oder
psychische Erkrankung bald verstehbar. Immerhin ist das Kind diesen Einflüssen
vierundzwanzig Stunden am Tag ausgesetzt und selbst daran beteiligt.
Die erste Familienatmosphäre wird von Richter
"Sanatorium" genannt. Wenn wir überlegen, wie es in einem Sanatorium zugeht
("Der Zauberberg" von Thomas Mann) und wenn wir diese Bedingungen auf eine
Familie übertragen, dann können wir nachvollziehen, wie sich die
Familienmitglieder darin fühlen. Die Menschen in einer Sanatoriumsfamilie sind
rücksichtsvoll, fürsorglich, aufopfernd. Hier herrscht ein Schonklima. Sie
wollen versorgt, gepflegt und verwöhnt werden und melden Ansprüche darauf an. In
diesen Familien dominieren zwei Themen: Krankheit und Selbstmitleid. Oftmals
findet man einen Symptomträger, der seine Krankheit ausagiert und dadurch die
Atmosphäre wesentlich beeinflusst. Die anderen Familienmitglieder fassen ihn mit
Samthandschuhen an und nehmen Rücksicht mit kaum verborgenem Vorwurf. Das heisst
nicht, dass der Symptomträger der "Schuldige" ist. Alle haben vielmehr Angst vor
Krankheiten, nur dass der eine sie aktiv auslebt und die anderen sie auf den
ersten verlagern. Häufig ist ein Kind der Symptomträger z.B. durch Bettnässen,
Sprachstörung oder Hyperaktivität. Selbstmitleid kommt auf, wenn das Leben
ausserhalb der Familie ins Auge gefasst werden soll. Dieser Übergang wird als
hart empfunden und beklagt. Sanatoriumsmitglieder sind psychische "Nesthocker",
die Angst vor dem Leben haben. Auch die Ablösung der Jugendlichen von den Eltern
und umgekehrt findet nur zögernd statt. Das zuversichtliche Expandieren in die
Welt wird vermieden, ins schlechte Licht gerückt und heftig entwertet. Diese
Abwehr bezieht sich auf das natürliche Selbstwertstreben, auf Vitalität,
Sexualität und Lebensfreude. Das "kraftvolle Leben" macht Angst und löst
Aggressionen aus. Psychologisch gesehen liegt hier ein verengter Lebensentwurf
vor, der psychisch-geistiges Wachstum und soziale Interaktion weitgehend aussen
vor lässt, ohne subjektiv einen Mangel zu verspüren. In der Kommunikation sind
diese Menschen zart, einfühlend, aber auch nebulös und nicht eindeutig. Die
Mitglieder von Sanatoriumsfamilien verdrängen Konflikte und wollen in einer
"heilen Welt" leben. Da wesentliche Bereiche des Lebens ausgeklammert werden,
spricht man untereinander eine "eigene Sprache", die ein Aussenstehender nur
schwer versteht. Auch später suchen Menschen aus solchen Familien symbiotische
Beziehungen, um den ehemaligen "paradiesischen Zustand" wieder herzustellen. Das
kann jedoch nicht gelingen, und der Psychotherapeut hört in den Sitzungen
endlose Klagelieder über den unzulänglichen Partner, die egoistischen Freunde
und die ungerechte Welt. Viele "Beweise" werden dafür angeführt, und wenn der
Therapeut nicht innerlich standfest ist, dann glaubt auch er, dass "die Welt
voller Teufel wäre" (wie Luther sagt). Eine gute Psychotherapie sieht deshalb
für den Betreffenden eine Gruppenbehandlung vor. Mit einer Korrektur und
Erweiterung seiner "Sanatoriums-Optik" kann er sich mutig die Welt aneignen und
eigenständiger werden.
Die zweite Familienatmosphäre wird "Festung" genannt.
Wie geht es in einer Festung zu? Die Menschen hier sind rational, hart,
unnachgiebig, menschenscheu. Hier herrscht ein law-and-order-Klima (Gesetz-und-Ordnung)
vor. Es gibt eine strenge Hierarchie, in der eine Person das Kommando hat (das
muss nicht immer der Vater sein). Man strebt nach Macht und Überlegenheit,
möchte unabhängig und autark sein. Oftmals vertritt man die starre Ideologie
einer Religion, Partei oder Idee. Damit einher geht die Ausgrenzung der anderen
Menschen, der Sünder, Atheisten, der "roten Socken", der Menschen, die eben "im
Unrecht" sind. Hat der Sanatoriumstyp Angst vor der Welt, so bekämpft der
Festungstyp die Welt. Er glaubt sich im Kampf erfolgreich und hält sich für
etwas Besonderes. Das "Familienthema" lautet: Wir gegen die anderen, die Guten
gegen die Schlechten (Anekdote: Der Vater sagt zum Sohn: "Es gibt gute Menschen
und es gibt schlechte Menschen - und es gibt uns, die Müllers." Sartre, der das
Spiessbürgerliche auf den Punkt bringt: "Die Hölle, das sind die anderen!").
Psychologisch gesprochen werden hier eigene unerwünschte Eigenschaften auf die
Mitmenschen projiziert und bei ihnen bekämpft. Da diese Eigenschaften zur
eigenen Person gehören und nur verdrängt sind, fühlt man sich von den andern
regelrecht verfolgt. Diese kleine Paranoia (Verfolgungswahn) führt zu
erheblichen Feindseligkeiten. Menschen aus Festungsfamilien haben kaum Freunde,
weil sie entweder distanziert-misstrauisch sind oder stets die Führungsrolle
anstreben. Hat der Vater in der Familie das Sagen, dann finden
"Vater-Sohn-Dramen" statt. Auch wenn der Sohn seinen Vater ablehnt oder gar
hasst, hat er sich doch mit ihm identifiziert. So stossen zwei Dickköpfe
aufeinander, deren Rechthabereien die Familie zermürben können. Festungstypen
sind Gefühlsverdränger, weil sie befürchten, von weichen Regungen schwach und
verletzlich zu werden. Es findet aber nicht nur eine Verdrängung, sondern auch
eine Entwertung von allem Gefühlshaften, von Menschenfreundlichkeit, offenen
Gesprächen oder den Kenntnissen der Fachleute statt. Die Kommunikation mit ihnen
ist sachlich, abgrenzend, oft ironisch, die Sprache wird zur Machtdemonstration
eingesetzt. Später im Leben stellen diese Menschen ihre Familiensituation
unbewusst wieder her, obwohl sie an ihr gelitten haben und in der Gegenwart
erneut leiden. Sie halten Streit und Zank für Liebe, Machtgebaren für
Beziehungsfähigkeit, und sehen im Geldverdienen ihr Lebensglück. Eine
psychotherapeutische Behandlung nehmen sie nur bei starkem Leidensdruck auf. In
den Sitzungen wollen sie dominieren, sind verschlossen und können sich nichts
sagen lassen. Das Kämpferische kann sich schnell gegen den Therapeuten wenden.
Eine wesentliche Korrektur besteht aus dem Sichanfreunden mit den Menschen. Erst
durch die dabei entstehenden Gefühle können sie auf Machtgebaren verzichten.
Die dritte Familienatmosphäre wird "Theater" genannt.
Was ist im Theater bzw. in einer Theaterfamilie los? Diese Menschen sind
ausgelassen, lebendig, aufgedreht: sie spielen ständig eine Rolle, sowohl
voreinander als auch vor Aussenstehenden. Sie wollen im Mittelpunkt stehen,
haben das Bedürfnis nach Geselligkeit, nach Trubel, nach Applaus. Es herrscht
ein Klima der Aufgeregtheit vor. Ihre Emotionen sind sehr wechselhaft: Hochs und
Tiefs werden ausgelebt. Da in der Familie niemand weiss, welche Bedeutung eine
Aussage oder ein Erlebnis für den Betreffenden wirklich hat, gehen alle auf
Distanz zueinander. Man begegnet sich unverbindlich und nimmt gekünstelt
Beziehung auf. Jede Bagatelle erscheint unendlich wichtig und konnte nur
demjenigen so passieren. Die eigene "Grösse" und "Herrlichkeit" wird
unaufhörlich angesprochen und von allen Seiten beleuchtet. Man strebt nach
Erfolg, nach Prestige, gibt sich extravagant und erzählt davon. Die Welt ist
Publikum - ihr wird keine andere Wahl gelassen. Psychologisch liegt hier ein
starker Lebenshunger vor. Die innere Leere wird von aussen aufgefüllt und als
eigene Innerlichkeit dargeboten. Menschen aus Theaterfamilien versuchen sich und
den Mitmenschen zu beweisen, dass das eigene Getue die eigentliche Welt ist und
die Welt nur ein Theater. Damit wird alles Wertvolle im Leben diffamiert.
Besonders verdrängt und abgewertet werden das Kontemplative (Besinnliche), die
Ruhe, mitfühlendes Verständnis, Sachbezogenheit, die Tatsachen des Lebens wie
z.B. das Älterwerden. Der Menschenkenner weiss, dass der Theatertyp im "stillen
Kämmerlein" häufig unter Depressionen leidet, die durch öffentliche Szenerien
nur mühsam abgewehrt werden. In der Kommunikation ist er überschwenglich,
bedrängend, atemlos und anerkennungshungrig. Der Gesprächspartner wird zum
Statisten degradiert. Später im Leben wird genauso wie in der Familie die Aktion
gesucht - es soll nur keine Langeweile aufkommen. Es ist erstaunlich, welches
Unglück und Leid manche Menschen auf sich nehmen, nur um an ihrer
Charakterschablone festhalten zu können. Auch in die Psychotherapie bringen sie
ihre Charakterstruktur mit. Wenn der Therapeut kein lebendiges und konsequentes
Gegenüber ist, dann kann das Therapiezimmer zur Bühne werden. Ein
Tiefenpsychologe hat allerdings ein wohlüberlegtes Konzept der psychischen
Gesundheit. Daran hält er fest, ohne seine Patienten "über einen Kamm zu
scheren". Menschen aus Theaterfamilien suchen krampfhaft nach Identität: Wer bin
ich eigentlich? Auf der Grundlage von Wahrhaftigkeit arbeitet ein
Psychotherapeut mit ihnen heraus, unter welchen Bedingungen sich ein Mensch
entwickeln kann und wie sich Identität anfühlt. Auf "Theater" zu verzichten
erfordert eine gehörige Portion Mut, Können und ruhige Selbstwahrnehmung.
Der Psychoanalytiker Richter hat nur drei Familientypen
formuliert. Josef Rattner (*1928) erweitert diese Trias und nennt noch andere
Familienatmosphären: Kasernenhof (Befehle, ständige Ge- und Verbote, harte
Strafen, Dressur, Moralpredigten sind an der Tagesordnung), Marionettentheater
(die Eltern haben die Fäden in der Hand und lenken ihre Kinder), Kloster
(Ablehnung des Sexuellen als Schund und Schmutz, dauerndes Moralisieren),
Gerichtshof (es wird angeklagt, verurteilt, bestraft, beschimpft, vorgeschrieben
und das "Familiengesetz" befolgt), Bahnhof (ein Kommen und Gehen ohne echte
Bindung), Dschungel (alles schreit durcheinander, es herrscht ein Dickicht von
Affekten, Stimmungen, Meinungen vor), Matriarchat (ein Frauenhaushalt mit
rivalisierender Mutter, Oma und Tante; jede will etwas "zu sagen haben").
Letztlich ist es möglich, für jede Familie einen eigenen Typus zu finden. Ferner
bekommt man bei dieser Theorie den Eindruck, dass die Charakterstruktur eines
Menschen kausal (ursächlich) aus den Familiengegebenheiten abgeleitet werden
kann. In der Praxis mit Patienten erfährt der Psychotherapeut aber bald, dass
die Sache komplizierter ist. Das möchte ich Ihnen am Charakterkonzept von Alfred
Adler (1850-1937) verdeutlichen. Der Begründer der Individualpsychologie hat
Ideen und Gedanken geäussert, die noch viel zu wenig bekannt sind.
Mit seiner Schrift "Über den nervösen Charakter" aus
dem Jahr 1912 hat Adler die moderne Charakterkunde aus der Taufe gehoben. Er
leitete mit seiner Individualpsychologie einen Paradigmenwechsel in Psychologie
und Psychotherapie ein. Durch die Umorientierung von der natur- zur geistes-
bzw. kulturwissenschaftlichen Vorgehensweise gelang es bedeutend besser, das
menschliche Subjekt in seiner Ganzheit und Individualität zu erkennen. Während
Sigmund Freud noch die menschlichen Eigenarten auf spekulative Triebvorgänge
zurückführte, näherte sich Adler dem Menschen von der charakterlichen Seite an.
Indem sich zwei Charaktere - Patient und Psychotherapeut - begegnen, nehmen sie
Beziehung zueinander auf, treten in den Dialog, erörtern Lebensprobleme und
besprechen psychologische Themen. Die verbindenden Charaktereigenschaften des
Patienten werden dabei gestärkt wie z.B. Wohlwollen, Mitgefühl,
Hilfsbereitschaft, Humor, Geduld, Mut, Einsicht, Liberalität. Die trennenden und
zugespitzten Charaktereigenschaften erfährt der Therapeut an der eigenen Person
und kann sie behandeln. Adler erkannte nämlich, dass alle Menschen mit
psychischen und psychosomatischen Erkrankungen in einem Kampfverhältnis zu den
Mitmenschen stehen. Da es in diesem Kampf um die überlegene Stellung geht, hat
der Patient über Jahre bzw. Jahrzehnte aggressive Charakterzüge trainiert:
Misstrauen, Ehrgeiz, Eitelkeit, Machtgier, Neid, Geiz, Hass, Wut, Missmut,
Distanziertheit, Anspruchshaltung, Überempfindlichkeit, Angst usw. Mit diesen
Haltungen, die er irgendwann für "normal" hält, wird er jedoch kein Mitspieler,
sondern ein "Spielverderber". Die soziale und kulturelle Integration wird
verhindert und der Betreffende verhält sich "ichhaft": Er ist für die
Lebensaufgaben nicht vorbereitet. Adler führte damit einen Wertmassstass in die
Diskussion ein, an dem ein Charakter auf seine soziale Verträglichkeit hin
gemessen werden kann.
Wie entsteht eine Charakterstruktur? Adler hat
dargelegt, dass die subjektiven Antworten, die das Kind aufgrund der
vielfältigen Herausforderungen des Lebens gibt, entscheidend für seine
Charakterausprägung sind. Auf alles muss sich das Kind einstellen und eine
individuelle Antwort geben: auf die affektive Stimmung in der Familie, die
Charaktere von Mutter und Vater, auf die Stellung in der Geschwisterreihe, auf
die eigene Körperlichkeit, das soziale Umfeld, die ökonomische Situation der
Familie, auf Krankheiten, Schicksalsschläge usw. Entscheidet sich das Kind für
die Kooperation oder für den Trotz? Geht es auf die Menschen zu oder
verschliesst es sich? Hat es den Mut, sich die Welt anzueignen oder ist es
mutlos? Fasst es nützliche Ziele ins Auge oder ist es ohne Orientierung? Mit den
Antworten darauf entsteht für das Kind eine Richtung, durch die das "Chaos des
Lebens" gebändigt wird. Es bildet sich das heraus, was Adler "Lebensstil"
nannte. Mit dieser lenkenden Kraft bewältigt das Kind fortan sein Leben.
Das Wort "Stil" wird in der Kunst gebraucht und
bezeichnet die Einheit des Mannigfaltigen, es ist die Fuge, die alle Fakten
zusammenfügt. Mit dem Konzept vom Lebensstil erweiterte Adler die Theorie vom
Charakter grundlegend. Letzteres benennt das Gleichbleibende der Eigenschaften.
In seinen konstanten Reaktionsmustern erscheint der Mensch statisch. Im
Gegensatz dazu betont der Lebensstil das Gestaltungsprinzip des einzelnen. Damit
wird der Blick auf das Dynamische bzw. die Bewegung gelenkt - die
Strebensrichtung und die Werte werden sichtbar. Der Lebensstil zeigt sich im
Charakter und umgekehrt. Zum Beispiel kann der Lebensstil, immer der erste sein
zu müssen, einen aggressiven Charakterzug beinhalten. Oder: Ein aggressiver
Charakterzug kann den Lebensstil implizieren, immer der erste sein zu müssen.
Ein anderes Beispiel: Ein Mann sucht eine Partnerin. Er ist aber sehr
schüchtern. Mit dem Charakterkonzept kann der Therapeut die Schüchternheit
feststellen und auf Überwindung hinarbeiten. Mit dem Konzept des Lebensstils
erkennt er in der Schüchternheit eine Eigenaktivität. Er stellt die Frage, wozu
dem Betreffenden die Schüchternheit wohl dient, wozu er sie "einsetzt". Die
Antwort ist individuell. Vielleicht will sich der Schüchterne vor dem Leben
absichern. Dahinter kann sich das Ideal nach Autonomie verbergen. Alfred Adler
fragte seine Patienten manchmal: "Was wäre, wenn Sie das Symptom nicht hätten?"
Der Schüchterne antwortet vielleicht: "Ich hätte eine schöne Partnerschaft und
könnte freier leben." Darauf sagte Adler: "Genau das möchten Sie vermeiden!"
"Aber warum?" fragt der Patient wahrscheinlich. Der Individualpsychologe Rattner
pflegte daraufhin zu antworten: "Das sage ich Ihnen, wenn Sie die Schüchternheit
etwas abgelegt haben!" Diese Antwort ist sinnvoll, weil man tausend Gründe
nennen könnte. Das Bedürfnis des Patienten nach "wahrhaftigen" theoretischen
Erklärungen kann hingegen ein neuer Versuch sein, sich vor dem Leben
abzusichern. Wenn sich der Psychotherapeut darauf einlassen würde, wäre er
"Komplize" des Patienten.
Das Konzept vom Lebensstil wirft ein neues Licht auf
unser Thema. Es geht nicht mehr um ein beharrlich wiederkehrendes
Reaktionsschema, sondern um ein gestaltendes Prinzip, das in jedem Menschen
wirksam ist. Damit formen wir unser Dasein und nehmen zu allen Lebensaufgaben
handelnd Stellung. Diese Stellungnahme kann verweigernd sein, mutig,
ausweichend, umwegig, zögernd, grosstuerisch, sachlich usw. Leider kennen wir
unseren Lebensstil nicht. Wir "leben ihn aus", verteidigen unsere Handlungen,
wenn Kritik von anderen kommt, halten an ihm krampfhaft fest, weil er vielleicht
in der Kindheit unter schwierigen Bedingungen einmal sinnvoll gewesen ist. Zur
Aufhellung und Bewusstwerdung unseres Lebens, zur Selbsterkenntnis und
Menschenkenntnis muss dieses gestaltende Prinzip zweifellos erkannt werden.
Individualpsychologische Psychotherapeuten gehen
manchmal so vor, dass sie versuchen, die herrschende Leitidee oder das Leitmotiv
des Patienten zu erforschen. Auf dem Hintergrund einer gewachsenen
Therapeut-Patient-Beziehung und vielen Informationen fühlen wir uns ganz in
unser Gegenüber ein. Dann versuchen wir, aus der subjektiven Sicht des Patienten
einen Satz zu formulieren, nach dessen Regeln er sein Leben lebt. Zum Beispiel:
"Wenn ich nicht kämpfe, dann gehe ich unter!" Einen solchen Satz sagt sich der
Patient nicht vor, sondern das im Satz Konkretisierte wirkt diffus emotional -
es wirkt wie ein Schwur, wie eine immerwährende Selbstsuggestion. Im Laufe einer
psychotherapeutischen Behandlung wurde bei einem Patienten einmal das Leitmotiv
formuliert: "Von mir kriegt keiner was!" Bei dem Betreffenden handelt es sich um
einen verschlossenen jungen Mann, der in der Kindheit sehr verwöhnt wurde. Er
spricht zögernd und stockend und Gefühle werden nur sparsam "verteilt". Durch
die psychotherapeutische Behandlung ist er im Beruf tüchtiger geworden, doch
lässt er seine Freunde und auch den Therapeuten daran nicht teilhaben durch
Sich-mitfreuen. In den Sitzungen wurde herausgearbeitet, dass die Stimmung der
Verweigerung in der Pubertät entstanden ist. Oftmals hat er sich wutentbrannt in
sein Zimmer zurückgezogen, weil ihm alle Menschen "auf die Nerven" gingen. Der
Hintergrund bestand aus Konflikten mit den Eltern, einer Enttäuschung in der
Liebe und Misserfolge in der Schule. Statt die allgemeine Aufforderung des
Lebens anzunehmen, Krisen zu bewältigen und das eigene Dasein nützlich zu
gestalten, verschloss er sich und wandte sich den Aussenseitern der Gesellschaft
zu. Durch das "Gelübde" schnitt er sich alle emotionalen Regungen ab. Er meinte,
nun ein Mittel zu besitzen, gegen Niederlagen, Fehlschläge und Frustrationen
immun zu sein. Dass auf diese Weise eine allgemeine psychische Verarmung
verbunden war, erlebte er jedoch als äusserst ärgerliche "Nebenwirkung". Das
Leiden an der "Anästhesie (Unempfindlichkeit) des Gefühlslebens" und
unerklärliche Angstzustände veranlassten ihn, eine Psychotherapie aufzunehmen.
Der Lebensstil des Patienten liegt nicht an der
Oberfläche, sondern muss mühsam gesucht werden. Ein Psychotherapeut weiss, dass
er mit dieser "aufdeckenden Intervention" sehr vorsichtig umzugehen hat. Zu
bedenken ist ausserdem, dass diese Vorgehensweise nur das Neurotische eines
Patienten benennt. Noch wichtiger ist es, den Hilfesuchenden auf die Zukunft
hinzuweisen, in der seine seelische Gesundung liegt. Es werden Ziele mit ihm
formuliert, die in seinen Möglichkeiten liegen, nach denen er sich sehnt und auf
die hin er sich entwickeln möchte. Häufig können die Lebensziele erst in einer
vertrauensvollen Beziehung ausgearbeitet und in einer Gruppentherapie in der
Identifizierung mit anderen gespürt werden. Psychotherapie von
Charakterstörungen oder eines neurotischen Lebensstils beinhaltet eine
umfängliche Umstellung der Persönlichkeit. Mit Tricks ist da nichts zu machen.
Da der Mensch zur Ausformung seines Lebensstils aktiv beigetragen hat, kann er
Fehlentwicklungen mit Hilfe eines Psychotherapeuten auch wieder aktiv
korrigieren. Letztlich geht es darum, seinem Charakter Stil zu geben, wie
Nietzsche sagte. Diese Kunst übt der, "welcher alles übersieht, was seine Natur
an Kräften und Schwächen bietet." Dann fügt er seine Eigenschaften "einem
künstlerischen Plan" ein, bis sie als Kunst und Vernunft erscheinen "und auch
die Schwäche noch das Auge entzückt." Sind wir zu diesem hohen Können überhaupt
schon fähig? Der schottische Arzt Samuel Smiles, ein Zeitgenosse Nietzsches,
wies auf die Bedeutung unseres Themas für die Erziehung hin: "Wenn Charakter
eine so feste und zeitüberdauernde Struktur hat, dann müssten wir doch alles
dafür tun, dem Kind einen 'guten Charakter' einzupflanzen. Die Charakterbildung
ist eine der grossen bewegenden Kräfte in der Welt."
Kommen wir zum Schluss zu unserer kleinen Geschichte
vom Anfang des Vortrags zurück. Sie erinnern sich: Ein Nervenarzt betrachtet die
Menschen, die sich in einer Hotelhalle aufhalten, und schaut ihnen in die Seele.
Schliesslich verabschiedet er sich und sein Gesprächspartner Peter Panter bleibt
zurück. Diesen packt die Neugier. Durch eine kleine Bestechung bringt er den
Hotelportier zum Sprechen. Es kommt folgendes heraus: Der österreichische
Aristokrat ist ein Nähmaschinenhändler aus Gleiwitz. Die Königin der käuflichen
Lust ist eine Mrs. Bimstein aus Chicago. Der Weinhändler ist der Clown Grock.
Die Bürgersfrau aus der Provinz ist Besitzerin eines Restaurants in Marseille
und der freche Geldmann ist ein junger Dichter. Zum Schluss heisst es in der
Geschichte: "Nur der Psycholog' war ein Psycholog'." Menschenkenntnis ist also
ein schwieriges Unternehmen. Fest steht aber unumstösslich: Peter Panter ist
Kurt Tucholsky.
7.
Theorie der Träume
1. Träume - so heisst es - geben Aufschluss über das
Seelenleben des Menschen. Seit Urzeiten haben sich die Menschen mit Traumdeutung
beschäftigt. In Mythen und Sagen, auch in der Bibel werden immer wieder Träume
erwähnt und gedeutet. Man glaubte schon immer zu wissen, dass Träume nicht
zufällig geträumt werden.
Wie alle psychischen Phänomene hat auch der Traum und
die Vorstellung vom Traum während der geschichtlichen Entwicklung einen
vielfältigen Bedeutungswandel durchgemacht. Die ganz alten Auffassungen gehen
dahin, dass Götter oder Dämonen die Träume verursachen, wobei Götter die guten
Träume machen, während die Dämonen die bösen Träume schicken, die uns warnen
oder vielleicht sogar vernichten sollen. Die Grundauffassung dabei war, dass die
Träume von aussen kommen.
Eine zweite grosse Anschauung betrachtet den Traum als
Ergebnis einer Seelenwanderung des Nachts, wobei ein gefährlicher Zustand
entsteht, wenn der Träumer noch vor Ende des Traumes geweckt wird, weil seine
Seele nun nicht genug Zeit hat, zurückzukehren. Der Traumdeuter hat die Aufgabe,
die Seele oder einen Teil davon wiederzufinden und in den Körper
zurückzubringen.
Die sogenannten primitiven Kulturen kennen den "grossen"
Traum von kultureller Bedeutung, geträumt und verkündet von hochstehenden
Persönlichkeiten des jeweiligen Kollektivs, verbunden mit einem überwältigenden
Gefühl von Ehrfurcht, Schauer und Faszination. Sie sind beeindruckend, weil
Schamenen und Medizinmänner nach allgemeiner Überzeugung Zugang zu
übernatürlichem Wissen haben. Man wartet auf diese Träume vor grossen
Ereignissen. Die Stämme lassen sich bei allen wichtigen Entscheidungen des
Lebens davon leiten. Sie werden für reale Erfahrungen gehalten.
In den frühen antiken Kulturen erhoffte man sich in
erster Linie rettende Warnungen vor künftigen Ereignissen. Ihre Deutungen in den
überlieferten Traumbüchern kommen uns ein wenig wie "wilde Analyse" zu. Die
Ägypter versuchten künstliche Erzeugung von Träumen in besonderen Situationen,
zum Beispiel bei einer Krankheit zum Zwecke der Heilung. Serapis war der
ägyptische Gott des Traumes, dem etliche Tempel überall im Land geweiht waren
(sie hiessen Serapium). Traumsymbole wurden auf eine direkte Art gedeutet,
beispielsweise, wenn jemand von der Entblössung seines Hinterteils träumte,
bedeutete dies, dass er seine Eltern verlieren werde. Das Trinken von Wasser
deute auf ein langes Leben hin. Wenn ein Kranker vom Sterben träumte, war dies
keine Warnung vor dem Sterben, sondern bedeutete, dass er wieder gesund wird.
Die Verkehrung ins Gegenteil, von der Freud im 19. Jahrhundert spricht, war auch
damals schon bekannt und machte die Traumsymbolik und ihre Deutung im Grunde zu
einem Glücksspiel. Viel Zeit wurde damit verbracht, wahre Träume von falschen
und böse von guten zu unterscheiden. Homers Unterscheidung, wahre Träume kämen
durch die "Pforte aus Horn" und falsche Träume durch die "Pforte aus Elfenbein",
hängt mit einem griechischen Wortspiel zusammen, wie überhaupt Traumdeutung oft
mit der Verschiebung innerhalb von Wortspielen zu tun haben (wie bei dem entblössten Hinterteil), so dass uns die Deutungen von Träumen aus alten
Sprachen heute kaum noch verständlich sind.
Der griechische Arzt Hippokrates (460 - 377 v. Chr.)
versuchte aus Träumen den bevorstehenden Ausbruch seelischer oder körperlicher
Erkrankungen zu prognostizieren, so wenn er meinte, dass der Traum von Quellen
oder Flüssen auf drohende urogenitale Probleme hinweise. Träume spielten aber
nicht nur für die Gesundheit eine Rolle, sondern auch bei den Fragen der besten
Zeit zum Säen und Ernten, für Reisen und andere Unternehmungen. Die Menschen
suchten überall nach Hinweisen in einer Zeit, als es noch keine Armbanduhren,
Kompasse, Karten und Wetterberichte gab. Modern muten Platos Gedanken zum Traum
an, wenn er schreibt, dass wir im Schlaf Dinge tun, die wir in der Realität aus
Scham unterlassen würden. "Der Tugendhafte begnügt sich, von dem zu träumen, was
der Böse im Leben tut."
Man handelte oft entsprechend seinen Träumen, ohne sie
zu hinterfragen, oder sie wurden falsch interpretiert oder sie wurden ignoriert.
Eine verlässliche Traumdeutung gab es wohl schon damals nicht. Das erlebte
Xerxes, als er seine Armee in den Untergang führte, nachdem er aufgrund seiner
Träume zu der Überzeugung gelangt war, dass ein Angriff auf Griechenland ihm den
Sieg bringen würde. Einer der berühmtesten prophetischen Träume wird von Cicero
erzählt: "Der Dichter Simonides, der einst den Leichnam irgendeines Unbekannten
unbeachtet am Strassenrande angetroffen und für seine an-ständige Bestattung
gesorgt hatte, wurde, als er später eine Schiffsreise unternehmen wollte, von
dem dankbaren Toten im Traume gewarnt: wenn er führe, würde er durch Schiffbruch
umkommen. Er fuhr nicht und alle die fuhren kamen um." Es wird berichtet, dass
dieses Ereignis im Zusammenhang mit dem Traum auf Jahrhunderte hinaus ungeheures
Aufsehen und einen tiefen Eindruck auf die Menschen gemacht hat. Calpurnias
Traum von der Ermordung Cäsars blieb hingegen unbeachtet (Calpurnia war Cäsars
Gattin). Wenn von einem bevorstehenden Tod geträumt wurde, beispielsweise
Lincolns eigener Tod wenige Tage vor dem Attentat, oder Bischof Lanyi in der
Nacht vor der Ermordung Erzherzogs Franz-Ferdinand, so kann der Tod oder der
Mord dann doch nicht verhindert werden, so dass sich die Frage nach dem Sinn
eines solchen prophetischen Traumes stellt, selbst wenn die Prophetie eintritt.
Wir wissen auch nichts über die vielen Träume, die einen Tod prognostizieren,
ohne dass dieser eingetreten ist, denn der Träumende wird sich nicht der
Lächerlichkeit preisgeben wollen.
Bodenständiger ist Aristoteles Theorie, wonach im Traum
Gedanken auftauchen, an denen sich der Träumer dann am nächsten Tag oder in der
Zukunft orientiere. Das erinnert an Alfred Adler und dessen These von der
teleologischen und in die Zukunft gerichteten Funktion des Traums. Aber mit
prophetischen Träumen ist es wie mit Gesundbeterei: Ein Erfolg wiegt tausend
Fehlschläge auf. Es ist nicht verwunderlich, dass bei sehr vielen Träumen,
wenigstens bei einigen eine Übereinstimmung mit späteren Ereignissen auftritt.
Ein berühmtes Beispiel ist Josefs Deutung, der Traum des Pharao von sieben
fetten und sieben mageren Kühen bedeute, dass auf sieben gute Jahre sieben
Hungerjahre folgen würden. Der bekannteste Traumdeuter des Talmud ist Hista, der
sagte, ein nicht gedeuteter Traum sei wie ein ungelesener Brief. (Stevens 1996,
41)
Die moderne Auffassung vom Traum wurde von Heraklit
(550 - 480 v. Chr.) begründet. Er war der erste, der Träume als gewöhnliche
Erscheinung des schlafenden Geistes auffasste und sich von dem Götter- und
Dämonenglauben befreite. Seines Erachtens war das wache Bewusstsein für den
Menschen wichtiger als seine Träume und genau dies ist heute auch die Auffassung
der Mehrheit der gebildeten Menschen in der westlichen Welt. (Stevens 1996, 35)
Nach heutiger Überzeugung sind Träume natürliche Phänomene, ein Ergebnis der
normalen Hirntätigkeit im Schlaf, wenngleich diese Tätigkeit nicht so gerichtet
und geordnet ist wie unter dem Einfluss des wachen und disziplinierten Willens.
Gegenwärtig besteht aber kein Konsens darüber, ob Träume etwas bedeuten und ob
man ihre Bedeutung herausfinden kann. (Stevens 1996, 24/25) Vielleicht werden
wir die Bedeutung der Träume niemals ergründen können.
2. Indem die Romantiker die Träume so stark betonten,
bereiteten sie den Boden vor für das Unbewusste, auf dem dann Freud, Adler und
Jung ihre Systeme aufbauten. Sigmund Freud (1856 - 1939) sah bekanntlich die
Traumdeutung als die Via Regia zur Kenntnis des Unbewussten an. Das gesamte
letzte Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts hindurch beschäftigten ihn die Inhalte von
Träumen und deren Entstehung, was 1900 in die Veröffentlichung der
"Traumdeutung" mündete. Freud glaubte, nachdem er den Traum von Irmas Injektion
1895 geträumt hatte, dass Träume die Erfüllung eines verborgenen Wunsches
enthielten, ohne zu bemerken, dass er sich damit selbst einen Wunsch erfüllte.
Er war sich sicher, dass er damit das Rätsel des Traumes gelöst und eine
Entdeckung von epochaler Bedeutung gemacht hatte (Stevens 1996, 55). "Dieses
aussergewöhnliche Buch hat der theoretischen Erforschung des Traums im 20.
Jahrhundert den Weg gewiesen", sagt Stevens (ebd., 56).
Das Verfahren der "Traumdeutung" war nichts weiter als
die freie Assoziation einerseits und die Deutung aufgrund von Vorannahmen
andererseits. Beide sind überhaupt Grundlage der Psychoanalyse. Bei der Deutung
eines Traumes jedenfalls assoziiert man am besten zu jedem einzelnen konkreten
Traumbild, bis ein Netz zusammenhängender Gedanken entstanden ist, das eine
Verbindung zwischen dem Traum einerseits und den gegenwärtigen Lebensumständen
sowie Erinnerungen aus der Vergangenheit andererseits herstellt. Im Prinzip
übertrug Freud seine Vorstellungen von der psychopathischen Genese auf das
Traumgeschehen: Gefühle und verschüttete Erlebnisse, die als potentiell
bedrohlich oder gefährlich empfunden werden, werden aus Selbstschutzgründen aus
dem Bewusstsein verbannt, können aber, da sie als unbewusstes dynamisches
Potential fortwirken, sich in Symptomen manifestieren - und, wie Freud zu
erkennen glaubte, auch in Träumen.
Der Traum aller Träume ist der von "Irmas Injektion".
Freud hatte 1895 eine junge Witwe psychoanalytisch behandelt, mit mässigem
Erfolg. Er hatte der Patientin eine Lösung für ihre Probleme vorgeschlagen, die
ihr nicht annehmbar erschien. Freud träumte nun, er treffe Irma und einige
Mediziner-Freunde und stellte im Traum fest, dass es Irma schlecht gehe, weil
ein Freund namens Otto ihr eine Injektion mit einer unreinen Spritze und einem
falschen Medikament gegeben habe. Warum ist dieser Traum eine verkappte
Wunscherfüllung? Weil er Freud scheinbar bestätigte, dass er an Irmas Unwohlsein
nicht beteiligt sei, vielmehr Otto die Schuld trage. Das Motiv des Traums ist
also der Wunsch, Freud möge nicht Schuld an Irmas Unwohlsein sein. Das ist das
Ergebnis von gedanklichen Assoziationen, die in der "Traumdeutung" fast zehn
Seiten einnehmen. Freud umgeht dabei die Frage, welchen Anteil dabei verborgene
sexuelle Wünsche haben, obwohl er doch für die Entstehung neurotischer Symptome
die sexuellen Triebe für entscheidend ansah. Obwohl Freud diesem Traum so viele
Seiten widmet, wirft seine Deutung mehr Fragen auf, als sie beantwortet.
Tatsächlich bemerkt der aufmerksame Leser der "Traumdeutung" einen diskreten
Schleier über den potentiell sexuellen Wünschen Freuds. (Stevens, 64/69)
Freuds Traumtheorie beinhaltet folgende Grundaussagen:
Alle Träume sind Entstellungen verdrängter Wünsche; alle wurzeln in der Kindheit
und gewöhnlich sind die Wünsche sexueller Natur; ein "Zensor" verschlüsselt des
Nachts den latenten (wahrhaftigen) sexuellen Trauminhalt und man erinnert sich
nur an den manifesten (vordergründigen) Traum; der manifeste Trauminhalt hängt
stets sowohl mit den Ereignissen des letzten Tages wie mit Erinnerungen und
Wünschen aus der Kindheit zusammen; konkrete Gegenstände im Traum drücken immer
sexuelle Gedanken, Konflikte oder Wünsche aus; und schliesslich: "der Traum ist
der Hüter des Schlafs", d.h. äussere Störungen (Glockenläuten) werden in den
manifesten Trauminhalt integriert, damit der Schläfer weiterträumen kann. Um vom
latenten zum manifesten Trauminhalt zu kommen, bedient sich der Zensor der
Verschiebung (ein potentiell beunruhigender Gedanke wird in ein verwandtes,
aber weniger beunruhigendes Bild verwandelt), Verdichtung (mehrere
Gedanken werden zu einem Bild zusammengefügt, beispielsweise mehrerer Personen
in einer Person), Verkehrung ins Gegenteil, Darstellung durch Symbole
(ein neutrales Bild wird zur Darstellung eines potentiell beunruhigenden,
meist sexuellen Gedankens verwendet) und Verwandlung von Worten in Bildern.
Insbesondere der Sexualsymbolik wurde von Freud und seinen Epigonen viel Platz
eingeräumt. Jeder spitze Gegenstand erinnerte an einen Penis, jede Höhle an eine
Vagina.
"In der kategorischen Form, wie Freud seine
Behauptungen aufstellt, sind sie nicht richtig", urteilt Stevens und spricht
damit aus, wovon heute bis auf die beinharten Freudianer alle überzeugt sind.
"Freuds Laster als Theoretiker sind Dogmatismus und zu weit gehende
Verallgemeinerungen." (Stevens 1996, 70) Freud geht selbst auf einige Einwände
ein und bedient sich dabei des Arguments, dass dem manifesten Trauminhalt immer
ein latenter (das heisst wahrer oder richtiger) Trauminhalt zugrunde liegt, den
es zu eruieren gelte. Wenn also nichts Sexuelles im manifesten Trauminhalt
auftauche, so bedeute das nichts, da der latente Trauminhalt immer auf Sexuelles
hinweise. Auf diese Art und Weise kommt erstens bei der Traumdeutung à la Freud
nie mehr heraus, als was nach seiner Theorie im Traum drin stecken darf. Diese
Auffassung kann der schrankenlosen Freiheit des Traumlebens nicht gerecht
werden. Zweitens kann man aus einer Auseinandersetzung mit Freud niemals als
Sieger hervorgehen. Wer seiner Theorie nicht folgen wollte, dem unterstellte
Freud Vermeidung, Verdrängung und Verleugnung der Wahrheit. Freud wollte immer
Recht behalten. Natürlich hatte Freud in manchem recht, aber mit Sicherheit
hatte er nicht immer recht. Seine Theorie musste vor solchen Traumphänomenen
kapitulieren, die, wie der Albtraum, zum Aufwachen führen und damit nicht als
Hüter des Schlafes angesehen werden können. Diese Lücke der Traumdeutung konnte
sein Theorie nicht schliessen.
Ein entscheidender Punkt der Freudschen Traumdeutung
muss noch erwähnt werden: Der Inhalt erschliesst sich über die freie
Assoziation, aber es ist völlig unklar, warum der Zensor, der im Schlaf die
sexuellen Wunscherfüllungsphantasien in harmlose Bilder verwandelt, im Wachsein
der freien Assoziation weniger aufmerksam sein sollte. Das heisst, es ist
wahrscheinlich, dass die freie Assoziation ebenso verhüllt und verschleiert, wie
es der Zensor angeblich im Schlaf tut. Oder umgekehrt: Die freie Assoziation ist
wahrhaftig und so ist auch der Traum; die Annahme eines Zensors ist überflüssig.
Aus Freuds Unlogik kann keine Wahrheit entstehen. Und tatsächlich lässt sich
Freuds Wunscherfüllungstheorie im Experiment nicht bestätigen. Man hat Menschen
hungrig, durstig oder mit Harndrang ins Bett gehen lassen in der Hoffnung, sie
würden sich im Traum ihre harmlosen, weil nichtsexuellen Wünsche nach Nahrung
oder Toilettegehen erfüllen. Nichts dergleichen geschah. Schläfer mit voller
Blase gaben im Traum nicht dem Impuls zum Urinieren nach. Weil Träume kein
Tummelplatz für verkleidete Sexualwünsche sind, ist es auch unsinnig, sie nach
allgemein gültigen Symbolen zu durchsuchen, deren Sinn sich in Büchern
nachschlagen liesse.
So gut wie keiner der psychologischen Autoren, die sich
später mit Träumen befassten, tragen Freuds Unterscheidung von latentem und
manifestem Trauminhalt weiter. Charles Rycroft hielt in einem 1979
veröffentlichten Buch die Träume für "unschuldig", d. h. sie sind autonom,
kennen List und Tücke nicht und seien nicht durch den Willen verzerrt. (Dagegen
ist einzuwenden, dass der Wille nicht nur verzerrt, sondern auch ordnet.) James
Hillman bezeichnete Träume als frei verfügbare Geschenke der Phantasie. Hillman
meint, dass das Es durch die Träume spricht, unter Ausschaltung des Ichs. Der
Schriftsteller Martin Walser weist darauf hin, dass die Traumdeutung immer schon
durch unreflektierte Vorannahmen geprägt ist: "Träume zerstören wir auch, wenn
wir sie nach ihrer Bedeutung fragen. Der ins Licht einer anderen Sprache
gezogene Traum verrät nur noch, was wir ihn fragen. Wie der Gefolterte sagt er
alles, was wir wollen, nichts von sich." (Martin Walser, "Ein springender
Brunnen", 1998, S. 9.)
3. Die Freundschaft Carl Gustav Jungs (1875-1961) mit
Freud dauerte von 1907 bis 1913. Beide waren sich vollkommen darüber einig, dass
unbewusste Vorgänge für Neurosen und bei der Entstehung von Träumen eine
entscheidende Rolle spielen. Im Unterschied zu Freud, der vom individuellen
Unbewussten sprach, fügte Jung den Begriff des kollektiven Unbewussten hinzu. Er
glaubte, dass archaische Relikte, die er zunächst Urbilder und später Archetypen
nannte, im Leben des Menschen (beziehungsweise in seinem Gehirn) schlummern und
in Träumen zum Vorschein kommen. Die Vorstellung, dass konkrete Gedankeninhalte
vererbt werden, geht auf Lamarck zurück und wird heute nicht mehr vertreten. Wie
Freud sich durch das Postulat eines latenten Trauminhalts die manifesten Träume
in seinem Sinne hinbog, so verfuhr auch Jung. Sein Haus-Traum im Sommer 1909
diente ihm als Beleg dafür, dass tief unten im psychischen Keller das kollektive
Unbewusste lagert. Im Gegensatz zu Freud postulierte Jung, der Traum sei die
spontanste und die am wenigsten durch Vernunft und Gefühle zensierte
Manifestation des Unbewussten. Ein Zensor existiert in der Jungschen
Traumtheorie nicht. Die Abweichungen der Traumtheorien der beiden Pioniere der
Tiefenpsychologie sind ein Beleg dafür, wie willkürlich Traumdeutung gerade von
den grossen Geistern gehandhabt wurde.
Der Vorteil von Jungs Sicht auf Träume ist, dass er
betont, Symbole würden nicht mehr umfassen, als über sie ausgesagt werden könne.
Freuds Traumdeutung und Sexualsymbolik sei fragwürdig; der manifeste Traum ist
der manifeste Traum, ein Messer sei ein Messer (und kein Penis), betonte Jung,
man muss nicht krampfhaft Dahinterliegendes suchen. Es gibt viele verschiedene
Motive für Träume und oft lässt sich nichts Sexuelles entdecken, genauso, wie es
durchaus manifest sexuelle oder aggressive Träume gibt. Jungs Träume sind
konkret und bildlich, aber auch hier gibt es keinerlei Beweis dafür, dass er sie
in dieser Form geträumt hat. Wie sollte man auch? Sie sind in sich geschlossene
Geschichten und erinnern an Märchen und Mythen, und genau das war es, was Jung
für die Träume beweisen wollte. Sie seien Märchen und Mythen aus uralter Zeit.
Und was die Symbolik betrifft, so täuschte sich Jung selbst. Auch seine
Traumtheorie ist voller Symbole, die für etwas anderes stehen. In seinem
Haus-Traum symbolisieren die Stockwerke den schichtweisen Aufbau der Seele. Für
Ann Mankowitz hingegen, die eine Frau um die 50 mit Traumdeutungen durch die
Wechseljahre half, steht das Haus und seine Räume für den "Körper", und zwar
"auf der ganzen Welt" (S.39). Sie merkt gar nicht, dass sie sich in
unausgesprochenem Gegensatz zu Jung befindet.
Jung nannte die in allen Menschen aller Epochen und
aller Kulturen gleichen Rest uralten Menschtums die Archetypen bzw. Urbilder. Um
nicht den Vorwurf des Lamarckismus ausgesetzt zu werden, präzisierte er 1946,
dass die Disposition zu bestimmten Bildern oder einer bestimmten Erfahrung mit
den Archetypen gegeben ist, nicht die Erfahrung selbst. Dieser Schritt half Jung
jedoch nicht wirklich aus der Verlegenheit. Seine eigenen Träume beruhen
grösstenteils nicht auf "vorsintflutlichen" Erfahrungen, sondern ziehen das
Mittelalter heran und beruhen ganz offensichtlich auf einer starken Vorliebe für
die Figuren in Richard Wagners Opern, ein Kulturgut, das schlecht für die
gesamte Menschheit reklamiert werden kann. Nicht zeitgebundene Bilder wie
Einsamkeit, Tagesanbruch, Aufstieg und Abstieg, die Sonne, Flucht, Ekel und
Reue, Angst vor Entdeckung und Schuldgefühle beispielsweise sind auch
Erfahrungen des konkreten menschlichen Lebens der Gegenwart und es gibt keinen
Beweis dafür, dass sie unbewusst aus den niederen Gehirnschichten, wo sie
urzeitlich abgelagert sein sollen, aufsteigen (Stevens 1996, 179). Es bleibt
letztlich unklar, ob der Archetyp ein angeborenes Verhaltensrepertoire ist (das
beispielsweise in der Interaktion zwischen Mutter und Kind zum Tragen kommt)
oder konkrete Bilder beispielsweise von Gott ausdrücken sollen. In der Tat gibt
es einige Bewegungen der Körpersprache, der Gesten und der Mimik, die in allen
Kulturen so gut wie das Gleiche ausdrücken. Doch Jung übersieht, dass dies auf
vier oder fünf Ausdrücke sich beschränkt und dass diese keine archetypischen
Ursprünge haben, sondern eine genetische Verankerung. Zum anderen versteht er
unter Archetypen typische Gruppen von Figuren, die in Mythen vorkommen, die aber
in ihren Formen universell seien, zum Beispiel drachenähnliche Monstren,
Fabelwesen, die halb Mensch halb Tier sind, blendend helle Lichtstrahlen,
geometrische Formen wie Mandalas usw. Aber all dies kann man auch mit der
kulturellen Überlieferung erklären.
In einer jungianischen Behandlung ist es üblich, einen
Traum in vier Stufen zu analysieren. Zunächst rekapitulierte man den Traum und
seine Atmosphäre, um seinen Eindruck auf das Bewusstsein zu verstärken. Dann
versucht man, eine Verbindung zwischen dem Trauminhalt und dem Alltagsleben des
Träumers herzustellen (aber nicht nur auf den vergangenen Tag bezogen). Als
nächstes muss der kulturelle Kontext geklärt werden, denn der Trauminhalt hat
immer mit dem Milieu und der Zeit zu tun, in welchem der Träumer lebt.
Schliesslich wird der archetypische Gehalt erforscht und damit der Traum in den
Kontext des menschlichen Lebens insgesamt gestellt. Freud wie Jung haben ihre
Traumdeutungen ganz auf ihre Theorie und ihr Leben zugeschnitten und so
verwundert es nicht, dass Jung, der sich tief auf Theologie und romantischen
Idealismus eingelassen hatte, gern von Rittern des 12. Jahrhunderts, von
Abenteuern bei der Suche nach dem Heiligen Gral und von Alchemie träumte. Freuds
Traumdeutung kann nur verstehen, wer das Primat des Sexuellen anerkennt, Jungs
Traumdeutung erschliesst sich nur demjenigen, der über ein grosses Mass an
Bildung über das Mittelalter, über Mystik, Religion und historischen Legenden
verfügt. Jung hatte sich das in frühen Jahren alles intensiv angelesen und doch
behauptete er, ein jeder trage diese Mythen und Märchen aus der Urzeit hereditär
in sich. "Die Traumtheorien von Jung und Freud sind höchst spekulativ und
zutiefst subjektiv, durch und durch geprägt von den Persönlichkeiten und den
beruflichen Ambitionen ihrer geistigen Väter." (Stevens 1996, 90) Sie sind auch
weitgehend widerlegt, sowohl was die Vererbung gedanklicher Inhalte betrifft als
auch die Vorstellung Freuds, die verdrängte Libido manifestiere sich im
Trauminhalt (genauso wie in den Symptomen einer neurotischen Erkrankung, in
perversen Sexualpraktiken oder Versprechern).
4. Alfred Adler (1870-1937), der von 1902 bis 1911 im
Diskussionskreis um Freud an vorderster Stelle mitarbeitete, hat keine grössere
Arbeit über Träume veröffentlicht, aber einige interessante Gedanken dazu
verbreitet. Auffallend ist bei Adler die Neigung, Träumen eine besondere
Bedeutung in bezug auf die Zukunft beizumessen. Träume dienen nach seiner
Theorie dazu, den Lebensstil des Träumers zu stärken und ihm beim Streben nach
Überlegenheit und der Überwindung einer Minusposition zu helfen. Adlers Sicht
der Träume ist teleologisch, wobei dies eine kombinierte Ableitung aus Teleos,
perfekt, vollständig, und Telos, Ziel, ist; Teleologie ist demnach das
Streben nach dem Ziel der Ganzheit und Vollständigkeit. "In einem Traum bleibt
zwar das Leistungsziel des Menschen dasselbe wie im Wachzustand, aber ein Traum
treibt ihn mit gesteigerter emotionaler Macht jenem Ziel entgegen ... In Träumen
produzieren wir die Bilder, die die Gefühle und Affekte erwecken, welche wir für
unsere Zwecke brauchen, dass heisst, um die Probleme zu lösen, mit denen wir zur
Zeit des Traumes konfrontiert werden, und zwar im Einklang mit dem uns eigenen
Lebensstil." (Ansbacher/ Ansbacher 1982, S.335) Nach Adlers Meinung holt sich
das Individuum nur dann Kraft aus den Träumen, wenn es zur Lösung vorliegender
Probleme zu wenig Gemeinschaftsgefühl hat. Teleologische Träume sind in dieser
Sicht ausschliesslich neurotisch. Sie unterstützen den Träumer darin,
Lebensproblemen auszuweichen und ziehen ihn noch tiefer in die Neurose hinein.
Der Traum eines Menschen zeigt an, dass der Träumer mit
einem Problem des Lebens beschäftigt ist. Jeder Mensch, der intensiv mit
irgendeiner Aufgabe befasst ist, gibt auch des Nachts keine Ruhe. Die einen
können überhaupt nicht schlafen und denken nach, die anderen schlafen, sind aber
im Traum von ihren Plänen umfangen. So gesehen ist die sonderbare Form unserer
Gedankenwelt während des Schlafes nichts anderes, als die Brücke vom Vortag zum
nächsten Tag. Weiss man, wie ein Mensch gewohnt ist, Stellung zu nehmen zum
Leben, wie er sonst die Brücke zur Zukunft schlägt, dann wird man auch seinen
merkwürdigen Brückenbau im Traum verstehen und Schlüsse ziehen können. Tagträume
wie Schlafträume treten also auf, "wenn sich der Mensch damit beschäftigt, einen
Weg in die Zukunft zu bahnen." Der Traum drückt gleichnishaft eine schon
vorhandene, aber möglicherweise noch unbewusste Tendenz im Menschen aus, ein
bestimmtes Problem zu lösen. Der Traum wird die Bewegungslinie des Träumers
andeuten, so Adler.
Adler zieht dazu (in "Menschenkenntnis") das Gedicht
"Hochzeitslied" von Goethe heran. Darin wird ein Traum wiedergegeben: Ein Ritter
kehrt nach langer Abwesenheit in sein Schloss zurück, das verwaist ist. Er geht
ins Bett und träumt von einer Zwergenhochzeit, die in dem Saal seines Schlosses
stattfindet. Der Träumer ist offensichtlich mit einem Lebensproblem beschäftigt,
denn das Gedicht endet damit, dass der Ritter selbst heiratet und sein Schloss
sich wieder belebt. Goethe selbst sagte zu Eckermann am 12.3.1828: "Ich habe in
meinem Leben Zeiten gehabt, wo ich mit Tränen einschlief; aber in meinen Träumen
kamen nun die lieblichsten Gestalten, mich zu trösten und zu beglücken, und ich
stand am anderen Morgen wieder frisch und froh auf den Füssen."
Adler leitet die allgemeine Regel ab: Steht der Mensch
vor einem Problem, dass er durch Vernunft und Beurteilung nicht lösen kann oder
will, holt sich das Ich Stärkung aus der Traumphantasie. Mittels der von ihm
geschaffenen Traumbilder sucht er in sich Stimmungen und Gefühle zu wecken, die
einerseits seinem Lebensstil entsprechen, andererseits irgendwie der Lösung des
aktuellen Problems entgegenkommen - oder durch Angstträume zu verhindern suchen.
Es ist dabei ganz gleichgültig, in welchem Material sich die Gedanken- und
Gefühlswelt des Menschen auslebt. Der Träumende trainiert eine bestimmte Rolle
während des Traumes und trifft somit die Vorbereitung, dass es wahr werden möge.
Ein Mensch, meint Adler, dessen individuelles Ziel mit der Wirklichkeit und dem
Common sense übereinstimmt, träumt weniger. Sehr mutige Menschen würden sogar
ganz selten träumen, denn sie befassen sich am Tage in ausreichendem Masse mit
ihrer Situation. Der Traum ist also ein Mittel, sich selbst zu betrügen, eine
Art "Selbstvergiftung", um den Lebensstil bewahren zu können (Adler 1966d,
103-110). Der Symboldeutung erteilte er damit eine klare Absage. Man muss das,
was ein Mensch träumt, zu seinem ganzen weiteren Leben in Beziehung setzen.
Während sich Freud und noch mehr Jung ausführlich und
fast schon enthusiastisch mit Träumen beschäftigten, blieb Adler ausgesprochen
nüchtern und skeptisch. Im allgemeinen hielt er nicht viel vom Träumen. Sie
sollten nur als zusätzliches Material zum Verständnis eines Menschen
herangezogen und dürften nicht für sich genommen werden. Tagträume könnten
gerade noch verstanden werden, aber bei Schlafträumen sei das selten der Fall
(Adler 1966d; S.63, 103ff). Zum Traum des Simonides meint er trocken, dass
damals ziemlich viele Schiffe untergegangen sind. Vielen Menschen mag zu jener
Zeit geträumt haben, ihnen widerfahre ein Unglück auf einer Reise. Adler
vermutet, der Dichter hatte wohl keine besondere Lust gehabt, die Reise zu
machen, also liess sich gleichsam den Toten kommen, um ihn in seiner Abneigung
zu bestärken. Und wäre dieses Schiff nicht untergegangen, dann hätte die Welt
von der ganzen Geschichte wahrscheinlich nie etwas erfahren.
Während Freud und Adler meinten, dass der Träumende
sich die Träume "macht", heisst es bei Jung, sie sind unparteiische, dem Willkür
des Bewusstseins entzogene, spontane Produkte der unbewussten Seele. Die Träume
sind uns unverständlich, nicht weil ein aktiver Zensor in uns sie absichtlich
verschleiert, sondern weil sie zufällig und bildhaft sind und erst in Sprache
übersetzt werden müssen. Bei Freud und Adler ist der Traum ein verschleierter
Neurotizismus, während Jung die vorwärtsgerichtete und positive und kreative
Stossrichtung der Träume betonen. Jung und Adler treffen sich darin, dass sie
fragen, was der Traum für den Träumer bedeutet; wobei der grosse Unterschied
bestehen bleibt, dass Adler ausschliesslich die Zukunftsbedeutung im Blick hat,
während die orthodoxen Jungianer nach den Verbindungslinien zu den fernstehenden
Kulturen der tiefsten Vergangenheit suchen, die angeblich in den ältesten
Regionen unseres Gehirns abgelagert sind.
Jungs Traumtheorie ist nicht weniger angreifbar als
Freuds und Adlers. Indem Adler die Träume als Vorbereitung auf den nächsten Tag
und als "Wunscherfüllung" angesichts von Problemen interpretiert, ist seine
Sicht letztlich ebenso eng wie Freuds Vorstellung von der Erfüllung infantiler
sexueller Wünsche durch Träume. Einige Träume mögen uns unsere Einstellung zum
Leben und zu unseren Lebenszielen zeigen, aber in der Ausschliesslichkeit der
Adlerschen Formulierung führt diese Sicht nicht weiter. Goethes unschuldige
Träume haben nichts Neurotisches an sich und auch empirisch lässt sich Adlers
teleologische Traumsicht nicht halten. Es ist keineswegs zwingend, dass die im
Traum empfundenen Gefühle nahtlos in unser Lebenskonzept oder den bevorstehenden
Tag passen.
5. Wir wissen heute, dass Träume als ein Ergebnis der
spontanen Aktivität des zentralen Nervensystems auftreten. Sie sind
Manifestationen eines niemals ruhenden Geistes. Die Entwicklungen in der
Neurobiologie oder der Evolutionsbiologie sowie der Traumforschung sind
dramatisch; von ihnen konnten Jung, Freud und Adler noch nichts wissen, doch
durch ihr Charisma und ihre brillanten Formulierungen verhinderten die
tiefenpsychologischen Pioniere, dass sich ihre Nachfolger mit diesen
Entwicklungen beschäftigten. Heute behindern die Giganten der
Trauminterpretation eher den nicht aufzuhaltenden Erkenntnisfluss, als dass sie
ihn födern würden.
Die heutige Traumforschung geht darauf hin, dass Träume
natürliche Vorgänge sind, die sich spontan und unabhängig von persönlichen
Wünschen und Absichten im Gehirn ereignen. Betrachten wir kurz die
materialistische Haltung, die der Meinung ist, dass der Traumzustand eine
ungesteuerte Funktion des Hirnstammes während der Nacht ist, die von höheren
Hirnfunktionen nur einigermassen in sinnvolle Bilder umgesetzt wird. Im Jahre
1983 präsentierten Francis Crick und Graeme-Mitchison ihre Traumtheorie, die
besagt, dass Träumen lediglich ein Weg sei, um überflüssige Informationen
loszuwerden. Schon in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts meinte W.
Robert, dass der Traum ein körperlicher "Ausscheidungsprozess" sei, um die Seele
auszumisten. Ist Träumen eine hohe oder eine niedere geistige Funktion? Die
Vertreter beider Richtungen, die materialistisch-antipsychologische Haltung und
die philosophisch-psychologische Haltung standen sich seit jeher bis in unsere
Gegenwart gegenüber. Stevens, auf den ich mich hier immer wieder beziehe,
kommentiert: "Leider hängen Forscher so sehr an ihrer jeweiligen Sicht und
lehnen die andersartige Sichtweise von Kollegen vehement ab, und dabei vergessen
sie, dass sie alle nur Beobachter mit einer beschränkten Perspektive sind, die
unterschiedliche Teile desselben Elefanten im Dunkeln ertasten. Jeder glaubt,
das Stückchen Rüssel, Bein oder Schwanz, das er zu fassen bekommt, repräsentiere
das ganze Tier. Freud bekam dabei ganz offensichtlich die Geschlechtsteile zu
fassen." (Stevens, 121)
Das Unbewusste und das Träumen hängen offenbar eng
miteinander zusammen. Die moderne Wissenschaft bietet dafür einige Hinweise. Der
Amerikaner Gerald Edelman hat mit seiner Theorie des Geistes, die er "neuronalen
Darwinismus" nennt, viel Aufsehen erregt. Einzigartige neuronale
Konfigurationen, die der Erfahrung ausgesetzt werden, selektieren bestimmte
Zellgruppen und verstärken die Verbindungen zwischen ihnen. Es gibt
schätzungsweise 100 Millionen solcher Gruppen im Gehirn, wobei jede Gruppe aus
50.000 bis 10.000 Neuronen besteht. Diese Serien nennt Edelmann "Karten", die
wie in einem Spiel liegengelassen oder "gezogen" werden. Die unaufhörliche
Interaktion innerhalb und zwischen bestimmten Karten erlaubt einen Vorgang, den
Edelmann als das "Wiedereinspeisen von Signalen" bezeichnet: Eine fortwährende
Kommunikation zwischen Karten und Kartenserien, die dem Gehirn ermöglicht,
Wirklichkeit aufzunehmen und zu verarbeiten. Dadurch entstehen Fähigkeiten wie
Kategorisierung und Generalisierung, die für das Lernen unerlässlich sind und
schon bei vielen Tieren anzutreffen sind. Für Edelman ist diese unaufhörliche
Kategorisierung und Überprüfung der Kategorien mit dem Gedächtnis identisch, und
er hält sie für die Grundlage des Bewusstseins. Die sich ständig rückkoppelnde
Gedankentätigkeit beruht nicht nur auf der realen Welt und objektiven Fakten,
sondern auch darauf, was in der Vergangenheit für das Tier oder für den Menschen
Wert oder Bedeutung hatte. Das Unbewusste wäre in diesem Lichte gesehen eine
Pauschalbezeichnung für den fortwährenden, kaum steuerbaren Tumult der
Wiedereinspeisung von Signalen zwischen miteinander verbundenen Komplexen von
"Karten" im Gehirn.
Das Bewusstsein schaltet sich ein, wenn riesige Mengen
dieser Komplexe zusammenwirken, wie die Musiker bei einem Konzert. Die einzelnen
Mitglieder des Orchesters sind alle miteinander verbunden: Jeder spielt die
Musik für sich allein, aber gleichzeitig beeinflusst jeder den Klang des anderen
und wird von ihnen beeinflusst und es entsteht ein Gesamtwerk. Das Unbewusste
wie das Träumen wären in diesem Sinne einzelne Musiker, die unverbunden für sich
und vor sich hinspielen, wieder abbrechen, andere Musiker spielen ein paar Töne,
jedenfalls sind sie unverbunden, weil das dirigierende Bewusstsein ausgeschaltet
ist. Es sind unvollständige und unverbundene Gedanken. Stevens fasst zusammen:
"Freuds Traumtheorie ist damit hinfällig. Träume werden nicht durch Wünsche
ausgelöst, seien sie sexuell, verdrängt oder sonstiger Art. Träume sind
vorhersagbare, episodische Phänomene, die mit zyklischen Funktionen des
Zentralen Nervensystems zusammenhängen und haben ihre Grundlage in der
Biologie." (Stevens 1996, 158)
6. Eine Klassifizierung von Träumen hat kaum Sinn, da
ihre Bilder so viele Bezüge haben, wie es Menschen auf der Welt gibt. Calvin
Hall und Vernon Nordby ("The Individual and his Dreams", New York 1972) haben
angeblich mehr als 50.000 Träume von Menschen aus allen Teilen der Welt
gesammelt. Als typische, immer wieder auftretende Inhalte zählen sie auf:
Aggressionen, Raubtiere, Fliegen und Fallen, Verfolgtwerden durch Fremde,
Landschaften, Unglücksvisionen, Sexualität, die Vorstellung zu heiraten und
Kinder zu haben, das Durchleiden von Prüfungssituationen, Reisen auf alle
erdenkliche Art, das Schwimmen oder im Wasser sein, das Beobachten von Feuer und
das Eingesperrtsein an einem unterirdischen Ort. Hall und Nordby gelangen zu der
Schlussfolgerung: "Diese typischen Träume drücken die allen Träumern gemeinsamen
Anliegen, Sorgen und Interessen aus. Man kann sagen, dass sie die universellen
Konstanten der menschlichen Psyche darstellen." (zit. bei Stevens 1996, 332.
Natürlich nennen die Jungianer diese immer wiederkehrenden Themen "archetypische
Themen".)
Die Schweizer Wissenschaftlerinnen Inge Strauch und
Barbara Meier haben Probanden im Schlaflabor nach ihren geträumten Gefühlen
befragt. Auch wenn die Freude ganz oben steht (12 %), so überwiegen negative
Gefühle wie Ärger (8,9 %), Angst (8,5 %), Stress (7,1 %) und Verwirrung (4,7 %).
Eher neutrale Gefühle wie Interesse und Überraschung tauchten mit 8,5
beziehungsweise 3,9 Prozent auf. Bekannte Personen tauchen in einem Drittel der
erinnerten Träume auf, Fremde zu einem Viertel und Unbestimmte zu 20 Prozent.
("Den Träumen auf der Spur", Verlag Hans Huber, Bern; zitiert aus "Haben Sie
noch Träume" in: Tagesspiegel Berlin, 02.01.2000)
7. Stevens bringt eine Fülle von Traumbeispielen auch
aus der Geschichte und es entsteht der starke Eindruck, dass diese Träume immer
so gedeutet wurden, wie sie in die Lebensplanung des Träumenden passen. Je nach
dem, ob man sich auf dem Rückzug oder in einer Eroberungsphase befindet, ob man
sich Wünsche erfüllen will oder Beistand für einen grossen Plan sucht, ob
Vorurteile oder Vorhaben bestätigt werden sollen - oft ist ein Traum (und eine
Traumdeutung) zur Hand, der einen scheinbar auf diesem Wege bestätigt. Wenn das
so ist, dann erscheint Traumdeutung kaum mehr zu sein als ein Trick, die
aktuelle Lebenssituation und innere Gefühlshaltungen zu untermauern. Das würde
Adlers Sicht stärken. Neben diesem ernüchternden Ergebnis gilt aber auch, dass
die Traumdeutung mittels der Assoziation in der Therapie doch oft auch zu neuen
Erkenntnissen und erstaunlichen Verknüpfungen führt, die für die Entwicklung des
Patienten und für seine Einsicht und seine Erkenntnis förderlich sein können.
Mankowitz mahnt, man solle als Analytiker so wenig wie möglich eingreifen. Der
Träumer müsse ausreichend Gelegenheit gegeben werden, den Traum so detailliert
wie möglich erzählen und alle nur möglichen persönlichen Assoziationen zu
machen, bevor irgendeine Interpretation des Traumes gewagt wird (S.40).
"Die Interpretation von Träumen ist, wie die
Psychotherapie, eine Kunst und keine Wissenschaft. Es gibt keine richtig oder
falsche Art, Träume zu deuten. Jede therapeutische Schule bringt ihren
Ausbildungskandidaten ein bestimmtes Vorgehen bei, aber mit der Zeit und mit
zunehmender Erfahrung entwickelt jeder Therapeut seinen eigenen Stil. Letztlich
gibt es ebenso viele Möglichkeiten, Träume zu verstehen, wie es Therapeuten und
Klienten gibt." (Stevens 1996, 257) Die vielen Traumsymbolbücher, die nach wie
vor auf dem Büchermarkt erscheinen und zu konkreten Traumbildern konkrete
Bedeutungen anbieten, sind so gesehen fast wertlos. Wer nicht viel Zeit hat und
nur über wenig Phantasie verfügt, mag in ihnen allenfalls einen ersten Anstoss
für eine eigene Trauminterpretation erhalten.
8. Dieses Fazit mag für viele ernüchternd sein. Von der
aufregenden Vorstellung, bestimmte Trauminhalte mögen uns auf direktem Weg
konkreten Aufschluss über uns geben, bleibt nicht viel übrig. Und doch hat die
Traumdeutung in der Psychotherapie ihren Stellenwert, sogar einen zentralen. Die
wichtige Rolle der Träume leitet sich ab aus der freien und unzensierten
Assoziation, die zur Essenz einer jeden Tiefenpsychologie gehört. Mit einem
Wort, Träume sind ein hervorragendes Mittel, um Patienten und Therapeuten
miteinander ins Gespräch zu bringen. Träume (sofern sie erinnert werden) lassen
niemanden kalt; wir wundern uns über sie, finden sie rätselhaft, oftmals
beglückend, manchmal bedrohlich. Es ist der Gefühlsgehalt des Traumes,
über den wir den ersten Zugang schaffen.
Der Therapeut wird sich zunächst den Traum in seinen
konkreten und erinnerten Inhalten erzählen lassen und dann die wichtige Frage
stellen, mit welchen Gefühlen er verknüpft war. Sodann wird der Klient gebeten,
selbst zu den Trauminhalten zu assoziieren: Was sagt ihm dieser Traum? Der
Patient soll seine Gedanken treiben lassen. In dieser Phase wird der Therapeut
vielleicht schon ein wenig die Richtung angeben, indem er bittet, den Traum auch
auf die Therapie und das Verhältnis des Klienten zum Therapeuten zu beziehen.
Psychotherapie ist eine so wichtige und tiefgreifende Erfahrung, dass man kaum
darin fehlgehen kann anzunehmen, viele Gedanken und Gefühle des Klienten kreisen
um die Beziehung zum Therapeuten.
Dazu ein Beispiel aus Irvin Yaloms Roman "Die rote
Couch" (dt.1998, S.538 f). Eine Klientin berichtet ihrem Theapeuten: "In diesem
Traum gestern nacht haben Sie und ich auf einer Bettkante gesessen, und dann
haben wir unsere schmutzigen Socken und Schuhe ausgezogen und einander gegenüber
gesessen und die Füsse aneinandergelegt." Die Patienten, sie heisst Carol, war
in der Vergangenheit nicht ehrlich zu ihrem Therapeuten Ernest. Jetzt denkt sie
zu ihrem Traum, dass es Zeit sei, sich ehrlich mit ihren eigenen Dingen zu
beschäftigen. In ihr wächst der Wunsch, aus ihrer Therapie für sich etwas Gutes
mitzubekommen. Jetzt greift Ernest ein und bezieht den Traum noch stärker auf
ihrer beider Situation. Er gibt dem Wort Sohlen einen winzigen Kick und
interpretiert sie als "Seelen" (diese Assoziation ist in der englischen
Aussprache noch enger). Das Ausziehen der schmutzigen Socken und Schuhe bringt
sie beide unverstellt zueinander und drückt den Wunsch aus, "Seele an Seele zu
sitzen".
Diese Interpretation ist im Grunde schon recht gewagt,
aber der Therapeut darf das, wenn er hinreichend sicher sein kann, dass sie dem
Therapiefortschritt dient. Ein Ziel der Therapie ist es, ehrlicher, offener und
wahrhaftiger zu werden. Daran hatte es in dem genannten Beispiel bislang
gemangelt. Indem der Therapeut seine Deutung gibt, gibt er den Dingen eine
positive Wendung. Schon allein aus diesem Grund kann es keine Symboldeutung
geben. Die konkreten Trauminhalte sind lediglich Anknüpfungspunkte, die Gedanken
schweifen zu lassen. Zusammen mit der vorsichtigen Richtungsgebung des
Therapeuten wird man zu erstaunlichen Verknüpfungen und Einsichten kommen
können. Die Art der Assoziation und der therapeutischen Hilfestellung wird aber
von Klient zu Klient unterschiedlich sein.
Menschen ziehen ihre Trauminhalte in der Regel aus
ihrem Erfahrungsschatz, aus ihrem Milieu. Ein Handwerker wird anders träumen als
ein Intellektueller, ein Hindu anders als ein Christ. Auch der Therapeut ist
nicht völlig frei in seiner Deutung, denn er wird auf seine Ausbildung
zurückgreifen und seinen Vorbildern nacheifern. Er wird aber immer in den
Patienten den schlummernden Künstler und unbewussten Traumschöpfer bewundern und
verehren, der Nacht für Nacht, Jahr für Jahr Meisterwerke der Illusion
hervorbringt.
8.
Gedanken zur Theorie des Bewusstseins
1. Das Bewusstsein ist eines der grossen Rätsel, die
dem Menschengeist zur Klärung aufgegeben sind. Neben der Tatsache, dass
Bewusstsein eine biologische Grundlage - das Gehirn - hat, ist es vor allem eine
"metaphysische Tatsache", die mit gewöhnlichen Verstandesmitteln kaum
einzuordnen ist. Nicolai Hartmann (1882-1950) beispielsweise meinte, das Sein
und seine Teile wie "Existenz", "Leben", "Freiheit", "Geist" und auch
"Bewusstsein" seien nie restlos lösbar und ewig rätselhaft. Auch der
Lebensphilosoph Henri Bergson (1859-1941) bestand darauf, dass das Seelische
eine fliessende, rational nicht festhaltbare und unzerlegbare Sache sei, die man
nur durch Intuition (und nicht durch den Intellekt) begreifen könne.
Man könnte es auch ein "Urphänomen" im Goetheschen
Sinne nennen; alle Versuche, es von materiellen, sexuellen oder biologischen
Funktionen abzuleiten, schlugen bislang fehl, obwohl es nicht an Versuchen von
Neurowissenschaftlern mangelt, immateriellen Geist aus Materie abzuleiten. Für
Karl Popper (1902-1995) ist Bewusstsein ein "grosses Mysterium" - wie die
Entstehung des Lebens selbst. Man nimmt an, dass Bewusstsein ein Produkt der
Evolution ist. Doch bleibt die Entwicklung dahin ein Rätsel, solange man es als
einen rein natürlichen Prozess in einer rein materiellen Welt betrachtet. Die
Neurowissenschaften und die Gehirnforschung haben das Wissen um die bewusste wie
unbewusste Gehirntätigkeit enorm erweitert, doch soll hier eher das "Beschreiben
und Zergliedern", das Wilhelm Dilthey (1833-1911) für die
geisteswissenschaftliche Psychologie als grundlegend anerkannte, angewandt
werden.
Der Begriff hat eine wechselvolle Geschichte hinter
sich, die mit einer unverhohlenen Hochachtung des Bewusstseins begann, sich mit
der Demontage in der Psychoanalyse fortsetzte und heute in eine gemässigte
Renaissance mündet (Grubitzsch/Rexilius 1987, 150). Am meisten bewundert wurde
das Bewusstsein in der Philosophie von Kant bis Hegel, die es als ein exquisites
Merkmal der Menschlichkeit ansahen. Hier lag der wesentliche Unterschied zum
Tier. Die rationale Wissenschaft kannte aber im wesentlichen nur die zwei
seelischen Grundfunktionen Denken und Wollen. Bewusstsein im weiteren Begriff
des Wortes umfasste Wahrnehmung und Empfindung, aber auch gewisse kognitive
Verstandes- und Denkleistungen. Durch die Dichtungen und Reflexionen Herders,
Goethes und anderer "Stürmer und Dränger" fand auch das Gefühl Eingang in die
Psychologie. Im engeren oder höheren Sinne wird unter Bewusstsein die
Interpretation komplexer sozialer Zusammenhänge, das Einordnen und Bewerten
verstanden. Steigt das Bewusstsein noch höher in die Sphären des Wissens und der
Weisheit auf, gewinnt es Überlegenheit über den "mittleren Menschen" (Grubitzsch/Rexilius
1987, 151).
Die Psychologie hat das bewusste Wahrnehmen, Fühlen,
Wollen und Handeln nach allen Seiten hin beschrieben. In Sigmund Freuds Theorie
ist hier eine Lücke festzustellen, setzte er doch voraus, dass Bewusstsein jeder
Beschreibung trotzt und sich selbst erklärt (Freud 1940a, 79; 1933a, 76).
Andererseits spielt das Bewusstsein in seiner Triebtheorie dann doch eine
tragende Rolle. Bewusstsein ist, im Sinne Freuds (1900a; 149, 620), einerseits
Wahrnehmungsorgan für die äussere Welt und andererseits um sich selbst wissendes
Wissen. Bewusstsein soll mobilisiert werden, um die ungebändigten und
angstmachenden Triebe und Wünsche zu bändigen. Man spricht von
"Kontrollbewusstsein", das es ermöglicht, von der affektiven und
bildhaft-phantastischen Dynamik des Unbewussten Abstand zu nehmen.
Kontrollbewusstsein erlaubt den kritischen Vergleich von Erinnerung und
Realität, die distanzierte Selbstbeobachtung und die Selbstkritik. Die
Tiefenpsychologie nimmt an, dass das willkürliche Gedächtnis sich der
bildbewussten, vorbewussten und unbewussten Funktionen bemächtigen kann,
jedenfalls Teilen davon. Und umgekehrt: In allen Zuständen, in denen das
Kontrollbewusstsein zurücktritt, drängt sich der Bereich des affektiven
Unbewussten in den Vordergrund (Heiss 1984, 401).
Die tiefenpsychologische Psychotherapie geht daher
darauf aus, den Kreis des Bewusstseins und des Wissens zu erweitern. Der Mensch,
der sein eigenes Tun zu verstehen beginnt, gewinnt ihm gegenüber kritischen
Abstand. Mit grösserer Selbstkritik wird sich die starre Ichhaftigkeit des
unglücklich Erkrankten abbauen, auch wird die Berücksichtigung der Realität
grösser. Die unbewussten Charakterhaltungen sind mit zunehmendem Bewusstsein
nicht mehr ohne weiteres reproduzierbar und der Teufelskreis von übersteigertem
Geltungsstreben und entmutigenden Konflikten mit der Umwelt wird durchbrochen.
Aber das führt uns schon weit ab von unserem Gegenstand, der phänomenologisch
und ontologisch beleuchtet werden soll.
2. Man stellt sich am besten auf den Standpunkt der
"Schichten-Ontologie" von Nicolai Hartmann (1882-1950), die das Seelische und
das Bewusstsein als eigene "ontologische Schicht" definiert. Hartmann
interessierte sich stets mehr für die Seins- als für die Erkenntniskategorien.
Das heisst, ihn interessierte eher das, was erkannt werden kann, und nicht, wie
es erkannt wird. Die Erscheinungswelt baut sich demnach auf mindestens drei
Schichten auf: der anorganischen, der organischen und der geistigen
Seinsschicht. Jede höhere Schicht wurzelt in der unteren, ohne jedoch völlig
determiniert zu sein. Leben ist ohne die Materie und ihren Gesetzmässigkeiten
nicht denkbar, aber es wäre verfehlt, die Lebensvorgänge allein physikalisch und
chemisch begreifen zu wollen. Die geistige Schicht ruht offenbar auf der
biologischen auf. Es finden gewisse Wechselwirkungen zwischen beiden statt,
vielleicht auch ein Parallelismus der Seinsschichten. Aber wie geistiges Leben
und Erleben funktioniert, kann nicht aus dem biologischen Geschehen allein
deduziert werden.
Im Sinne von Franz Brentano (1838-1917) und Edmund
Husserl (1859-1938) soll also eine "Beschreibung der Bewusstseinstatsachen"
durchgeführt werden, ohne auf genetische und kausale Konstrukte abzuheben,
vielmehr soll die Erfahrung mit uns selbst zu Wort kommen. Goethe kommt hierbei
wieder zu Ehren, indem sein Ausspruch befolgt wird: "Man suche nichts hinter den
Phänomenen; sie selbst sind die Lehre." Es besteht kein Zweifel, dass Husserl
beim Aufbau der Phänomenologie in die Fussstapfen Goethes trat, der in seinem
leidenschaftlichen Kampf gegen Newton die universalistischen Ambitionen der
"exakten Naturforschung" (vergeblich) in die Schranken wies. Wenn auch Goethe in
seiner Ablehnung der Newtonschen Licht-Theorie offensichtlich Unrecht hatte, war
er doch auf einem interessanten Wege, wenn er eine Forschung propagierte, die
die Erfahrungen der "Lebenswelt" nicht ausklammerte und übersprang. Wir
verstehen das so, dass man wichtige Erkenntnisse gewinnen kann ohne den
Riesenaufwand von Apparaten, Laboratorien, Computern usw., die zwar "exakte
Ergebnisse" liefern, aber wichtige Sphären der Wirklichkeit ausblenden.
3. Wir versuchen also unser eigenes Bewusstsein zu
beobachten und seine Phänomene möglichst vollumfänglich wahrzunehmen. Durch die
Leistungen der Phänomenologie ist hier schon mancher Weg geebnet und gebahnt.
Brentano wie Husserl haben die Intentionalität als
eines der grundlegendsten Merkmale des Bewusstseins betont. Intention bedeutet
"Absicht"; der Denkende wie der Handelnde hat eine Absicht in Bezug auf eine
Person oder einen Gegenstand, auch einen abstrakten. Wer immer seine
Bewusstseinstätigkeit belauscht und belauert, findet, dass diese auf etwas
gerichtet ist. Niemals ist das Bewusstsein nur in sich selbst verfangen. Es geht
immer hinaus in die Welt, ist also Manifestation des menschlichen
In-der-Welt-Seins.
Daher bekämpfen die Phänomenologen energisch die
Vorstellung eines "Seelen- und Bewusstseins-Behälters", in dem sozusagen
Vorstellungen, Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Triebregungen usw. wie Dinge
abgelagert sind. Eine solche Seelen- und Bewusstseins-Kapsel gibt es für
Psychologen und Phänomenologen nicht. Wer sie postuliert, wie es die
Behavioristen in ihrer Frühphase taten, folgt räumlichen Modellen, die dem
menschlichen Intellekt zwar bequem zur Hand sind, die er aber auch dort
gebraucht, wo sie nicht zweckmässig sind.
Bewusstsein ist - wie Sartre sich ausdrückt - wie ein
"ständiges Explodieren auf die Welt hin". Man kann es sich als eine Art
Leuchtturm vorstellen, der dauernd seine "Lichtblitze" in die Umwelt versendet.
Bewusstsein schafft eine "Lichtung des Seins", wie es die Daseinsanalyse
ausdrückt, was mit Helligkeit, Offenheit und Vernunft assoziiert ist. Aber auch
das sind räumliche Modelle, die nur in Grenzen Berechtigung haben bei einem so
fluiden Medium wie dem Geistigen.
Intentionalität ist also ein wesentliches Merkmal allen
Psychischen und damit auch des Bewusstseins. Intentionalität funktioniert auch
ohne reales Objekt nur "im Kopf". Wir verdoppeln die Welt in unserem Kopf, indem
wir ein subjektiv gefärbtes Abbild der Welt und ihrer Teile schaffen, an die wir
im unendlichen Gedankenfluss denken und auf die wir unsere Gedanken und Gefühle
richten. Bewusstsein drängt damit immer zur Beschäftigung mit der Welt; es ist
in diesem Sinne von vorn herein transzendent, das heisst das Ich übersteigend (Schischkoff
1991, 341)
4. Philosophisch gesehen ist Bewusstsein immer auch
Selbstbewusstsein und damit Selbstreflexivität. Beides fällt nicht direkt
zusammen, was daran ersichtlich ist, dass das kleine Kind Bewusstsein, aber noch
kein Selbstbewusstsein hat. Selbstreflexivität ist die Fähigkeit, alle Denkakte
auf die Gewissheit zurückzuführen, dass "ich denke". Das war für René Descartes
(1596-1650) die letzte, aber unbezweifelbare Bastion in einer Welt des
Erkenntnis-Skeptizismus, der damit die neuere Philosophie begründete.
Selbstbewusstsein gilt als "Höhepunkt der Evolution" (John Eccles) und als das
grundlegendste Merkmal der menschlichen Spezies. Der Preis dafür ist das
Bewusstsein um die Sterblichkeit.
Aber wie etwa ist es denkbar, dass alle Erlebnisse, die
ich habe, meine sind - also auf meinen imaginären Mittelpunkt hin zentriert?
Oder wie erklärt sich, dass es ständig ein latent bewusstes Erleben der eigenen
Person gibt, was der Philosoph Manfred Frank als die "präreflexive
Selbstvertrautheit des Subjekts" beschrieben hat? Er siedelt das
Selbstbewusstsein im mehr oder minder verschwommenen Formerleben des Körpers an;
diese willentlich nicht auszuschaltende Empfindung sei die Quelle jener
Selbstgewissheit, die uns durchs Leben begleitet. Die Urempfindung des Leibes
ist immer da. Schmerzen in amputierten Gliedern zeugen von diesem inneren
Körperbild. Frank meint aber, auch diese Urempfindung sei letztlich nur Ergebnis
einer Informationsverarbeitung im Gehirn. Sie kann uns durch Gehirnschädigung
jederzeit verlorengehen. Willentlich ist dieses primäre Selbsterleben allerdings
kaum ausser Kraft zu setzen. Es ist evolutionäres Erbe.
Selbstbewusstsein hängt damit eng mit Identität
zusammen; indem ich denke, versichere ich mich meiner eigenen Identität und
Individualität. Wo diese höhere mentale Funktion gestört ist, kommt es zu
schwerwiegenden Krankheiten. Eine Erkrankung wie multiple Persönlichkeit etwa
wird zum Versuch des Gehirns, mit unterschiedlichen Situationen fertig zu
werden, indem es sich für jede ein passendes Ich erschafft.
Selbstbewusstsein scheint es für das Tier nicht zu
geben. Wenn der Mensch denkt, weiss er, dass er denkt. Das Selbstbewusstsein
fühlt sich getrennt von der Aussenwelt und den Objekten; es grenzt sich ab und
ist nach Immanuel Kant (1724-1804) doch untrennbar damit verbunden: Kein
Selbstbewusstsein ist denkbar ohne gleichzeitiges Bewusstsein von der Welt. Die
Grenze konstituiert das Identitätsgefühl. Wenn die Ich-Grenze durch Gewalt oder
Unachtsamkeit durchbrochen wird, fühlen wir das als Identitätsbruch und
Integritätsverlust.
Auch im Selbstbewusstsein ist das Denken intentional.
In diesem Fall macht der Mensch sein eigenes Denken zum Erkenntnisgegenstand.
5. Wo immer Bewusstsein erscheint, gibt es auch
Gedächtnis. Schon die Tiere imponieren durch teilweise beträchtliche
Gedächtnis-Leistungen, indes es fraglich ist, ob wir der Pflanze ein
Erinnerungsvermögen zuschreiben können. Gustav Theodor Fechner (1801-1887) hat
zwar in seinem Buch Nanna oder die Seele der Pflanzen (1848) solche
Fähigkeiten für möglich angesehen, aber das scheint naturwissenschaftliche
Metaphysik zu sein.
Der Mensch also hat eine gewaltige Gedächtniskompetenz.
Das Gedächtnis allein macht nicht das Bewusstsein, ist aber gewissermassen seine
rechte Hand. Der Mensch erinnert nicht nur sein eigenes Leben, sondern schreibt
auch die Geschichte der Menschheit, der Erde und des Weltalls. Also ist sein
Zeiterleben schier unendlich ausgeweitet. In ihm brechen die drei Dimensionen
der Zeitlichkeit auf, so dass er stets die Gegenwart im Lichte der Vergangenheit
und in Projekten für die Zukunft erlebt. Er denkt in Jahrtausenden und
Jahrmillionen, und das nach vorne und nach rückwärts. Wo Gedächtnis fehlt,
drohen erneut Krankheiten. In der Demenz verliert der Mensch zuerst sein
Kurzzeitgedächtnis, was ihn hilflos im Raum und in der Zeit werden lässt. Ohne
Gedächtnis sind alle unsere übrigen Fähigkeiten nutzlos.
Das Gedächtnis wird als Fähigkeit verstanden,
Erinnerungen bereitzustellen. Die Theorie des Gedächtnisses (Schischkoff 1991,
231) nimmt an, dass Erlebnisse und Erinnerungen in den hohen Gehirnfunktionen
"Spuren" und Verknüpfungen hinterlassen, die bei ähnlichen neuen Erlebnissen
Assoziationen hervorrufen, die die Einordnung und Bewertung enorm erleichtern.
Assoziation ist eine der häufigsten Arten, wie das Gedächtnis arbeitet. Die
"seelische Ideenverbindung" spielt in der psychoanalytischen Diagnose und
Therapie eine grosse Rolle. Das Verknüpfen von Einfällen ist nach Freud
(1850-1937) der "Königsweg" vom Bewussten zum Unbewussten.
6. Die innerste Substanz des Bewusstseins scheint neben
der Intentionalität, des Selbstbewusstseins und des Gedächtnisses also auch das
Zeiterleben zu beherbergen. Daher ist in allen modernen philosophischen
Anthropologien die Analyse der Zeit bedeutsam. Man glaubt gleichsam ins Zentrum
des Bewusstseinslebens hineinzuschauen, wenn man sich darum bemüht, das Wesen
der "gelebten Zeit" (Henri Bergson, 1859-1941) oder der "existentiellen Zeit"
(Heidegger, Sartre, Merleau-Ponty usw.) zu erhellen. Auch die Psychologie und
Psychopathologie gewinnen viel, wenn sie "zeit-analytisch" vorgehen.
Die vom Bewusstsein wahrgenommene Zeit ist gekoppelt an
Veränderung, an das Werden und Fliessen. Zeit ist, wenn ihr Erleben nicht
krankhaft entartet, eine (nicht unbedingt lückenlose, aber kontinuierliche)
Kette ohne Erinnerungsbruch. Der Zeitbruch im "Filmriss" nach Alkoholmissbrauch
irritiert und erschreckt uns. Jeder Mensch trennt die objektive von der
subjektiven Zeit. Im Allgemeinen wird in jungen Jahren die Zeit als gedehnt
empfunden, während sie zum Alter hin immer schneller zu vergehen scheint,
während gleichzeitig immer weniger passiert. Es wird für das Alter bedeutsam,
haushälterisch mit Zeit umzugehen, die nicht mehr als unendlich angesehen werden
kann. Zeit und Zeiterleben gehören zum Wesen des Bewusstseins.
In der Daseinsanalyse (Heidegger, Boss) beispielsweise
gehört der Aufenthalt des Menschen in der Zeit zu den "tragenden Wesenszügen des
Menschseins" (Boss 1975, 237 ff). Aufenthalt des Menschen in der Zeit bedeutet,
dass er Zukünftiges imaginieren, gegenwärtig Anwesendes wahrnehmen und Gewesenes
behalten kann. Der gesunde Mensch erstreckt sich in alle Zeitdimensionen
gleichzeitig. Selbst wenn die eine oder andere Dimension zurücktritt, so
verschwindet sie nie ganz, allenfalls wird sie temporär verdeckt.
Das verbindende Element der Zeitdimensionen nannte
Martin Heidegger (1889-?) "Sorge". Sorge umfasst Existenzialität, Faktizität und
Verfallensein, was in etwa mit den Zeitdimensionen Zukunft, Vergangenheit und
Gegenwart identisch ist. Existenzialität bezeichnet die Zukunftsdimension, das "Sich-vorweg-sein-können",
das Sein in Richtung auf das zu Verwirklichende. Faktizität ist die
Vergangenheit, in die hinein wir ohne Rechtfertigungsgrund, d.h. grundlos
"geworfen" wurde; der Mensch ist unabänderlich abhängig vor ihr und hat sie zu
übernehmen, aber auch darüber hinauszuwachsen. Seit Heidegger ist die Zukunft
die dominante Zeitdimension. Vom Ende her bestimmt sich das Leben der Menschen,
indem er ständig Handlungen antizipiert. Heidegger stellte damit den Zeitpfeil
sozusagen auf den Kopf: Die Zukunft wirkt im Lichte der Vergangenheit auf unsere
Gegenwart. Das macht das Drama des Lebens aus.
7. Verblüffend ist die immense Beweglichkeit und
Wendigkeit des Bewusstseins. Normalerweise ist es andauernd in lebhafter
Funktion und greift über sich hinaus in die Welt. Goethe sagt im Rahmen eines
geologischen Aufsatzes über den Granit, den er als das älteste Gestein der Erde
auffasst, das Herz des Menschen sei "der jüngste und beweglichste Teil der
Schöpfung". Hier irrt Goethe (wie ein Buchtitel in einem anderen Zusammenhang
formulierte). So lebhaft und rhythmisch aktiviert das Herz auch sein mag, steht
dies in keinem Vergleich zur unaufhörlichen Spontaneität des Bewusstseinslebens.
Das Fernste und das Nächste kann sich der Mensch vergegenwärtigen, ohne sich
einen Millimeter im Raum zu bewegen. In der Imagination kann der Mensch Raum und
Zeit spielend überwinden.
Wenn unser Geist nicht mit Sinneseindrücken überflutet
wird, kommt es vor, dass in unserer Phantasie ein Bild aufsteigt, das weitere
Bilder heraufbeschwört, wie es beispielsweise bei Tagträumen passiert. Bei
Menschen mit einer reichen und gleichzeitig "disziplinierten" Phantasie können
sich schöne und erlesene Bilder und Visionen ergeben, die sich zu einem Ganzen
fügen. Werden diese Bilder in einer Sprache ausgedrückt - Musik, Bilder oder
Worte - so spricht man von künstlerischer Schöpfung. Die schöpferische Phantasie
beginnt bei den Spielen der Kinder (und vieler Tiere) und endet bei den strengen
und anspruchsvollen Regeln der Kreativität. Sie gehört mit zu den profundesten
Aktivitäten des Bewusstseins und ist (in ihren meisten Formen) ein weiteres, dem
Menschen eigenes Merkmal.
Bei all dem ergibt sich die unmittelbare Erfahrung
einer zumindest relativen Freiheit des Bewusstseins. Die materielle und soziale
Bedingtheit aller Bewusstseinsformen bedeutet keineswegs das Fehlen von gewissen
Freiheitsgraden. Wo immer Bewusstsein in Erscheinung tritt, besteht ein
Freiheitsspielraum. Jean-Paul Sartre (1905-1980) stützte sich in der Frühphase
seiner Philosophie (z.B. in Ist der Existentialismus ein Humanismus?,
1946) radikal auf dieses Postulat und schrieb enthusiastisch: "Der Mensch ist
frei, der Mensch ist die Freiheit." Aber er hatte nicht ganz Recht, denn
schöpferisches Vorstellungsvermögen und Phantasie können nicht gelernt werden.
"Sie sind Gaben, für die wir nur dankbar sein können", meint John Eccles (1989,
373). Völlig frei wären wir nur, wenn wir willentlich in die kausale Ordnung der
Natur beziehungsweise Physik eingreifen könnten. Das ist, wie jeder weiss, nicht
der Fall.
8. Ferner muss betont werden, dass Bewusstsein das
vermutlich hinfälligste und schwächste Organ am Menschen ist. Aus vielerlei
Gründen: Bewusstsein ist historisch gesehen die jüngste Errungenschaft des
Menschen. Ferner hat das Kollektiv vom Individuum bereits Besitz ergriffen,
bevor dieses zum Bewusstsein seiner selbst gelangen konnte. Auch bewusstes
Gedächtnis hat irrationale Seiten; nicht selten wird Gleichgültiges und Banales
behalten und wichtiges Erlerntes vergessen. John Locke verglich das Gedächtnis
mit einem Grabstein, dessen Inschrift allmählich verwittert. Das Vergessen
gehört somit zum Gedächtnis als sein ständig drohender "Defekt" (Weinrich 1997,
85/86).
Auch wird das zarte und bewegliche Bewusstsein durch
die Kompaktheit und Schwerfälligkeit der materiellen Welt ständig provoziert. Es
stösst in seiner intentionalen Beweglichkeit dauernd auf die Unverrückbarkeit
der materiellen Gegebenheiten. Schon Sören Kierkegaard (1813-1855) versicherte
immer wieder, dass am Saum jedes Bewusstseins die Verängstigung flackert. Er
schilderte immer wieder die Sinnlosigkeit der Welt, auf die nur Angst und
Verzweiflung die Antwort sein könne. Das ist exakt das Grundanliegen der
Existenzphilosophie. Doch während Kierkegaard empfahl, sich Gott und dem
"Paradoxen" hinzugeben, meint die Tiefenpsychologie, dass das Einsamkeitsgefühl
des Menschen im Kosmos nur durch Einbettung in die Gemeinschaft und durch den
liebevollen Austausch mit einem Partner beschwichtigt werden kann.
Auch täuscht sich das Bewusstsein aufgrund von
Verdrängungen zwangsläufig, unabhängig von seinen Absichten. Was sich
bewusstseinsmässig durchsetzt, ist zu einem wesentlichen Teil Ergebnis
unbewusster Wünsche und Motive. Doch Wünsche, Gedanken und Bedürfnisse kommen
nur als Kompromiss, d.h. in entstellter Form ins Bewusstsein und an die
beobachtbare Oberfläche. "Obwohl auch eine bewusste Aufmerksamkeit bis zu einem
gewissen Grade zu erzwingen ist, sitzt doch die Anregung für die Aufmerksamkeit
nicht im Bewusstsein, sondern im Interesse, und diese wieder liegt zum grössten
Teil in der Sphäre des Unbewussten." (Adler 1966d, 95) Dieter Wyss nannte die
"Bewusstseinsenge" ein konstitutionelles Merkmal des menschlichen Bewusstseins.
Freud wies auf das begrenzte Vermögen des Bewusstseins
hin, "Herr zu sein im eigenen Haus" (Freud 1916-17a, 294). "Dem Bewusstsein
mangelt prinzipiell das Wissen um seine eigenen Schranken; [...] das Zugängliche
gilt vielmehr für das Ganze. Das bewusste Selbstverständnis wird für wahr
gehalten." (Kohli-Kunz 1975, 288) So wie man sich versteht, versteht man sich
eben nicht fraglos richtig. Viele gedankliche Inhalte kommen schon entstellt im
Bewusstsein an. Bewusstsein ist ein qualitatives Kontinuum von
Noch-nicht-klar-wissen um etwas bis hin zum Sich-selbst-durchsichtig-sein. Es
gibt verschiedene Grade des Wachseins. Die Unterschiede zwischen verdrängen -
verleugnen - verheimlichen - Unehrlichkeit - Lüge sind auch solche des
Bewusstseinsausmasses. "Die 'Erreichbarkeit' eines Bewusstseinsinhalts ist ein
abgestufter Begriff, da zur tatsächlichen Erreichung eine von Fall zu Fall
verschiedene Anstrengung erforderlich ist." (Jordan 1947, 19)
Wenn von "bewusst" die Rede ist, so wären neben den
Bewusstheitsgraden oder -stufen auch die wandernden Grenzen des
"Bewusstseinsraumes" (Jordan 1947, 20) zu beachten. Vieles existiert im
"Bewusstseinsraum", ohne im augenblicklichen Bewusstsein anwesend zu sein.
Selbstbeobachtung hängt mit Aufmerksamkeit zusammen und diese mit der Grösse des
Bewusstseinsraumes. Die Aufmerksamkeit bezieht sich auf konkretes Handeln und
Denken. Dies ausreichend geübt, werden die Sphären des Aufmerksamkeits- und
Bewusstseinsbereichs immer grösser. Umgekehrt ist mangelnde Selbstbeobachtung
mit grösseren Anteilen an Unbewusstem und höherer Unaufmerksamkeit und
Unachtsamkeit assoziiert. Bewusstseinsstadien haben die Qualitäten getrübt bis
klar.
9. Bewusstsein galt Freud und anderen Autoren als Organ
des Welterkennens, neben den Sinnesorganen. Das betrifft die Bedingungen der
Wahrnehmung. Jeder weiss heute, dass wir uns wahrnehmend täuschen können.
Wahrnehmung und Kognition ebenso wie Erwartungen und Phantasien sind nicht die
Widerspiegelung der Realität, sondern kreative Erfindungen von Theorien über die
Realität. Der Erkenntnis des Selbst sind auch erkenntnistheoretische Grenzen
gesetzt. "Theorien und Modellvorstellungen über die Psyche werden vom
menschlichen Bewusstsein erdacht, das seinerseits Psyche ist." (Bittner 1977,
17)
Und doch ist eine der Hauptbetätigungen des
Bewusstseins der Aufbau einer Wahrnehmungswelt. Die Bewusstseinstätigkeit
fungiert allgemein - in der Vorstellung Adlers - als ein "Organ der Sicherheit
und Voraussicht". Das kann sie nur leisten, wenn sie die Tatsachenwelt
einigermassen genau registriert. Das kann nur in Massen geschehen, denn
Wahrnehmung muss notwendigerweise filtern. Würde die gesamte Menge an
Informationen, man könnte im Sinne Freuds auch von Erregungen sprechen,
ungefiltert ins Bewusstsein gelangen, wäre jeder Wahrnehmende in der Lage jenes
Kunstliebhabers, der bei der Betrachtung eines Mosaiks jedes einzelne
Mosaiksteinchen beschreiben würde. Einem solchen Kunstliebhaber wäre es ganz
unmöglich, den Gesamteindruck des Werkes zu erkennen und wiederzugeben. Deshalb
muss das Gehirn unablässig wesentliche von unwesentlichen Informationen
unterscheiden. Erst so wird es überhaupt möglich, Ganzheiten in ihrer Bedeutung
wahrzunehmen und sich im Leben zurechtzufinden (Boss 1975, 69). "Es liegt nahe
zu denken, dass eine Fernhaltung des allergrössten Teils der uns ständig in
überwältigender Fülle zuströmenden Sinneseindrücke und eine siebende Auswahl
nicht nur dessen, was ins augenblickliche Bewusstsein, sondern auch dessen, was
wenigstens in den Bewusstseinsraum eingelassen wird, zu den existenznotwendigen
Voraussetzungen einer Persönlichkeitsbildung gehören [...] Die ungeheure Masse
derjenigen Sinneseindrücke, welche keine Aufmerksamkeit erregen, muss also
gerade wegen ihrer Massenhaftigkeit als Ganzes unter Verdrängung stehen."
(Jordan 1947, 22)
Das seelische "Sicherungsorgan" kann aber noch mehr. Es
fragt gleichsam alle Dinge auf ihr "Wie" und "Was" ab, begnügt sich aber nicht
mit "Existenzurteilen", sondern will auch die Bedeutung aller Phänomene
begreifen. Die Erkenntnis von Bedeutungszusammenhängen schliesst sich allemal
zusammen zu einem "Welt-Begriff". In der Sprache der Gestaltpsychologie gehört
zu jeder Ding-Wahrnehmung auch eine "Hintergrunds-Perzeption". Und der
allgemeinste Hintergrund, auf dem Sein und Bedeutung von Fakten aufgenommen
werden, ist in der Regel die "Welt". Das Bewusstsein nimmt nicht isolierte Dinge
wahr, sondern reiht sie ein in einen Bedeutungszusammenhang einer jeweils
mitvorhandenen Welt.
10. Damit nicht genug: Die Konstitution einer realen
Welt in ihrer Bedeutung ist nur ein Teilstück des Bewusstseinslebens. Darüber
hinaus schafft und erkennt die Bewusstheit immer auch eine "Welt der Werte".
Dieser schreiben wir mit Nicolai Hartmann kein reales Sein zu (wie Steinen,
Pflanzen, Tieren, Menschen und menschlichen Hervorbringungen), sondern ein
ideales Sein. Dieses wird zugänglich nicht durch das physische Sehen, sondern
durch eine innere Schau, durch Emotionalität und spezifische Wertempfänglichkeit
(in die auch die Vernunft hineinspielt). Wo immer ein Wesen mit
Selbstbewusstsein existiert, wird nach Max Scheler (1874-1928) und Hartmann auch
ein Reich der Werte konstituiert, das Rangordnung und Hierarchie enthält. Es
gibt niedere, hohe und höchste Werte. Sie stehen über den empirischen Gesetzen
des Daseins (sagt Scheler). Zu den niederen gehören leibliche Wertformen;
seelisch-geistige Wertstufen haben höheren Rang, und der Person-Wert z.B. ist
besonders hoch anzusiedeln. Andere Autoren hingegen betonen die Gleichbedeutung
der Werte beziehungsweise Tugenden, die erst zusammengenommen einen sinnvollen
Wertkosmos ergeben.
Das Bewusstsein steigt in die Wertwelt durch Erziehung
ein. Dadurch ist der Wert-Horizont der Menschen so unterschiedlich. Viele haben
nur ein geringes Wertinventar vor dem "inneren Auge", so dass ihr Leben relativ
gefühlsarm und dumpf dahinläuft. Es ist anzunehmen, dass die Höhe des
Selbstwertgefühls korreliert mit dem Ausmass der möglichen Werterfahrung. Wo
also das Bewusstsein durch Erziehung und Selbsterziehung sowie durch
selbstaktivierte innere Steigerung in Selbstachtung übergeht, scheint eine
Ausweitung des Werthorizontes möglich zu sein. Andererseits stimuliert nichts so
sehr das Selbstwertstreben und Selbstwertgefühl als die gelebte und erarbeitete
Erfahrung von Werten, die in der Wertpyramide hoch oben rangieren. Der Intellekt
ist hierbei nur mässig beteiligt. Freud schärfte uns ein, dass das Unbewusste
Motive habe, die die Intelligenz und das Bewusstsein meist gar nicht kennen.
Wertfühlendes Bewusstsein bedarf demnach einer starken gefühlsmässigen Basis in
der Persönlichkeit, auf der erst gute Gefühle und die Vernunft den Vorstoss ins
Reich der Werte zu unternehmen wagen.
11. Es mag bisher den Anschein erweckt worden sein, als
ob eine spezifische "Gnadenwahl" die einen Menschen mit empfänglichem und
produktivem Bewusstsein ausstattet, indes die anderen per Zufall oder Schicksal
leer ausgehen. Aber diese Sicht wäre zu verkürzt. Seit den tiefenpsychologischen
Theorien zur Entwicklung der kindlichen Psyche können wir doch wesentlich
genauer explizieren, wie das Werden und Wachsen des Bewusstseins zustandekommt.
Die Erziehung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie ist aber so gross, dass
sie hier nicht erschöpfend behandelt werden kann. Ein paar Fingerzeige mögen
genügen. Dabei wird vereinfachend davon ausgegangen, dass Erziehung immer auch
Erziehung zur Bewusstheit sein soll.
Die Notwendigkeit der Erziehung ergibt sich aus
folgenden Überlegungen: Kinder brauchen Pflege, sonst gedeihen sie nicht. Kinder
brauchen zweitens Information. Die Welt ist kompliziert und das Kind weiss ja
noch nichts. Der Erzieher muss das Kind informierten. Drittens brauchen Kinder
Gewöhnung, Training, soziale und intellektuelle Lernprozesse. Auch das sind
vielfältige erzieherische Arbeiten, die die Eltern und dann die Schule leisten
müssen, sonst wird nichts aus den Kindern.
Die Erziehung ist also mit die wichtigste Aufgabe der
Kultur. Die Hauptlast der ersten Jahre liegt auf der Mutter, sie muss viel
vollbringen, dass aus diesem "biologischen Wesen" Mensch ein "Kulturwesen" wird.
Das Bewusstsein muss sich aus dem Bios herausarbeiten, um existent und
funktionsfähig zu sein. Unter dem Einfluss der liebevollen Betreuung durch die
Mutter entdeckt das Kind die Mutter als emotionales Gegenüber und befreit damit
seine Bewusstheit aus der Biologie.
Später entdeckt der junge Mensch bereits deutlicher
sein Gegenüber, das Forderungen stellt, denen man zustimmen oder entgegenhandeln
kann. Das gibt der Ich- und Bewusstseinsentwicklung Auftrieb. Darum sagt das
Kind in dieser Zeit bereits mit Verständnis "Ich" und "Ich will" und leider noch
öfter "Ich will nicht!" Früher ordnete man fälschlicherweise diese
Entwicklungsphase als Trotzregung ein und spricht noch heute vom "Trotzalter".
Dabei sind das bereits hohe Bewusstseinsleistungen. Später bewegt das Kind sich
noch weitläufiger im sozialen Raum, im Rahmen der zwischenmenschlichen
Beziehungen. Es geht ihm um die Themen der Selbstbehauptung und
Selbstdarstellung, wobei es seinen Eigenwert spiegelt in der Beachtung und
Wertschätzung, die es von seinen Beziehungspersonen erfährt. Das Bewusstsein
meint nur existieren zu können, wenn es durch das Du und das Wir vollumfänglich
bejaht wird. Die emotionale Interaktion ist die Sphäre, in der Bewusstheit ihre
eigentliche Heimat findet. Sie kann sich nur im Dialog am Leben erhalten. Fällt
ein Individuum aus dem Bereich der "Zwiesprache" (Martin Buber, 1878-1965)
heraus, dann regrediert es auf frühere Entwicklungsphasen und verliert
Kompetenz. Das Bewusstsein stiftet also Gemeinschaft und bleibt in ihr lebendig;
es braucht Nähe und Austausch, um atmen und existieren zu können.
12. Wir sagten weiter oben, dass die Hauptfunktionen
des Bewusstseins der Aufbau einer Wahrnehmungswelt und das Sichtbarmachen einer
Wertewelt ist. Die letztere muss nun genauer unter die Lupe genommen werden.
Wert ist ein "erstrebenswerter Zweck". Uns
interessieren hier besonders die moralischen Werte (obwohl es auch
wirtschaftliche, ästhetische, rechtliche, religiöse u.a. Werte gibt). Nach Kant
sind Werte Gebote, von denen eine Aufforderung ausgeht, verwirklicht zu werden.
Werte sind keine Erkenntnis, deshalb können sie nicht wahr oder falsch, sondern
nur gut oder schlecht sein. Werte gelten jeweils nur für gewisse Menschen,
während Erkenntnisse allgemeingültig sind. Zu verschiedenen Zeiten und an
verschiedenen Orten herrschen verschiedene Werte. Der Wertpluralismus stellt uns
vor eine Qual der Wahl. Aber die Entscheidung muss getroffen werden, da wir
Ziele erreichen wollen und handeln müssen.
Nach Josef Rattner (*1928) sind Gefühle die Instrumente
zum Erkennen von Werten. Gefühle sind identisch mit der Fähigkeit zum
Werterleben. Während die Liebe die Werthaltigkeit der Welt vermehrt, hat der
Hass die Tendenz, Werte zu vernichten. Der Hass macht den Menschen blind für das
Wertvolle. Neurosen und Affekte sind ein grosses Nein, das tendentiell zu
Wertindifferenz und Unwertigkeit führt. Versiegen die Quellen der zuwendenden
Liebe, ist wertmässiger Abstieg unvermeidlich. Will der Mensch glücklich sein,
so muss er vernünftig denken und handeln; er muss entscheiden lernen und
Zusammenhänge erkennen. "Wenn man Affekte in Gefühle verwandeln kann, verhilft
man dem Menschen zu einer seelisch-geistigen Entwicklung. Vielleicht ist dies
auch eine der besten Definitionen für die Psychotherapie: Im Verlauf einer
gelingenden Behandlung wird der Patient affektfreier und entdeckt den
beglückenden Raum der Gefühle." (Rattner 1994, 110) Der Mensch ist in Grenzen
frei, sich seine Werte zu wählen. Falsche Wertmassstäbe basieren auf
Erziehungsfehlern, lebensfremder Moral und gesellschaftlichen Tabus. Wie
Heinrich Rickert (1863-1936), der methodologisch den Unterschied zwischen Natur-
und Kulturwissenschaften herausarbeitete, geht Rattner von der Existenz zeitlos
gültiger Werte aus.
13. Das Bewusstsein schafft sich seine Stärke,
Elastizität und Vigilanz nicht nur aus dem kontaktfähigen Umgang mit dem Selbst
und dem Wir und ferner den Werten, sondern auch durch das Sich-Einarbeiten in
die Welt des sogenannten objektiven Geistes. Mit dem objektiven Geist
bezeichnete Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) all das, was durch
kollektive Anstrengungen an Werten geschaffen wurde: Recht, Moralität und
Sittlichkeit beispielsweise. In Rattners Sicht ist die objektive Geisteswelt -
Kunst, Wissenschaft, Sprache, Sitte und Brauchtum, Technik, Wirtschaft, Religion
und Philosophie - das Medium, in dem das Bewusstsein seine Blüte entfalten kann.
Will man also Menschen im emphatischen Sinne "menschlich" machen, dann muss man
sie zur weitläufigen Kulturfähigkeit erziehen, oder anders gesagt: Sie sollen
ihren persönlichen Denkprozess durch überpersönliche Denkinhalte schulen und
bereichern. In dieser Transzendenz ist ein Stück seelischer Gesundheit
begründet. Wo der Mensch in Armut, Unwissenheit und Entbehrung aufwächst, findet
er keinen Zugang zur Kultursphäre. Will er sich dann zur Geltung bringen, dann
muss er das in primitiver Selbstdurchsetzung anstreben. Man sollte alle
psychopathologischen Zustandsformen auch daraufhin untersuchen, ob da Menschen
im Verlaufe ihrer Sozialisation mit der Kultur nicht genügend bekanntgemacht
wurden und daher ihr Perfektionsideal und ihre Strebensziele ungeschickt
definieren. Das ungeschulte und primitivisierte Bewusstsein hat jenes "Unbehagen
in der Kultur", das Freud fälschlicherweise dem Menschen überhaupt anheftete.
Die Kultur ist nicht per se der Gegenspieler des Menschen. Allerdings gibt es
überlebte Formen des objektiven Geistes - Patriarchat, Autoritarismus,
Militarismus, Sexualphobie, religiöse Verstiegenheit, egoistische und
machtmässige Ideologien -, die im Widerspruch zur menschlichen Entfaltung stehen
und mindestens so pathologisierend sind wie die Abwesenheit von
Kultureinflüssen.
14. Für das Bewusstsein kann man formulieren, dass es
um seine Existenz weiss und auch den Imperativ fühlt, dieses Sein zu behaupten.
Dabei muss es sich mit den anstürmenden Ideen und unbewussten Inhalte mit ihrer
manchmal unheimlichen Überzeugungskraft auseinandersetzen. Es erhebt sich die
Frage, wie das Individuum darauf reagieren wird. Wird es von diesen Inhalten
überwältigt? Das bedeutet Paranoia oder Schizophrenie. Oder wird es sie bloss
glauben? In diesem Fall wird der Mensch zum prophetenhaften Sonderling oder zu
einem infantilen Menschen, der für die menschliche Kulturgemeinschaft
uninteressant ist. Oder wird es sie ablehnen und zurückweisen? Das bedeutet
ängstliche Regression. Der Idealfall wäre das kritische Verständnis und die
Integration.
Adler, Rattner und andere sehen im letztgenannten Fall
die Fähigkeit des Bewusstseins, zur Einheit und Ganzheit zu werden, also das
tausendfältige Bewusstseinsleben irgendwie zu vereinheitlichen. Zwar mag der
Dichter sagen, dass "zwei Seelen in seiner Brust wohnen", aber der genauere
Befund erkennt im menschlichen Leben und Treiben eine Tendenz und Zielrichtung,
die mehr oder minder Unifikation erzwingt. Hat ein Mensch einmal, bewusst und
unbewusst, Ziele und Werte, dann ordnet sich alles in seinem Gemüt diesen ein
und unter. Die Teile werden vereint von der Kraft der Ziele und Werte bewegt.
Vielen Individuen misslingt diese innere Ganzwerdung.
Die Psychiatrie machte hierfür lange Zeit in erster Linie die Vererbung und
Konstitution verantwortlich. Heute neigen wir dazu, die Zerbrechlichkeit und
Lädierbarkeit im personalen Aufbau auch mit der Frühsozialisation, mit Lebens-
und Erziehungsschicksalen, mit inneren und äusseren Katastrophen zu verknüpfen.
Kein Zweifel, dass ein geschwächtes und überfordertes Bewusstsein dem Andrang
innerer und äusserer Lebensaufgaben nicht gut standhält und letztlich den
Zusammenbruch nicht aufhalten kann und den Rückzug antritt.
15. Die von einigen Autoren beobachtete urwüchsige
Tendenz zur Ausrichtung des Bewusstseins auf Ziele und die grosse Rolle der
Erziehung für die Bewusstseinswerdung und -schulung zeigt deutlich, dass
Bewusstsein eine Aufgabe ist und keine Gegebenheit. Wenn das Bewusstsein
"gesund" ist, dann will es beweglich, autonom, siegreich und souverän sein. Sind
die biologischen Voraussetzungen gegeben, dann bedarf es einer sorgfältigen
Erziehung und Sozialisation, um der Bewusstheit den genannten Freiheitsspielraum
zu verschaffen. Überraschenderweise nimmt die traditionelle Pädagogik fast gar
nicht auf dieses Desiderat Bezug. Im Gegenteil, viele übliche
Erziehungsmassnahmen sind darauf gerichtet, das Bewusstsein zu schwächen, zu
immobilisieren, zu verkleinern und oft sogar auszutreiben "wie einen bösen
Geist".
Freud sprach dabei von der drei Denkhemmungen, die die
Kultur (vermittelt über Familie und Schule) ihren Zöglingen einpflanze, um sie
lenkbarer und gefügiger zu machen. Es sind dies die autoritäre, die sexuelle und
die religiöse Denkblockade. Brave Untertanen, sexuell Gehemmte und religiöse
Menschen benutzen nur einen Teil ihrer Bewusstseinskapazität und ihres
Intellekts. Eingeschränkte intellektuelle Fähigkeit ("Denkverbot") ist eine
Folge von Verdrängung und kann jeglichen Bereich betreffen (Freud 1908d, 162).
Der ganze Wahrnehmungskreis wird beschränkt (Adler 1972a; 32, 68). Das
Denkverbot in einem Bereich infiziert andere Bereiche; hat erst einmal eine
entmutigende und hemmende Erziehung Platz gegriffen, wird sie in allen
Lebenssphären ihre unheilvolle Wirkung entfalten und auch Kostbarkeiten wie
Vernunft, Sachlichkeit, Spontaneität, Wahrheit, Gefühl, Mut, Zuversicht und
Ehrlichkeit in Mitleidenschaft ziehen. Das ist die Erziehung zum "mittleren
Menschen", zum gefügigen Herdenwesen, mit dem Staat, Kirche und Gesellschaft oft
manche Unternehmung ins Werk setzen können, die sich früher oder später als
furchtbar erweist.
Erziehung durch Angst, Gewalt, Einschüchterung,
Triebverneinung usw. sind sicherlich an der massenhaften Verbreitung hypotropher
Bewusstseinszustände beteiligt. Es folgt im späteren Leben eine Fülle von
Zwängen, die den Menschen weiter uniformieren und nivellieren. Er darf vieles
tun und machen, nur nicht "er selbst" sein. Den Menschen als selbstbewusste,
human gesinnte Persönlichkeit hat man in der Geschichte nur selten gewollt.
16. Aber nicht nur von aussen erwachsen der Bewusstheit
viele Feinde und Unterdrücker; auch der Mensch selbst will gerne die Last des
Selbstbewusstseins abwerfen, weil sie mit Überlegung, Verantwortung und
Sublimierung verbunden ist. Es gibt in den Menschen der bisherigen Kulturen eine
grosse Verlockung, nach Möglichkeit nur halb bewusst zu existieren. Dem dienen
z.B. die vielfältigen Rauschmittel und Drogen, die überall und immer im Schwange
sind. Alkohol, Tranquilizer, Aufputschmittel aller Art sind so beliebt, weil sie
unter Abwendung von der Wirklichkeit zumindest zeitweise für gute Gefühle sorgen
und das Bewusstsein in die luftigen Sphären des Irrealen entführen. Das
Bewusstsein verflüchtigt sich, wenn Drogen konsumiert werden. Die Betreffenden
sind nicht nur auf der Flucht vor der Realität, sondern wollen auch ihr
klägliches Bewusstsein aufplustern, das ihnen "nüchtern" als nicht ausreichend
erscheint. Daher ist es ein sprachlicher Missbrauch, wenn man von
bewusstseinserweiternden Drogen spricht. Sie vergrössern nur scheinbar den
Spielraum der menschlichen Erfahrung, lassen in der Sucht tatsächlich aber
Bewusstsein (wie den Betreffenden selbst) auf das Thema Droge zusammenschnurren,
was nach aller Erfahrung mit einem tiefen Fall endet.
Eine andere Droge, die nicht übersehen werden darf, ist
Aggression und Gewalt. Vor allem in Diktaturen und fanatischen Gruppen berauscht
man sich an der Möglichkeit, den Menschen die Autonomie zu rauben und sie durch
Vorurteile, Hass und Lizenz zur Brutalität an sich zu binden. So können
menschenfeindliche Systeme vorübergehend existieren, fanatische Gefolgschaft
haben und sogar auf der politischen und militärischen Ebene Triumphe erringen.
Aber bald danach ist ihr Zustand so kläglich wie bei jenen Suchtkranken, die mit
der Droge im Leib "Gottähnlichkeit" empfinden und dann hart auf den Boden der
Realität ihres gewohnten Jammers aufschlagen. Nach Freud ist auch die Religion
eine solche Betäubung mit einem "geistigen" Suchtmittel.
17. Den Seelenforscher und Psychopathologen werden aber
auch bescheidenere und alltäglichere Phänomene interessieren, in denen das
menschliche Bewusstsein um seine Selbstbehauptung ringt und sie nur in Massen
behalten kann. Man denke etwa an die Phänomene der Ermüdung und des
Einschlafens. Offenbar bedarf der Mensch des Ausgeruht- und Wachseins, um sich
seiner Bewusstseinsfähigkeiten angemessen bedienen zu können. Im Zustand der
Müdigkeit kann jedermann beobachten, wie seine Bewusstseinsfunktion an Freiheit
verliert und träger, phlegmatischer und eingeschränkter wird. Im Schlaf verliert
sich das Bewusstsein in den Tiefen des Leibes und schöpft daraus seine Erholung.
Das ist aber nur möglich, wenn Bewusstsein und Leib in friedlicher Kooperation
und Koexistenz leben. Fehlt diese, dann kann auch der Ermüdete nicht zur
Entspannung gelangen; Einschlaf- und Durchschlafstörungen sind Zeichen dafür.
Ein gestörter Schlaf kann viele Ursachen haben; die Psychologen denken daran,
dass er mit mangelnder Entspannungsfähigkeit des Menschen einhergeht.
18. Wir sind am Ende einer langen Überlegung angelangt.
Ausgehend von der phänomenologischen Beschreibung des Bewusstseins, seiner
Aufgaben und Leistungen, haben wir Seitenblicke auf die Fülle und Vielfalt
menschlicher Lebenserscheinungen geworfen. Das ist Aufgabe jeder psychologischen
und medizinischen Anthropologie. Daher sind isolierende Betrachtungsweisen, die
häufig noch in der Forschung gebräuchlich sind, so unergiebig. Die Psychologie
hat das Ungenügen erkannt, nur kognitive, motivationale oder affektive
Funktionen für sich genommen zu untersuchen (Grubitzsch/Rexilius 1987, 150). Wer
philosophisch denkt, wird die Ganzheit der menschlichen Existenz ins Visier
nehmen, auch wenn er sich mit einem Detailbefund beschäftigt.
9.
Gedanken zu einer Theorie des Unbewussten
Es ist allgemein bekannt, dass der Begriff des
Unbewussten innerhalb der Tiefenpsychologie eine ganz zentrale Stellung
einnimmt. Für Freud galt die Anerkennung unbewusster seelischer Vorgänge
geradezu als Voraussetzung dafür, dass sich jemand als Psychoanalytiker
bezeichnen dürfe. Der Begründer der Psychoanalyse setzte seinen Stolz darein,
dass er als erster das Unbewusst-Seelische zum Gegenstand einer
nachvollziehbaren Forschung gemacht hatte.
Lange vor der Psychoanalyse hatten schon die
Philosophen (und vor allem die Romantik) rein spekulativ das Unbewusste
thematisiert. So findet man diesbezügliche Erörterungen bei Plotin, Leibniz,
Schelling, Herbart, Carus und Eduard von Hartmann. Der Letztgenannte (ein
vielgelesener Modephilosoph seiner Epoche) hat sogar 1869 eine dreibändige
Philosophie des Unbewussten veröffentlicht, deren Erkenntniswert aber für die
Praxis der Medizin und Psychologie äusserst gering ist.
Das gilt jedoch in keiner Weise für Schopenhauer und
Nietzsche, die als Philosophen ein feines Gespür für das Walten des Unbewussten
im normalen und pathologischen Seelenleben aufwiesen. In den Schriften dieser
beiden Vorläufer der Psychoanalyse ist unendlich viel Material zum Studium
unbewusster Prozesse enthalten. Daher haben sich auch Freud, Adler, Jung und
viele andere moderne Psychologen zu diesen beiden Denkern bekannt, die in vielen
Formulierungen Einsichten der späteren Tiefenpsychologie vorwegnahmen. Auch
andere Philosophen wie Feuerbach, Bergson, Dilthey, Lipps und verschiedene zur
Lebensphilosophie gehörige Autoren haben an der Konstituierung einer Psychologie
des Unbewussten mitgearbeitet, wenngleich sie dabei nur intuitiv und fast
dichterisch vorgingen.
Freud war sich dieser Vorläuferschaft in der
Philosophie nur teilweise bewusst, weil er als Positivist und Materialist vor
dem Philosophieren wenig Respekt hatte. Er empfing entscheidende Anregungen eher
aus der Medizin seiner Zeit. Bei seinen Studienaufenthalten in Paris bei Charcot
und in Nancy bei Bernheim (in den 80er Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts)
wurde die Thematik unbewusster Vorgänge bereits ventiliert. Bernheim z.B.
experimentierte mit dem sogenannten "Somnambulismus", ein furchtbares Wort, das
aber im Grunde nur "Einschläferung des Willens" bedeutet. Im Zustande der
Hypnose wurde etwa dem Hypnotisierten ein Auftrag erteilt, den er posthypnotisch
ausführen sollte. Das taten die Exploranden zwanghaft, ohne zu wissen, warum sie
sich dazu gedrängt fühlten. Offenbar war der in der Hypnose erteilte "Befehl"
ins Unbewusste abgesunken und wirkte von dorther als Imperativ. Sollte etwa ein
Hypnotisierter das Fenster öffnen, so sagte er nicht, man habe ihm das in der
Hypnose gesagt, sondern er behauptete, die Luft sei schrecklich im Raum und
darum müsse geöffnet werden.
Die eigenen Erfahrungen in der Therapie hysterischer
Patientinnen fügten ein weiteres hinzu, um Freuds Überzeugung zu festigen, dass
es ein Unbewusst-Seelisches gibt. Die Hysterika hat oft weite Teile ihrer
Vergangenheit vergessen und agiert diese in ihren Symptomen. Auch macht sie mit
letzteren "Mitteilungen an ihre Umgebung", die sie selbst nicht versteht.
Elisabeth von R. (in: Studien über Hysterie, 1895) z.B. konnte nicht
stehen und gehen, was von Freud als unbewusste Kommunikation des Faktums
interpretiert wurde, sie halte ihr Allein-Stehen für beschwerlich und leide
darunter, dass es im Leben nicht weitergehe. Eine solche Deutung galt Freud als
"Bewusstmachen des Unbewussten", und das erschien ihm in der Frühzeit der
Psychoanalyse schon als Heilfaktor ersten Ranges.
Freud war sich durchaus im klaren darüber, dass er mit
der Einführung des "Unbewussten" im Widerspruch zur zeitgenössischen
akademischen Psychologie stand. Diese verkündete (wie z.B. Wilhelm Wundt) mit
dem Brustton der Überzeugung, dass Bewusstsein und Seelenleben identisch seien.
Um nicht allzu viel Anstoss zu erregen, sprach der Begründer der Psychoanalyse
zunächst davon, dass der Begriff "unbewusst" nur eine Hilfskonstruktion sei.
Aber bald ging er dazu über, doch ein "seelisches System" zu postulieren, dem er
einen Realitätswert zuschrieb.
Es waren vor allem die Phänomene des Traumes, die die
Hypothese des Seelisch-Unbewussten nahelegten und stützten. Freud deutete die
Träume seiner Patienten und auch seine eigenen, deren Interpretation und Theorie
er in Die Traumdeutung (1900) mit grossartiger Akribie beschrieb. Schon
in den ersten Sätzen des Werkes versprach er, den Sinn der Träume zu enträtseln,
indem er den Nachweis erbrachte, dass man durch ein geeignetes Verfahren die
Stellen angeben könne, wo die Traumbilder in den Zusammenhang des Wachlebens
hineinpassten.
Aus den weitläufigen Ausführungen dieses Grundbuches
der Psychoanalyse ging Folgendes hervor:
a) Die Anregung zum Traum kommt aus einem Erlebnis des
Vortages (Tagesrest), das die seelischen Tiefenschichten des Träumers affiziert
und beunruhigt.
b) Das genannte Erlebnis stimuliert uralte Erinnerungen
und Triebwünsche, die normalerweise keinen Zugang zum wachen Bewusstsein haben.
Infantil-sexuelle Reminiszenzen und Relikte sind die Motoren des Traumlebens. Im
Schutze des Schlafes drängen sie nach "oben" und suchen eine symbolische
Wunscherfüllung.
c) Eine direkte Darstellung von Wunsch und Befriedigung
widerspräche den Wertvorstellungen des Ichs im Träumer. Eine Art "Zensur" wache
darüber, dass infantiles Material nicht unverstellt ins Bewusstsein eindringt.
Daher sind Träume so schwer verständlich.
d) Ein weiterer Grund für die Notwendigkeit einer
sachkundigen Trauminterpretation liegt darin, dass im Traum ganz andere Gesetze
vorherrschen als im Wachleben. Freud spricht von sogenannten "Primärprozessen",
im Gegensatz zu den "Sekundärvorgängen", die das Bewusstsein auszeichnen. Im
Traum sind libidinöse Besetzungen ungemein beweglich. Darum ist die übliche
Zeitvorstellung ausser Kraft gesetzt, der Satz vom Widerspruch gilt nicht mehr,
und Vorstellungen können durch Verschiebung, Verdichtung, Verkehrung ins
Gegenteil und Symbolisierung nachdrücklich verwandelt werden. - So entsteht also
das Bild eines untergründigen "seelischen Systems", das die Tiefenpersönlichkeit
konstelliert und viel mehr Kraft und Macht als das Bewusstsein besitzt.
Da Freud ohnehin von einem "seelischen Apparat" sprach
und damit ein technizistisches Modell der Psyche propagierte, fiel es ihm nicht
schwer, mit räumlichen Metaphern zu arbeiten. So bekam die Seele eine räumliche
Struktur, mit einem bewussten "Obergeschoss" und tieferliegenden unbewussten
"Kellerräumen". Um das Zusammenwirken der beiden Stockwerke zu erläutern, erfand
der Meister sogar eine neue Hilfswissenschaft, die sogenannte Metapsychologie.
Sie sollte die Topik, Ökonomie und Dynamik des menschlichen Seelenlebens in
quasi naturwissenschaftlicher Formulierung explizieren.
Diese Metapsychologie ist im Grunde eine (etwas
unbeholfene) Philosophie der Psychoanalyse. Sie setzt die Libido als psychische
Grundkraft ein und definiert den Menschen somit als Homo libidinalis, als
wünschendes, begehrendes und triebhaftes Wesen. Das Raummodell wurde später
verfeinert, indem es die Trias von Es, Ich und Über-Ich spezifizierte.
Ursprünglich ist nur das Es vorhanden, das als "absolut unbewusst" gilt und
mitunter als "Kessel voll brodelnder Triebe" charakterisiert wird. Dieses Es
schafft sich das Ich mit seinem Bewusstsein als ein "Wahrnehmungsorgan". Sodann
kommt unter dem Einfluss von Erziehung und Umwelt noch das Über-Ich hinzu, eine
"Stufe im Ich", die die Wert- und Normvorstellungen der Gesellschaft und ihrer
Autoritäten enthält. Das Über-Ich ist sowohl das Gewissen wie auch das Ich-Ideal
und ein Organ des Selbstwahrnehmung.
Die Libido ist der Kraftstoff dieses komplizierten
seelischen Apparates. Sie wandert zwischen den Stockwerken hin und her (Dynamik,
Ökonomie), kann verdrängt, abreagiert und sublimiert werden. Als
Verdrängungsinstanz kommen nur Ich und Über-Ich in Frage, wobei das letztere mit
seinen oft engen und lebensfremden Forderungen die Verdrängung von
Triebhaftigkeit, Affekten und Gefühlen erzwingt. Die Zensurbehörde, von der
schon Die Traumdeutung spricht, ist lokalisiert zwischen Ich und Es. Sie
führt zu einer Unterscheidung von Vorbewusstem und eigentlichem Unbewussten. Was
vorbewusst ist, kann bei passender Gelegenheit leicht bewusst gemacht werden.
Das Verdrängte jedoch bleibt normalerweise im Abseits und Untergrund. Nur in
Träumen und anderen Grenzphänomenen der seelischen Aktivität kommt es
andeutungsweise zum Vorschein.
Die Begriffe Verdrängung und Unbewusstes haben demnach
einen inneren Zusammenhang. Aus der Erkenntnis der ungeheueren Macht verdrängter
seelischer Strebungen in Gesundheit und Krankheit gewann Freud die Überzeugung
davon, dass durch das Studium der Verdrängungs-Erscheinungen ganz neue Horizonte
für die psychologische Forschung sichtbar gemacht werden konnten.
Bei seinen Traumdeutungen glaubte der Begründer der
Psychoanalyse zu sehen, dass das Unbewusste sozusagen eine "Zweitpersönlichkeit"
sei, die zur wachen Persönlichkeit in einem merklichen Gegensatz steht. Indes
der "mittlere Mensch" üblicherweise als vernünftig und moralisch imponiert,
enthüllen seine Träume ein triebhaftes, perverses, egozentrisches und wenig
soziales Charakterbild, das der Betroffene jeweils nur mit deutlichem
Widerstreben zur Kenntnis nimmt. Und da das Unbewusste für Freud nicht nur eine
gewisse Autonomie, sondern sogar eine Art Übergewicht über den Vordergrund der
Person aufweist, wurde von ihm ein ziemlich düsteres Menschenbild gezeichnet.
Das Unbewusste ist die Frühgeschichte der
Individualität, der triebhafte Bodensatz seiner Psyche und - um auf Stevensons
bekannte Erzählung Dr. Jekyll und Mr.Hyde anzuspielen - der Mr.Hyde, der in den
Tiefen der Person schlummert und nur dann und wann zu vorwiegend störender oder
gar destruktiver Aktivität erwacht. Dass er die Dinge so sah, belegte Freud im
weiteren Fortgang seiner Untersuchungen.
Ebenfalls um die Jahrhundertwende hatte er sich schon
für die sogenannten "Fehlleistungen" interessiert, die für ihn auch
Manifestationen der Störwirkungen des Unbewussten in der Psyche waren. In seinem
fast meistgelesenen Buch Zur Psychopathologie des Alltagslebens (1904)
verbreitete er sich über das Vergessen, Verlesen, Verschreiben, Verlegen und
andere Symptom- und Zufallshandlungen, die er ingeniös als das "Walten des
Unbewussten in der Alltäglichkeit" demonstrierte. Gerade dieser Text sollte die
Fach- und Laienwelt von der Existenz des Unbewussten überzeugen. Besonders in
diesem Text zeigt sich das unbewusste Seelenleben in seiner "Koboldhaftigkeit".
Es wirkt da und dort gespensterhaft in das Normalleben des Menschen hinein, so
dass Freud sich zu dem Motto aus Goethes Faust berechtigt fühlte: "Nun ist die
Luft von solchem Spuk so voll, dass niemand weiss, wie er ihn meiden soll."
Auch für den Bereich der Ästhetik beanspruchte der
Begründer der Psychoanalyse eine weitläufige Berücksichtigung unbewusster
Vorgänge und Dynamismen, indem er sein Buch Der Witz und seine Beziehung zum
Unbewussten (1905) publizierte. Nun ist der Witz nur ein Randphänomen im
Bereich ästhetischer Erörterungen. Da aber Freud nachweisen konnte, dass bei der
Produktion, beim Erzählen und bei der Rezeption von Witzen starke und
untergründige "libidinöse Motivierungen" vorhanden sind, schuf er ein Modell zur
Diskussion künstlerischer Leistungen und Empfindungen überhaupt. Wer ein
Kunstwerk schafft oder geniesst, will auch darin seine Libido und damit seine
unbewussten Gemütsregungen unterbringen. Freud selbst unternahm eine ganze Reihe
von Kunstanalysen, die sowohl Werke der schönen Literatur, der Plastik und der
Malerei betrafen. Was er dabei ans Tageslicht förderte, war bei den Fachleuten
des jeweiligen Gebietes meistens sehr umstritten, hat aber doch die
entsprechenden Wissenschaften und die Künste selbst ungemein angeregt.
Aber damit nicht genug: Die Psychoanalyse war von
Anfang an auf ein universales Studium der menschlichen Natur hin angelegt. Daher
wandten sich die Psychoanalytiker mit Freud seit 1911 (Totem und Tabu)
der Untersuchung der Ursprünge von Sitte, Moral und Religion zu. Der Meister
postulierte in der genannten Schrift, dass es wichtige "Übereinstimmungen
zwischen dem Seelenleben moderner Neurotiker und der Primitiven" gebe. In diesem
Zusammenhang wurde ihm der Ödipus-Komplex zum Schlüssel für den Totemismus, die
Tabu-Vorschriften früherer und heutiger Zeiten und der Genese der
Religionsformen. Es wurde eine Art "Urzeit-Roman" ausgedacht, wonach die frühen
Menschen in Horden zusammenlebten, welche von mächtigen "Urvätern" beherrscht
wurden. Diese beanspruchten die Frauen für sich und vertrieben oder kastrierten
ihre Söhne, bis sich letztere zusammentaten und zum "Urvater-Mord" schritten.
Dieses urtümliche Verbrechen hat für den "Lamarckisten" Freud Spuren oder
Engramme in der Menschenseele hinterlassen. Wenn demnach in der Gegenwart Knaben
ihre Väter und Mädchen ihre Mütter hassen, dann liegt die Ursache nicht nur in
ihren privaten Schicksalen, sondern in der Prägung durch tausendfältiges und
archaisches Menschheitsschicksal. Die Dimension des Unbewussten wurde so von
Freud selbst schon um ein "Kollektiv-Unbewusstes" bereichert - ein Weg, auf dem
C.G. Jung später mit gewaltigem Impetus weiter vorzudringen versuchte.
Noch komplizierter wurde Freuds Auffassung von der
Struktur und Dynamik des Unbewussten seit 1923, als er seinen Essay über Das
Ich und das Es veröffentlichte. Darin wird der Begriff des "Es" als neue
Nomenklatur gebraucht; der Terminus findet sich schon bei Nietzsche, wurde aber
dem Meister durch seinen wilden und genialischen Schüler Georg Groddeck
nahegebracht. Die Aufteilung der Psyche in Es, Ich und Über-Ich deckt sich aber
nicht mit der Zweiteilung von Bewusstsein und Unbewusstem. Nach Freud sind weite
Teile des Ich und des Über-Ich ebenfalls unbewusst, so dass man fehlgeht, wenn
man nur Triebe und Affekte im unbewussten Seelenleben sucht; auch Teile unserer
Ich-Strebungen und Moral- und Wertvorstellungen bleiben weitgehend ausserhalb
des Bewusstseins. Es war ein revolutionärer Schritt, dass Freud auch manchen
Ich-Komponenten und Gewissens-Anteilen Unbewusstheit zuschrieb. Das erlaubte ihm
u.a. die Formulierung, dass der Mensch nicht nur schlechter, sondern auch besser
ist als er glaubt; er hat in sich Wertstrebungen und Wertmassstäbe, die er kaum
kennt.
Man kann verstehen, dass Freud bei solchen Befunden
oder Hypothesen zuletzt im Unbewussten "das Eigentlich-Seelische" sah und sich
selbst als eine Art Kolumbus definierte, der für die Forschung einen neuen
Kontinent entdeckt hatte. Jedenfalls hatte er ein neuartiges Paradigma (Th.S.Kuhn)
in die Welt gesetzt, das ähnlich wie die Lehre des Kopernikus und die Theorien
von Darwin der Wissenschaft grundsätzlich innovative Methoden und Inhalte
zuwies. Man kann sagen, dass in den letzten hundert Jahren unzählige Arbeiten in
dieser Sphäre mit mehr oder minder grossem Erfolg durchgeführt wurden.
Mit Totem und Tabu hatte Freud implizit
behauptet, dass die mythologische Vorstellungswelt von denselben psychologischen
Gesetzen beherrscht wird wie die Neurose und andere psychische Störungen. Das
ergab für C.G. Jung den Einstieg in seine eigene Lehre, die frühzeitig einen
Antagonismus zur Psychoanalyse anstrebte. Jung war der Meinung, dass nicht so
sehr der Mythos ein Spezialfall von Neurose war, sondern dass jede neurotische
Phantasiewelt ein Privatmythos des Patienten sei. Die Heilung von Neurosen komme
dadurch zustande, dass der Kranke geistigen Kontakt mit den echten und
zeitüberdauernden Mythen suche, wobei ihm der Therapeut als kundiger
Mythenforscher zur Seite stehen müsse.
Schon vor seiner Bekanntschaft mit Freud war Jung mit
den Problemen des Unbewussten annähernd vertraut. Er befasste sich mit
"diagnostischen Assoziationsstudien", nämlich mit der Frage, wie
Versuchspersonen auf gewisse Reizworte reagieren. Nun war es unverkennbar, dass
gewisse Worte, die Emotionen und Affekte ansprachen, eine verlängerte
Reaktionsdauer und sonderbare Reiz-Antworten ergaben. Jung führte das auf die
sogenannten Komplexe zurück, d.h. den Niederschlag affektgeladener Erlebnisse in
der Vergangenheit des Exploranden, der aus moralischen Gründen aus dem
Bewusstsein verdrängt sei. Komplexe gebärden sich oft wie "autonome
Teilpersönlichkeiten". Sie stören den Ablauf psychischer Prozesse und verhindern
die Einheit der menschlichen Person. So sind sie ein Krankheitsfaktor ersten
Ranges.
Durch die Beziehung mit Freud (seit 1906/07) erhielt
der Schweizer Psychiater mächtige Anstösse für seine forschenden und
schriftstellerischen Leistungen. Seinen eigenen Standort formulierte er bereits
in Wandlungen und Symbole der Libido (1912) und noch viel deutlicher in
Psychologische Typen (1920). Das letztgenannte Buch wurde allerdings fast
sieben Jahre nach der Trennung von der Psychoanalyse ediert, die - entsprechend
Jungs cholerischem Charakter und robuster Mentalität - unter Äusserung von
Affekt und Feindseligkeit zustandekam.
Jungs Modell vom Unbewussten ist noch viel
phantastischer als dasjenige von Freud. Dass es ein privates Unbewusstes und
damit auch ein "Verdrängtes" gibt, anerkannte der Dissident vom Zürichsee
durchaus; er nannte es in seiner bilderreichen Sprache den "Schatten", d.h.
jenen Teil der Persönlichkeit, den wir nicht gerne wahrhaben wollen und deshalb
aus dem Lichtkreis des Bewusstseins heraushalten.
Geht man aber weiter in die Tiefen der Menschenseele
hinab, dann findet man nach Jung die festen und schicksalsbestimmenden
Strukturen von Animus und Anima, welche jeweils die Bilder des "anderen
Geschlechtes" in uns beinhalten. Der Mann hat im Innern ein Seelenbild der Frau
et vice versa. Die Auseinandersetzung mit diesen Imagines bestimmt Liebes- und
Lebensschicksal.
Aber Jung beschränkt sich nicht auf dieses merkwürdige
Konstrukt, das ihn zu Annahmen verpflichtet, die theoretisch weitläufige
Hypothesen nach sich ziehen. Für ihn ist die Seele ein Schichtenbau; sie enthält
gleichsam "geologische" Ablagerungen uralter Menschheits-Erfahrungen, die sich
analog zu den Instinkten der Tiere in gewissen Verhaltens-Dispositionen
bekunden. So gibt es jenseits des persönlichen Unbewussten eine kollektive
"Rassen-Psyche", die der Sitz der Archetypen ist. Manchmal postuliert Jung eine
biologische Konstellation im Hirn, die archetypische Bilder produzieren kann.
Dann aber wieder bleibt er im Rahmen psychologischer Überlegungen und will "rein
empirisch" registrieren, welche Bilderwelt das "menschliche Ahnenerbe"
hervorbringt, wenn schwierige individuelle und kollektive Situationen zustande
kommen.
Die Archetypen sind Zentren der psychischen Energie;
sie haben eine "numinose" Eigenschaft, d.h. sie wirken aufwühlend und
erschreckend, oft aber auch heilsam und fördernd. Archetypen erscheinen in
Träumen, aber auch beim absichtlichen Phantasieren (Imaginieren) und beim
spontanen Zeichnen (das Jung in der Psychotherapie als Hilfsmethode einsetzte).
Im Sinne der Jungschen Psychologie entdeckt man auch archetypische Gestaltungen
in den Religionen und Mythen, in der Dichtung und in der Kunst überhaupt. Ja
sogar philosophische Systeme können archetypisch inspiriert sein.
Eine wichtige Aufgabe der Psychotherapie ist nach Jung
die Auseinandersetzung mit diesen Archetypen. So gibt es z.B. den "Archetyp des
Geistes", der in Träumen als Wind, Ahnengestalt, helfendes Tier und Gottheit
erscheinen kann. Auch Medizinmänner und jede Art von "Heilern" sind
Konkretisierungen dieses wichtigen Urbildes.
Noch wichtiger aber ist der "Archetypus des Selbst".
Dieser wird aktiviert, wenn sich der Mensch auf den Weg der "Individuation"
begibt, welche nach Jung die eigentliche Zielsetzung jeder seelenärztlichen
Behandlung ist. Nach den Jungianern ist der "Selbstverlust" die Urform aller
Neurosen. Wir würden nicht seelisch erkranken, wenn uns nicht Erziehung,
Gesellschaft, eigene Bequemlichkeit und seelische Dumpfheit von uns selbst
entfremden, so dass wir an den wesentlichen Sphären unserer Innerlichkeit
vorbeileben.
Das kollektive Unbewusste enthält aber noch zahlreiche
andere Archetypen. Wir erwähnen nur "die Quaternität" (also die Vierzahl), "das
göttliche Kind", das "Mandala" (ein Kreissymbol, das vor allem im fernen Osten
seit jeher als Symbol der Ganzheit gilt) und den "Gottes-Archetypus". Zum
Leidwesen der Frommen behauptet Jung, dass er nur über die Existenz eines
Gottes-Bildes in der menschlichen Seele Aussagen machen könne, indes die
"Existenz Gottes" ein Feld für die Theologen und Metaphysiker sei. Aber schon
die These, dass die Menschenpsyche per se und unauslöschlich Gott-Bilder
produziere, war eigentlich für die Fromm-Gläubigen willkommen genug. Jung
unterstrich diese Supposition noch durch die seltsamen Postulate, dass die Seele
"naturaliter christiana et religiosa" sei. Er war und blieb der Pfarrerssohn,
der auf sehr langen Umwegen schliesslich doch zur Weltanschauung seiner Kindheit
zurückkehrte.
So enthielt das kollektive Unbewusste nolens volens ein
Bekenntnis zur traditionellen Religion. Was noch schlimmer war, ist der
politische Aspekt dieses scheinbar "empirischen Befundes". In den 30er Jahren
entdeckte Jung innerhalb seines hypothetischen Gebildes sogar ein "rassisches
Unbewusstes", und in seinem Aufsatz Der Gegensatz Freud und Jung (1929) und
späteren Abhandlungen entblödete er sich nicht, von einem "jüdischen" und
"germanischem Unbewussten" zu sprechen, wobei er dem letzteren gewaltige
Seelentiefe und schöpferische Dispositionen zuschrieb. Das war eine Anlehnung an
den Faschismus, die Gustav Bally in jenen Jahren mit Recht als "völkische
Psychologie" disqualifizierte. Nach dem Krieg war aber Jung keineswegs bereit,
seine politischen Irrtümer anzuerkennen und zurückzunehmen. Er habe nur in
kritischer Zeit die undankbare Rolle des Warners auf sich genommen und durch
seinen persönlichen Einsatz "Schlimmes verhüten wollen".
Wir fassen in Anlehnung an Henry F.Ellenberger (Die
Entdeckung des Unbewussten, Zürich 1985, S.947) zusammen: Nach Jung hat das
Unbewusste eine autonome Entwicklung; es ist zum Bewusstsein komplementär; es
ist der Sitz universeller Urbilder, die für die individuelle und kollektive
Lebensgestaltung enorme Relevanz besitzen. Jung war durchaus geneigt, den
Schwerpunkt menschlicher Seelenregungen ins Unbewusste zu verlagern, indes das
Bewusstsein für ihn nur eine Sekundärinstanz war.
Da "dieses wahre innere Afrika" (wie sich Jean Paul
schon um 1800 ausdrückte) so faszinierende Aspekte bot, beeilten sich auch
andere Forscher, Licht in das schwer zu erhellende Dunkel hineinzubringen.
Leopold Szondi stipulierte ein "familiäres Unbewusstes", das im Zwischenraum des
persönlichen und kollektiven Unbewussten angesiedelt wurde. Erich Fromm sprach
von einem "sozialen Unbewussten", worin die Verdrängungen ganzer Volksschichten
und Sozialklassen anvisiert wurden. Andere Autoren sprachen vom
"Unterbewusstsein", vom "Kaum-Bewusstsein", vom "Überbewusstsein" und anderem
mehr.
Das war der Stand der Debatte, als Medard Boss sich mit
stürmischen Elan an ihr beteiligte und schlicht und direkt die Behauptung in den
Raum stellte, dass das ganze Gerede um das Unbewusste auf sehr unsolidem
Fundament gegründet sei. Diese Angriffe begann der berühmte Daseinsanalytiker
bereits 1947 in Sinn und Gehalt der sexuellen Perversionen und führte sie in
seinen Traumbüchern (Der Traum und seine Auslegung, 1953; Es träumte
mir vergangene Nacht, 1975) und sehr fundamental in seinem Grundriss der
Medizin und Psychologie (1971) weiter.
Als geschulter "Existentialist" - Boss war seit dem
Ende des Zweiten Weltkrieges ein Schüler und später ein Freund von Martin
Heidegger - vermisste der Daseinsanalytiker an den Ausführungen Freuds und Jungs
über das Unbewusste jegliche philosophische Stringenz. Er gab wohl zu, dass
beide Forscher irgendwelche faktische Phänomene ins Auge gefasst hatten. Aber
die theoretische Klärung der klinischen und alltäglichen Beobachtungen liess
nach Boss sehr zu wünschen übrig.
Für Freud galt (wie bereits erwähnt), dass die
Erscheinungen der Verdrängung eine wichtige Stütze für die Supposition eines
Unbewussten waren. Also erdachte er sich eine seelische "Dunkelkammer", in die
jedermann inkompatible Seeleninhalte abzuschieben vermag. Einmal auf diesem Weg,
musste er auch eine "Zensur" erfinden, die auf der Schwelle zwischen den
Kellerräumen und dem Erdgeschoss der Seele Wache hielt. Auch Jung bevorzugte
räumliche Seelenmodelle. Da ihm offenbar die Gabe des "allegorischen Träumens"
zur Verfügung stand, berichtete er, er habe im Traum sich in einem Raum seines
Hauses aufgehalten, der ihn an das 18. Jahrhundert erinnerte. Beim Abstieg in
die "tieferen Stockwerke" sei er in eine mittelalterliche Küche, später in einen
antik anmutenden Raum und zuletzt sogar in eine Sphäre geraten, die ihn an
urzeitliche Verhältnisse erinnerte. So hatte er ein Schichtenbild der Seele, das
ihm angeblich im Traum deutlich wurde.
Nach Heidegger und Boss sind das alles Konstruktionen,
die in der Phantasie der Autoren und nicht in der Wirklichkeit existieren. Die
Seele des Menschen ist kein Haus, keine Kapsel, kein Behälter, in dem Gedanken,
Gefühle usw. herumschwirren. Der Mensch ist Existenz, und als solche weltoffen,
d.h. von vorneherein in der Welt verankert. Durch diese ekstatische Verfassung
ist sein Wesen weit über die Grenzen seines Leibes hinaus ins Weltoffene
ausgebreitet. Was man Bewusstsein nennt, ist die Tatsache, dass das Dasein (ein
anderer Ausdruck für die menschliche Seinsverfassung) "in und an ihm selbst
gelichtet" ist. Der Mensch wohnt in einer "Lichtung des Seins", weiss aber auch
um sich selbst, so dass er sich selber ebenso transparent ist wie jene Bereiche
der Wirklichkeit, deren Sinn und Bedeutung er begriffen hat. Hält man sich
dieses Faktum vor Auge, dann erweisen sich alle Unterstellungen von "unbewussten
Vorgängen" als geistige Kurzschlüsse und voreilige Verallgemeinerungen.
Als Freud die Notwendigkeit der Annahme eines
Unbewussten betonte, stützte er sich u.a. darauf, dass wir spontan die
Vorstellung einer fernen Stadt oder eines nicht anwesenden Freundes haben
können, die rasch durch andere Vorstellungen abgelöst werden. Wo geht der
entschwindende Gedanke hin? Nach Freud sinkt er ins Unbewusste hinunter. Boss
erwidert darauf, dass diese Annahme völlig unnötig sei. Auf Grund meiner
primären "Ekstasis" bin ich mit meinem ganzen Wesen zuerst bei der Stadt oder
dem Freund, hernach aber "anderswo". Es ist uns keineswegs dienlich, wenn wir
einen seelischen Lagerraum konstruieren, in dem "gebrauchte Ideen" verstaut und
aus dem sie wieder hervorgeholt werden können.
Ähnliches gilt auch für die Fehlleistungen. Wenn ein
Mensch eine Symptom- oder Zufallshandlung begeht, muss man diese nicht durch
eine Intervention des Unbewussten erklären. Befragt man den Produzenten der
Fehlleistung genauer, dann wird er meistens zugeben, dass er den seelischen
Störfaktor wohl kenne, der ihm die Handlungsintention durchkreuzte. Der
Assistent z.B., der beim Geburtstag des Chefs seine Kollegen auffordert, zum
Wohle des Gefeierten aufzustossen, wird u.U. doch rebellische Gefühle zugeben,
die er gegen seinen Vorgesetzten hegt (wenn nicht Ermüdung eine harmlose
Fehlleistung erzeugte, die wir zu Unrecht einer intendierten Herabsetzung
zuschreiben). Des weiteren bekundet sich ein solcher "Sprachgestörter" als
unsicherer und ängstlicher Mensch, der in der Sprache nur partiell verankert ist
und darum beim öffentlichen Reden leicht danebengreift.
Boss attackiert auch den Begriff der Verdrängung, indem
er deklariert, dieses sei ein absichtliches Wegsehen von Fakten, die man kennen
müsse, wenn man sie verleugne. Ähnlich hat Jean-Paul Sartre in Das Sein und
das Nichts (1943) argumentiert. Schon Wilhelm Stekel in der Frühzeit der
Psychoanalyse bezweifelte das Konstrukt der Verdrängung, da er beobachtet hatte,
dass die meisten Patienten bei der Aufdeckung von Verdrängtem zu sagen pflegten,
dass sie das schon lange wüssten, nur nicht als bedeutsam eingestuft hätten.
Sartre schliesst daraus, dass das menschliche Bewusstsein völlige Transparenz
sei; es beherberge gar keine opaken Stellen, und wenn man etwas verdränge, müsse
man sich selbst belügen. Das wird bei dem französischen Existentialisten unter
dem Titel der "mauvaise foi" (Unredlichkeit) abgehandelt, wobei er eine sehr
profunde Kritik an der Psychoanalyse vorlegt. Überhaupt hat Sartre die
theoretischen Grundlagen der Tiefenpsychologie sehr lichtvoll erörtert.
Aber - so fragt Medard Boss - sind nicht der Traum, die
neurotischen und psychosomatischen Symptome unverkennbare Veranschaulichungen
des Hineinwirkens unbewusster Mächte und Kräfte ins gewöhnliche Seelenleben?
Nach Ansicht des Daseinsanalytikers ist es auch in diesen Bereichen nicht
notwendig, einen eigenen Seelenraum des Unbewussten, ein Es mit "brodelnden
Trieben und Affekten", mit vergessenen und unliebsamen Vergangenheitsrelikten
anzunehmen. Für die Existenzphilosophie sind alle oben erwähnten Phänomene
anders und eingängiger zu beschreiben.
Wenn der Mensch primär "In-der-Welt-Sein" ist, dann
bedeutet das nicht, dass er tatsächlich alle Erscheinungen und Inhalte der Welt
wahrhaft wahrnehmen kann. Wohl lebt er in einem Helligkeitsbereich, der jedoch
stets auch Sphären der Verborgenheit und Verschlossenheit voraussetzt. So ist
z.B. schon das menschliche Gestimmtsein die Voraussetzung dafür, dass nur jene
Aspekte der Realität ins Verstehen aufgenommen werden, die der jeweiligen
Stimmung adäquat sind. Jedermann kann an sich selbst beobachten, dass er beim
Stimmungswechsel andere Wahrnehmungen, Erinnerungen, Assoziationen, Antriebe und
Impulse in sich verspürt.
Noch wichtiger aber ist der Umstand, dass jedes
Individuum im Verlaufe seiner Sozialisation durch Erziehung, elterliches
Vorbild, Familienumstände, Gesellschaft usw. weite Bereiche der Wirklichkeit
ausblenden lernt, weil diese mit seinen Normen, Werten, Selbstbildnissen und
Vorurteilen nicht kongruent sind. Diese abgewerteten, verleugneten und mit Angst
oder Abscheu besetzten Realitäts-Fragmente sind der Inhalt des Verdrängten. Wann
immer sie in die "Welt eines Menschen" einzudringen drohen, erzeugen sie Panik.
Sie sind das Bedrohliche und Unheimliche par excellence.
Es sind also Teilstücke der Wirklichkeit, die verdrängt
werden, und nicht innerpsychische Komponenten, die man zuerst in die Psyche
hineinzaubert, um sie hernach triumphierend ans Licht zu bringen. Wenn der
Mensch mit jenen Aspekten der Realität konfrontiert wird, die er auszuklammern
versucht (und das geschieht laufend, denn die Welt ist dem Individuum immer als
Ganzes gegeben), dann wird das Bedrängende dunkel und diffus wahrgenommen. Im
Traum kann es sich besonders gut geltend machen, da der Träumer nur noch
partiellen Weltkontakt aufrechterhält, aber immerhin sich mit sich selbst und
seinen Weltbeziehungen auseinandersetzt.
Nun zeigt es sich, dass die verleugneten Lebenssphären
in bildhafter Gestaltung oft rätselhafte Form annehmen. Sie erscheinen in einer
gewissen Symbolik, die die Deutungskunst der Trauminterpreten seit jeher
herausgefordert hat. So hat auch jede tiefenpsychologische Schule einen für sie
charakteristischen "Traum-Code" vorgeschlagen, mittels dessen man die
Traumbilder in die Normalsprache übersetzen kann. Bekanntlich bevorzugt die
Psychoanalyse den sexuellen Code, die Individualpsychologie entdeckt da und dort
die Melodie der Macht und der Minderwertigkeitsgefühle, und die Jungianer finden
in den Träumen das Archetypische in seinen zahlreichen Manifestationen. Die
Daseinsanalyse erhebt dagegen den Einwand, dass dies meistens zu einer
Entstellung der Traumbotschaft führt. Im Sinne der Phänomenologie schlägt sie
vor, den Traumtext möglichst unverstellt auf sich wirken zu lassen, um aus der
"Aussage des Unbewussten" nur das zu entnehmen, was sie realiter hergibt.
Man muss vorsichtig sein: Patienten in einer Freudschen
Therapie träumen sexuelle Symbole; in einer Adlerianischen Therapie wird brav
und bieder die Macht-Ohnmacht-Thematik in Träumen abgehandelt; bei den
Jungianern sind die Patienten auch willig und produzieren genau die Symbolik,
die erwünscht ist. Das hängt wohl damit zusammen, dass das Träumen der
Analysanden ein Element der Zwiesprache mit dem jeweiligen Analytiker ist.
Sandor Ferenczi hat schon um 1910 die Frage aufgeworfen: "Wem erzählt man seine
Träume?" Und der geistreiche Freud-Schüler war der Meinung, dass in die
Gestaltung des Traumes schon eine Absicht eingeht, die auf das spätere Erzählen
hinzielt, so dass man unwillkürlich in den Traum Botschaften hineinlegt, die den
Empfänger erfreuen, beeindrucken oder erschrecken sollen. Darum werden alle
Schulen durch die Empirie der Träume scheinbar in ihren Theorien bestätigt.
Das erlaubt Boss einen wuchtigen Angriff z.B. auf die
Archetypen-Lehre, von der er deklariert, dass sie die üblichen Erfahrungen des
Menschenlebens ohne Notwendigkeit mythologisch verklärt. Wenn der Mann eine Frau
sucht, und die Frau von einem Mann träumt, müssen nicht Anima und Animus
konstruiert werden, um die Anziehungskraft der Geschlechter zu erklären. Besinnt
sich ein Mensch auf sein Leben (was in der Therapie stets aktuell ist), dann
wird er gelegentlich auf die Themen der Ganzheit, der Weisheit, der Vereinigung
der Gegensätze, des Selbst und der Individualität kommen. Jung romantisierte die
Neurose seiner Patienten, indem er ihnen suggerierte, dass sie in ihrem Inneren
das ganze "Personal" der überlieferten Mythologie und Religion tragen. Das
erhöhte natürlich das Selbstwertgefühl der Ratsuchenden, die durch die elitäre
Nomenklatur für ihre Seelenzustände in eine ähnliche Begeisterung gerieten wie
Monsieur Jourdain bei Molière, der eines Tages erfährt, dass er immer schon
"Prosa" gesprochen habe, was ihn enorm entzückt.
Der Mensch, die Wirklichkeit und ihr Verhältnis
zueinander sind geheimnisvoll genug, so dass man sie nicht durch eine
Pseudoreligion und Pseudomythologie eigens verschönern muss. Die Daseinsanalyse
ermutigt den Patienten dazu, das im Traum und auch in der freien Assoziation an
sie herandringende Reale innerlich zu akzeptieren und es ins gelebte Leben
einzubauen. Darum wird die psychoanalytische Grundfrage nach dem "Warum" der
Phänomene abgewandelt in "Warum nicht?", wobei der Therapeut seinen Schützling
dazu animiert, sich uneingeschränkt allen seinen möglichen Weltbezügen
hinzugeben. Dass dabei Angst, psychische Enge, Rigidität des Charakters,
Vorurteil und Unvernunft überwunden werden müssen, versteht sich von selbst.
Man mag sich darüber verwundert haben, dass wir in
unseren bisherigen Darlegungen den dritten Gründervater der Tiefenpsychologie,
nämlich Alfred Adler, nicht zu Wort kommen liessen. Auch er hat sich natürlich
mit dem Unbewussten auseinandergesetzt. Wir haben aber Wert darauf gelegt,
zuerst die daseinsanalytische Kritik an den skizzierten Vorstellungen vom
Unbewussten zu entfalten, weil wir der Auffassung sind, dass die
Individualpsychologie mit kühner Direktheit genau denselben Abbau der
Unbewusstheits-Hypostase vollzog, den Boss und andere viel komplizierter und
akademischer bewerkstelligten.
Adler wehrte sich von Anfang an dagegen, mit dem
Unbewussten eine "Zweitpersönlichkeit" einzuführen, die den Rahmen der Einheit
der Person sprengt. Er machte darauf aufmerksam, dass das Unbewusste wie ein Ich
funktioniert und vermutlich auch nichts anderes als das Ich ist. Die
Sexualsymbolik lehnte er als "Fiktion" ab. Sodann meinte er, dass der Mensch
vieles wisse, was er nicht verstehe. Wenn man nun Fakten des gelebten Lebens aus
der Ebene des Wissens in die des Verstehens transformiere, dann könne man sich
bildlich so ausdrücken, als ob man Unbewusstes bewusst gemacht habe. Das sei
aber nur ein Spiel mit Worten. Und die Jungsche Supposition der Archetypen-Welt
erschien dem Begründer der Individualpsychologie als eine
"Zehenspitzengängerei", die viel Gelehrsamkeit auskrame, um den kleinmütigen
Neurotiker zu beeindrucken. Der mächtige mythologische und religiöse Überbau
über der Therapie sei nur eine Konzession an den Konformismus und
Konservatismus, was natürlich bei einer gewissen Klientel sehr gut ankomme.
Alle diese Kritik bedeutet jedoch nicht, dass die
Beobachtungen und Überlegungen von Psychoanalyse und Analytischer Psychologie
einfach unter den Tisch gewischt werden sollen. Die Zeit der "Gigantomachie",
d.h. der harten und rigiden Auseinandersetzungen zwischen den Schulgründern in
der Tiefenpsychologie ist vorbei. Das Anliegen der Gegenwart besteht wohl darin,
in einem vernünftigen "Eklektizismus" von allen Lehrmeinungen das herauszuholen,
was an ihnen gültig und zeitüberdauernd ist. Dabei wird sich wohl ergeben, dass
zwischen den Konzepten Freuds, Jungs, Adlers, Boss' und vieler anderer doch mehr
Übereinstimmungen bestehen, als auf den ersten Blick hin wahrgenommen wird.
Gleichwohl neigen wir dazu, die Korrekturen jener Kritiker, die vor einer
"Verdinglichung der Menschenpsyche" und einer "Ontologisierung des Unbewussten"
dringend gewarnt haben, für sehr substantiell zu halten. Die Akten über dieses
Thema sind noch nicht geschlossen. Die weitere Forschung wird sich um
Betrachtungsweisen bemühen müssen, die auf eine psychologische Anthropologie
gegründet sind oder doch sie zu konstituieren ermöglichen.
10.
Was ist (seelische) Gesundheit?
Was ist das eigentlich: Gesundheit? Mit Krankheit
beschäftigt sich ein ganzer Industriezweig, aber die Frage der Gesunderhaltung
wird von ihm nur selten gestellt. Das kann man dem Medizinbetrieb kaum zum
Vorwurf machen. Wer krank ist, möchte geheilt und nicht mit philosophischen
Überlegungen über das Wesen von Gesundheit hingehalten werden. Es bietet sich
daher an, über Gesundheit nachzudenken, wenn man gesund ist. Dazu fehlt aber den
meisten von uns die Übung. Wir sind durchaus gewohnt, über den "Sinn von
Krankheit" nachzudenken - die Sinnfrage kommt einem vornehmlich dann in den
Sinn, wenn es einem schlecht geht. Über Sinn und Wesen von Gesundheit wird schon
wesentlich weniger nachgedacht. Warum eigentlich sollten wir gesund bleiben und
alt werden? Was macht Gesundheit aus und wie erhalten wir sie uns?
Antonovskys "Salutogenese"
Die an Krankheiten orientierte,
pathogenetische Medizin bietet für eine Antwort wenig; sie versucht zu erklären,
warum Menschen krank werden. Dazu wurden eine ganze Reihe von Ursachen
ermittelt: die genetische Disposition, Krankheitserreger wie Bakterien, Viren
und Pilze, ungesunde Lebensweise wie Rauchen, Alkohol und Bewegungsmangel,
schliesslich berufliche Belastungen durch Chemikalien in hohen Konzentrationen.
Der amerikanisch-israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky drehte die
medizinische Grundfrage nach der Entstehung von Krankheit herum und fragt: Unter
welchen Bedingungen bleiben Menschen gesund? Antonovsky kommt unter anderem von
der Stressforschung her. Bekanntlich wird Stress von Individuum zu Individuum
unterschiedlich verarbeitet, was darauf hindeutet, dass gegen Stress
Widerstandsressourcen mobilisiert werden können. Es gibt ein Potential, das die
Chance erhöht, gesund zu bleiben. Seine "Salutogenese" ("Gesundheitsentstehung")
sucht nach Bedingungen der Gesundheitserhaltung. Er glaubte in den 60er und 70er
Jahren, damit eine ganz neue Sichtweise in die Medizin eingeführt zu haben -
einen Paradigmenwechsel von der Krankheits- zur Gesundheitsbetrachtung.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO definierte in ihrem
Gründungsjahr 1948 Gesundheit folgendermassen: "Gesundheit ist ein Zustand des
völligen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die
Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen." Die Menschheit selbst in den reichen
Staaten scheint davon noch weit entfernt; vielleicht ist das Ziel auch zu
utopisch. Antonovskys Salutogenese versteht im Gegensatz dazu Gesundheit als
lebenslangen Prozess der Auseinandersetzung zwischen salutogenen und pathogenen
Kräften. Selbst bei Anwesenheit von Krankheit haben viele Menschen
Handlungsspielräume, um sich mit ihnen und ihren Folgen erfolgreich zu
arrangieren. Antonovsky und Mitarbeiter wurden im Zuge von soziologischen
Untersuchungen auf die Bedeutung eine sozial stabilen und emotional
befriedigenden Umfeldes aufmerksam. Die Unterstützung und Begleitung durch
andere ist genauso wichtig wie die eigene Kraft, wie körperlichen Beschwerden
fertig zu werden. Ohne ein hilfreiches Milieu ist auch eine kräftige Natur nur
bedingt in der Lage, Gesundheit aufrecht zu erhalten.
Antonovsky und Mitarbeiter versuchten anhand von
Befragungen das Gemeinsame von psychisch Gesunden zu ermitteln und formulierten
schliesslich die These vom "Kohärenzgefühl". Kohärenz bedeutet wörtlich
"Zusammenhang"; psychologisch meint der Begriff die Vereinigung von
Einzelempfindungen zu einer Gesamtgestalt. Das Kohärenzgefühl wurde definiert
als "eine allgemeine Einstellung, die das Ausmass eines umfassenden,
dauerhaften, zugleich aber dynamischen Vertrauens beschreibt, dass die innere
und äussere Umwelt vorhersagbar und überschaubar ist und dass sich die Dinge so
gut entwickeln werden, wie vernünftigerweise erwartet werden kann." (Antonovsky
1987, zit. in Schüffel, 326) Das Kohärenzgefühl wurde Antonovskys Antwort auf
die Frage nach der Gesundheitsentstehung und -erhaltung.
Das Gefühl oder das Empfinden von Kohärenz bezeichnet
eine Grundeinstellung von Optimismus gegenüber unvorhergesehenen und belastenden
Ereignissen, eine Zuversicht darin, dass es Möglichkeiten der Bewältigung gibt.
Es beinhaltet die optimistische Erwartung, dass Entwicklungen geordnet,
überschaubar, vorhersagbar und verstehbar sind, zweitens das Vertrauen, aus
eigener Kraft oder mit fremder Unterstützung künftige Lebensaufgaben meistern zu
können, drittens die individuelle Überzeugung, dass künftige Ereignisse
sinnvolle Aufgaben sind, die einem gestellt werden und für die es sich lohnt,
sich tatkräftig und emotional zu engagieren, und viertens eine hohe
Anpassungsfähigkeit an eine Welt, die reich an unausweichlichen Stressoren ist.
Menschen mit einem starken Kohärenzempfinden wählen geeignete Strategien aus, um
bestimmte Stressoren zu bewältigen. Aufgaben empfinden sie eher als stimulierend
denn als überfordernd.
Dem Glauben an die Sinnhaftigkeit der Welt misst
Antonovsky den grössten Einfluss für die Gesunderhaltung zu. Eine alles
einordnende, gefühlstabilisierende Weltanschauung habe mehr Gewicht als die eher
kognitiven Fähigkeiten, Ereignisse zu überschauen, einzuordnen und zu
bewältigen. Er lässt bewusst offen, ob mit Sinnhaftigkeit ein religiöser Glaube,
eine Gruppenzugehörigkeit oder eine andere, private Sinnorientierung gemeint
ist. Ein hohes Kohärenzgefühl hängt mit einem (subjektiv empfundenen) guten
körperlichen und seelischen Gesundheitszustand, relativ hoher Lebensqualität und
Lebenszufriedenheit, verhältnismässig guter sozialer Unterstützung und einem
eher vorsichtigen, risikomeidenden Verhalten zusammen. Umgekehrt ist ein
niedriger Kohärenzwert ein Alarmzeichen für Suizidalität.
Antonovskys Konzept der Salutogenese suggeriert,
Krankheit und Gesundheit seien komplementär, d.h. sich gegenseitig ergänzend.
Aber sind sie tatsächlich zwei Seiten der selben Medaille, die das jeweils
gleiche Gewicht auf eine Waage bringen? Das scheint eine trügerische Vorstellung
zu sein und mit dazu beigetragen haben, dass sich die Salutogenese im
Medizinbetrieb nicht durchsetzen konnte, während hingegen in der Psychotherapie
die "Ressourcenmobilisierung" beim Patienten zu einem wichtigen Bestandteil der
Behandlung wurde. Körper- und Psychotherapie müssen einander ergänzen, das eine
kann nicht das andere vollständig ersetzen. Genauso kann die Salutogenese nicht
an die Stelle der Pathogenese treten, sondern fügt unseren Vorstellungen von
Krankheit und Gesundheit einen weiteren wichtigen Baustein hinzu. Krankheit ist
eben nicht einfach das Gegenteil von Gesundheit. Und zwar aus verschiedenen
Gründen.
Gadamers "Verborgenheit der Gesundheit"
Gesundheit und Krankheit können schon
deswegen nicht gleichwertig sein, weil es gilt, Gesundheit anzustreben und
Krankheit zu vermeiden. Es besteht eine natürliche Gegnerschaft zwischen beiden.
Auch kann man nicht einfach einen "Auslöser" von Gesundheit angeben, so wie
Bakterien eine Lungentuberkulose in Gang setzen. Auch sind Krankheitssymptome
viel charakteristischer zu beschreiben denn Zeichen von Gesundheit. Der
Philosoph Hans-Georg Gadamer spricht mit gutem Recht von einer "Verborgenheit
der Gesundheit" (1993). Wenn sich Krankheit und Gesundheit wie auf einer Waage
tarieren, müssten wir gleichzeitig halb gesund und halb krank sein, das
bedeutet, halb leistungsfähig, halb zurückgezogen. Wer will das schon? Wenn
unbedingt das Bild von der Waage benutzt werden muss, dann doch nur für die
Gesundheit. Gesundheit ist ein balancierter Zustand, eine Homöostase, die stets
gefährdet ist und die aus einem natürlichen Antrieb heraus immer wieder
angestrebt wird. Doch wo keine Krankheit, dort auch keine Sorge um Gesundheit
(es sei denn, man ist hypochondrisch).
Gesundheit scheint eine Abwesenheit, ein
Nichtvorhandensein zu sein, etwas, was erst in Erscheinung und ins Bewusstsein
tritt, wenn es fehlt. Gesundheit wird gewöhnlich nicht als besonderer Zustand
empfunden und geht, wie Gadamer feststellt, mit einer besonderen Art von
Selbstvergessenheit einher. Der Gleichgewichtszustand der Gesundheit ist wie
Gewichtslosigkeit, man spürt sie nicht. Gesundheit ist gewichtslos (sieht man
vom Gewicht des Körpers ab), schwer definierbar und damit im Grunde nicht
messbar, "weil sie ein Zustand der inneren Angemessenheit und der
Übereinstimmung mit sich selbst ist, die man nicht durch eine andere Kontrolle
überbieten kann", wie Gadamer betont. Das ist ein wichtiger Gedanke - Gesundheit
kann nicht durch eine höhere Instanz "kontrolliert" werden, ebensowenig wie
Glück. Krankheit immerhin kann meist durch Medizin kontrolliert und an einem
Gesundheitsideal gemessen werden. Gesundheit bzw. ihre Abwesenheit ist die
übergeordnete Norm für die Definition von Krankheit, aber es gibt keine Norm,
die oberhalb von Gesundheit thront und ihrerseits Gesundheit konstruiert. Auch
ist Gesundheit quasi ungegenständlich, schreibt Gadamer, während sich Krankheit
als gegenständlich aufdrängt. Ein Gegenstand stört und leistet Widerstand.
Gerade deshalb lässt sich Krankheit umschreiben und objektivieren. Krankheit ist
viel leichter dingfest zu machen als Gesundheit.
Die Selbstvergessenheit des Gesunden geht unter dem
Einfluss krankmachender Faktoren - dazu gehört auch das schiere Altern - langsam
oder plötzlich in das bewusste Gefühl von Kranksein über, wobei selbst
Schwerkranke noch gesunde Züge aufweisen, die es zu stärken gilt, damit sie ihre
Beschwerden einigermassen bewältigen. Man sollte sich auch darauf besinnen, dass
Gesundheit kein beliebig produzierbarer Artikel ist, wo hingegen viele
Krankheiten oft durch nur ein einziges Medikament zum Verschwinden gebracht
werden können. Anhaltende Gesundheit jedoch entzieht sich dem direkten Zugriff
und kann allenfalls durch einfühlsame und gesprächsbereite Psychologen und Ärzte
gefördert werden. Wer gesund lebte, kann trotzdem krank werden. Wer krank wird,
kann heutzutage zumindest von den leichteren Krankheiten rasch geheilt werden.
Viele Krankheiten kommen plötzlich (sieht man von den chronischen Gebrechen ab),
während Wohlbefinden fortwährend und aktiv erworben werden muss.
Körperliche Gesundheit ist ein schwereloser Zustand,
einer, der einem in den Grenzen der Körperlichkeit und der Physik weitgehende
Freiheit der Bewegung, Handlung und Denkens garantiert. Gesundheit bietet
Freiheit, die einem die Krankheit in mehr oder minder grossem Umfange nimmt.
Wenn Gesundheit auch die höhere, nicht zu überbietende Instanz ist, ist sie doch
in ihrer Definition immer auf Krankheit bezogen.
Die Frage ist, ob diese Denkweise vom Organischen auf
das Psychische übertragen werden kann: Was ist psychische Gesundheit? Es
soll im folgenden untersucht werden, was die Pioniere der Tiefenpsychologie dazu
sagten, denn sie haben sich tiefgründig mit dem Seelischen befasst und uns
wertvolle Einsichten beschert.
Das Konzept der Psychoanalyse
Freud pflegte die Frage nach der Norm
seelischer Gesundheit eines Menschen mit dem Hinweis zu beantworten: "Er soll
arbeiten und lieben können." Der gesunde Mensch ist der, dessen Ich "seine volle
Organisation und Leistungsfähigkeit besitzt, zu allen Teilen des Es Zugang hat
und seinen Einfluss auf sie üben kann. Es besteht ja keine natürliche
Gegnerschaft zwischen Ich und Es, sie gehören zusammen und sind im Falle der
Gesundheit praktisch nicht voneinander zu scheiden." (1926e, 228) Das Ich sind
in dieser Terminologie die mehr oder mindern bewussten und rationalen Anteile
der Person, während im Es die unbewussten Motive und Triebe versammelt sind, die
in der Neurose abgespalten, in der seelischen Gesundheit hingegen wohlwollend
integriert sind. Das Freudsche Instanzenmodell umfasst noch das "Überich", das
im Wesentlichen mit Gewissen gleichzusetzen ist. Hier forderte Freud, dass die
moralischen Maximen des Individuums human und leibfreundlich sein sollten,
während die Neurose oft durch rigide und überfordernde Moralvorstellungen
angestachelt wird.
Es zeigt sich, dass die Psychoanalyse nicht wertneutral
ist; sie fasst bestimmte Werte ins Auge, die ihres Erachtens zur psychischen
Vollwertigkeit gehören und angestrebt werden sollten. Bekannt ist, dass Freud
(wie Alfred Adler) an den nervös Gestörten mangelnde Leistungsfähigkeit
beobachtete; sie sind so sehr mit Verdrängungen, Projektionen und Vorurteilen
beschäftigt, dass für ein produktives Leben kaum noch Raum bleibt. Neurose in
diesem Sinne ist ein Mittelding zwischen Normalität und Krankheit, eine
partielle Einschränkung einzelner Lebensvollzüge, die nicht sein müsste. Ein
neurotischer Lebensstil ist nicht wirklich pathologisch, aber in seiner
Verzerrung bzw. quantitativen Verstärkung eines seiner Teile auch nicht das, was
als gesund angesehen werden kann.
Über das ausgedehnte Studium der Neurose erhoffte sich
die Psychoanalyse Aufschluss über "Normalität", aber tatsächlich blieb sie
weitgehend der Pathologie verhaftet. Über die Ausgestaltung von Arbeit und Liebe
schwieg sich Freud aus. Mit dem seelisch normalen oder gesunden Menschen
befasste er sich, der ansonsten ein enormes Werk hinterliess, nicht eigens. Es
gibt aber Hinweise. Was die Sexualität angeht, so ging es Freud darum, sie ohne
Scham- und Schuldgefühle geniessen zu können. Freud hätte die Sozialisation
eines Kindes dann als gelungen angesehen, wenn es leistungsfähig im bürgerlichen
Sinne ist, Sexualität geniessen kann und die Prinzipien der Vernunft, der
Wissenschaft und des Religionsskeptizismus internalisiert hat. Die berühmte
Formel "Wo Es war, soll Ich werden" (1933a, 86) weist in diese Richtung. Der
Kulturmensch müsse sich seiner aggressiven und sexuellen Triebe deutlich bewusst
werden, damit diese ihren trieb- oder zwanghaften Charakter verlieren. Das
Ausmass der psychischen Gesundheit ist nicht durch die Abwesenheit von
Konflikten gegeben, weshalb es nichts nützt, Kinder antiautoritär gewähren zu
lassen in der Hoffnung auf eine neurosefreie Entwicklung. Vielmehr zeigt sich
Gesundheit an der individuellen Potenz zur Lösung und Bewältigung von
Konflikten, ganz im Sinne von Antonovsky. Das Ziel der Entwicklung ist in
psychoanalytischer Diktion das Dominieren der genitalen Strebungen, nicht das
Verdrängen der prägenitalen Triebe (das sind sexuelle, aggressive und
todessüchtige Instinkte). Freud drückte dies auch mit dem Hinweis auf die
Notwendigkeit aus, das "Realitätsprinzip" anzuerkennen. Unter Realität verstand
er offenbar auch die "Realität der Triebe".
Freuds Vorstellung von Realität bleibt weitgehend
unbestimmt, doch lässt sich mit einiger Sicherheit behaupten, dass die
Überwindung des Kinderglaubens an einen personifizierten und gütigen Gott
unbedingt zu einer Anerkennung der Realität gehört. Der religiöser Glaube sei
Bestandteil einer Phase kindlicher Unvernunft. Religion lehrt den Menschen, an
eine Illusion zu glauben, und hemmt damit das kritische Denken überhaupt. Wer
seinem Geist einmal die Schwachheit einer Illusion erlaubt hat, wird vor
weiteren nicht gefeit sein. Erwachsen werden hiesse demnach auch, sich rational
und vernünftig den Schicksalsnotwendigkeiten zu stellen, das Unabänderliche mit
Ergebenheit zu tragen und das Veränderbare mit Hilfe der Wissenschaft zu
verbessern. Der reife Mensch konzentriert seine Erwartungen und Hoffnungen nicht
auf ein Jenseits, sondern widmet sich dem irdischen Leben, um es für alle
erträglicher zu machen. (vgl. Kolbe 1986)
Betrachten wir die Psychoanalyse nicht als
Weltanschauung, sondern als Therapie, so lässt sich ihr Ziel folgendermassen
bestimmen: Sexualtriebe sollen aufgeschoben und ihre (angeblich) begrenzte Menge
auf kulturell wertvolle Ziele gelenkt werden; der Destruktionstrieb sollte
zumindest nicht am Menschen ausgetobt werden. Es gehört zur seelischen
Gesundheit, ausreichend zur Sublimierung, Sozialisierung und Anerkennung der
inneren und äusseren Realität fähig zu sein. Das umfasst soziale Einordnung,
Triebkontrolle und -veredelung, kulturelle Beitragsleistung und Anerkennung der
Gesetze der Aussenwelt. Im Status der "Genitalität" treffen diese Eigenschaften
zusammen. Der "genitale Charakter" geht über das Arbeiten- und Liebenkönnen
hinaus und schliesst ein die Bewältigung des Ödipuskomplexes, das ist die
gelungene Lösung von den Eltern, Bindungsfähigkeit an einen
gegengeschlechtlichen Partner und das Primat von Logos und Eros. Ein Mensch ist
dann über die prägenitalen Charakterorientierungen hinaus gekommen, wenn er das
Niveau des Kulturmenschen und Weltbürgers annähernd erreicht hat.
Die neuere Psychoanalyse hat die Therapieziele stark
über das hinaus ausgeweitet, was Freud noch im Auge hatte. So hat jüngst Mertens
(1991, Bd.1) einen langen Katalog aufgestellt, der sämtliche Verhaltens-, Denk-
und Gefühlsweisen, wie man sie landläufig einem gesunden Menschen für angemessen
hält, als Therapieziel ins Auge fasst. Das beinhaltet Wiedergewinnung eines
Urvertrauens, realitätsgerechte Abkopplungen, Überwindung von Irrationalitäten,
Abbau von destruktiven Elementen, befriedigender Sexualität, Stärkung der
Selbstverantwortung und des Selbstwertgefühls, Klärung der Beziehung zu den
Eltern, verbesserte Beziehungen zu den Mitmenschen, Förderung von Empathie,
Akzeptierung unvermeidlicher Realität, Abbau von Grössenwahn, Triebkontrolle,
Erlebnisfülle, Gefühlserweiterung, flexiblere Abwehrmechanismen, soziokulturelle
Adaptation, selbstanalytischen Fähigkeiten etc. (ebd., 131-136). Diese und viele
andere Tugenden stellen einen Querschnitt durch die Sittenkataloge der
bürgerlichen Ethik dar.
Das Konzept der Individualpsychologie
Deutlich anders als für die orthodoxe
Psychoanalyse stellt sich die Frage der psychischen Gesundheit für die Lehre
Alfred Adlers. Adler fasste Neurose als "falsche Lebensform" und "soziale
Abwegigkeit" auf. Dieses Argument hat nach Pongratz den Vorteil, dass der
Neurotiker sich nicht hinter einer Krankheit verschanzen könne, ausgehend von
der Beobachtung, dass der Satz "Ich bin krank" bei den Mitmenschen auf
weitgehendes Verständnis stösst (Pongratz in Brunner et al. 1985, 314).
Ausgehend von der Feststellung, dass die Mitmenschlichkeit die nicht aufhebbare
Grundstruktur des menschlichen Wesens ist, wurde für die Individualpsychologie
der Begriff des "Gemeinschaftsgefühls" zur Norm, zum Unterscheidungskriterium
von Neurose und Normalität beziehungsweise Gesundheit (Adler 1974a, 19).
Gesund ist demzufolge ein Verhalten, das der
Gesellschaft über kurz oder lang zugute kommt (Adler 1978b, 56). Die Handlungen
des Individuums betrachtete und mass Adler im Lichte der fernen Zukunft einer
zukünftigen idealen Menschengemeinschaft (Brunner et al. 1985, 102). Doch wenn
sich der Mensch schon jetzt seinen Mitmenschen auf gleichberechtigter und
kooperativer Basis zuwendet, kann er nach Ansicht der Individualpsychologie als
so gut wie geheilt betrachtet werden (Antoch 1981, 187).
Die drei Lebensbereiche, in denen sich der Bürger
zuförderst zu bewähren habe und in denen sich der Grad seiner seelischen
Gesundheit ausdrückt, sind Liebe/Partnerschaft, Arbeit/Beruf und
Gemeinschaft/Freundschaft. In den beiden ersten Bereichen scheint die Forderung
Freuds auf, der gesunde Mensch solle arbeiten und lieben können; die
Leistungsfähigkeit spielt wie schon erwähnt in beiden Schulen eine Rolle (Adler
1972a, 50). Der dritte Bereich erinnert an das Postulat, der Mensch möge in
erster Linie Mitmensch sein. In den Antworten auf die drei genannten Bereiche
konkretisiert sich das Gemeinschaftsgefühl.
Die Realisierung der drei Lebensaufgaben umfasst mehr
als das berufliche Geldverdienen, das Heiraten und die Mitgliedschaft in einem
Verein. Nach Adler ist der Mensch nur dann gesund, wenn sein Streben im Einklang
mit dem Wohlergehen der Gesamtheit steht und er sich ethisch auf eine
humanisiertere Welt ausrichtet. Für die Erziehung formulierte Adler ein Ziel,
das auch für die individualpsychologische Therapie gilt: "Wir wollen
gleichberechtigte, unabhängige und verantwortungsbewusste Mitarbeiter an der
Kultur." (Adler 1979b, 128) Darin liegt ein Bekenntnis zur gegenseitigen Hilfe,
Solidarität, Gleichberechtigung, Liebe, Gerechtigkeit, Verlässlichkeit, Treue,
Offenheit, Wahrheitsliebe, Selbständigkeit und allen übrigen Werten, auf denen
ein humanes Bürgertum und ein liberaler Sozialismus beruhen (Adler z.B. in
1966d, 41). Psychotherapie, wie Adler sie verstand, ist damit angewandte Ethik,
die jedoch in der Therapie nicht direkt angesprochen wird, sondern sich eher
über ihre Verkörperung in der Person des Therapeuten vermittelt.
Eine Ausarbeitung des Bildes vom gesunden Menschen hat
Adler (wie Freud) nie vorgenommen. Seine Bücher kreisen fast ausnahmslos um "den
Neurotiker" in seinen vielfältigen Spielarten - und so gut wie jeder scheint
Neurotiker zu sein, gemessen an dem hohen Adlerschen Ideal. Die Ausrichtung auf
das Gemeinschaftsgefühl als Lackmustest für Neurose kommt dem Leser manchmal
etwas vereinheitlichend und undifferenziert vor. Die Möglichkeit des
Zielkonflikts zwischen ethisch hochstehenden Endzwecken hatte Adler nie ins
Kalkül gezogen. Folglich gab er auch keine Hinweise, wie in moralischen oder
gesellschaftlichen Konflikten zu verfahren sei. Mit der Betonung dessen, was
psychologisch falsch gemacht werden kann, hat Adler aber indirekt ein ganzes
Bündel an Faktoren seelischer Gesundheit benannt, die von der Zugewandheit bis
zum Optimismus und Humor reichen. Er sprach von der Einheit der Person und
meinte die gesamte Persönlichkeit, deren Teile ohne Ausnahme zu entwickeln und
zu verbessern seien.
Zur Veranschaulichung lässt sich auf die Unterscheidung
zwischen "kleinem" und "grossem Gemeinschaftsgefühl" verweisen.
Gemeinschaftsgefühl im Kleinen ist es, sich mit seinen Eltern auszusöhnen, den
Partner anzunehmen und zu bestätigen, mit den Arbeitskollegen gut
zurechtzukommen und Freundschaften pflegen zu können. Das grosse
Gemeinschaftsgefühl ist, sich in die grösseren kulturellen und historischen
Zusammenhänge einzuordnen, sich für die Entwicklung der Gesellschaft
mitverantwortlich fühlen, sich von der Kulturentwicklung der vergangenen
Jahrtausende zumindest in groben Zügen Rechenschaft abzulegen und auf dieser
wissenden und verstehenden Basis an einer humanen Zukunft mitzubauen. Eine
Persönlichkeit ist um so grösser, je mehr Vergangenheit sie assimilieren und je
mehr Zukunft sie planen kann. So heisst vielleicht der reinste und umfassendste
Begriff von Gemeinschaftsgefühl, die Zukunft einer Menschheit zu wollen, wo kein
Mensch den anderen unterdrückt, misshandelt und ausbeutet. Gemeinschaftsgefühl
ist eine solidarische Gesinnung und eine freiheitliche Weltanschauung.
Ausdifferenzierung der Person und Gemeinschaftshandeln
stehen in der individualpsychologischen Anschauung nicht im Gegensatz.
Selbstverwirklichung, Weiterbildung, beruflicher Aufstieg und die Ausweitung
persönlicher Freiheitsspielräume nehmen bei Adler und seinen Mitstreitern den
gleichen prominenten Rang ein wie Solidarität, Hilfsbereitschaft und
Gemeinwohlorientierung; die Personwerdung verbindet sich mit dem sozialen
Engagement für andere. Ohne Ich kein Wir. Im konkreten Leben allerdings werden
Spannungen zwischen Individuum und Gemeinschaft nie zu vermeiden seien. Adler
thematisierte diese Möglichkeit nicht; man gewinnt den Eindruck, dass für ihn
die nicht weiter hinterfragten Belange der Gemeinschaft letztlich Vorrang haben
vor denen des Individuums, wobei zugleich die ideale Gemeinschaft im
undeutlichen Nebel einer glücklichen Zukunft angesiedelt wird. Auch hatte Adler
keinen Begriff von Gesellschaft. Das Politische mit seinen aggressiven
Machtkämpfen, in denen auch ein utilitaristisches Individuum irgendwie seinen
Weg finden und sich entscheiden muss, blendete er aus.
Wenn heute von solidarischem Individualismus die Rede
ist, dann kommen wir nicht umhin, die vielfältigen, widerspruchsvollen
weltweiten wirtschaftlichen und kulturellen Abhängigkeiten mit zu denken, in die
der Mensch eingespannt ist. Die Individualpsychologie strebt an, den Mut und das
Vertrauen des Einzelnen zu stärken, in dieser Unübersichtlichkeit zu bestehen.
Die Sorge für andere setzt die Bejahung des eigenen Lebens voraus. Das Ringen um
das eigene Leben kann egoistisch sein, muss aber nicht. Werte wie die
Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens, universelle Menschenrechte, die
Schonung der Natur und die Sorge für lebende und künftige Generationen enthalten
eine Ethik auch individueller Verantwortung.
Das Konzept der Daseinsanalyse
Freud schätzte sich schon glücklich,
wenn der Analysand tüchtig arbeiten lernte und zu einem freien Vollzug der
Sexualität befähigt wurde. Adler erweiterte die Vorstellung von Gesundheit um
die soziale Ausrichtung auf eine kulturell höhere Gemeinschaft. Die an Martin
Heidegger geschulte Daseinsanalyse nun definierte Gesundheit als die Eroberung
sämtlicher leiblicher, psychischer und geistiger Potenzen. Analog der
psychoanalytischen Aufgabe, Verdrängtes bewusst zu machen und abgespaltene Teile
des Ich zu integrieren, will die Daseinsanalyse den Klienten für die noch nicht
entwickelten Teile der Person interessieren. Psychotherapie im
daseinsanalytischen Kontext will die Motive für eine starre und eingegrenzte
Selbst- und Weltsicht zum Schmelzen bringen.
Im Gegensatz zu Psychoanalyse und Individualpsychologie
geht die Daseinsanalyse vom gesunden Menschen aus und bezeichnet Krankheit als
"defiziente Form der Gesundheit". Sie vermeidet es mehr als die beiden anderen
Schulen, von den Neurosen und Defekten des Menschen zu sprechen und betont, dass
selbst in der Neurose noch ein gradueller Freiheitsspielraum zu erkennen ist,
den es zu erweitern gilt. Sexuelle Perversion beispielsweise ist für Medard
Boss, den wichtigsten Vertreter der psychologischen Daseinsanalyse, ein
verkrüppelter, kaum noch sichtbarer Wunsch nach Liebe und Nähe. Der Patient
fühlt sich wahrscheinlich in der Tat besser verstanden, führt man ihn auf der
Basis der Reste gesunder psychischer Anteile zur Selbst- und Weltbejahung, statt
in seinem Innern nach perversen Trieben, nicht zu korrigierenden Traumata oder
Minderwertigkeitskomplexen zu fahnden. Die Daseinsanalyse nimmt wie die
Individualpsychologie und stärker als die Psychoanalyse das konkrete Dasein des
Analysanden in den Blick. Die Strukturelemente der Gesundheit wurden allerdings
weder von Heidegger, der nie daran dachte, der Psychologie nützlich zu sein,
noch von der Daseinsanalyse ausgeführt, abgesehen von den knappen Hinweisen zu
den acht "tragenden Wesenszügen des Menschseins" (Boss 1975, 237ff), die im
folgenden vorgestellt werden sollen.
a) Zunächst einmal hat der Mensch als einziges
Lebewesen eine Vorstellung von seiner Anwesenheit im Raum. Ein
"aufgeräumter Mensch" hat ein freies, heiteres, offenes Gemüt. Das Helle und
Heitere drückt Boss auch mit dem Begriff des "Lichtens" aus, wie eine Lichtung
im Walde, die Raum für Helligkeit bereitstellt (die Daseinsanalytiker lieben
solche Sprachspiele). Der Mensch "ek-sistiert" im Wortsinne, er ist immer schon
draussen in der Welt, die als Einheit gedacht wird. Das Insein (in der Welt) ist
Mitsein mit den anderen. Die Weites des Raums wandelt sich oftmals von Tag zu
Tag und scheint abhängig von Ausmass des Mutes. Der gesunde Mensch schwimmt in
seinem Raum "wie der Fisch im Wasser" und ist bereit, sich neue und weitere
Räume zu erobern.
b) Analog zum Raum lebt jeder in der Zeit. Der
gesunde Mensch erstreckt sich in alle Zeitdimensionen gleichzeitig. Das konkrete
Leben drückt sich vorzugsweise in der Gegenwart aus, nicht in träumerischer
Vergangenheit oder aufgeschobener Zukunft. Die Vergangenheit ist dem gesunden
Menschen aber lieb und teuer als Erinnerung und als Erfahrung. Für Heidegger ist
die Zukunft die dominante Zeitdimension. Vom Ende her bestimmt sich das Leben
der Menschen; alle gegenwärtige Tätigkeit geschieht im Lichte der Vergangenheit
auf eine imaginierte Zukunft hin. Die Zukunft ist der Gestaltungsraum, dessen
Grösse mit der erreichten Grossherzigkeit und dem errungenen Grossmut wächst.
Das vor uns Liegende ist der Zeitabschnitt, der uns Entwicklung, Verbesserung,
Metamorphose und Glück verheisst.
c) Leiblich-Sein ist mehr als Körperhaftigkeit,
es gibt faktisch keine einzige Erscheinung des menschlichen Existierens, die
unleiblich wäre, in welcher der Leib nicht auch eine Rolle spielen würde. In
Wörtern wie Ruhe, Gelassenheit, Behaglichkeit und Hektik sind neben der
momentanen psychischen Gesamthaltung eines Menschen zu seiner Welt auch
Körpermanifestationen beschrieben. "Die Grenzen meines Leibes decken sich, mit
anderen Worten, mit denen meiner Weltoffenheit", meint Boss. Die Grenzen des
Körpers ändern sich nicht, wohl aber die Weite oder Enge eines
Weltverhältnisses.
d) Die Tatsache, dass wir nicht allein auf der Erde
leben, verpflichtet uns, uns um andere in Form der Fürsorge zu kümmern. Der
Mensch ist von Grund auf den Mitmenschen zugeneigt (Miteinandersein), was
an Adlers Sozialimperativ erinnert. Das Gemeinsame der Menschenwelt ist ihre
potentielle Weltoffenheit und Ansprechbarkeit sowie das Antwort geben können auf
alle "gelichteten", also ins Bewusstsein genommenen Dinge. Boss nahm hier das
erste "Existenzial" Heideggers auf, der postulierte, Menschsein heisst in der
Welt sein.
e) Der Mensch trägt auch immer schon alle nur denkbaren
Stimmungen in sich, aber ihre Ausprägung erhalten sie durch das aktuelle
Weltverhältnis. Die Gestimmtheit konstituiert die Art der Weltoffenheit. Gute
Stimmungen wirken weit in die körperlichen Sphären hinein und müssen als
salutogenetische Faktoren ersten Ranges verstanden werden. In der Therapie kommt
es deshalb darauf an, verschlossene Gestimmtheiten wie Angst, Langeweile oder
Gleichgültigkeit "umzustimmen" in Richtung auf eine offene, freie, helle,
"gelichtete" Stimmung (Boss 1975, 291). Affekte verschliessen den Betroffenen
von der Möglichkeit, Mitwelt zu vernehmen. In Begriffen wie "blinder Hass" oder
"blinde Liebe" wird ausgedrückt, dass die Möglichkeiten des in der Welt Seins
teilweise oder ganz verschlossen und "dunkel" sind. Eine wünschenswerte
Gestimmtheit wäre "gelassene Heiterkeit", wobei heiter schon auf "hell" und
damit auf "Gelichtetheit" und "Offenheit" hinweist. "Gelassen" wiederum heisst
so viel wie, die Welt so zu erkennen, so zu "lassen", wie sie wirklich ist. Das
gelte insbesondere für die Gewissheit des Todes (ebd., 295).
f) Im Gedächtnis und in der Geschichtlichkeit
des Menschen geht es um das Behalten von Gewesenem. Boss behauptet, das früher
Wahrgenommene bleibt anwesend in seiner Bedeutung, die es einmal hatte und immer
noch hat. Dass der Mensch etwas vergisst, hält Boss mit Nietzsche für nicht
erwiesen. Erinnern ist laut Boss das Wiederwachrufen früherer Weltbezüge, die
zwischenzeitlich nur "distanziert anwesend" waren. Vergessen ist das
Entschwinden einer Sache aus der unmittelbaren Anwesenheit. Vergangenes wirkt
dergestalt ständig fort.
g) Boss konstatierte ein Fliehen vor dem Tode,
was sich in zahllosen Versuchen zeige, sich über diese Gewissheit
hinwegzutäuschen. Er pries stattdessen das "nicht flüchtige, nicht verdeckende,
das wahrhaft menschenwürdige Verhalten zum Tode", das in einem unablässigen
Aushalten des Wissens um das unvermeidliche Ende besteht.
h) Schließlich sind die genannten Wesenszüge
gleichursprünglich, keiner ist dem anderen übergeordnet. Sämtliche
menschliche Phänomene versammeln alle genannten Wesenszüge in sich, wenngleich
in unterschiedlicher Intensität.
Auf der Grundlage der acht Wesenszüge des Menschseins
konnte Boss neuartige Definitionen von Krankheit und Gesundheit vornehmen, wobei
es die Offenheit ist, die alle genannten Seinsweisen ermöglicht (Boss 1975,
314).
Gesundheit wäre demnach ein uneingeschränktes
Vollziehenkönnen der acht Wesenszüge des Menschseins, während Krankheit ein
schwaches Selbstsein wäre, "eine Beeinträchtigung der Spannweite und
Gelichtetheit des Weltbereichs, den das Existieren eines Kranken noch
offenzuhalten vermag" (Boss 1975, 454), eine "Beeinträchtigung der
Bewegungsfreiheit eines Menschen im umfassendsten Sinne dieses Wortes" (ebd.,
524). Immer geht es darum, dass der kranke Mensch mehr oder minder "schrumpft"
(ebd., 526). In der umständlichen, an Heidegger angelehnten Sprache heisst es
bei Boss: "Vom Da-sein des Menschen als In-der-Welt-sein wurde immer wieder
betont, dass er das Ausstehen und Aushalten eines freien, weltweiten
Offenständig-seins von Vernehmen-können sei. In dessen Bereich hinein vermöge
Begegnendes als das, was es ist, anzuwesen, das heisst: zu sein, und darin die
ihm eigenen Bedeutungs- und Verweisungszusammenhänge 'aufgehen' und vernehmen zu
lassen." (ebd., 487) Der Mensch im gesunden Zustand ist mit anderen Worten in
der Lage, sich frei und offen allen interessierenden Menschen und Gegenständen
zuzuwenden und dabei doch die Eigenständigkeit seiner selbst zu bewahren. Zu
einer gesunden Offenheit gehört also auch, dem Begegnenden standhalten
beziehungsweise es begründet und damit bewusst zurückweisen zu können. Das
Überschwemmtwerden von den Gegebenheiten des Lebens wäre eine Kümmerform des
Standhaltenkönnens. Der Mensch muss sich vor einem Hineinfallenlassen in eine
problematische Kollektivexistenz bewahren (Boss 1982, 118), er muss in gewissen
Grenzen auch widerstehen können.
Krankheit wie Gesundheit sind mit abhängig von den
kurzfristigen Affekten und Gefühlen und den langfristigen Leidenschaften und
Stimmungen. Ein Übermass von heftigen und unkontrollierten Affekten ebenso wie
zerstörerische Leidenschaften sind ein Hinweis auf mögliche Krankheiten des
Seelenlebens. Sie sind einerseits Kraftquellen, können sich aber auf Dauer im
Körper festsetzen und zu somatischen Krankheiten fortschreiten.
In Heideggers Daseinsanalyse und später bei Medard Boss
wird die Stimmung unter dem Begriff "Befindlichkeit" abgehandelt. Sie gibt
Auskunft darüber, wie wir im Prinzip zur Welt stehen. Der gut gestimmte Mensch
erfreut sich an der Lust seines in der Welt Seins und den daran geknüpften
Freuden. Die guten Gefühle erwachsen aus dem Boden einer langfristig angelegten
Grundhaltung der Freundlichkeit und der Zuversicht.
Schopenhauer pries in seinen "Aphorismen zur
Lebensweisheit" die Heiterkeit als einen der höchsten Lebenswerte, als ein
Symbol der Gesundheit. Die Heiterkeit des Sinnes ist unmittelbarer Gewinn und
belohnt sich selbst. Natürlich erfreut sie auch die Mitmenschen. Wir sollten der
Heiterkeit, wann immer sie sich einstellt, Tür und Tor öffnen, denn sie kommt
nie zur unrechten Zeit. Heiterkeit und Zufriedenheit ist die blanke Münze des
Glücks, weil sie in der unmittelbaren Gegenwart wirkt. Neben der Heiterkeit sind
Freude, Güte, Zuversicht, Dankbarkeit, Tatkraft, Wohlwollen, Lebendigkeit,
Souveränität und Wachheit weitere Stimmungen, von denen wir mit Sicherheit
annehmen können, dass sie seelisch-körperliche Gesundheit fördern.
Im Leibe wohnen
Eine psychische Gesundheit beginnt
eigentlich im Leibe, kann sich aber von ihm im gewissen Masse unabhängig
entwickeln. Das gilt vor allem für das Alter, wenn die körperlichen Leistungen
nachlassen, jedoch eine geistige Weiterentwicklung oder zumindest Stabilität
wünschenswert wäre. Der Körper bleibt aber das Fundament unseres Dasein, womit
noch einmal auf das Leiblich-Sein der Daseinsanalyse zurückzukommen wäre. Soll
das Dasein gelingen, muss der Körper möglichst vollumfänglich gepflegt und
gehegt werden. Nietzsche sprach von "den nächsten Dingen", auf die der Mensch
seine Aufmerksamkeit vorzugsweise richten soll, und er meinte damit Schlaf,
Bewegung, Ernährung und Körperpflege. Von dieser sicheren Basis aus mag der
Mensch dann in die höchsten Höhen des Geistes und der Ethik vorstossen.
Nicht nur der Kranke hat zu überlegen, was ihn
möglicherweise körperlich krank gemacht hat. Die Sorge um eine gute körperliche
Befindlichkeit sollte schon den Gesunden beschäftigen. Die gewissenhafte Frage
nach der Erhaltung körperlicher wie geistiger Gesundheit ist bereits an sich ein
Gesundheitsfaktor. Die erstreckt sich auf Ruhe und Bewegung, Speisen und
Getränke, Schlaf und Aktivität, Anspannung und Erholung, Verdauung und
Ausscheidung, frische Luft und Kleidung, bequemes Schuhwerk und Bett, Sexualität
und Zweisamkeit, Sport und Musse. Nicht gemeint sind athletische Exzesse,
Hypochondrie und nackter Gehorsam gegenüber Diätregeln und Konventionen.
Diätetik (Lehre von der richtigen Ernährung) und Makrobiotik (Lehre vom langen
Leben) meint vielmehr eine reflektierte Praxis; sie fallen damit unter die
Kategorie der Klugheit und der Lebenskunst.
Da man etwa ein Drittel seines Lebens im Bett
verbringt, kann hier die Aufmerksamkeit beginnen. Ein Grossteil der Bevölkerung
leidet an den verschiedensten Schlafstörungen, die wiederum die vielfältigsten
Ursachen haben können. Der Beginn des Tages stellt uns vor weitere Fragen: Wird
geduscht, sich gekämmt, Zähne geputzt, frische Kleidung angezogen? Der
griechische Terminus der Hygiene kann im Sinne von sauber, darüber hinaus
aber auch im Sinne von verständig, redlich und treu gebraucht werden. Wird in
Ruhe gefrühstückt? Überhaupt ist das Essen ein zentraler Aspekt der Lebenskunst.
Auf kaum einem Gebiet werden mehr Tips und vermeintliche Wahrheiten angeboten
und auf kaum einem Gebiet des täglichen Lebens gibt es so viele unhaltbare
Vorstellungen. Viele überfordern ihren Körper auf Dauer, indem sie mehr Kalorien
zu sich nehmen, als sie verbrennen, oder indem sie ihren Körper tagsüber während
der Berufstätigkeit hungern lassen, nur um am Abend auf einen Schlag um so mehr
zu sich zu nehmen.
Wohlbefinden hängt ferner davon ab, welche Tageszeitung
wir zu welcher Tageszeit lesen, welche Bilder in unserer Wohnung hängen, welche
Tapeten uns beruhigen oder bedrängen, welche Musik wir zu welchen Tätigkeiten
hören. Eine Hygiene der Sinnesorgane wäre zu entwickeln; nur wenig von dem, was
angeboten wird, ist es wert, konsumiert zu werden. Die überlegte Auswahl ist
Voraussetzung ebenso wie Ziel einer angewandten Ethik. Viele meinen, Ethik sei
eine hochgeistige Übung in Philosophie. Tatsächlich beginnt sie aber in den
kleinen und naheliegenden Dingen wie der Auswahl der Lektüre oder jener
Menschen, mit denen wir näheren Umgang haben wollen, mit den regelmässigen
sportlichen Aktivitäten und anderen Übungen der Gesunderhaltung.
Es ist kein Zufall, dass Philosophen die Kunst des
rechten Lebens als kostbare Errungenschaft gepriesen haben. Ihre Leistungen, die
wir heute noch bewundern und die für die Entwicklung der Menschheit
unentbehrlich sind, waren durch geschickte Selbstbewahrung vor dem Sog
gesellschaftlicher Vorurteile und Konventionen möglich geworden. Die Pflege des
Körpers und seiner Bedürfnisse ist somit eine zutiefst soziale und ethische
Aufgabe, die noch vor der seelisch-geistigen Bildung kommt. Mit der Achtung
unserer körperlichen Existenz und dem Wissen um seine Verletzlichkeit befinden
wir uns bereits auf dem Weg der Selbstachtung und der Achtung aller anderen
Menschen und ihres Lebensrechts.
Es muss eingeräumt werden, dass die moderne
Gesellschaft wenig Raum für solche Überlegungen und Aktivitäten bietet. Die
Vergötterung der Fitness scheint eine unbewusste Flucht vor der Tatsache des
unvermeidlichen körperlichen Abbaus mit dem Älterwerden zu sein. Der Wettbewerb
zwingt viele dazu, ihren Körper als niemals ermüdende Waffe einzusetzen,
Gesundheit wird eingeengt auf Leistungsfähigkeit. Angestiegen ist eine
egozentrische Ellenbogenmentalität bei gleichzeitigem Rückgang von bewussten
Schuldgefühlen und sozialer Anteilnahme. Vielleicht gerade wegen dieser
Anspannung im Daseinskampf greift eine bemerkenswert ungenierte
Rücksichtslosigkeit um sich, die von den Erfordernissen des Zusammenlebens
erleichtert suspendiert.
Noch fehlt es vielen an Mut und Zeit, dem Leitbild
einer sensibleren, besinnlicheren und dem körperlichen Leben gegenüber
achtungsvolleren Haltung zu folgen. Aus der Sorge um den eigenen Körper kann die
Kraft für verantwortliches Handeln erwachsen. Die Chancen dazu sind ungleich
verteilt. Wer eine günstige Konstitution ererbt hat, die auftretende Krankheiten
erträgt und überwindet, hat irgendwann einmal ein leidlich funktionstüchtiges
biologisches und seelisch-geistiges Abwehrsystem, das weder zu träge noch
überschiessend reagiert und somit zum Schutz des Individuums effizient beitragen
kann.
Rattners Personalismus
Ausgehend von der leiblichen
Grundlage unserer Existenz widmet sich der Berliner Psychotherapeut Josef
Rattner der Frage, bis in welche Sphären hinauf das Individuum sein Dasein
entwickeln kann. Sein Konzept kreist um die Frage nach der "Ganzwerdung der
Person als Gesundheitsideal" (Rattner 1980, 44). Ausgehend von
existenzphilosophischen Überlegungen, wie sie Nietzsche, Heidegger, Jaspers und
Sartre formulierten, und unter Hinweis auf Goethe ist für ihn das höchste Gut
die Selbstwerdung der Person bzw. die Selbstauszeugung der Persönlichkeit. Die
philosophische Medizin, der er sich zugehörig fühlt, kumuliert letztlich in der
Suche nach "Persönlichkeit" und "Personalität" als höchsten Ausdruck
menschlicher Möglichkeit. Der seelisch-geistigen Gesundheit räumt Rattner dabei
ein Übergewicht über die somatische Gesundheit ein, entsprechend einer
Traditionslinie, die Seele und Geist als Führungsinstanzen gegenüber dem
leiblichen Organismus ansieht. Behauptet wird, dass bei geistiger Gesundheit der
Körper kaum je erkranken wird (Rattner 1993, 49/50).
Rattner nähert sich dem Gegenstand in Form
"strukturellen Denkens". Indem Daten über die jeweiligen Teile des Ganzen, also
der leiblich-seelisch-geistige Einheit (Rattner/Danzer 1997, 184),
zusammengetragen und aufgelistet werden, soll eine Gesamtschau entstehen,
ähnlich wie die Bestandteile eines Mosaiks schliesslich ein Gesamtbild ergeben.
Zur Struktur einer "Persönlichkeit" gehören demnach unter anderem relative
Angstfreiheit und fast vollständige Aggressionsfreiheit, wie überhaupt die
verbindenden Gefühle die trennenden Affekte überwiegend sollten.
Gesundheitserhaltende Faktoren wären ferner Freude, Glücklichsein, Heiterkeit
und Eros, letzterer in allen seinen Spielarten - von der Leidenschaft für
Wertvolles bis hin zu einer befriedigenden Sexualität (ich beziehe mich hier und
im Folgenden auf Rattner 1993).
Um sich der Persönlichkeit weiter anzunähern, wäre
anschliessend ihre Vernunft anzuschauen. Vernunft ist eine sowohl wertendes als
auch vorschreibendes "Geistesvermögen", wie Kant schreibt. Die Vernunft kennt
die moralischen Gesetze und erkennt ihre Gültigkeit an. Gleichzeitig sagt die
Vernunft, wie wir uns entsprechend diesen Gesetzen verhalten sollen. Eine
Definition von Neurose wäre: Erkrankung der Vernunft, denn es wird gegen das
moralische Gesetz verstossen. Anders gesagt, nur wer das Gute und Humane tut und
will, kann als vernünftig gelten.
In diesem Rahmen gibt es einen freien
Bewertungsspielraum. Rattner ist sich bewusst, dass das, was als vernünftig
angesehen wird, stark von den jeweiligen Zeitströmungen abhängig ist und sich
als wandelbar herausgestellt hat, so dass er mit Adler formuliert: Angestrebt
werden soll der Höchststand der Vernunft in der jeweiligen Epoche. Damit ist
ausgesagt, dass der Verstand die Existenz unbedingter Vernunft- und Wertideen
voraussetzt. Nach Kant entspringt diese nicht mehr hinterfragbare Annahme einer
objektiven Denknotwendigkeit und nicht einem willkürlichen Gefühl. Das Geistige
hat, wie das materielle, seine eigenen Gesetze, und die Vernunft- und Wertideen
ist eines davon.
Vernunft ist also eine normativ-menschliche Geistesart.
Es ist der Verstand, der das Vernünftige erkennen kann und ein Bedürfnis danach
hat, weil es dem Menschen eventuell sagen kann, wie er denken und sich verhalten
soll. Das inhaltliche Problem der Bestimmung dessen, was vernünftig ist, wird
damit nicht gelöst und muss auch hier offen bleiben. Eine Hilfskonstruktion ist
es, eine negative Abgrenzung vorzunehmen. Nicht vernünftig sind Konformismus,
Radikalität, Vorurteile, Aberglaube, Dummheit, Konservatismus und Pessimismus (Rattner
1993, 72ff). Doch damit wird die Aufgabe der Vernunftdefinition lediglich auf
andere Abstrakta verlagert. Im Einzelfall wird man darüber diskutieren müssen,
was vernunftgemäss ist und was nicht.
Es dürfte ohnedies deutlich geworden sein, dass die
Frage der Gesundheit wesentlich eine der Ethik ist und Tugenden verlangt, die
auf Vernunft beruhen und liebende Zuwendung zur Welt zur Folge haben. Das
Geistige und Sittliche ist nichts Angeborenes, der Mensch wächst vielmehr in
diese Sphären hinein, wenn Erziehung es vorbereitet und die Umstände es
erlauben. Es hängt von der Umwelt und vom Zufall ab, ob ein Kind sich als
wertvoll erleben darf und optimistische Beziehungen nicht nur zu den
Mitmenschen, sondern auch zu den ethischen Gesetzen aufnehmen kann. Im Laufe der
Zeit soll er in Moral, Kunst, Wissenschaft und Weltgeschehen hinein wachsen.
(Von Religion hält Rattner gar nichts.)
Ein Mensch mag biologisch gesund sein und doch geistige
Gesundheit verfehlen, betont Rattner. Der Satz gilt auch umgekehrt: Eine nicht
zu heftige Krankheit ist kein Ausschliessungsgrund für Verstand und Vernunft.
Nach Rattner führt ein Verstandes- und Vernunftdefizit über kurz oder lang zu
einer körperlichen Erkrankung. Kranksein ist seines Erachtens kein grund- und
ursachenloser Kontakt mit Krankheitserregern, sondern Resultat der
Vernachlässigung der Person, letztlich eines ethischen Versagens. Im
(körperlichen) Kranksein "meldet sich das verstümmelte und ungeborene Selbst zu
Wort. Darum kann man unter Umständen den Sinn des Krankseins verfehlen, wenn man
dieses nur organisch auffasst und behandelt. Besser wäre es, auf den personalen
Hintergrund der Krankheit zu achten und als Arzt sich auch für die Aufgabe des
Geburtshelfers bereitzuhalten; denn die geburt der Person herbeizuführen, ist
vielleicht der vornehmste Aspekt einer Behandlungskunst, die nicht in den
somatischen Vorurteilen versackt." (Rattner 1993, 78)
Diese wohlwollende Warnung richtet sich gleichermassen
an Arzt und Patient. Körperliche Krankheiten hätten den Sinngehalt einer
Mahnung, wieder mehr auf die Entwicklung der Person oder Persönlichkeit
hinzuarbeiten. Krankheit sollte also gar nicht möglichst rasch beseitigt werden,
denn zuvor soll ihre Botschaft vernommen und verstanden werden. Aus dem Leiden
könne Selbstfindung und Selbstbegegnung erwachsen (ebd.). Fast möchte man
meinen, Rattner halte philosophische Gespräche auf Dauer für wirksamer als
Schmerzmittel. Freilich steht seinem idealistischen Arbeitsauftrag die Zeit- und
Budgetnot des Arztes und (nach Kant) die "Sinnlichkeit" des Patienten entgegen.
Vernunft, Verstand und Moral sind ja nicht allein auf der Welt, ihnen stehen
Natur (Triebe, Antriebe), Bedürfnis (nach Heilung) und Erfahrung an der Seite
und oftmals auch im Wege.
Die Person ist ein "moralisch erheblicher Mensch", sagt
Kant. Wir nennen einen Menschen eine Person oder Persönlichkeit, wenn sie ein in
sich geschlossenes Charakter- und Handlungsbild, das unter moralischen Gesetzen
steht, abgibt. Person (Persönlichkeit) wollen wir also das vernünftige und
zurechnungsfähige Wesen nennen, das freiwillig unter moralischen Gesetzen steht.
Ihre Auszeugung muss wie gesagt durch das Milieu ermöglicht werden, ist aber in
ebenso grossem Umfang Eigenleistung des Subjekts. Das bedeutet, sich ein Gefühl
und ein Wissen um das moralisch Vernünftige anzueignen. Sinn, Ziel und Wert sind
dem Menschen nicht einfach gegeben, er muss sie entwerfen und sich erwerben.
Durchdachte Auffassungen von Werten nennt Kant Tugenden. Tugendhaftigkeit
lässt sich mit "vernunftmässiges Leben" umschreiben. Tugenden sind nach
Auffassung der alten griechischen Philosophen Vollkommenheiten der Seele. Die
Philosophie behauptet, erst wenn befriedigende Antworten auf diese grossen
Fragen gefunden wurden, wird der Einzelne ein Gefühl der Abrundung, der Kohärenz
und der Ganzheit erzielen können. Eine moralisch bedeutungsvolle Person wird in
der Sinn-, Ziel- und Werthaftigkeit leben wie der Fisch im Wasser. Die
Persönlichkeit hat den Schwerpunkt in sich selbst gefunden. Sie steht dem
wechselnden Schicksal mit Gefasstheit gegenüber, baut aber selbst tatkräftig mit
am eigenen Geschick.
Körperliche Gesundheit ist Voraussetzung für die freie
Entfaltung der Tätigkeiten und Handlungsfreiheiten, die uns Seele und Geist
bieten. Seelische Gesundheit schützt nicht vor Krankheit, es sei denn in dem
Sinne, dass über das Wissen um die Zusammenhänge von Lebensführung und
Gesundheit und über den "Witz" und das Können, dieses Wissen anzuwenden, ein
langfristiger Gesundheitsnutzen entsteht. Körperliche Krankheit bedeutet nicht,
dass dem unbedingt eine seelische Erkrankung zu Grunde liegt, doch umgekehrt ist
die Psyche von Krankheit immer tangiert und beunruhigt. Der kranke Körper wirkt
sofort auf die Seele ein, während seelische Störungen sich in der Regel nur
langsam in den Körper "einschreiben". Nicht nur Gesundheit und Krankheit
unterscheiden sich grundlegend und sind doch untrennbar aufeinander bezogen
(siehe Gadamer), gleiches gilt für das Verhältnis von Materie und Geist, von
Körper und Seele.
11.
Individuation
Der Schweizer Psychiater und Psychologe Carl Gustav
Jung (1875-1961) gilt neben Sigmund Freud und Alfred Adler unbestritten als der
dritte Urvater der Tiefenpsychologie. Die Beschreibung und Analyse der
krisenanfälligen Übergangsphase von der Jugend in das reifere Alter und ihrer
Sinnproblematik ist der wesentliche Beitrag Jungs zu einer allgemeinen
Psychologie. Diese Schwellensituation in der Lebensmitte, die Jung aus
persönlichen Gründen auf etwa das 35. Lebensjahr datierte, soll seiner Forderung
gemäss in die "Individuation" einmünden, einen lebenslangen Selbstwerdungs- oder
Reifungsprozess, der zu einer grösseren Vollständigkeit und Abrundung des
menschlichen Wesens verhelfen soll. Jung betrachtete den gesamten Lebenslauf als
eine Reihe seelischer Metamorphosen, wobei das Umschwenken von einer äusseren,
auch beruflichen Expansion zu einer selbstbesinnlichen Beschäftigung mit
existenziellen Fragen des eigenen Ich der zentrale Dreh- und Angelpunkt seines
psychologischen Konzepts ist. Aus dem dumpf-betriebsamen Leben der ersten
Lebenshälfte könne der Mensch entrinnen, wenn er sich höheren Werten und grossen
Idealen zuwendet, die das Leben sinnvoll erscheinen lassen. "Individuation
bedeutet: Zum Einzelwesen werden und, insofern wir unter Individualität unsere
innerste, letzte und unvergleichliche Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen
Selbst werden. Man könnte 'Individuation' darum auch als 'Verselbstung' oder
'Selbstverwirklichung' übersetzen." (Jung 1928a G.W. Bd.7, 183)
Jung wurde bekannt und geehrt als der "Prophet der
Individuation". Er griff damit eine Diskussion auf, die seit der Antike anhält.
Aristoteles, Thomas von Aquin, Albertus Magnus, Giordano Bruno, Leibniz, Spinoza
und Nietzsche hatten sich damit auseinander gesetzt, und es ist anzunehmen, dass
es sich um ein zentrales Prinzip der Persönlichkeitspsychologie handelt (Wehr
1982, 277). Doch mehr noch erwuchs die Jungsche Psychologie aus den ganz
persönlichen Erlebnissen und Erlebnisverarbeitungen des Autors.
Jung, 1875 in der Schweiz geboren und damit 19 Jahre
jünger als Freud, wuchs in einer grossbürgerlichen Familie auf; sein Grossvater
väterlicherseits war Chirurgieprofessor in Basel, sein Vater war Pfarrer und
auch sonst gehörten seine Vorfahren intellektuellen Berufen an. Als Schüler war
er isoliert und an okkultischen Zusammentreffen beteiligt, über die er später
eine distanzierte Doktorarbeit schrieb, obwohl er innerlich an derlei Hokuspokus
glaubte. 1900 bis 1909 arbeitete er als Anstalts- und Universitätspsychiater in
Zürich. Dort erlangte er erste Berühmtheit mit sogenannten
Assoziationsexperimenten; die oft schwer kranken Patienten sollten zu
ausgewählten Begriffen intuitiv Gedanken äussern, die einen verblüffenden
Einblick in ihre verborgenen Stimmungen gaben. Freud erkannte darin eine
Bestätigung seiner Theorie und die beiden Männer nahmen eine intensive Beziehung
auf.
Die Krise der Lebensmitte findet nach Jung zwischen dem
35. und 40. Lebensjahr statt, und in der Tat befand er sich zwischen 1913 und
1919 in einer tiefen Krise, ausgelöst durch die Trennung von Freud, mit dem er
knapp zehn Jahre lang eine zunehmend problematischere Beziehung pflegte. Freud,
der wie viele grosse Psychologen im Alltag nur ein schwach ausgeprägtes
psychologisches Gespür hatte, nahm Jung als Kronprinz an, doch Jung wollte sich
eigentlich nie mit der Rolle des gehorsamen Sohnes zufrieden geben. 1913 trat
Jung aus der Psychoanalytischen Vereinigung aus und gab die Funktion des
Herausgebers des "Jahrbuchs für Psychoanalyse" ebenso auf wie seine
Privatdozentur an der Universität Zürich.
Für Jung war sein 38. Lebensjahr wirklich eine
einschneidende Lebenswende, und nachdem er 13 Jahre lang seine "Persona" als
tüchtiger Psychiater und Verfechter der Psychoanalyse ausgefüllt hatte, gab er
sich ganz seinem Unbewussten, seinen Träumen und seiner entfesselten Phantasie
hin, was ihn an den Rand einer Psychose brachte. Er hörte eine weibliche Stimme
in sich, die er "Anima" nannte. 1919 hatte Jung den Eindruck, allmählich aus
einer langen Nacht aufzutauchen. Die Entdeckung der innersten Elemente seiner
Persönlichkeit im Zustand der Trance nannte Jung Individuation (Ellenberger
1985, 900). Er gab ihr Struktur, indem er seine Träume malte und dieses Material
mit seiner weitläufigen Lektüre kombinierte.
Von der extremen Introversion schritt Jung im Alter von
44 Jahren zu einer erneuten Extraversion voran; den Rest seines Lebens widmete
er sich der Verbreitung seiner Lehre. Er behielt einen Hang zu intuitiven Ideen,
übersinnlichen Erlebnissen und bedeutungsvollen Träumen immer bei. Diesen seinen
persönlichen Erfahrungen mass er einen allgemeingültigen Wert zu, eine Unsitte,
die er mit Freud und Adler teilte. Die Zeit zwischen dem 35. und 40. Lebensjahr
bringe für die meisten Menschen eine bedeutende Veränderung der Seele, meinte
Jung (Jung 1931 G.W. Bd.8, 434; Ellenberger 1985, 901). Sein System
veröffentlichte er 1921 in "Psychologische Typen". Oft zog er sich in einen
selbst gebauten Wohnturm am Zürichsee zurück, wo ihn niemand stören durfte,
Individuation war für ihn gleichbedeutend mit Rückzug. Paul Stern (1977)
schreibt, im persönlichen Umgang sei Jung unleidlich gewesen. Der hünenhafte,
ausdauernde und bärenstarke Jung sei spöttelnd-verletzend gewesen. Er habe
ausschliesslich um sich selbst gekreist, so dass er - wie eine Anekdote zu
berichten weiss - seine Frau nach dem Namen seiner Kinder fragen musste, wenn er
sie ansprechen wollte. Von seiner Individuation hatte die Familie offensichtlich
wenig. Seine kluge und tüchtige Frau schirmte ihn von allen alltäglichen
Anforderungen ab. Für die zugereisten Bewunderer aber, die mit Andacht an seinen
Lippen hingen, wurde er zum "Weisen vom Zürichsee". Jung starb, hoch geehrt,
1961.
Es drängt sich geradezu auf, in Jungs Theorie eine
Spiegelung seiner Lebensereignisse zu sehen. Die wichtigste Quelle seines
schöpferischen Denkens blieb für ihn die eigene Persönlichkeit. Bestimmend für
die spezifische Interpretation des Unbewussten waren seine persönlichen
Erfahrungen. Es war wesentlich seine eigene Krise in der Lebensmitte, die den
Stoff zu seiner Theorie bildete, so dass man sich fragen muss, ob das
Individuationskonzept überhaupt etwas ist, das auch für andere Menschen gelten
könnte.
Jungs Modell der Individuation
Jung wurde von vielen Menschen
konsultiert, und er meinte feststellen zu können, dass bei ihnen allen ein
wiederkehrender zentraler Befund zu erheben sei: Sie alle litten an
verschiedenen Formen der Selbstentfremdung. Diese Selbstentfremdung habe
individuelle und kollektive Ursachen. Der Mangel an Selbstsein ist ihm zufolge
kein solitärer Befund; dieser Mangel finde sich vielmehr bei einem Grossteil der
Menschheit wieder. Er beruht laut Jung auf den Verlust der religiösen Wurzeln,
und keiner sei wirklich geheilt, "der seine religiöse Einstellung nicht wieder
erreicht". (Jung 1932 G.W. Bd.11, 362)
Jung formulierte mehrere Ebenen, die während des
"Individuationsprozesses" erobert werden müssen, damit das Individuum
tatsächlich ein "Selbst" ausbilden kann. Diese Individuation erfolgt natürlich
am besten in einer Therapie der Jungschen Richtung, doch sind die Schritte so
allgemein gehalten, dass sie hier als übergreifende Prinzipien formuliert werden
können. Die Schritte zur Individuation orientieren sich an den Elementen des
"Selbst". In ihm sind versammelt die Persona, der Schatten, Anima und Animus,
Archetypen und das persönliche sowie das kollektive Unbewusste. Was ist jeweils
darunter zu verstehen?
-
Die Persona ist jener Teil der Persönlichkeit, der durch Amt, Beruf,
Titel und soziale Rolle gekennzeichnet ist. Persona ist Aussendarstellung,
Fassade, Rolle, Anpassung, Gewohnheit, Maske. Sie hat ihre positive Bedeutung,
wo sie die Zusammenarbeit mit der Außenwelt ermöglicht. Eine gut funktionierende
Persona ist elastisch; sie ist auch ein Schutz nach außen. Eine negative Persona
hingegen ist wie ein Panzer, der schützt, aber auch abkapselt. (Jung 1928b G.W.
Bd.7, 165ff) Jung postulierte, die erste Lebenshälfte ist im Wesentlichen der
Entwicklung und Konsolidierung der Persona gewidmet.
-
Unter Schatten subsumierte er alle diejenigen Ereignisse, Vorstellungen,
Wünsche, Impulse und Phantasien, die vom Individuum aufgrund seiner
Moralvorstellungen sowie aufgrund von kollektiv wirksamer Tabuisierung
verleugnet und verdrängt werden. Dieses verdrängte Material, zu dem der Einzelne
keinen direkten und willentlichen modifizierbaren Zugang besitzt, meldet sich in
Form von Träumen, Fehlleistungen, neurotischen, psychotischen oder
psychosomatischen Symptomen. Im Grunde sah Jung den Schatten als Sammelstelle
für alles Böse an: unsoziale Eigenschaften, Schwächen, Unterlassungen,
irrationale Gefühle, Vorurteile, Projektionen etc. Ihre Bewusstwerdung führe zu
einer freieren Lebenseinstellung.
-
Anima und Animus sind weitere "Unterpersönlichkeiten" des
Einzelnen. Sie sind im Grunde auch Archetypen, oder anders gesagt, sie sind
unbewusste Seelenbilder und archaische Phantasiebilder, Bruchstücke des
kollektiven Unbewussten (Jung 1921/1950 G.W. Bd.6, 451ff und 510). Sie sind
"Elterngeister", vom Unbewussten produziert, gleichzeitig auch Vorurteile und
Meinungen, die jeder über das eigene und das andere Geschlecht verinnerlicht hat
und auf den anderen projiziert (Jung G.W. Bd.4, 197ff). Sie sind teils
angeborene psychische Strukturen, teils durch Erziehung vermittelt. Dem Mann
werden geistige Überlegenheit und Tatkraft, der Frau Gefühlsabhängigkeit und
Passivität zugeschrieben. Meist ist dieses Bild starr und festgelegt. Mann und
Frau leiden unter dieser Vereinseitigung; die Beziehung zwischen den
Geschlechtern wird kompliziert. Beide müssen sich entgegenkommen; die Frau solle
ein Stück Männlichkeit und Rationalität erwerben, der Mann sich dem Eros und dem
Seelischen öffnen. Zur Ganzheit und Vollendung der Person bedarf die Liebe des
Geistes und der Geist der Liebe. Jung verfolgte offenbar das Ideal eines
androgynen Wesens, welches die jeweils positiven Eigenschaften von Mann und Frau
in sich vereint.
-
Archetypen sind bei Jung einerseits ererbte Urbilder der Seele,
menschheitsgeschichtliche Symbole, abgelegt im kollektiven Unbewussten,
andererseits stammesgeschichtlich angenommene, instinktive Verhaltensweisen wie
zum Beispiel das unwillkürliche Lächeln. Symbolische Archetypen steigen aus dem
kollektiven Unbewussten auf und drücken sich in Träumen und Ängsten,
Wahnvorstellungen und Psychosen aus. Symbolische Archetypen sind beispielsweise
das Gottesbild, die Wandlung, die Vierzahl oder Viereinheit, die Grosse Mutter,
der ewige Jüngling, der Alte Weise, die Bilder von Vater und Mutter, Mann und
Frau und vieles mehr.
-
Das kollektive Unbewusste (das nicht wirklich klar von den Archetypen zu
scheiden ist) reicht in der Vorstellung Jungs bis in die Anfänge des Menschseins
zurück und wird vererbt. Wir tragen die stammesgeschichtlichen Erfahrungen
unserer Ahnen, die charakteristischen Wesenszüge der Art Mensch, die Stimme
einer unbeeinflussten Urnatur des Menschen in uns, die nach Ganzwerdung ruft
(Jacobi 1977, 44). Das kollektive Unbewusste zeigt sich in den immer schon
vorhandenen Archetypen, die in Märchen, Mythen und Träumen aufsteigen. In
anderen Formulierungen ist das kollektiv Unbewusste die ererbte biologische
Hirnstruktur, die allgemein menschliche Möglichkeit des psychischen
Funktionierens, wie sie vom Gehirn vorgegeben wird, und die uns träumen und
phantasieren lässt.
-
Daneben existiert das persönliche Unbewusste. Es besteht unter anderem
aus nicht erkannten persönlichen Motiven, übersehenen Begebenheiten während des
Tages, nicht gezogenen Schlüssen und fehlenden Konsequenzen sowie Affekten und
Kritik, die wir uns verbieten oder die uns verboten wurden. (Jung 1921 G.W.
Bd.6, 527)
Neurosen in der Lebensmitte sind laut Jung Konsequenz
einer zu einseitig vollzogenen Persönlichkeitsentwicklung, sei es, dass man zu
stark extravertierte oder introvertierte, sei es, dass jeweils Denken, Fühlen,
Intuieren oder Empfinden überbetont wurden. Dem in der ersten Lebenshälfte
Introvertierten drohen Anpassungsprobleme und Realitätsverlust, wenn er sich
nicht vervollkommnet, dem extravertiert Bleibenden stehen Selbstentfremdung und
Hysterie bevor. Der Zugang zu diesen Selbst-Anteilen ist für Jung Bedingung
dafür, ein ganzer Mensch zu werden. Nur derjenige, der bei sich erkennt, dass er
männliche und weibliche Qualitäten, Fähigkeiten und Eigenarten aufweist, der
seine Schattenseiten anerkennen und integrieren kann und der eine lebendige
Beziehung zu den unvermeidlichen Archetypen und dem kollektiven Unbewussten hat,
kann eine authentische Individualität kraftvoll aufbauen. Aufgabe des Menschen
in der "zweiten Lebenshälfte" ist es also, sich über all diese
Seelenbestandteile klar zu werden, um zu einem selbstbestimmten und
überindividuell wertvollen Leben zu gelangen.
Extraversion, Introversion und das Ziel der
Individuation
Die Einstiegspforte zur Individuation
ist die Introversion. Die Introversion wird von Jung in einen dynamischen
Gegensatz zur Extraversion gesetzt. Er ging davon aus, dass die grundsätzliche
Affinität zu einer der beiden Hauptarten, mit der Welt in Beziehung zu treten
("Temperament"), angeboren ist (Jung 1921/1950 G.W. Bd.6, 360).
-
Extraversion in seiner einseitigen Ausrichtung bedeutet Identifikation
mit der Außenwelt, Anpassung an das kollektive Man und die Modeströmungen sowie
das Ausgerichtetsein auf Beruf, Prestige und Einkommen. Diese Phase wird von
Jung zwiespältig gesehen. Positiv wirkt bei der Extraversion die Tatkraft, das
Streben, das Vollbringen von Aufgaben, das Erfahrungsammmeln und überhaupt das
pulsierende Leben. Der junge Mensch (bei Jung eigentlich immer: der junge Mann)
wächst in Beruf, Ehe und Gesellschaft hinein. Doch nicht alle Anlagen, die die
Natur ihm mitgab, können zum Tragen kommen. Alles, was abgespalten werden muss,
wird ins Unbewusste verdrängt. Das steht im Gegensatz zu dem naturhaften
"unbewussten Lebensplan", der auf Entwicklung, Reifung und Selbstverwirklichung
aus ist. Jung scheint der Meinung, dass Anpassung an die Gesellschaft letztlich
unbefriedigend bleibt, jedoch Bedingung für die höhere Stufe der Selbstwerdung
ist. Es gibt kritische Äußerungen, so wenn er vor der "Massenpsyche" warnt, die
in zwei Weltkriegen "die Oberhand gewonnen" hatte. Eine Gesellschaft könne
moralisch und intelligenzmässig zu einem großen, dummen und gewalttätigen Tier
werden. Der Einzelmensch laufe Gefahr, vom kollektiven Bewusstsein aufgesogen zu
werden. (Jung 1984, 37) Jung nahm seine politischen Pflichten als Schweizer
Demokrat ernst, aber es finden sich auch viele Äußerungen, aus denen seine
Verachtung für den "kleinen Mann" und den "Massenmenschen" hervorgeht. Die
Anpassung an kollektive Forderungen, die Jung als biologisch-instinktive
Verwirklichung der menschlichen Natur zur "Brutaufzucht" ansah, soll deshalb
spätestens zur Zeit der Lebensmitte durch eine geistige Ausweitung der
Persönlichkeit vervollständigt werden. (Jung 1931 G.W. Bd.8, 425ff) Der Mensch
bedarf, nachdem er sich tüchtig im alltäglichen Leben bewährt hat, auch einer
transzendierenden Idee und eines Sinns im Leben. Die Stunde der Introversion ist
gekommen.
-
In der Introversion wendet sich der Einzelne nach Innen, zieht sich
zurück, reflektiert und vermeidet Außenkontakte. Es soll eine grundsätzliche
Verlagerung von äußere auf innere Werte stattfinden. Die aktive Weltbewältigung
muss zurücktreten zugunsten der Meditation und Kontemplation. Der
Haltungswechsel von der Extraversion zur Introversion meint die Umkehr des
Libidoflusses von der Progression zu Regression, vom Bewussten zum Unbewussten,
von der Natur zur Kultur, vom Trieb zum Geist. Jungs Libidobegriff ist
physikalisch-energetisch wie der von Freud und meint einen unspezifischen
Antrieb, einen Lebensdrang, eine Werdelust. (Hess 1982, 290) Doch Regression ist
bei Jung kein neurotisches Zurückkehren zu kindlichen oder pubertären
Verhaltensweisen (wie bei Freud), sondern eine immer wieder notwendige
Beschäftigung mit dem Unbewussten. Denn je unbekannter das Unbewusste ist, desto
stärker wirkt es hinterrücks auf das Bewusstsein ein. Während die Psychoanalyse
das Unbewusste als Rumpelkammer und unaufgeräumten Keller der Psyche ansah,
glaubte Jung, das Unbewusste halte Schätze bereit. Je mehr man sich mit seinem
Unbewussten bekannt macht, desto mehr kann das bewusste Ich vernünftig steuernd
eingreifen. (Jung 1921/1950 G.W. Bd.6, 406ff)
Bewusstwerdung ist demnach identisch mit Reifung,
Persönlichkeitsbildung und -entfaltung, ein psychischer Prozess, der nach Jacobi
(1971, 163) parallel zum Alterungsprozess abläuft. Angestrebt wird ein geistig
inhaltsreiches Leben, das für ein großes Ideal oder einen hohen Wert eintritt,
kämpft oder sich dienend hingibt. Was aber ist bedeutsam und wertvoll? Jungs
Konzepte lassen eine Ethik mehr erahnen als konkret werden. Er glaubte mit
Sigmund Freud, dass die Gesellschaft eine "künstliche Verkrüppelung" der
menschlichen Individualität bewirke, und er war sich mit Alfred Adler sicher,
dass die freie Einzelexistenz eine Bereicherung für die Gemeinschaft sei.
Individuation kann deshalb nicht Individualismus und Hedonismus heißen.
Ziel der Introversion ist vielmehr die Selbstwerdung.
Das Selbst integriert die vielfältigen Persönlichkeitsanteile, nachdem sie
bewusst gemacht wurden durch den radikalen Rückzug in die Träume, das Selbst und
die Religion. Das Selbst sind die von Geburt mitgegebenen Anlagen und Neigungen,
ferner ein unbedingter Entwicklungsantrieb (eine physische Energie) und ein
ethisches Streben, überdies ein Ich mit Wahrnehmungen, Erinnerungen, Stimmungen
und konkreten Wünschen. Im unbewussten Selbst lagern die archetypischen Symbole
und Handlungsmuster, die kollektiv vererbt werden. Das Selbst ist insofern
größer als das Ich. Selbstwerdung heißt, seine eigene seelische Mitte zu finden.
Jung schränkte ein, dass das Ziel der vollkommenen Persönlichkeit nie erreicht
werden kann.
Der zentrale Aspekt in Jungs Individuationstheorie, der
dann auch zur Therapie überleitet, ist, dass man minderwertige Anteile
des Selbst in sich erkennen und tolerieren soll. Dazu gehört es, sich mit seinen
Mängeln auseinander zu setzen, um sich in seiner Ganzheit (einschließlich des
Schattens und der anderen Anteile) verstehen zu lernen und als harmlosen Gast
aufzunehmen. Die "Schattenanalyse" ist wesentlicher Teil der Selbstwerdung in
der Lebensmitte und Kernstück der Individuation. Sie erfolgt in Trance und über
Träume, die aufgeschrieben oder gemalt werden, im Auffinden von Idealen und
Archetypen wie Anima/Animus oder des Alten Weisen/der Grossen Mutter, sowie
durch Eintauchen in Mystik, Alchemie, in die Weltseele und das kollektive
Unbewusste als allgegenwärtiger und allwissender Geist sowie durch religiöse
Spekulationen wie die der Wiedergeburt. Zusammen mit dem Therapeuten werden die
Trance- und Traumbilder in der Art Jungs assoziativ gedeutet. Jeder Archetypus
muss erkannt, gedeutet und ins Bewusstsein übernommen werden. (Zur Therapie
siehe Jung G.W. Bd.6, Erster Teil: Allgemeine Probleme der Psychotherapie.)
Seelisch-geistige Erweiterung ist hauptsächlich ein
Bewusstwerden des eigenen Wesens im Sinne des bislang Verwirklichten und der
größeren Vollständigkeit und Verfeinerung in der Zukunft. Das Individuum kann
Anima oder Animus und die anderen Archetypen so gestalten, dass sie ihm zu einer
Quelle der Weisheit, Inspiration und Kreativität wird. Der Mensch findet erst
eine annähernd ruhige Einstellung zu sich selbst, wenn er sich von allen
Extremen abwendet. Gute Anteile sollen fortgesetzt und zur Wirkung gebracht,
negative ohne Groll ruhen gelassen werden. Es gilt, sich mit dem bisher
Erreichten auszusöhnen. Jung betont dabei die Bedeutung der Bewusstheit. Viele
Neurosen hätten ihren Ursprung in zu großen Anteilen der Unbewusstheit. Seine
Therapie hat das Ziel, den Menschen in der Realität, das heißt der Realität des
Unbewussten zu verankern. Den Zweck der Ehe sah er darin, dass sich beide
Partner bei der Individuation unterstützen.
Die Altersphase verlangt aus naturgegebenen Gründen
Introversion. Aber selbst kluge und gebildete Menschen seien darauf gänzlich
unvorbereitet. Es fehlt an Schulen für Erwachsene, die Selbst- und
Menschenkenntnis vermitteln und auf das kommende Leben vorbereiten. (Jung G.W.
Bd.8, 438f; Jung 1954a, II, 419) Er klagte darüber, dass das 20. Jahrhundert
keine weltlichen Klöster für jene habe, die den leeren Betrieb der
Alltäglichkeit müde seien und ihrer Introspektion leben wollen. Damit drückte er
einen eigene, tiefen Wunsch aus. Das Entwicklungsdefizit und die Stagnation, die
Jung bei seinen Patienten aus der Schweiz, den USA und England erkannte, nannte
er auch ein "Ausweichen vor der Erweiterung des Lebens", das heißt in der
zweiten Lebenshälfte ein Zurückweichen vor der Erweiterung des geistigen Lebens
und der inneren Lebendigkeit. Der Sinn des Lebens besteht in der Jungschen
Psychologie in einer kontinuierlichen Persönlichkeitsentwicklung, die niemals
als abgeschlossen betrachtet werden kann. Sie ist es, die den unverlierbaren,
unvergleichlichen Wert bringt und damit den inneren Frieden und die höchste Art
des Glücks. (Jacobi 1971, 72)
Anti-Aufklärer Jung
Bisher wurde das
Individuationskonzept Jungs wohlwollend dargestellt; ich habe mich bemüht, seine
Theorie verständlich und nutzbar zu machen. Bei näherer Betrachtung und wahrer
Beschreibung dessen, was Jung intendierte, müssen sich jedoch Zweifel mehren, ob
sein Konzept außer der allgemeinen und nach wie vor wichtigen Idee von der
Individuation überhaupt etwas Brauchbares aufweist. Schauen wir uns an, in
welcher Ausformung Jung seine Ideen jeweils verstanden wissen wollte.
Bei genauerer Untersuchung zeigt sich, dass Jungs
Konzept der Individuation an einer Reihe von Einseitigkeiten krankt, vor allem
an der weltanschaulichen Enge Jungs. Das beginnt damit, dass Jung das Konzept
der Individuation aus fragwürdigen Beobachtungen im Bereich des Okkultismus
entwickelte, wo er aus dem Dämmerbewusstsein des Mediums verborgene
Persönlichkeitsanteile durchbrechen sah. Diese aus der Tiefe aufsteigenden
Inhalte hielt er für Abkömmlinge eines weiten Wirklichkeitsbereichs, der
gehaltvoller und weiser sei als das Wachleben. In diesen Seelengrund sah er die
Archetypen abgelagert, von denen er annahm, dass sie vererbt sind. Diese Inhalte
treten in Trance und in den Träumen an die Oberfläche und wurden von jung wie
Edelsteine gesammelt und betrachtet.
Jung legte unbewusst sehr viel in seine Träume, wobei
ihm seine wache Neugier und seine weitläufige Lektüre ausreichend Material
lieferte, doch er war unfähig zu sehen, dass seine Träume inhaltlich erstaunlich
dem glichen, womit er sich gerade beschäftigte. Seine Auseinandersetzung mit
diesem Seelengrund bescherte ihm Größenideen und Allmachtsphantasien, denen er
sprachmächtig Ausdruck zu verleihen verstand. Er glaubte, Zugang zu tiefen
Geheimnissen zu haben, was ihn zu einem elitären und singulären Dasein
berechtige. Jung nahm Geister, Mächte, Dämonen, Götter und Archetypen als "wahr"
an, weil sie von so vielen Menschen ähnlich wahrgenommen werden, wovon er sich
in mehreren Auslandsreisen überzeugen konnte. Er erhielt Unterstützung durch das
Studium der Gnostiker, die ihre Blütezeit Mitte des 2. Jhdts. vor Christus
hatten. Sie behaupteten, ihre Visionen seien real, und glaubten, damit im Besitz
religiösen Wissens zu sein, im Unterschied zum reinen Glauben.
Jung empfahl deshalb seinen Klienten, sich mit den
Mythen vergangener Jahrhunderte zu beschäftigen. Er pries das Mittelalter, wo
die Menschen angeblich von einem liebevollen Gott umsorgt wurden und noch genau
wussten, was sie zu tun hatten und wo ihre Grenzen lagen. Die Naturwissenschaft
hat diesen holden Schleier längst zerrissen (Jung 1928c G.W. Bd.10, 98). Jung
huldigte eine Zeit lang Hitler und erklärte das Erstarken des
Nationalsozialismus mit dem Erwachen des heidnisch-germanischen Wotans, der aus
irgendeinem Grunde zu wüten anfange und das Unterste zu oberst kehre. Seine
Ausführungen über die Unterschiede des arischen vom jüdischen Unterbewusstsein
bezweckten eine Denunziation Freuds, eine Anbiederung an die neuen Machthaber
und sollten Vorarbeiten für eine judenreine Psychologie sein. Seine vermeintlich
unpolitische Haltung mündete mit zunehmenden Alter in eine Absage an die
Möglichkeit der Vernunft und schloss Schicksalsergebenheit (auch gegenüber den
Nazis) und Anpasserei ein, doch kann man nicht sagen, dass Jung ein
Nationalsozialist war. Dazu war er zu versponnen.
Hauptziel der Individuation nach Jung ist die
Wiedererweckung des religiösen Gefühls und sonst kaum etwas darüber hinaus.
Neurose war ihm gleichbedeutend mit Gottesentzug. Auf diese simplifizierenden
Gleichung setzte er die naive Verquickung von Gottesglaube und mentaler Hygiene.
Laut Jung ist es Aufgabe der Religion, den Menschen mit dem ewigen Mythos zu
verbinden. Er behauptete, es gebe unter seien Patienten jenseits des 35.
Lebensjahres keinen einzigen, bei dem der Verlust des lebendigen religiösen
Gefühls nicht das Hauptproblem sei (Jung 1932 G.W. Bd.11, 362). Jolande Jacobi,
die der Individuation ein ganzes Buch gewidmet hat (1965), stellt fest, dass es
darauf ankommt, die in jedem vorhandenen Gottesbilder (sie lagern im "Selbst"),
ins bewusste Ich zu heben. Das "Selbst" ist immer religiös, auch wenn die
Betreffenden es nicht wissen. Jung befand sich damit in einem
selbstverstärkenden Prozess, einer beruflichen Selbstwahrnehmungsfalle: Aufgrund
seiner mythisch-religiösen Weltanschauung zog er nur religiöse Menschen und
Theologen an (und stieß andere von vorn herein ab), so dass er den überzeugenden
Eindruck gewann, die Welt sei voller Christen mit mythisch-religiösen
Bedürfnissen. Die Vorselektion seiner Klienten war ihm nicht bewusst, eben so
wenig, dass er Teil und Motor eines weltanschaulich hermetischen Kreislaufs der
Selbsterfüllung war.
Jung geht es letztlich um das Verstehen der Innenwelt
des Individuums; biologische, soziale, zeithistorische und familiendynamische
Einflussfaktoren werden von ihm kaum angesprochen und zugunsten der
"Einmaligkeit der Person" hintangestellt. "Wesentlich ist in letzter Linie nur
das subjektive Leben des Einzelnen." (Jung 1933 G.W. Bd.10, 172f) Er glaubte mit
Sigmund Freud, dass die Gesellschaft eine "künstliche Verkrüppelung" der
menschlichen Individualität bewirke. Individuation bedeutet Rückzug in die
Träume, in das Selbst und die Religion unter Vernachlässigung der Außenwelt und
auf Kosten des Bezugs zu den Mitmenschen.
In einer exzessiven Selbstbespiegelung, die Jung seinen
Patienten und Bewunderern vorlebte, liegt die Gefahr der Vereinsamung. Mit
Archetypeninterpretationen findet niemand den Weg zu überindividuellen Werten
und einer humaneren Gesellschaft. Jung selbst ist das Beispiel dafür. Er blieb
grobschlächtig. Seine langwierige Selbstanalyse befähigte ihn nicht, die
Gefühlsseite seiner Persönlichkeit zu entfalten. (Stern 1977, 141) Mangel an
Gefühlswärme und Zuneigung wurde von vielen, einschließlich seiner Familie,
schmerzlich konstatiert.
Die Dichotomie von Extraversion und Introversion und
ihre Synthese in der Individuation geriet Jung zu einem absoluten
Ordnungsschema, in das die gesamte seelische Wirklichkeit eingebettet wurde,
auch wenn es dabei nach der Art des Prokrustes zuweilen recht gewaltsam zugeht.
Das durch endlose Variationen ausgelaugte Leitmotiv von der Kluft zwischen
Extraversion und Introversion und dem in der Lebensmitte gebotenen Umschwung vom
einen zum anderen ist krass simplifizierend und auch in sich undeutlich. Es
bleibt unbestimmt, ob Introversion und Extraversion kompensatorisch oder
gegensätzlich gemeint sind, nacheinander erworben werden sollen oder in sich
verflochten sind, gleichwertig sind oder ungleichwertig mit einer
Höherwertigkeit der Introversion. Auch geht der gedankliche Weg immer nur von
der Extraversion zur Introversion; der umgekehrte scheint nicht vorgesehen zu
sein. Jung suggerierte, die Krise in der Lebensmitte sei unvermeidlich und sie
werde neurotisch bewältigt, es sei denn man trifft auf einen so kompetenten
Psychotherapeuten wie ihn. Selbst die gut Angepassten und Tüchtigen (die Jung
aufsuchten) stagnierten in Wahrheit. (Wie anders ging Aristoteles an das
mittlere Lebensalter heran; das sei die glücklichste, die beste Zeit des freien
Mannes, befinde er der sich doch im Vollbesitz seiner Ausgewogenheit und
Besonnenheit.)
Was speziell die Frau und das Geschlechterverhältnis
betrifft, so hat die Jungsche Psychologie nicht wirklich etwas beizutragen. Jung
begrüßte halbherzig die Emanzipation der Frau, wenngleich er ganz sicher nicht
an eine so weitgehende Auflösung des Rollenverständnisses gedacht hat, wie es
sich heute offenbart. Im Prinzip hatte Jung noch die traditionelle Ehe im Auge,
in welcher die Frau geistig ganz in ihrem Mann, der Mann gefühlsmäßig ganz in
seiner Frau aufgeht. (Stern 1977, 71-82) Die ungelebten Anteile werden in den
Ehepartner projiziert, was nicht grundsätzlich ein Nachteil sein müsse, doch oft
kann der Partner nicht die "ungelebten Wünsche" erfüllen. Der Animus der Frau
könnte Mut, Unternehmergeist sowie geistige und ökonomische Selbständigkeit
bedeuten, doch solche Frauen stellte sich Jung allenfalls als "femme
inspiratrice" des Mannes vor (Stern 1977, 144), was erneut ganz von seinen
eigenen Erfahrungen mit Ehefrau und der Geliebten Toni Wolff geprägt war. Eine
Gleichstellung von Mann und Frau intendierte er offenbar nicht, doch plädierte
er dafür, das Mann und Frau ihre überholte unbedingte Fixierung auf Logos
einerseits und Eros andererseits aufgeben, dass Frauen "ein Stück Männlichkeit"
und Männer "ein Stück Weiblichkeit" erwerben, um der Welt des jeweils anderen
nicht völlig blind gegenüber zu stehen (Jung 1927 G.W. Bd.10, 148).
Jung wurde deshalb zum Objekt feministischer Kritik
(Weiler 1985): Seine "Anima" sei einerseits ein Vorurteil, andererseits eine
Chimäre; reale Frauen könnten seinem Mütterlichkeits- und Prinzessinnenideal
niemals gerecht werden. Die Jungschen Archetypen des Weiblichen entspringe dem
Geist des Patriarchats des 19. Jahrhunderts, nicht einer menschlichen Urzeit.
Für ihn gründet sich die Psychologie der Frau auf den Eros und die des Mannes
auf den Logos. Das war ihm kein Problem, sondern eine Tatsache (Jung 1927 G.W.
Bd.10, 145). Wie stark Jung dem Glauben an die Überlegenheit des Mannes anhing,
zeigt sich darin, dass er Epilepsie durch die Mutter vererbt annahm, Begabung
jedoch durch den Vater. (Jung 1954b, 99; 1938, 407) Zu den erhaltenswerten
weiblichen Anteilen zählte er Bewahren, Geborgenheit geben, Güte,
Besonnenheit und Lebenswissen.
In Jungs Typologie trägt jeder den Keim zu allen
Verhaltensweisen in sich (sie sind angeboren), doch warnte er davor, die jeweils
gegengeschlechtlichen Anteile zu stark zur Geltung zu bringen. Das sei wider die
Natur und verursache Störungen des seelischen Gleichgewichts (Jung 1927, G.W.
Bd.10). Sein Entwurf zu einer Androgynität basiert eher auf dem natürlichen
"Abschleifen" extremer männlicher oder weiblicher Eigenschaften im Laufe der
Lebensjahrzehnte, wenn Erwachsene langsam rundlicher und fülliger werden und
innerlich zur Ruhe kommen. Auch das Ineinanderaufgehen in einer geistigen
Androgynie war nicht das, was er sich vorstellte: "Ein Mann sollte als Mann
leben und eine Frau als Frau." (Jung 1927 G.W. Bd.10, 140).
"Wo Es war, soll Ich werden", postulierte Freud. Das
gefährliche des Unbewussten sollte vom bewussten Ich domestiziert werden. Jung
hingegen hielt es für unmöglich, die elementare Dynamik des Unbewussten durch
ein bewusstes Ich "depotenzieren" zu wollen. Die einzig adäquate Einstellung des
Bewusstseins gegenüber dem Unbewussten sei willige Kooperation. Nur wenn das
Bewusstsein sich nach dem Unbewussten richte, könne es (das Bewusstsein)
bestimmungsgemäß funktionieren als das Licht, das die Finsternis begreift
(Stern, 270). Ellenberger hingegen zitiert Jung dahingehend, dass das Ich die
Inhalte des Unbewussten sich unterwerfen muss, so wie der Held der Mythen gegen
ein Ungeheuer kämpft und schließlich siegt (Ellenberger, 938f). Vielleicht kommt
beides vor. Der Patient gilt als gesund, wenn Bewusstes und Unbewusstes im
lebendigen Bezug zueinander stehen, wobei das Unbewusste immer die stärkere
Seite bleiben müsse.
Jungs Typologie (1921) begnügt sich mit den zwei
Kategorien Extraversion und Introversion, die sich in vier Grundfunktionen
(Fühlen, Denken, Wahrnehmen und Intuieren) aufspalten. Diese Typologie beruht
keineswegs auf Empirie (obwohl die Jungianer nicht müde werden, das Gegenteil zu
behaupten), sondern lässt sich unschwer aus den charakterlichen Besonderheiten
ihres Urhebers ableiten, vor allem aus Jungs Krise und Rückzug nach dem Bruch
mit Freud und seine Vorliebe für die Zahl vier. Die Betonung der Introversion,
der Geisterwelt und des Aberglaubens sollte eine in der Psychoanalyse und
Individualpsychologie vernachlässigte und als neurotisch abgestempelte
Seinsweise rehabilitieren, wie Jung überhaupt bestrebt war, seine Ideen von
denen Freuds und Adlers abzugrenzen, wobei er durchaus bemüht war, den beiden
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Hinter der Zurückweisung des
psychoanalytischen Anspruchs auf universale Gültigkeit erhob sich nun
seinerseits ein Absolutheitsanspruch, den das ganze Werk Jungs durchzieht. Gegen
die Zerlegung des Psychischen in seine Bestandteile (Freud: Ich, Es, Überich)
setzte Jung eine "Ganzwerdung" oder "Vervollständigung" der Psyche, ohne zu
bemerken, dass er selbst mit einem halben Dutzend Teilpersönlichkeiten und
-psychen hantierte.
Diskussion und Bewertung
Viele Autoren, nicht nur Jung, hatten
sich auf die drängende Suche nach dem Sinn des Lebens gemacht. Ist es nicht
unbefriedigend, jahrzehntelang zu malochen, nur mit der Aussicht auf ein Bier
und eine Zigarette am Abend? Was soll von mir übrig bleiben, wenn ich gestorben
bin? In welcher Erinnerung sollen mich die Nachfahren behalten? Soll mein Leben
in Sorge um das Morgen zerrieben werden? Lohnt sich das Streben nach Reichtum
und Anhäufen von Besitz, wenn ich nur ein Hemd mit ins Grab nehmen kann? Wie
kann ich meine Fähigkeiten am besten zum Wohle der Gesellschaft und zu meiner
eigenen Befriedigung einsetzen? Ist ein Ausgleich zwischen meiner Individualität
und der Gesellschaft möglich und wie sieht sie aus?
Das Gemeinsame der darauf gefundenen Antworten ist die
Auffassung, dass der Sinn des Lebens in der Entwicklung der Persönlichkeit und
einer geistigen Erweiterung zu suchen ist, die nicht im Gegensatz zu humanen und
demokratischen Tendenzen der Gesellschaft stehen. Im Einzelnen wurden
unterschiedliche Lösungen vorgeschlagen, die von einem unbedingten Primat der
Partei (Marxismus) bis hin zu einem ausschweifenden Individualismus (Romantik)
reichen.
Jungs Verdienst besteht darin, die Sinnfrage erneut
aufgeworfen zu haben. In Ergänzung zu Freud, der frühe Kindheitserlebnisse als
determinierend ansah, hatte sich Jung speziell der vermeintlich typischen
Problematik des Menschen in der Lebensmitte zugewandt und diesem
Entwicklungspotentiale zugestanden. Doch seine Antwort auf die Sinnfrage ist
überwiegend fragwürdig. Er plädierte dafür, ein geistig inhaltsreiches Leben
anzustreben, womit er die Kultivierung eines religiös-mystischen Lebens meinte.
Jung behauptete, Individuation schließe die Welt nicht aus, sondern ein (Jung
1931 G.W. Bd.8, 432), aber praktisch meinte er ohne Frage die innere Welt der
Archetypen, des Unbewussten, des Schattens - Begriffe, die den Weg in den
täglichen Sprachgebrauch gefunden haben. Die Krise in der Lebensmitte sei
unvermeidlich, ein unerbittlicher Prozess erzwinge die Verengung des Lebens
(Jung 1931 G.W. Bd.8, 438); jugendliche Attraktivität und körperliche Spannkraft
lasse langsam nach und Prestige, Status und Reichtum könnten nicht wirklich
befriedigen. (Das schrieb Jung, als er Prestige, Status und Reichtum errungen
hatte.) Es drohten Sinnlosigkeit, innere Leere, Einsamkeit und
Bedeutungslosigkeit. Der Mensch bedürfe aus diesem Grunde der psychologisch
angeleiteten Befreiung, doch die Kultur biete dazu nichts an. Jung offerierte
den religiös-mysthische Rückzug von der Gesellschaft und das Frönen eines
überbordenden Individualismus, doch die Individuation könnten selbst in seiner
Psychotherapie nur die wenigsten erreichen, so schwierig sei sie.
Seine Autobiographie "Erinnerungen, Träume, Gedanken"
(1962), schreibt Paul Stern, lieferte den verblüffenden Beweis dafür, dass Jung
im Grunde seines Wesens ein Spintisierer war. Mitten im 20. Jahrhundert lebte er
in einer Welt der Geister und der Mythen. Was kann uns dieser Mann heute noch
bedeuten, warum sollten wir uns noch mit ihm beschäftigen? Wenn eine schwierige
Entscheidung über einen zwiespältigen Autor ansteht, ist es hilfreich zu fragen,
ob der Betreffende zum humanen Fortschritt beigetragen hat. Diese Frage muss -
mit Einschränkung - verneint werden; eine Bilanz fällt, unter dem Strich
betrachtet, negativ aus. Jung war ein Anti-Aufklärer, ein Romantiker, ein
Eigenbrötler, ein Träumer. Das Traumleben war für ihn wichtiger als die
Begebenheiten des Wachens. Seine absonderliche Privatlogik wurde zu einer
eigenen psychotherapeutischen Schule ausgebaut, die heute noch die verschroben
ausgedrückten Ansichten des Meisters für bare Münze nimmt (z.B. Evers 1998). Die
Analytische Psychologie Carl Gustav Jungs ist eher ein blamabler Unfall der
Tiefenpsychologie als ein wissenschaftliche Plattform. Gleichzeitig war Jung
aber auch ein Persönlichkeit von Format, vital, erfolgreich, belesen,
ausdrucksstark, sensitiv bei seinen Patienten, von mitreißendem schöpferischen
Elan beseelt (Stern 1977, 146). Seine Bücher enthalten viele genau beobachtete
Details am Menschen, die in seinem schwer verdaulichen Jargon und seiner
befremdlichen Begrifflichkeit fast wieder untergehen.
Doch wir dürfen festhalten: Die Individuation oder
Selbstwerdung bleibt eine dauernde Aufforderung an den Menschen, nicht nur in
der Lebensmitte. Es ist ganz sicher richtig, dass ein äußerliches,
extravertiertes Leben über kurz oder lang um eine Introspektion und mehr
Selbstkenntnis nicht herum kommt, um als "rund" und lebenswert bezeichnet werden
zu können. Auf alle Fälle ist es auf Dauer ein Unglück, wenn das Bewusstsein dem
unverstandenen Motiven fremd gegenüber bleibt. Deshalb ist Selbsterkenntnis so
dringend. Die Einsicht in die inneren Schattenseiten führt zu jener
Bescheidenheit, die zur Anerkennung der eignen Unvollkommenheit notwendig ist.
Dem Menschen wird es dann eher gelingen, in realistischer Einschätzung seines
Könnens und Wollens gütig den Mitmenschen und verantwortlich der Gemeinschaft
gegenüber zu sein.
11.
Heiterkeit
Wir scheinen in einer Zeit zu leben, in der die
Heiterkeit nicht sonderlich am Platz ist. Zu viele schlimme Nachrichten stürmen
auf uns ein, und es gibt vielleicht Grund, der Verzweiflung näher zu sein als
der Heiterkeit. Warum ist dennoch die Rede davon? Weil wir sie gerade heute gut
brauchen könnten.
Nur leider gehört die Heiterkeit, wie auch die
Lebenskunst, die Selbstsorge, die Gelassenheit et cetera, zur Familie jener
Begriffe, die in der Moderne und mit ihr in der modernen Philosophie weitgehend
vergessen worden sind. Wesentliche Inhalte des Begriffs sind daher nur durch
einen Rückgriff auf dessen Geschichte zu erschließen. Dann erst, wenn der
Begriff vergegenwärtigt worden ist, können die Gründe für sein Verschwinden und
die Möglichkeiten seiner Erneuerung erörtert werden.
In der Antike ist die Heiterkeit eine gewählte und
asketisch hergestellte Haltung, verbunden mit einer bestimmten Sicht der Dinge;
sie ist eine vom Selbst bewusst vorgenommene, maßvolle Disposition des Gemüts.
Das geht bereits aus dem Urtext der philosophisch inspirierten Heiterkeit
hervor, nämlich Demokrits Abhandlung Über die Heiterkeit aus dem 5./4.
Jahrhundert vor Christus. Die erhalten gebliebenen Fragmente sprechen von einer
euthymía, zusammengesetzt aus der Vorsilbe eu- (gut, Wohl-) und dem Wort thymós,
das für die seelisch-geistige Kraft im Menschen steht, wörtlich also eine
Wohlgesinntheit, Wohlgestimmtheit des Gemüts, die jedoch mehr ist als nur ein
Gemütszustand, der zufälligerweise so oder anders ausfallen kann. Den Menschen,
sagt Demokrit, entstehe Heiterkeit aus dem maßvollen Umgang mit Lüsten und aus
einem "Leben im Gleichmass" - einer Wohlprobportioniertheit zwischen dem Zuviel
und Zuwenig in allen Dingen, nicht zu verwechseln mit einer arithmetischen
Mitte.
Dieses "symmetrische Leben", wie Demokrit es nennt,
vermeidet Übelgesinntheit und Missmut (kakothymía oder auch dysthymía).
Übelgesinntheit tritt nicht ein, wenn man grundsätzlich annimmt, dass ohnehin
nichts reibungslos vonstatten geht. Werkzeuge sind grundsätzlich krumm und
schief, und es kommt darauf an, sie so zu gebrauchen, wie sie nun einmal
beschaffen sind. Dies gilt erst recht für den Umgang mit Menschen: Sie sind, wie
sie sind. Wer sich mithilfe asketischer Einübung daran gewöhnt, Eigenarten und
Merkwürdigkeiten Anderer als gegeben hinzunehmen, der erreicht anstelle von
Missmut Wohlgestimmtheit.
Ferner ist die Fähigkeit verlangt, sich über
erfreuliche Dinge auch wirklich zu freuen. Das bedeutet keineswegs, nur
Erfreuliches zu affirmieren und Unerfreuliches zu negieren. Es handelt sich
nicht um das moderne positive thinking, denn im Unterschied dazu präpariert sich
das heitere Selbst durchaus für das Negative und rechnet nicht mit dem Positiven
- gerade aus diesem Grund wird es resistent gegen Enttäuschungen und
aufnahmefähig für Erfreuliches. In jeder Lebenslage ist ein heiteres Ertragen
der Widrigkeiten und sogar ein lustvolles Leben möglich, wenn die Misslichkeiten
für leicht und unbedeutend gehalten werden, notfalls contrafaktisch: Es hängt
von der Verteilung der Gewichte im Denken ab, ob auf der Waage des Lebens
Symmetrie hergestellt werden kann.
Heiterkeit ist die Haltung der Gelassenheit, im
Sprachgebrauch gelegentlich zusammengezogen zum Ausdruck "gelassene Heiterkeit",
was aber, folgt man dem Stoiker Seneca, zweimal dasselbe sagt. Seneca gibt dem
Begriff der Heiterkeit im ersten Jahrhundert nach Christus eine stoische
Prägung. Die griechische euthymía übersetzt er mit tranquillitas und widmet ihr
seine Schrift "Über die Seelenruhe" (De tranquillitate animi), die von der
Ungetrübtheit und Ausgeglichenheit der Seele handelt, nicht zu verwechseln mit
der Untätigkeit und dem Quietismus. Grundlage der Heiterkeit ist das
Festgefügtsein der Seele, die "mitten im Sturm" die Balance zu halten vermag und
frei ist von ängstlicher Sorge, frei sogar noch von Angst vor der Angst.
Die Selbstmächtigkeit, die sich vor allem in der
Fähigkeit zum Lassen angesichts all dessen, was "nicht in meiner Macht ist",
beweist, macht das Selbst stark genug, auch schwach sein zu können. Mit kluger
Sorge bemüht sie sich um größtmögliche Offenheit gegenüber Anderen und Anderem.
Dies aber kann nur erreicht werden, wenn man sich zunächst über sich selbst
klarer wird, sich Rechenschaft ablegt über die Eigenheiten, die man mitbringt
und füglich zu beachten hat, um nicht Unangemessenes von sich selbst zu
erwarten. Um das Verhältnis zu sich selbst zu stärken, bedarf das Selbst, wie
Seneca schreibt, zudem der Freunde, "deren Heiterkeit Schwermut zerstreut und
deren Anblick allein schon erfreut", ein Anblick, der nicht nur auf äußerlicher
Schönheit beruht.
Wichtig ist des Weiteren, nicht an irgendwelchen Besitz
sein Herz zu hängen, denn um Besitz muss der Mensch sich kümmern, um ihn muss er
fürchten, unentwegt ist er mit ihm beschäftigt und auf diese Weise von ihm
besessen, während es doch darauf ankommt, sich selbst zu besitzen.
Die ganze Lebensweise sollte maßvoll eingerichtet sein,
denn solches Leben bietet weniger Angriffsflächen für Attacken des Schicksals;
Seneca: "viele Stürme fallen nur über diejenigen her, die ihre Segel zu weit
ausspannen". Das selbstmächtige Selbst ist auf alles vorbereitet und hegt keine
Illusionen über ein "Leben in zarter Unberührtheit". Keine Angst vor dem Tod
sollte es haben; dazu dient, sich zu sagen, dass der Tod bereits mit der Zeugung
beschlossene Sache war, eine Bedingung des Lebens.
Indes, Heiterkeit ist nicht Fröhlichkeit, auch wenn
diese zuweilen ihre Ausdrucksform ist. Penetrante Fröhlichkeit verfehlt die
Heiterkeit sogar: Sie ist töricht, insofern sie ohne zureichenden Grund ist.
Fröhlichkeit (griech. hilarótes, lat. hilaritas) ist nur ein Affekt, in welchem
sich die Heiterkeit gelegentlich äußert, ein kleiner Exzess, ein Übermut, ein
Jauchzen und Frohlocken, über die Gelassenheit hinaus eine Ausgelassenheit. Dann
und wann mag es willkommen sein, in solcher Exaltation den Kopf zu verlieren,
aber nur vor dem Hintergrund der Erfahrung des Abgründigen der Existenz, das es
auszubalancieren gilt, um Symmetrie im Leben zu erreichen.
Auch auf diese Weise wird das symmetrische Leben
hergestellt: indem die Polarität des Lebens bekräftigt wird. Die Fröhlichkeit
ist also nicht etwa verwerflich, sie kann vielmehr als Bestandteil des
symmetrischen Lebens betrachtet werden.
Dies gilt auch für jenen Aspekt der Heiterkeit, der als
Angeheitertsein Eingang in die Sprache gefunden hat und dem sogar Philosophen
Tribut zollen, wenn sie die Techniken zur Erlangung der Heiterkeit beschreiben:
"Man muss dem Geist Erholung einräumen und ihm immer wieder Muße gönnen, die ihm
zur Nahrung und Kräftigung dient. Auch soll man sich auf ungedeckten Promenaden
ergehen, damit der Geist unter freiem Firmament und an frischer Luft sich belebe
und erhebe. Gelegentlich werden ein Ausritt, eine Reise und ein Aufenthalt in
einer anderen Gegend neue Kraft geben, geselliges Zusammensein und ein recht
ungezwungener Umtrunk. Manchmal soll man's auch fast bis zu einem Rausch kommen
lassen, aber nicht so, dass er uns ertränke, sondern nur eintauche." Seneca
wahrt hier nur die stoische Tradition: Schon der stoische Ahnherr Chrysippos
soll sich jeden Tag einen Schwips gegönnt haben.
Lächeln ist mehr als Lachen. Hinter ihm beginnt
das Abgründige
Heiterkeit kann mit Humor und Lachen einhergehen, das
muss sie aber nicht. Etwas kann, wie man so sagt, für Erheiterung sorgen, indem
es gewollt oder ungewollt komisch ist. Der Heiterkeit entspricht eher das
Lächeln, nicht so sehr das Lachen. Das Lächeln ist vielleicht kaum wahrnehmbar,
wahrnehmbar ist lediglich das nicht umwölkte Gesicht, das seit jeher als
Ausdruck der Heiterkeit gilt. Mit seinem Lächeln stellt das Subjekt eine
Souveränität unter Beweis, die es beim Lachen oder Weinen kaum
aufrechtzuerhalten vermag.
Charakteristisch für die Heiterkeit ist das Bewusstsein
des Abgründigen. Das lächelnde Antlitz vermag sich auch angesichts eines
Abgrunds an Traurigkeit zu zeigen. Traurigkeit ist der Kontrastbegriff zur
Fröhlichkeit, nicht jedoch zur Heiterkeit, denn deren Subjekt weiß, dass die
Abgründigkeit des Lebens nicht einzuebnen ist. Konsequenterweise steht die
Heiterkeit der Melancholie nicht fern, jedenfalls steht sie ihr nicht entgegen,
da sie deren Erfahrung nicht bezweifelt, nur andere Konsequenzen daraus zieht:
Anders als das melancholische Selbst vertraut das heitere Subjekt auf die
Erfahrung der Geborgenheit angesichts des Abgrunds. Im äußersten Fall ist die
Heiterkeit geradezu der Genuss der Abgründigkeit der Existenz; das Subjekt
bewahrt dann die Kräfte, die Andere beim Versuch vergeuden, die Abgründe zu
leugnen oder einzuebnen.
Sollte die Heiterkeit letztlich nichts anderes als eine
Form von Glückseligkeit sein, so ist diese nicht mit dem modernen Begriff des
"Glücks" zu verwechseln. Der Heitere übt sich in der Befreiung von der
Erdenschwere, um aufs Neue und auf leichte Weise die Schwere zu tragen, deren
Präsenz ja nicht zu ignorieren ist. Die Erfahrung der Fülle des Lebens
vermittelt ihm Trost, Getröstetsein aber ist das grundlegende Charakteristikum
der Heiterkeit.
Der Frohsinn unserer Zeit will das Negative
endgültig abschaffen
Damit ist kein "gelingendes Leben" gemeint - es kann
sich ebenso um ein Scheitern handeln, das zur Abgründigkeit des Lebens gehört.
Dass der heitere Mensch kein Gelingen im Leben anstreben sollte, um nicht
getroffen zu werden vom "Schmerz über eine nicht gestillte Sehnsucht", lässt
sich von Plutarch lernen, der im 1./2. Jahrhundert nach Christus von seinen etwa
80 Abhandlungen ("Moralia") eine der Heiterkeit widmete. Heiterkeit heißt für
ihn, ein Leben ohne Reue zu führen, denn die Reue wäre schlimmer als aller
Kummer über das Schicksal, das nicht in unserer Macht steht. Es ist die Reue,
die mit ihren Stichen gleichsam der Seele Blut abzapft.
Heiterkeit indes erwächst mit der Realisierung des
Schönen, das keine Reue nach sich zieht, womit, wenn man es zu übersetzen
versucht, nichts anderes als das uneingeschränkt Bejahenswerte gemeint ist. So
erst wird das ganze Leben zum Fest.
Der Begriff der Heiterkeit erlebte in der
abendländischen Geschichte eine schicksalhafte Wendung: eine Verschiebung zur
Fröhlichkeit. Dies geschah im Verlauf seiner Neuinterpretation durch die
christlichen Kirchenväter. Worte und Gedankengänge aus Plutarchs Schrift Über
die Heiterkeit finden sich im 4. Jahrhundert nach Christus beispielsweise in der
Predigt Über die Danksagung des Basilius wieder, aber mit veränderter
Ausrichtung: Der Glaube an die Überwindung des Todes, für den Christus steht,
das Verschmelzen der Seele mit Gott sorgt für die Heiterkeit der Herzen, die der
überschwänglichen Freude näher steht als dem philosophischen Begriff. Parallel
dazu entwickelt sich die christliche Gegnerschaft, ja Todfeindschaft gegen die
Melancholie, die deutlich macht, dass für die fröhliche Heiterkeit der Christen
nicht etwa eine Anerkennung des Abgründigen typisch ist; alles Negative soll
vielmehr aus der Welt geschafft werden.
Diese Grundhaltung wird mit der Moderne im 18./19.
Jahrhundert zu einem weltlichen Projekt, die säkularisierte christliche
Fröhlichkeit wird zum weltlichen Evangelium und gewinnt die Gestalt des
optimistischen Fortschrittsglaubens. Aus dieser Quelle speist sich der
Optimismus, der die Moderne charakterisiert und aus dem heraus sie zu leben
vermag. Die optimistische Moderne bedarf der abgründigen Heiterkeit nicht, da
sie auf die aufklärerischen Kräfte des Positiven und die treibenden Kräfte des
gesetzmäßigen Fortschritts mithilfe von Wissenschaft und Technik vertraut.
Sowohl die klassische wie auch die romantische
Heiterkeit stellen sich, nach anfänglichem Zögern, diesem oberflächlichen
Optimismus entgegen. Frühromantiker wie Novalis versuchen, ganz im Sinne des
symmetrischen Lebens, die heiteren wie die dunklen Seiten des Lebens zu einem
neuen, romanhaften Leben als Kunstwerk zusammenzuspannen. Vergebens.
Auch die beiden Denker des 19. Jahrhunderts, die im
Optimismus ein Verhängnis sehen, kommen gegen dessen Eigendynamik nicht an:
Arthur Schopenhauer entwirft in seinen Aphorismen zur Lebensweisheit eine
Heiterkeit, die sich im Sein des Menschen, der sich nicht über sein Haben
definiert, verwirklicht. Friedrich Nietzsche, dessen "Geburt der Tragödie" von
1872 auf die antike Form der Heiterkeit verweist (die Schrift sollte
ursprünglich "Griechische Heiterkeit" heißen), will die Heiterkeit davor retten,
nur noch als apollinische, ihrer Abgründigkeit entkleidete Scheinwelt begriffen
zu werden. Er stellt ihr eine dionysische, Tragik, Schmerz und Leid nicht
leugnende Heiterkeit gegenüber, deren Erneuerung er in der Folgezeit für
unabdingbar hält, denn "nur durch Heiterkeit geht der Weg zur Erlösung".
Zwei überaus modernekritische Denker des 20.
Jahrhunderts wiederum folgen, ohne es zu ahnen, der christlichen und modernen
Uminterpretation der Heiterkeit zur Fröhlichkeit - ein perfekter Ausdruck des
Zeitgeistes, dem gerade diese beiden Denker doch so fern zu stehen meinten: Für
Martin Heidegger ist Heiterkeit nur eine "Stimmung", ein Affekt wie auch
Hoffnung, Freude, Begeisterung; Theodor W. Adorno will die Heiterkeit nach dem
Geschehen des Holocaust ästhetisch nicht mehr dulden und lässt damit außer Acht,
welche Bedeutung die abgründige Heiterkeit selbst für die Insassen von
Konzentrationslagern noch haben konnte, denen, nach einem Bericht von Viktor
Frankl, alles genommen werden konnte, nur nicht "die letzte menschliche
Freiheit, sich zu den gegebenen Verhältnissen so oder so einzustellen". Frankl
spricht ausdrücklich, unter der Rubrik "Lagerhumor", von der "Möglichkeit einer
Einstellung im Sinne von Lebenskunst, auch mitten im Lagerleben", in dieser
absoluten Zwangslage angesichts des Abgrunds.
Es ist aber eine phänomenale Erfahrung, dass sich die
Heiterkeit gerade in der Konfrontation mit der Abgründigkeit der Existenz
einstellt. Gerade dann, wenn das Leben schwer wird, ist die Heiterkeit als
Erleichterung zu entdecken, die sich dadurch auszeichnet, die zugrunde liegende
Tragik nicht zu leugnen. Gerade dort, wo es ein Bewusstsein für die
Unaufhebbarkeit der Abgründigkeit gibt und nicht der Glaube an den Fortschritt
bis hin zu dereinst herrschenden paradiesischen Zuständen vorherrscht, kann die
Heiterkeit sich entfalten. Als Ausdruck von Selbstmächtigkeit repräsentiert sie
eine Form von autonomer Macht, die das gerade Gegenteil zu jener heteronomen
Macht darstellt, die es sich angelegen sein lässt, die allgemeine Fröhlichkeit
zu simulieren.
Wenn Heiterkeit keine Angelegenheit der Moderne ist, so
fügt ihre Wiederkehr sich daher in die Konstellation einer anderen Moderne, die
wesentliche Errungenschaften der Moderne bewahrt, vor allem das Bemühen um
Veränderung mit dem Ziel, die Menschenwürde zu realisieren, ohne jedoch
Illusionen damit zu verbinden. Man kann die erneuerte Heiterkeit als heitere
Skepsis des Selbst beschreiben, das sich darum bemüht, Distanz zu den Dingen und
zu sich selbst zu bewahren, skeptisch gegen die Gewissheit, ohne unter der
Ungewissheit übermäßig zu leiden.
Sie wäre Ausdruck einer aufgeklärten Aufklärung,
zweifelnd an der Abschließbarkeit des Wissens, ohne auf die Arbeit des Wissens
zu verzichten, die schon seit Demokrit zu den Quellen der Heiterkeit gehört.
Dieses Wissen akzeptiert vor allem die grundlegende Widerspruchsstruktur, die
verhindert, dass Dinge nur gut, nur böse, nur schön, nur hässlich sind.
Verschwistert ist die Heiterkeit mit der Ironie, nicht jedoch mit dem Spott; sie
ist verhalten, eine zurückhaltende Haltung, kein Gelächter, sondern ein
ernsthaftes Projekt, ein philosophisches Konzept.
Die zugehörige existenzielle Praxis aber, daran kommen
wir bei aller Arbeit am Begriff nicht vorbei, bleibt dem jeweiligen Subjekt
selbst überlassen.
Tiefenpsychologie
Marathon in der Tiefenpsychologie: Passionsweg
als psychische Wiedergeburt
Warum unterziehen sich immer mehr Menschen der Quälerei
eines Marathonlaufes? Die Projektleiter Heinz Grüne und Dr. Andreas Marlovits
vom Kölner Institut "rheingold" legten jetzt eine erste tiefenpsychologische
Studie zur Faszination dieses Massenphänomens vor. Hobby-Marathonläufer erleben
die 42,195 Kilometer seelisch als einen freiwilligen Passionsweg, der sie in
vier Stufen durch das psychische Erleben der völligen Selbstaufgabe zu einer
"Wiedergeburt" führt, die sie als einen selig machenden und stärkenden
Glückszustand erfahren. Naturwissenschaftliche Erklärungen, die den Reiz des
Marathon-Laufens ausschließlich auf die Wirkung der körpereigenen Hormone
zurückführen, missachten wesentliche psychische Erfahrungen, die für das Erleben
und somit für die Faszination eines vierstündigen Marathonlaufes prägend sind.
Marathon-Läufe verzeichnen weltweit sprunghaft
wachsende Teilnehmerzahlen. Was veranlasst Amateure aller Altersgruppen, sich
monatelang durch rigide Trainingsprogramme zu quälen, um letztendlich inmitten
von Tausenden anderer Sportler durch die eigene Stadt zu laufen? Um die
Faszination zu erforschen, hat rheingold in Köln 30 Amateurläufer beiderlei
Geschlechts tiefenpsychologisch analysiert. Die von naturwissenschaftlicher
Seite oft ins Feld geführte Erklärung, dass körpereigene "Glückshormone" die
Ursache des Booms seien, greift zu kurz: Marathon-Läufer durchlaufen auf ihrem
mühsamen Weg zum Ziel einen vielschichtigen Prozess, einen Passionsweg, der aus
vier Erlebnis-Etappen besteht
1. Etappe: Von der Euphorie getragen
Der Start eines Marathonlaufes ist für den
Amateursportler eine erste große Genugtuung, denn er ist am Ziel seiner Träume
angekommen und die quälende Trainingsdisziplin der vergangenen Monate hat ein
Ende. Er ist in euphorischer Stimmung - Zweifeln und Unsicherheiten angesichts
der Herausforderung begegnet er selbstbewusst: "Jetzt hast du so lang trainiert,
jetzt läufst du dein eigenes Rennen!" Von der Stimmung und dem Applaus der
Zuschauer getragen, absolviert er die ersten 20 Kilometer kraftvoll und locker.
Die außergewöhnliche Situation, bekannte Ecken seiner Stadt aus ungewohnten
Blickwinkeln erkunden zu können, lenkt ihn beinahe vom Laufen ab.
2. Etappe: Der Mann mit dem Hammer
Um die Mitte der Marathon-Distanz beginnt der Läufer
seine Muskeln zu spüren. Er wird müde und der Lauf verkrampft. Mit jedem Schritt
nimmt das körperliche Leiden zu und breitet sich auf das seelische Erleben aus.
Das Selbstbewusstsein schwindet schnell, der Wille beginnt zu brechen und der
Läufer zweifelt an sich selbst: "Warum tust du dir das alles eigentlich an?"
Machtvoll übernimmt in der Phase der "innere Schweinehund" des Nicht-Wollens,
der Selbstaufgabe und des Selbstzweifels das Regiment über das Seelenleben: Mit
jedem weiteren Schritt zerstört der Läufer in seinem freiwilligen Martyrium
absichtlich das anfänglich starke Ego zu einem willenlosen und schmerzvollen
Häufchen Elend: "Da kommt der Mann mit dem Hammer!"
3. Etappe: Durch das Tor der Leiden
An dem absoluten Tiefpunkt des Leidens, an dem es
scheinbar kein Weiterkommen gibt, verändert sich das psychische Erleben
plötzlich dramatisch und leitet die Wende ein: Die Läufer geben sich scheinbar
selbst auf und überlassen sich der Situation, einer geheimnisvollen Macht, die
sie trägt und zu neuen, außergewöhnlichen Erlebnissen führt. Diese Macht kommt
von außen: Aufmunternde Blicke von Verwandten und Freunden, die mit
traumwandlerischer Sicherheit an dieser besonderen Stelle des Laufs platziert
wurden, den Beifall der Zuschauer, Samba-Rhythmen, gereichte Bananen,
Schoko-Riegel oder Wasser. Das Ereignis "Marathon" mit all seinen
Begleitumständen flösst dem noch vor wenigen Minuten einsam leidenden Läufer
neues Leben ein. Eine Läuferin: "Es hat mich besonders ergriffen, als ich nicht
mehr weiter konnte und so dahin kroch und dann meinen Mann am Rande stehen sah,
der mir zu verstehen gab: Ich bin da, wenn es dir schlecht geht, Du schaffst
es!"
4. Etappe: Die triumphale Wiedergeburt
Aus der totalen Zermürbung der Seele
und der belebenden Erfahrung eines größeren Zusammenhangs kehrt sich in der
vierten Etappe das Leiden in einen selig machenden Glückszustand um: Die Seele
wird im Triumph wiedergeboren. Für die Bereitschaft, sich bedingungslos auf
einen Leidensweg eingelassen zu haben, wird der Läufer jetzt durch ein
"unbeschreibliches" Glücksgefühl belohnt. Er fühlt sich stark und mächtig: Die
letzten Kilometer absolviert er wie von Flügeln getragen bis zur Erlösung im
Ziel: Der Läufer hat während des Laufs an sich gelitten und sich selbst wieder
von diesem Leiden befreit - er ist Opfer und Erlöser zugleich.
|